![]() |
Leo Tuor Onna Maria Tumera Aus dem Rätoromanischen von Peter Egloff Originalausgabe: «Onna Maria ni Ils antenats» 176 Seiten, gebunden ISBN 3-85791-453-X |
||
|
|
|
|
|
|
Sein Vater hat sich umgebracht, seine Mutter ist darob kalt geworden. Jetzt wächst «der Bub» bei den Großeltern und der Urgroßmutter Onna Maria auf. Die Letztere wird seine starke Instanz, mit dem einarmigen Großvater Pieder Paul teilt er den Phantomschmerz, in der Suche nach anderen Menschen, denen etwas fehlt, nach Einarmigen und Einbeinigen, nach Prothesen, nach Vätern und Übervätern. Onna Maria spricht wenig, aber bestimmt, Pieder Paul viel, aber nur in Zitaten. Leo Tuor zeichnet das Heranwachsen des Buben nach in einem
ganz gewöhnlichen, katholischen Dorf zu einer Zeit, als Welten und
Weltbilder noch geschlossen waren. Und so leicht seine Prosa ist, so wenig
glättet sie diese kleine, exemplarische Welt voller Schrullen und Schratten,
Enge und Größe, Schabernack und Tiefe. Und fließend fügen sich die
Erinnerungen zu einer surselvischen Geschichte anhand von vier Generationen
und zu einer Integration des erzählenden Ich in seine genealogia. |
|||
|
|
|||
|
Die Alte döste in ihrem Stuhl, mummelte an einem Apfel. Onna Maria Tumera, genannt Oria, war meine Urgrossmutter. Sie liebte Hunde, hatte die Tundra gesehen, spielte drei Instrumente. Ich kann mich noch erinnern, wie sie mit trockenen Spinnenfingern ein schreckliches Cembalo schlug, dass es zum Davonlaufen war. Dieses Herunterrasseln des Johann Sebastian Bach auf ihrem Instrument hatte zur Folge, dass alle – ausser ihr – eine heftige Abneigung gegen Bach hegten. Ich besonders gegen dessen weisse Büste, die neben dem Metronom ihren Platz hatte. Dieses, einmal aufgezogen und in Gang gesetzt, war etwas Absolutes, kannte kein Pardon. Und aufgezogen war das Metronom immer. Grossvater machte morgens die Runde, zog die Stubenuhr auf, die Kuckucksuhr, zog seine Taschenuhr auf, kam am Metronom vorbei, zog auch dieses auf, nicht ohne bösen Blick auf Bach. Grossvater war eine Art Hauswart, aber ohne Befehlsgewalt. Die Frauen regierten. Zum Ausgleich musste er auch nicht putzen wie ein Hauswart. Er hatte nur die Herrschaft über die Schlüssel inne, über jene zum Aufziehen und jene zum Abschliessen. Abend für Abend punkt halb zehn hörte ich vor dem Einschlafen – pum, pum, pum – die bedächtigen Schritte die Treppe runter. Dreimal drehte sich das Kabaschloss, zweimal senkte sich die Klinke – traute er dem Schloss nicht? traute er sich selber nicht? – und im selben Rhythmus gingen die Schritte wieder die Treppe hoch. Als Grossvater tot war, waren die Schritte noch eine Weile zu vernehmen. Eines Tages hörten sie auf. *** Onna Maria Tumera, die Menschewikin, wusste was sie wollte, wollte was sie sagte, sagte was sie dachte. Sie trug einen langen, schwarzen Urgrossmutterrock, aus dem sie immer weisse Kugeln hervorkramte und sagte: «Da Bub, ein feffermin.» Ich stellte mir vor, dass es zwischen diesen vielen Falten eine Tasche geben musste, welche weit in dunkle Tiefen hinunterreiche und einen unerschöpflichen Vorrat an Pfefferminzbonbons enthielt, eine Tasche, in der mit Ausnahme der Hand der alten Tumera noch niemand gewesen war. Und wenn das De profundis gebetet wurde, sprach ich in sonorem Ton den Männern nach: «Dalla profun dil tat», aber eine innere Stimme sagte mir, dass das mit dem tat, mit Grossvater nichts zu tun hatte, denn die Wörter begannen sofort weiss nach jenen Pfefferminz zu riechen, die aus der Profundität, aus der tiefsten Tiefe von Urgrossmutters Rock kamen. Selber mummelte Oria Gabas, flache kleine Rhomben aus schwarzem Zucker, die sie einen nach dem andern aus einer blauen Blechschachtel holte. Deren Deckel liess sich einen knappen Zentimeter zurückschieben und gab so ein Blech mit einem kleinen dunklen Loch in einer Ecke frei, aus dem dann jeweils ein Gaba aufs Mal kam, wenn sie die Schachtel auf den Kopf drehte und mit dem Finger an die Seite klopfte. |
|||
|
|
|||
|
|
|||
|
«Die Erhabenheit der alpinen Landschaft ist das eine; man kann sich ihrem betörenden Zauber hingeben und wird vielleicht gerade darum in die Irre geleitet. Hingegen die Magie der Namen, die Melodie der Sprache und ihr Rhythmus sind das andere: Sie lassen in Leo Tuors Prosa aus der realen eine imaginäre Welt hervorgehen. (…) Die Erinnerungen an die Verstorbenen und ihre Geschichten - davon erzählt Leo Tuor in ‹Onna Maria Tumera›, indem er die Toten noch einmal bei ihren Namen nennt. Und so erfüllt sich denn auch hier die Poesie dieser Sprache in der Magie der Namen: Man braucht die Menschen und ihre Gegend nicht zu kennen, so wenig wie man unter der gewaltigen Gaglinera gestanden haben muss, um vom Zauber der Namen angerührt zu werden. Leo Tuor weiss, dass die Welt nicht innehalten wird, dass kein Tod abzuwenden sein wird. ‹Keiner kommt zurück›, heisst es in ‹Onna Maria Tumera›. Allein die magische Kraft der Worte lässt alles - die Toten und ihre verschwundene Welt - für Augenblicke vor unserem inneren Auge auferstehen. Doch am Trauerrand der Totenbilder sieht keiner vorbei.» Neue Zürcher Zeitung «Die Fabulierfreude in diesem Buch ist grenzenlos und bereits der Umschlag von Steivan Liun Könz ist ein Kunstwerk für sich.» zalp «Seine Familiensaga ist ein kunstvolles Geflecht aus Rückblenden, Einschüben, Reflexionen, Kontemplationen. Ein Bilderbogen zwischen Kälte und Glut, zu der nicht nur Wüstenhitze und Schmelzöfen gehörten, sondern auch das Dekolleté von Grossvaters geliebter Französin. (…) Ein Kaleidoskop von Geschichten, Sentenzen, Anekdoten, Versen, Miniaturen, Flunkereien. Verspielt, heiter, skurril. Zauberhaft..» Bouchjournal «Die Leser haben ein in jeder Beziehung ausserordentliches Vergnügen: Sprache, Plot, Kultur und Dorfleben, alles zusammen ergibt eine bestrickende Mischung und einen neuartigen Beitrag aus der rätoromanischen Ecke der Schweiz. Ein Geheimtipp für gepflegte Schweizer Bestände.» Schweizer Bibliotheksdienst «Leo Tuor schreibt kaum bequem hinter dem warmen Specksteinofen. Bereits der Umschlag — ein wildes Aquarell des ‹Stiermalers› Steivan Liun Könz, eines Freundes des Autors — signalisiert Unbequemes und lässt etwas erahnen von der aufbegehrenden und kaum zu bändigenden Anarchie, die in diesen Texten herrscht. Genährt werden sie von einer farbigen, aus- und mitunter abschweifenden Fantasie des Autors, von seiner höchste sensiblen Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit und von seiner genuinen Begabung, seinen Vorstelllungen mittels einer vielschichtigen, oft zärtlich-einfühlenden, oft heftig zupackenden Sprache Gestalt zu geben.» Neue Luzerner Zeitung «Eine wundersame Mischung aus Geflunker und Wahrheit, aus Sprachspielerei und poetischem Ernst legt der Bündner Schriftsteller Leo Tuor mit seinem neuen Roman vor. ‹Onna Maria Tumera oder Die Vorfahren›, eben in deutscher Übersetzung erschienen, erzählt die Geschichte einer Familie, deren Herkunft sich zwar ganz konkret von einem Bündner Dorf herleitet, die aber dennoch ganz und gar in den Sternen steht.» Schweizer Radio DRS 2 «Leo Tuor schildert eine Kindheit in einem abgesteckten Gelände und die anarchistische Geschichte von vier Generationen. Seine knappe und doch reichhaltige Sprache zieht einen sofort in die Geschehnisse hinein und lässt die Bilder intensiv aufleuchten.» 20 minuten
«Ein Gnom steht auf der ersten Seite der Fibel, die der Ich-Erzähler zum
Schuleintritt bekommt. Beim Lesenlernen trifft er hier noch einmal auf den
bedrohlichen Hüter aus dem Märchen, bevor er das Reich des Erzählens in
Richtung Schrift verläßt. Es ist diese Schwelle von unsystematisierter
Oralität und geordneter schriftlicher Überlieferung am Anfang des Lesens, an
die Leo Tuor immer wieder zurückkehrt und die seine Erkundung des
Verhältnisses zwischen Vor- und Nachfahren leitet. «Eine eindringlich erzählte Familien-Sage, traurig und lustig zugleich.» Club-Ticket «Tuor erzählt einfach, unsentimental und tiefsinnig zugleich – es ist eine Art Poesie der rauen Wirklichkeit. Zwischen heimatlicher Bergwelt und ferner Fremde, zwischen Bündner Granit und imaginären Welten, begleitet von einer leisen Melancholie, lässt er seinen ‹Bub› gross werden. Letztlich ist dieses Grosswerden auch ein Zurückschauen des Erwachsenen auf eine, seine Zeit, die es so nicht mehr gibt. Doch die Berge bleiben. Stoisch. Freilich, nach diesen muss man sich nicht sehnen, um dieses wundersame und kluge Buch zu mögen.» Programmzeitung Basel |
|||
|
|
|||
|
|
|||
|
|
|||
|
|
|||
|
© Limmat Verlag |