Niklaus Stöckli
Die sechste Posaune
Roman

2001, 239 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-357-6

 

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Kurze Inhaltsangabe
In Teufels Küche: Ein Laie recherchiert in der rechten Szene

Der bekannte Wissenschaftsjournalist Agostini erschrickt, als sein Sohn von Skinheads verprügelt bei ihm auftaucht. Der geschiedene Vater verstrickt sich in Selbstvorwürfe, und er will etwas tun. Bei der Polizei Anzeige erstatten. Herausfinden, wer das war. Er beginnt, auf einem für ihn völlig neuen Gebiet zu recherchieren. In der Maskerade eines arbeitslosen Magaziners gerät er bald in die rechte Szene seiner Agglomerationsgemeinde. Aber genauso schnell ist er überfordert. Statt der kleinen Grüppchen findet er ein Netz, das bis in respektable Kreise reicht. Und dann überstürzen sich die Ereignisse und der Journalist landet im Gefängnis.

Niklaus Stöckli erzählt die Geschichte aus der Gefängnisperspektive, in einer doppelten Spannung auf den Ausgang der Ereignisse und des Prozesses gegen Agostini. Aber wenigstens hat er eine gescheite Staatsanwältin und eine erotische Nachbarin auf seiner Seite.

Niklaus Stöckli, geboren 1951, aufgewachsen und wohnhaft im Kanton Aargau, Studium an der Universität Zürich, Lehrtätigkeit, Publikationen von Geschichten und Geschichtlichem und Theaterstücken. Im Limmat Verlag ist der Roman «Vagant. Das Leben des Hans Melchior Vögeli, Zundelhändler und Strauchdieb» erschienen.

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Textprobe
Ich treff einen Punk und tret ihn zu Boden.
Dreckige Scheiss-Punks, die mag ich nicht.
Punks sind der Abschaum der Stadt. 
Ihr rotes Scheisspack, ich hab euch satt.
Wir sind eine geballte Macht, kampferprobt. 
Wir sind die Macht - Deutschland. 
Wir treten alle Türen ein, die Schlacht beginnt.

«Das ist gut, Auguscht, was?!», wandte sich Bast nach dem Lied wieder an Agostini. Agostini spürte eine wachsende Mühe, gelassen seine Rolle durchzuhalten.

«Habt ihr das selber erfunden?», fragte er.

«Nein», lachte Bast, «das ist von den ‹Kraftschlag›, einer saustarken Band. Wir hören uns ihre Lieder an, bis wir sie auswendig können.»

«Aber uns geht es doch um die Schweiz und nicht um Deutschland! Was soll das: ‹Wir sind die Macht - Deutschland›?»

«Das siehst du zu eng, Auguscht, die «Kraftschlag» sind halt aus Deutschland. Aber sie verbreiten die richtige Gesinnung, nämlich den Kampf gegen unsere Feinde. Die machen uns ungeheuer Dampf, kann ich dir sagen. Wenn ich diese Musik höre, dann wünsch ich mir gleich zwei, drei Asylanten in die Finger, damit ich denen den Arsch blutig schlagen kann.

«Blitzschnell zückte er erneut sein Messer und stiess es haarscharf neben Agostini vorbei in dessen Sitz, so dass der zusammenzuckte. Bast begann grölend zu lachen. Auch Jonny grinste verächtlich.

Jemand goss ihm einen Schluck Bier über den Kopf und brüllte: «Dummer Auguscht, musst die ganze Zeit auf dem Trockenen hocken, während wir saufen.»

«Leute!», rief er und bemühte sich um einen fröhlich-lässigen Ton, «wenn ihr mich nicht in Ruhe fahren lasst, dann feiern wir morgen nicht zu Ehren von Gerald Hess, sondern zusammen mit Gerald Hess, nämlich auf Wolke 7.» 

Es setzte eine allgemeine August-Begeisterung ein. Er wurde zum neuen Mitglied der RFL erklärt, egal, ob er nun schon offiziell aufgenommen worden sei oder nicht, egal, ob er nun schon saualt sei oder nicht.

«Sag doch etwas, Jonny!», brüllte Bast, «der Auguscht wird doch gleich Vollmitglied der RFL! Ohne Wartezeit und all den Kram!»

Jonny knurrte etwas und befahl ein neues Lied, sofort setzte grölender Gesang ein.

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Pressestimmen / Rezensionen
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Stimmen
«Fazit: Ein beunruhigendes und wichtiges Buch, das zeigt: Wir leben in spannenden Zeiten. Die sechste Posaune der Apokalypse ertönt und das Verderben zieht übers Land.» Aargauer Zeitung

«Niklaus Stöckli legt  mit der Chronik Die sechste Posaune eine schneidende Analyse des Rechtsextremismus in der Schweiz vor. Eine der Stärken dieses Buchs: Stöckli betreibt en passant Ursachenforschung und zeigt, wie eine latente Lebensangst, die Furcht vor der Komplexität des Künftigen, Erfolgsdruck und dumpfer Kulturpessimismus junge und alte Menschen gleichermassen ideologisch vergiften.» Jury bei der Verleihung der Ehrengabe der Stadt Zürich

Rezensionen

Schulblatt für den Kanton Aargau

«Die sechste Posaune» mit starken Tönen

Niklaus Stöckli und sein neuer Roman

 

Niklaus Stöckli: Als Präsident des Vereins aargauischer Bezirkslehrer und Bezirkslehrerinnen ist er in den letzten Monaten wohl ein Dutzend Mal aufgetreten im politischen Kampf um «Let’s Bez», im Kampf ums Weiterbestehen der Bezirksschule Aargau. Zutiefst politisch – und dazu von brennender Aktualität – ist auch sein Roman, der in diesen Tagen im Zürcher Limmat Verlag erschienen ist: eine in vielfacher Beziehung eindrückliche Arbeit!

«Die vergangenen Parlamentswahlen haben einige Leute gestärkt und andere geschwächt. Zu den Geschwächten gehören diejenigen, die sich eine soziale und liberale Schweiz wünschen. Die neuen Starken lassen sich im Moment keine Gelegenheit entgehen, ihre Muskeln zu zeigen. Die Folgen bekommen wir zu spüren, Herr Agostini.» - Dichtung hin oder her, dieses Zitat zeigt auf, wie geradezu unheimlich aktuell Niklaus Stöcklis neuer Roman ist. Wenn er zudem in einer Zeit erscheint, in welcher die reale Leiche eines von Rechtsextremisten ermordeten jungen Mannes aus dem Thunersee geborgen wird, müsste man fast annehmen, Stöckli, der sein Manuskript vor dem grauenhaften Ereignis abgeliefert hat, habe mit fünftem Sinn vorausgeahnt, wohin wir steuern oder wo wir bereits angelangt sind.

Doch schön der Reihe nach: Agostini, die zentrale Gestalt des Romans, von Beruf Wissenschaftsjournalist, ist auf dem besten Weg, sich als freier Fernsehmitarbeiter einen guten Namen zu schaffen. Doch es kommt anders. Agostinis Sohn wird aus heiterem Himmel, nur weil er einigermassen wohlanständig aussieht, von Skinheads verprügelt und blutig geschlagen. Das lässt dem Vater keine Ruhe; er will herausfinden, welch verbogene Welt hinter solchen Taten und einer derart perversen Gesinnung steckt. Er gibt sich als arbeitsloser von der Realität frustrierter Magaziner aus und findet schliesslich in listiger Weise, hundert Widerstände überwindend, Aufnahme in den dunkeln Kreisen rechtsextremer Gruppen.

Oder hat Agostini sich getäuscht? Hat die Gegenseite, an deren Spitze vielleicht sogar als ehrbare Bürger getarnte Dunkelmänner sitzen, nicht längst erkannt, wer er ist? Wie anders wäre es zu erklären, dass Agostini die Fäden seiner gefährlichen Recherchierarbeit entgleiten und er selbst hinein manöveriert wird in den Abgrund des politischen Irrsinns, so weit und so tief bis er gar in einen brutalen Skinhead-Überfall auf eine Asylantengruppe hinein gezogen und in der Folge unter Mordverdacht verhaftet wird ...

Bei einem guten Krimi soll der Rezensent den Ausgang nicht verraten. Doch selbst wenn ich derart unfair der Spannung durch den Verrat des Inhalts die Spritze bräche, bliebe an Stöcklis schriftstellerischer Arbeit noch vieles zu bewundern übrig: Zum Beispiel die literarische Komposition dieses Romans, der sich gleichzeitig auf zwei Sprachebenen – kunstvoll ineinander verwoben – fortbewegt. Da ist zum einen die Handlung im Bereich der Annäherung Agostinis an die Welt der brandschatzenden Skinheads. Und da sind zum andern die gleichzeitigen - gewissermassen eine gegenläufig abspulende Filmrolle - Erfahrungen Agostinis in der Untersuchungshaft und während des Gerichtssverfahrens.

Doch der Roman birgt noch mehr an Fülle und Atmosphäre. Ist die Welt der Skinheads eine Welt der kältesten Beziehungslosigkeiten, setzt Stöckli dieser grauenhaften Eiszeit wundervoll menschliche Beziehungsgeschichten gegenüber: Die Beziehung Agostinis, des allein erziehenden Vaters, zu seinem heranwachsenden Sohn; die Beziehung zu seiner geschiedenen Frau; die Beziehung zur überzeugend menschlich arbeitenden Staatsanwältin und vor allem die Beziehung zur Wohnungsnachbarin, eine Beziehung, in der es selbst in blitzgescheiten Sachgesprächen fühlbar erotisch knistert und funkt.

Stöcklis Werk entlarvt auch die skrupellose Gewissenslosigkeit gewisser Boulevardjournalisten, die zwar im Brustton der Überzeugung verkünden, die Gewalt zu bekämpfen, letztlich aber zu ihrer Akzeptanz beitragen und sie sogar fördern.

Noch mehr der Vielschichtigkeit: Im Roman widerspiegelt sich auch die politisch-soziale Situation der gegenwärtigen Schweiz. Ein Schlüsselroman? Ein Stück weit schon. Unschwer erkennt man einzelne rechtsextreme Organisationen, ja sogar einzelne ihrer Ideologen und Drahtzieher. Wetten, dass der Roman deswegen noch einiges zu rätseln und zu reden gibt. Lesevergnügen und Entsetzen zugleich!

Und wenn diese meine Rezension schon fürs «Schulblatt» gedacht ist, bleibe auch ein weiterer Bezug nicht unerwähnt: Nirgends in diesem Buch kommt Niklaus Stöckli, der Lehrer, pädagogisch moralisierend daher; dennoch aber drängt sich auf und zwischen den Zeilen die Frage auf, wo die Wurzeln der Gewalt bei den Jugendlichen unserer Zeit denn eigentlich liegen. Sage keiner, die Schule dürfe an dieser Frage vorbeisehen! Stöcklis Roman hilft darüber nachzudenken.

Josef Rennhard

© Schulblatt

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