Michail Schischkin

Einem Phantom kann man nicht die Füße berühren

Aus dem Russischen von Franziska Stöcklin.

 

© Michail Schischkin
Jegliche Verwendung des Textes außer zu privaten Zwecken bedarf der Genehmigung

 

Abgedruckt im Programmheft zur Internationalen Veranstaltung zur Schweizer Literatur:

Nationale Literaturen heute – ein Fantom?
Imagination und Tradition des Schweizerischen als Problem
Zürich

Schauspielhaus Schiffbau
18.06.2003 bis 21.06.2003

 

 
   
«Ich wohnte zusammen mit meiner Mutter und meinem älteren Bruder in einem kleinen Dorf in der Nähe von Schali. Fast alle Russen sind von dort weggezogen, doch wir wussten nicht wohin, also blieben wir. Immer wieder kamen Tschetschenen zu uns und sagten, mein Bruder solle mit ihnen in die Berge gehen und gegen die Russen kämpfen. Sonst würden sie ihn umbringen. Unsere Mutter hielt ihn versteckt. Einmal ging ich Holz holen, und als ich nach Hause zurückkehrte, hörte ich Schreie. Ich versteckte mich im Gebüsch bei der Scheune und konnte von dort aus sehen, wie zwei Tschetschenen mit dem Gewehrkolben auf meinen Bruder einschlugen. Er lag auf dem Boden. Da warf sich unsere Mutter mit einem Messer auf die beiden. Ein kurzes Küchenmesser, das wir zum Kartoffelschälen brauchten. Einer von ihnen stieß sie gegen die Wand, setzte ihr die Kalaschnikow an den Kopf und schoss. Dann gingen sie hinaus, übergossen das Haus mit Benzin und zündeten es an. Sie standen umher und schauten zu, wie es brannte. Mein Bruder lebte noch, ich konnte hören, wie er schrie. Ich hatte Angst, dass sie mich sehen und auch töten würden. Dann gingen sie weg. Und ich saß da, bis es dunkel war. Ich wusste nicht, was tun und wohin ich gehen sollte. Dann ging ich zum russischen Posten an der Straße nach Schali. Ich dachte, die Soldaten würden mir sicher helfen. Doch die haben ja selbst Angst vor den Leuten, also versuchten sie, mich wegzujagen. Ich wollte ihnen erzählen, was geschehen war, aber sie feuerten ein paar Schüsse in die Luft, damit ich fortging. So verbrachte ich jene Nacht draußen in einem der zerstörten Häuser. Und danach schlug ich mich nach Russland durch. Und von dort kam ich dann hierher. Ich kann dort nicht leben.»

Ich verdiene mein Geld als Dolmetscher, ich übersetze zum Beispiel bei den Befragungen der Asylsuchenden. Da bekomme ich immer wieder solche Geschichten zu hören. Das Kriterium für den Entscheid über das weitere Schicksal eines Asylsuchenden ist seine Glaubwürdigkeit. Die Details sind es, die die Realität machen. Die Wörter schaffen die Wirklichkeit und entscheiden über das Schicksal. So sprach während der Mittagspause im Migros-Restaurant Peter zu mir, einer jener, die die Wege des Schicksals lenken, einer der Beamten, mit denen ich zusammenarbeite. Ich hörte ihm zu und dachte, dass dies ja auch das Kriterium der Literatur ist. Die Handlung mag auf einem anderen Planeten spielen, wichtig ist, dass alles glaubwürdig echt wirkt: der Himmel, die Schatten, eine Berührung, Angst, Liebe, Schmerz.

«Man muss einfach glaubwürdig sein», sagte Peter.

Eine Woche nach der Befragung dieses jungen Mannes aus Tschetschenien teilte mir Peter mit, dass dessen Pass gefunden worden sei, und zwar versteckt in einem Rohr, man habe ihn auf der Polizei abgegeben. Er kommt gar nicht aus Tschetschenien, sondern aus Petersburg. Offenbar war er nicht echt. Aber die Geschichte? Das, was ihm nicht zugestoßen ist, stößt täglich anderen zu.
Manchmal fühle ich mich als Schnittstelle zweier nicht kompatibler Welten. Einerseits sind da die Menschen, die ein besseres Leben suchen, andererseits die Asylmaschinerie. Oder eigentlich eher umgekehrt, diese beiden Welten sind bestens aufeinander eingestellt und passen wunderbar zusammen. Die einen tun so, als seien sie politische Flüchtlinge, die anderen, als seien sie bereit, solchen Asyl zu gewähren. Beide Seiten wissen, dass sie eine Art Maskenspiel aufführen, keiner sagt das, was er wirklich denkt, und gibt sich nicht als der, der er wirklich ist.

Der größte Teil meiner Landsleute, die im verheißenen Land nach Glück suchen, sind Geschäftsleute, denen das Glück nicht hold war, die vor einem Schuldenberg stehen und nun verzweifelt danach streben, sich vor der blutigen Vergeltung ihrer Geschäftspartner zu retten. Pflichteifrig tragen sie während der Befragung eine Geschichte vor, wie sie von der weißrussischen Miliz verfolgt würden, da sie gegen das antidemokratische Regime Lukaschenkos aufgetreten seien, den Text haben sie dabei der Zeitung Inostranez (Der Ausländer) entnommen, die Informationen publiziert, wie man sich in welchem Land am besten um Asyl bemüht und was man bei den Befragungen sagen sollte. Echte Spuren von Gewaltanwendung auf ihrem Körper können sie allerdings tatsächlich vorzeigen, der Unterschied besteht allein darin, dass sie die Rolle, welche die angeheuerten ‹Schuldeneintreiber› gespielt haben, einem Ordnungshüter anlasten.

Andererseits wollen die Schweizer Beamten a priori kein einziges Wort glauben, egal ob das Erzählte nun der Wahrheit entspricht oder nicht, und sie warten nur darauf, den Gesuchsteller bei einer Falschaussage zu ertappen. Wenn der GS, wie dieser im Berufsjargon genannt wird, zum Beispiel sagt, er sei ein Weißrusse aus Molodetschno, so blättert der Beamte in seinem Nachschlagebuch und fragt, wie viele Kilometer es von seinem Wohnort bis zur Republikhauptstadt seien, was der Kurs des weißrussischen Rubels zum Dollar sei, was für weißrussische Volksfeste es gebe und wie viel ein Laib Brot koste. Oder er will wissen, welche Farbe die öffentlichen Verkehrsmittel in Minsk haben. Bei denen, die als Tschetschenen einen Antrag auf Asyl stellen, ist er darauf aus herauszufinden, dass sie heimliche Georgier oder Armenier seien. In denen, die behaupten, sie seien chinesische Uiguren, die aus der inneren Mongolei geflüchtet seien, will er Mongolen aus Ulan-Bator aufspüren, schließlich verstehen diese ja Russisch. Diejenigen, die sich als minderjährig ausgeben, schickt er zu einer Knochenanalyse, um so ihr Alter festzustellen. Und welch trauriges Pech für den echten Gegner des Regimes von Lukaschenko, der um sein Leben bangen muss, wenn er vergisst, welches Tier auf der weißrussischen Zehnrubelnote abgebildet ist!

Das Bundesamt für Flüchtlinge ist eine Art Schweizer Verteidigungsministerium. Grundsätzlich erhalten alle einmal einen negativen Bescheid, von Jahr zu Jahr bleibt man einfach bei einer konstanten Quote von zehn Prozent, doch dazu braucht es Beziehungen, jemand, der sich speziell für ihn einsetzt. Mein Kollege Peter witzelt, er sei wie der Heilige Petrus mit den Schlüsseln zum Paradies. Die Schlüssel zum Paradies sind nicht etwa da, um das Tor zu öffnen, sondern um es fester abzuriegeln. Somit arbeite ich als Dolmetscher im Bundesamt für Paradiesverteidigung.

In Worten proklamiert die Schweiz, sie setze sich aktiv für Humanität ein, setze also Nächstenliebe in die Tat um. Aber mit der Heuchelei aufhören und vom Phantombild eines humanen, asylbietenden Staates Abstand nehmen, das können die Schweizer nicht. Es ist schöner, in einem Potemkinschen Alpendorf zu leben. Um so mehr noch, als das Asylsystem eine nicht unwichtige Rolle für die Schweizer Volkswirtschaft spielt, wo das Problem nicht so sehr wie in Russland darin besteht, die Steuern einzutreiben, sondern umgekehrt darin, wie die Gelder verteilt werden sollen. Die Asylmaschinerie bedeutet Tausende von Arbeitsplätzen für Beamte, Aufträge für die Industrie, überhöhte Preise für die Nahrungsmittel der Schweizer Bauern. Und dabei wollen die perfektionistischen Schweizer auch im Organisieren ihrer Scheinwelt perfekt sein. Sie haben sich in diese illusionäre Welt eingehüllt und fürchten, ohne sie nackt dazustehen. Das können sie sich nicht leisten. Nackt zu sein, ist zwar befreiend, aber auch kalt und ungemütlich.

Was ist echt und was ist unecht? Ist Gott echt? Und welcher denn? Ist Christus wirklich, wie er versprochen hat, in seinem Leibe auferstanden? Oder war das ein Phantom? Und was war es denn, was Maria Magdalena und die andere Maria umfassten, wenn nicht seine Füße? Einem Phantom kann man nicht die Füße berühren. Dann sahen die Jünger selbst den auferstandenen Christus und erschraken, denn sie meinten, sie sähen ein Phantom. Und er sagte zu ihnen: Sehet meine Hände und Füße, ich bins selber. Fühlet mich an und sehet; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, dass ich habe. Und er aß mit ihnen gebratenen Fisch und Honigseim.

Wären diese Worte nicht gewesen, so würden die drei Tage Finsternis bis zu Christi Auferstehung bis in unsere Zeit andauern. Petrus und die anderen Jünger wollten Glaubwürdigkeit, der Auferstandene musste echt sein. Ein schwieliger, vor Dreck starrender Finger lieferte den Beweis. Was damals in der sogenannten Wirklichkeit war, wird nie jemand wissen. Doch die erzählte Geschichte, die Wörter waren glaubwürdig, echt. Wichtig sind die Details. Diese schaffen Realität.

Die Schriftsteller, die unter den vier Evangelistenpseudonymen ihr Buch schrieben, haben die Welt zu dem gemacht, was sie ist. Ihre Wörter schufen eben jene Wirklichkeit, in der wir seit zweitausend Jahren leben. Wäre da nicht das Detail von dem Stück gebratenen Fisch und dem in die Wunde gelegten Finger, es gäbe keine christliche Welt, und diese würde nicht auf die Auferstehung warten.
Letztendlich wird das zum Phantom, was angeblich wirklich gewesen sein soll, nämlich das Leben selbst. Irgendwann und irgendwo lebte einst ein wirklicher Mensch, doch was spielt es denn für eine Rolle, ob er nun Gottes Sohn ist oder nicht. Es gibt ihn nicht mehr und hat ihn vielleicht auch nie gegeben. Doch die glaubwürdig erzählte Geschichte wird zur Wirklichkeit. Und wir sind nur ein Teil davon.

Der Schreibende lebt zwischen der unwirklichen Welt des Lebens, in dem alles sich ständig verändert, flüchtig und sterblich ist und spurlos verschwindet wie eine vorbeigehuschte Sekunde und wie Tausende vorbeihuschender Generationen, und der Welt der glaubwürdigen Wörter, die jenem gebratenen Fisch, jenem Honigseim und jenem Finger das Elixier der Unsterblichkeit einimpften. Und jenem Phantom, dessen Füße Maria Magdalena und die andere Maria umfassten.
Wenn man das Leben nicht in Wörter verwandelt, dann vergeht alles und nichts bleibt. Einmal auf der Rückkehr von einer Lesung in Lugano nach Zürich sprach ich den mir gegenübersitzenden Fahrgast an. Es stellte sich heraus, dass er ein reformierter Theologe ist. Wir sprachen über Gott und die Welt, ich ließ mir die Möglichkeit nicht entgehen ihn zu fragen, was die heutige Theologie zu dem Thema der Auferstehung sage.

«Werden wir in unserem Körper auferstehen?» fragte ich ihn.

Er lachte: «Natürlich nicht. Das waren naive Vorstellungen ungebildeter Leute aus vergangenen Zeiten.»

«Ja, aber was sahen denn seine Jünger? Ein Phantom? War es nur Einbildung?»

«Wenn Sie so wollen, ja.»

«Aber was wird denn am Jüngsten Gericht gerichtet werden?»

Er dachte eine Weile nach, dann meinte er: «Wie soll ich Ihnen das erklären. Der Körper verschwindet, doch vom Menschen bleibt seine Liebe, sein Schmerz, das Vergangene, Angst und Freude, das heißt all das, was uns ausmacht, unsere einmalige Person. Und all das wird auf so etwas wie einem Dateiträger gespeichert. Wie Informationen auf einer Diskette. Und dann wird es sein, als legte jemand diese Diskette in ein Laufwerk ein und als ob wir auf dem Bildschirm abermals erscheinen würden.»

«Aber was für ein Dateiträger ist denn das?»

«Das wissen wir noch nicht. Und werden es vielleicht auch nie wissen. Vielleicht eine Art Buch, das ein Schriftsteller schreibt. Wenn es ein echtes Buch ist, dann enthält es sein ganzes Wesen. Verstehen Sie, was ich meine?»

«Ja, ich verstehe», gab ich zur Antwort.

Das heißt, am Jüngsten Gericht werden meine Bücher gerichtet. Das Wort ist die einzige glaubwürdige Unsterblichkeit.

   

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