«In die Wärme nach Boswil»
Daniela Kuhn

«In die Wärme nach Boswil»

10 Lebensgeschichten aus einem Altersheim für Künstler 1960–1991

160 Seiten, Klappenbroschur, 58 Fotos, Werke und Abbildungen
April 2017
SFr. 34.–, 38.– €
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978-3-85791-831-5

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Vom Ringen mit dem Leben und dem Geborgen­sein in der Kunst.

Von 1960 bis 1991 existierte im Freiamt im Kanton Aargau eine einmalige Institution: das Künstleraltersheim Boswil. Hier lebten Kunstschaffende, wie zum Beispiel der Filmregisseur Kurt Früh, die im Alter in schwierige Situationen ge­raten waren, wobei ihre Wege nicht selten schon steinig begonnen hatten. Daniela Kuhn erzählt zehn Lebensgeschichten von solchen Bewohnerinnen und Bewohnern, etwa von Walter Arnold Steffen, einem Maler, der als Ver­dingbub aufgewachsen und immer wieder in der Psychia­trie landete. Oder sie erzählt von der jüdischen deutschen Sängerin Lissy Sanden, die vor den Nazis nach Bolivien flüchtete. Von der Tänzerin Stephanie Darras, die in Ägypten ein Tanzstudio führte, von Margaretha van Leeuwen, einem ungarischen Waisenmädchen, das im Urner Melch­tal adoptiert wurde und im Alter von 45 Jahren nach einer Tumoroperation wieder gehen und sprechen lernte. Aber auch von Elsa Stauffer, einer Bildhauerin, die hellwach stets ihren eigenen Weg ging. «In die Wärme nach Boswil» erzählt nicht nur von vergessenen Biografien mit ihren mitunter wundersamen Wendungen, sondern auch von einer kaum bekannten Künstlerwelt jenseits des Ram­penlichts, vom Ringen mit dem Leben und dem Geborgen­sein in der Kunst.

Daniela Kuhn

Daniela Kuhn, geboren 1969, ist freischaffende Journalistin und Autorin.

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Von einsamen Wölfen und starken Frauen

 

Walter Meier — Das Schlaraffenland vor Augen

1921—1985

 

Stephanie Darras — Durch das Leben getanzt

1896 — 1986

 

Carl Zürcher — Bei sich und der Staffelei

1884 — 1962

 

Kurt Früh — Ein Leben in verschiedenen Rollen

1915 — 1979

 

Elsa Stauffer — Die Welt durchschaut

1905 — 2006

 

Margaretha van Leeuwen — Leben hiess für sie Zeichnen

1919 — 1997

 

Kurt Tuch — Dem Schönen zugewandt

1877 — 1963

 

Alfred Bernegger — Ein erloschener Stern

1912 — 1978

 

Lissy Sanden — Stets die Haltung bewahrt

1891 — 1983

 

Walter Arnold Steffen — Pendler zwischen den Welten

1924 — 1982

Von einsamen Wölfen und starken Frauen

1953 gründeten der Lichtplaner Willy Hans Rösch und der Glasmaler Albert Rajsek die Stiftung Künstlerhaus Boswil. Sie hatten eine verwegene Idee: In der Alten Kirche des Aargauer Dorfes sollten weltberühmte Musiker Benefizkonzerte geben, um anderen, weniger wohlhabenden Kollegen zu helfen. Das ehemalige Pfarrhaus sollte mit weiteren Einnahmen saniert und als Altersheim für Künstler etabliert werden.

In Zeiten, da sich eine Privatperson an weltbekannte Musiker wenden konnte, ohne vom Management abgewimmelt zu werden, und es noch kein Fundraising gab, blieb das Vorhaben nicht utopisch. Im Gegenteil, schon bald traten im kleinen Boswil zahlreiche Koryphäen unentgeltlich auf, unter ihnen die Pianistin Clara Haskil, der Cellist Pablo Casals und der Geiger Yehudi Menuhin.

Im Mai 1960 stand das renovierte Pfarrhaus für «unterbemittelte Künstlerinnen und Künstler» parat. Die ersten Bewohner zogen ein: ein still für sich schaffender Maler, ein hochbegabter Grafiker, eine eigenwillige Bildhauerin und später viele andere mehr. Ihre Namen sind, mit Ausnahme des Regisseurs Kurt Früh, heute fast alle in Vergessenheit geraten. Manche blieben nur ein paar Monate, andere bis zu fünfundzwanzig Jahre. Ja, die Idee von Albert Rajsek war mit Willy Hans Rösch als Stiftungspräsident erfolgreich. Nicht zuletzt dank seinem Team, zum dem unter vielen anderen die Hausmutter und Köchin Jeanne Liebetrau, der singende Hausmeister Nino Ferrari und seine Frau Paolina sowie der Arzt Jacques Schiltknecht gehörten.

Ab den späten 1960er-Jahren wurde das Künstlerhaus auch als Seminar- und Tagungsort bekannt, wo sich Künstler aus Ost- und Westeuropa begegneten. Günter Grass sagte während eines Aufenthalts: «Boswil ist der Ort, das Neue zu versuchen, ohne vorschnell nach dem Gelingen zu fragen.»

Nach über drei Jahrzehnten musste die Stiftung dennoch über die Bücher. Ohne Lift, ohne eigenes Bad und mit nur beschränktem Pflegeangebot entsprach das Altersheim nicht mehr den zeitgemässen Ansprüchen. Die letzte Bewohnerin zog 1991 in ein nahes Alters- und Pflegeheim.

In den darauffolgenden Jahren wandelte sich das Haus zum Kulturzentrum und schliesslich zu einem Ort der Musik, der heute weit über den Kanton Aargau hinaus für klassische und zeitgenössische Musik bekannt ist. Seit 2006 leitet Michael Schneider die Institution. Er war es, der die Idee zu diesem Buch hatte: eine Hommage für jene Frauen und Männer, die im Künstlerhaus ihren Lebensabend verbracht haben.

Im Archiv des Künstlerhauses findet sich nicht zu allen Bewohnern gleich viel Material. Zu Beginn des Projekts war es unklar, ob der Stoff für zehn Lebensgeschichten reicht. Doch dann fügte sich ein Puzzleteilchen ans andere, in Gesprächen mit Zeitzeugen und mit Recherchen im Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft wurde das Bild immer klarer. Zum Vorschein kamen eigenwillige, bewundernswerte, aber auch tragische Biografien.

Mitunter haben sie schwierig begonnen. Etwa die Geschichte der in Holland geborenen Illustratorin Margaretha van Leeuwen, die als fünfjähriges Mädchen beide Eltern verlor und im Obwaldner Melchtal adoptiert wurde. Oder die des Malers Walter Meier, der seine Mutter vermisste, die nach der Scheidung von ihrem Mann verschwunden war. Ein Scheidungskind war auch der Maler Walter Arnold Steffen. Er wurde als Bub verdingt und schwer vernachlässigt. Dank ihrem künstlerischen Schaffen gelang es allen drei, sich von ihrem Umfeld zu emanzipieren. Die steigende Anerkennung bildete das positive Gegengewicht zu ihren Anfängen. Vor allem die Männer waren den Stürmen des Lebens dann aber doch nicht gewachsen. Im Alter waren fast alle einsam, manche auch alkoholkrank. Die Frauen hingegen hatten eine gesunde Selbstsorge entwickelt. Ihre Kunst und mitunter auch spirituelle Wege gaben ihnen einen inneren Halt. Mir scheint das kein Zufall zu sein. Aber ich will hier nicht in die Altersforschung abschweifen, sondern festhalten: Ein Zimmer im Boswiler Künstlerhaus zu haben, war für diese Künstlerinnen und Künstler ein Glück.

Im Rahmen meiner Recherchen half mir Helen Rösch, die Witwe von Willy Hans Rösch. Sie empfing mich im Winter 2014/2015 in ihrem Haus in Ennetbaden und erzählte mir lebhaft von ihren Erlebnissen mit den verschiedenen Bewohnern. Ich kam im richtigen Moment – Helen Rösch ist im Juli 2016 gestorben. Mit ihren Erinnerungen unterstützten mich auch Jacques Schiltknecht, Heidi Ehrensperger, Johanna und Bruno Keusch, René Fehr, Anne-Marie Pfister, Jessica Früh, Alois Strebel und Ari Tuch. Ihnen und vorab Michael Schneider gilt mein herzlicher Dank.

freiamt plus. 30. April 2017
Zuger Zeitung, 2. Mai 2017
Aargauer Zeitung, 11. Mai 2017


«Daniela Kuhn hat sich mit grossem Aufwand und Akribie auf die Spurensuche der zum grössten Teil längst Verstorbenen und vielfach auch Vergessenen gemacht.»  Aargauer Zeitung

«Beim Lesen der Geschichten spürt man, wie viele verschiedene Schwingungen durch das Künstlerhaus flossen, geprägt von Leben, Glück, Trauer – eine einmalige Bewegtheit in einem Haus innerhalb drei Jahrzehnten und mit einer Ausstrahlung nach aussen, die Spuren hinterlassen hat.»  freiamt plus

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