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Aline Valangin Mutter Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Liliane Studer
2001, 96 Seiten, gebunden
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Am 21. Oktober 1921 stirbt Aline Valangins Mutter. Ihr Tod stürzt die 32-Jährige in eine tiefe Krise, die sie schreibend zu bewältigen sucht. Ins Tagebuch schreibt sie 1921/22 den Text «Mutter», eine ergreifende Hommage an die Frau, gegen die sie bei grosser Nähe und viel Liebe so lange gekämpft hatte. Denn Aline Valangin lehnte sich gegen die Besitzansprüche ihrer Mutter auf. Sie wollte nicht ihr Leben opfern, um die vom Ehemann ungeliebte Frau vor dem Alleinsein zu schützen. Sie zog in die Stadt, aber auch auf Distanz ging der Kampf zwischen Mutter und Tochter weiter. Aufgewühlt und offen schildert Aline Valangin, wie sich ihre kindliche Liebe für die Mutter zunehmend in Hass verwandelte. Wie ihre Befreiung nur über «Verrat» möglich war, wie sie in die Arme eines Mannes flüchtete, obwohl sie schon bald an ihm zweifelte, und wie die Mutter in immer grössere Einsamkeit stürzte. Und sie zeichnet den Weg der Annäherung, die schliesslich am Sterbebett der Mutter möglich war. |
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| Mutter
lag im Bett. Ich hatte ihr eröffnet, ich werde jetzt fortgehen und in X
studieren. Zuerst hatte sie gelacht, dann nein gesagt, dann mich gebeten
und angefleht, und als ich stets beim gleichen blieb, wurde sie krank
und lag im Bett. Nun hatte sie mich rufen lassen. Ich fürchtete mich
unsinnig davor, ihr blasses Gesicht zu sehen. Hinstürzen und um
Verzeihung bitten würde ich, sie mit Küssen überschütten und ihre
Hände lecken wie ein Hund, das würde ich und alle schönen
Zukunftsträume in nichts aufgehen lassen. Aber da stand in mir eine
Härte auf, ebenso grenzenlos wie meine Weiche und Liebe. Sie führte
mich an Mutters Bett, gerade und ungerührt, sie lehnte mich an die
Wand, die Hände hinter dem Rücken versteckt und ließ mich wiederholen
endlos: doch, ich gehe. Mein Herz schrie und wand. Oh hat man Ahnung von
solcher Qual. Aber mein Mund sagte unentwegt die kalten Worte: doch ,
ich gehe. Mutter weinte nicht mehr, sie winselte. Ihr ganzer Stolz war
zusammengefallen. Wie ein Häufchen Jammer lag sie vor mir und winselte.
Ihre schmalen Hände flatterten im Zwielicht wie irre Tauben. Es riss
mich zu Boden vor sie hin aber die Härte, die in mir Meister geworden
war, ließ mich unbarmherzig die Worte hämmern: doch, ich gehe. Und
endlich sagte Mutter: so geh, drehte sich nach der Wand und blieb wie
leblos so liegen, stundenlang. Ich schlich aus dem Zimmer, halb wilde
Freude im Herzen, halb todbringenden Schmerz. – Sie wartete. Ich stand
später mehrmals im Nachthemd mit bloßen Füßen vor ihrem Zimmer und
lauschte. Ich wollte hineingehen und ihr sagen, es sei ja alles dummes
Zeug. Ich bleibe bei ihr und werde sie nie nie verlassen. Etwas habe mir
den Sinn verwirrt. Aber jedesmal, statt die Klinke niederzudrücken,
stieg der Trotz in mir auf: ich kehrte um. Einmal erwachte ich frierend
am Boden vor ihrem Zimmer. Das erste war ein Gefühl der Erleichterung,
dass sie mich nicht in meiner Schwäche überrascht, nachher eine tiefe
Verzweiflung über meine Einsamkeit. Nicht sie kam mir verlassen vor,
sondern ich. So schwankte es in mir hin und her während sie wartete.
Seither hat Mutter nichts getan, als auf mich gewartet und am Ende, am Ende bin ich auch gekommen. Bis dahin aber war der Weg weit und voller Dornen. Auch voller Rosen, um gerecht zu sein, doch wenn ich recht prüfe, waren die Rosen wohl die Dornen und die Dornen die Rosen. |
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«Einer der eindrücklichsten Prosatexte, die in der Schweiz des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben wurde.» Schweizer Radio DRS 2 |
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Rezensionen
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