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Anreise
Es gibt Namen, die sich reimen: Goethe und Schiller, Frisch und Dürrenmatt,
Nietzsche und Dostojewskij … Und es gibt Namen, die in der Geschichte, in
der Literatur, im alltäglichen Bewusstsein keinerlei Berührungspunkte
aufweisen, zum Beispiel Byron und Tolstoj. Oder Nietzsche und Herzen. Goethe
und Klee.
Anders in der Schweiz. Hier haben sich auf den seltsamsten Wegen Schicksale
und Bücher, Gedanken und Welten gekreuzt.
Was könnte also den dämonischen Romantiker Byron und den großen Lehrmeister
Tolstoj verbinden? Beide waren sie 28 Jahre alt, als sie an den Genfersee
kamen. Und beide gingen sie in die Berge wandern, liefen die genau gleiche
Strecke von Montreux über den Col de Jaman ins Simmental, von dort nach
Interlaken und Grindelwald. Sie ließen ihren Blick über dieselben Berggipfel
schweifen, traten vielleicht auf dieselben Steine, übernachteten vermutlich
in denselben Häusern, ruhten sich im Schatten derselben Bäume aus. Und beide
schrieben ein Tagebuch, von deren Eintragungen ein direkter Weg zu ihren
späteren Texten führt.
Genau das hat seinen besonderen Reiz: Nicht in ihrem mit Bedacht
ausgearbeiteten gesammelten Werk zu stöbern, sondern ihnen über die Schulter
zu blicken, ihre Fußstapfen nachzuvollziehen, ihre Berge anzuschauen, durch
Wörter und Steine Berührungspunkte mit ihnen und noch mit vielen anderen
mehr zu finden, die durch ihre Texte, ihre Pinsel, ihre Noten den Tod
besiegt haben.
Es ist schon eine Weile her, dass ich mich auf diese Wanderung vorbereitet
habe: Ich habe in den verschiedensten Briefen und Tagebüchern gewühlt,
Zitate gesammelt, in alten Büchern nach Hinweisen darauf geforscht, wie eine
Bergwanderung vor hundertfünfzig Jahren wohl verlaufen sein mag. Ich wollte
mich ihnen nähern, es ihnen getreu in allem gleichtun, sogar wo es nur um
Bagatellen geht, wollte zum Beispiel erfahren, was man damals anzog, was man
mitnahm. In einem alten Reiseführer, dem sogenannten Taschenbuch für
Reisende im Berner Oberland (Aarau, 1829), fand ich folgende nützliche
Ratschläge: «Der Fußreisende braucht einen Hut mit breitem Rande; einen
grünen Doppelflor, um sich damit, beim Überwandern der Schneefelder oder
Gletscher im Sonnenschein, das Gesicht zu bedecken; weiße Hosenträger von
Ziegenhaar (ja nicht von Leder); weit hinaufreichende, starke Handschuhe von
roher grauer Leinwand oder Nanking; Hemden mit kleinen Perlmutterknöpfen auf
der Brust und am Halse, um nicht von der Sonne verbrannt zu werden; einen
starken, ziemlich langen Stock, ohne Knoten und mit einer Stahlspitze; einen
Kragen oder kleinen Mantel von Wachstaffent, um sich gegen den Regen zu
schützen; eine Korbflasche, mit Kirschwasser oder Himbeeressig angefüllt;
1/2 Pfund Zucker und Tee; Steck- und Nähnadeln; weißen und schwarzen Zwirn;
etwas starken Bindfaden; einen Kamm; ein Rasiermesser; einen kleinen Spiegel
in der Brieftasche; ein hörnernes Tintenfass mit einem Stachel; zwei Enden
Wachslicht, um die Grotten besuchen zu können; endlich ein paar hundert
Schuhnägel.»
Ich hatte so wandern gehen wollen, wie sie es damals taten, aber es stellte
sich heraus, dass ich nichts von alledem habe, ich besitze weder Hosenträger
aus Ziegenhaar noch einen kleinen Mantel aus Wachstaffent, geschweige denn
ein paar hundert Schuhnägel. Dafür habe ich mein Notebook mitgenommen, in
das ich gerade jetzt das Vorwort zu meinem Wanderbuch tippe, dem man eine
schlechte Prognose gestellt hat: Wozu noch eins, es gibt doch schon
Dutzende! Ich wusste nicht so recht, was ich darauf erwidern sollte, bin
auch jetzt noch um eine Antwort verlegen.
Der Zug, der mich zum Genfersee bringt, ist gerade wieder in einen Tunnel
gerast. Die ältere Dame, die am gegenüberliegenden Fenster sitzt und
angeregt mit jemandem per Handy gesprochen hat, flucht jetzt, da die
Verbindung unterbrochen worden ist.
Als Tolstoj mit der Eisenbahn von Paris nach Genf reiste, schrieb er seinem
Dichterfreund Turgenjew: «Das habe ich ausgezeichnet gemacht, dass ich
dieses Sodom verlassen habe. Fahren auch Sie um Gottes Willen irgendwohin
fort, aber bloß nicht mit der Eisenbahn. Für eine Reise ist die Eisenbahn,
was für die Liebe das Bordell ist: Sie ist genauso bequem, aber auch genauso
unmenschlich maschinell und tödlich eintönig.»
Der Zug verringert die Geschwindigkeit, ganz langsam fährt er durch den
Tunnel, kriecht beinahe. Im Licht der Lampen schimmern die Tropfen auf den
Scheiben. Diese Septembertage habe ich schon seit langem für die Wanderung
eingeplant, offenbar hat der Regen das gleiche getan. Ich gebe nicht klein
bei. Nun denn, mal schauen, wie hartnäckig der Regen ist.
Der Zug rattert aus dem Tunnel heraus, eine mit Graffiti bemalte Wand zieht
vorbei, zwischen kalligrafischen Farbenorgien sticht ein schlichtes «Albaner
raus!» hervor.
Mich fasziniert vielleicht das Genre Wanderbuch allein schon deshalb, weil
es in Russland, im Gegensatz zum Westen, eigentlich kaum vorkommt. In jeder
Buchhandlung hier gibt es eine eigens für solche Bücher bestimmte Ecke. Auch
das kulturhistorische Phänomen des Wanderns, dieses Zu-Fuß-Unterwegs-Seins,
um sich wieder und wieder an den Aussichten zu erfreuen und zu erholen, ist
in meiner Heimat unbekannt. Vielleicht rührt das daher, dass, wenn man in
Russland irgendwohin geht (oder besser reist, denn da kann man, wie Gogol
sagte, drei Jahre lang mit der Kutsche fahren und kommt doch nirgends an),
es keinen Unterschied macht, ob man zwanzig oder dreißig Kilometer nach
rechts oder links abbiegt, die Aussicht ändert sich nicht, die Landschaft
bleibt sich die gleiche, der Wald, der Himmel ist der gleiche. Und auch nach
hundert oder zweihundert Kilometern hat sich nichts geändert.
Das erste in Russisch verfasste Wanderbuch nach westlichem Muster stammt vom
Schriftsteller und Historiker Nikolaj Karamsin, bei seinen «Briefen eines
russischen Reisenden» handelt es sich allerdings um die Beschreibung seiner
Reise durch Westeuropa, darunter auch die seiner Bergwanderung im Berner
Oberland im Jahre 1789. Er zählte damals nicht mehr als zwanzig Jahre und
sog mit dem Eifer eines wissbegierigen Schülers die kulturelle Luft
Westeuropas ein. Damals waren Wanderungen in die Alpen mit Rousseaus Lettres
de deux amants habitants d’une petite ville au pied des Alpes (Briefe zweier
Liebenden aus einer kleinen Stadt am Fuße der Alpen) im Rucksack (das ja im
Grunde das erste Wanderbuch ist) gerade der letzte Schrei.
Rousseaus leidenschaftlicher Liebesroman, der 1761 erschienen war, brach die
alte, verkrustete Weltanschauung auf. Seine Julie ou la Nouvelle Héloïse
(Julie oder die neue Heloise) ist wohl eines der revolutionärsten Bücher der
Menschheit, mit dem die Generation derer, die in Frankreich die Revolution
durchführten, großgeworden war. Mit diesem Buch wurden die Berge, wo es den
Menschen mit seiner kranken, gegen ihn selbst gerichteten Kultur nicht gibt,
ja wo keine Zivilisation stört, zu einem Objekt der Anbetung. Sie erhielten
eine neue Funktion: Sie wurden zum Schutzwall für Harmonie, zu Mauern, um
die ursprüngliche Natur und Einfalt zu schützen, eine urtümliche, noch durch
nichts zerstörte Glückseligkeit des Naturzustands.
Die alte Religion hatte sich erschöpft, ein neuer Glaube wurde geschaffen,
oder auch eine neue Häresie, je nachdem, wie man es sehen möchte. Rousseau
schrieb seine Les rêveries du promeneur solitaire (Träumereien des einsamen
Spaziergängers). Und damit haben wir eines der Schlüsselwörter des neuen
Kults: der einsame Wanderer, «le promeneur solitaire», er ist einsam,
unabhängig, empfindsam, schwärmerisch.
Es war eine Religion für die Intellektuellen, für die Philosophen. Der
Philosoph wurde aus dem Arbeitszimmer hinaus in die Natur versetzt, er
verlor seine gewohnten vier Wände um sich herum, sein Arbeitszimmer weitete
sich aus und nahm alles auf: Berge wurden zu Bücherregalen, Wolken zu
Büchern, die Wiese zum Stuhl. Der Natur wurde eine andere Rolle zugeteilt,
man suchte in ihr Spiegelungen des eigenen Gemütszustands, sie wurde zur
Metapher für die menschliche Seele.
Karamsins Buch rief in Russland einen regelrechten Kult hervor. Seine
Nacheiferer nun brachen nicht mehr mit einem Band Rousseau, sondern mit
einem von Karamsin zum Wandern auf, allerdings auch sie in die Alpen. Den
russischen Weiten konnte man keinen kulturellen Genuss abgewinnen, sich zu
Fuß über russische Ebenen und durch endlose Wälder zu schleppen, empfand man
als ein unfehlbares Merkmal von Armut. Ebenso hatten auch im Westen
Fortbewegung, Pilgerschaft, Reisen bis ins 18. Jahrhundert hinein den
Beigeschmack von Unglück, Bösem, Gefahr. Kaum je hatte man sich aus freien
Stücken in ferne Gegenden begeben, entweder zwangen Krieg oder Verbannung
dazu, oder die risiko- und gefahrenreiche Kaufmannstätigkeit verlangte
danach (so stammt das englische Wort «travel» von «travail» ab, von
«Arbeit»). Mit der Verbesserung der Straßen, dem Bau neuer, bequemerer
Kutschen und schicker Hotels, den besseren Schutzvorkehrungen gegen Räuber
und Überfälle, kurz: mit der neuen Reiseinfrastruktur war Reisen angenehm
geworden, es hatte sich allmählich eine Art Tourismus entwickelt, der zu
einem Privileg der Reichen geworden war. In Russland sah man nach wie vor
nur die Mühsal und das Beschwerliche, wenn man lange Strecken zu Fuß
zurückzulegen hatte. Man reiste in Kutschen und per Schiff und zum
Vergnügen, während der arme Pöbel seine Beine schinden musste, da er es sich
nicht anders leisten konnte. Nur die Begüterten konnten das Wandern
genießen, und diesen Spaß gönnte man sich in Europa, in den Alpen.
Vermutlich ist die Jagd das russische Äquivalent zum westeuropäischen
Wandern, bei dem ein freier Intellektueller, unbelastet von Sorgen um das
tägliche Stück Brot, in der Natur herumspaziert und sich philosophischen
Gedanken hingibt. Richtigerweise müsste man sagen, dass das erste russische
Wanderbuch Turgenjews Aufzeichnungen eines Jägers waren. Der Schriftsteller
streifte mit dem Gewehr durch russische Wälder und beschrieb die Schönheit
der Natur, doch diese Bilder gingen zwangsläufig in ungeheuerliche
Schilderungen der russischen Leibeigenschaft über. Offenbar ist das eine
Krankheit, an der die russische Literatur seit ihrer Geburt leidet: nicht
über das zu schreiben, was erwartet wird.
Von dem wandernden Schriftsteller erwartete man, dass er im Einklang mit der
Natur stünde, aber was herauskam, war ein Buch darüber, dass er mit der Welt
quer lag. Oder die Welt mit ihm.
Hinter der Scheibe leuchtet schon eine Weile der Lac Leman in den durch die
Wolken hindurchbrechenden Sonnenstrahlen auf. «Mesdames et Messieurs, nous
arrivons à Lausanne. Liebe Fahrgäste, unser Zug wird in wenigen Minuten in
Lausanne eintreffen.» Ich werde jetzt nach Montreux umsteigen und mich dort
in einen Wanderer verwandeln. |