Zähme nie ein wildes Buch 6 -- Zeichnung Anna Sommer

Limmat Verlag

Kurzes Porträt des Limmat Verlags
25 Jahre Limmat Verlag Schweizer Buchhandel 6/2000, 23. März 2000
20 Jahre Limmat Verlag Ein Gespräch mit den Verlegern
Auszeichnung für den Limmat Verlag Der Oertli-Preis für die Förderung des Literaturaustausches zwischen den Sprachen der Schweiz

Das interessante Detail:
Unsere Bücher entstehen 
auf Tischen von einzigart

Kurze Geschichte des Limmat Verlags

Am 19. März 1975 wurde die «Limmat Verlag Genossenschaft» ins Handelsregister eingetragen. Erstes Buch war der heute noch als Standardwerk verwendete Dokumentenband «Schweizerische Arbeiterbewegung».

Es folgte eine Reihe von Sachbüchern zu historischen und politischen Themen, die das Verlagsprogramm und das Bild des Verlags in der Öffentlichkeit wesentlich bestimmen, mit Titeln wie «Frauengeschichte(n)», «Die unterbrochene Spur», «13 Gründe warum die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht erobert wurde», «Die unheimlichen Patrioten», «Schnüffelstaat Schweiz», «GENZEIT», «Wenn Frauen wollen, kommt alles ins Rollen», «Es kocht in den Alpen», «Der Brunner-Effekt», «Die Schweiz und ihre Skandale», «Meier 19», «Im Zweifel gegen die Frau».

Wichtig sind insbesondere Bücher zu Frauenleben, Frauengeschichte und Geschlechterfragen, etwa die Porträtbände «Der Rede wert», «Rosenkranz und Fasnachtstanz» und «Frauen in Kosova», die Bücher zur modernen Familie «Gute böse Stiefmutter», «Unruhige Verhältnisse» und «Kunststück Familie» oder die Frauenstadtrundgänge durch Zürich und Basel.

Im literarischen Programm erscheinen Bücher u.a. von Laure Wyss, Isolde Schaad, Niklaus Meienberg, Jürg Federspiel, Emil Zopfi, Peter Höner, Willy Bär, Jürg Schubiger, Polo Hofer, Aline Valangin und 1989 Max Frischs «Schweiz ohne Armee? Ein Palaver» auf deutsch und rätoromanisch. Dazu gekommen ist eine ‹undeklarierte› Lyrikreihe zweisprachiger Ausgaben.

Mit Hugo Ball und Maurice Sandoz ist Friedrich Glauser in guter Nachbarschaft: Von ihm erschien 1992 und 1993 die Gesamtausgabe seines erzählerischen Werks in vier Bänden. Mit «Gourrama» wurde Ende 1997 die Neuedition aller sieben Romane abgeschlossen. In einem Erinnerungsband über Friedrich Glauser schreiben Menschen wie Emmy Ball-Hennings oder J.R. von Salis über ihre persönlichen Begegnungen. 1998 folgten die Gesammelten Werke von  Alexander Xaver Gwerder, 2005 jene von Walter Gross, zwei der grössten Schweizer Lyriker des 20. Jahrhunderts.

Regelmässig veröffentlicht der Limmat Verlag Übersetzungen von Autorinnen und Autoren aus der Romandie und aus dem Tessin, wie Anne Cuneo, S. Corinna Bille, Maurice Chappaz, Giorgio Orelli, Giovanni Orelli, Alberto Nessi, Charles Ferdinand Ramuz, Gisèle Ansorge, Sandro Beretta, Anna Felder, Ania Carmel und Daniel de Roulet. Prominent vertreten ist auch die rätoromanische Literatur  mit Leo Tuor, Oscar Peer, Luisa Famos und Jon Semadeni. Für diese Bemühungen der Verständigung zwischen den Sprachregionen wurde der Limmat Verlag 1994 mit dem Preis der «Oertli Stiftung» ausgezeichnet. Inzwischen sind auch Übersetzungen aus Sprachen der so genannten fünften Schweiz erschienen, so zwei Bücher des russischen Autors Michail Schischkin, ein Gedichtband albanisch und deutsch von Vaxhid Xhelili, friaulisch, italienisch und deutsch von Leonardo Zanier, ungarisch und deutsch von Agnes Mirtse.

Ein weiterer Schwerpunkt des Programms bilden Biographien und Autobiographien, Lebensgeschichten von bekannten wie unbekannten Schweizerinnen und Schweizer, zum Beispiel Gertrud Mosimann, Paula Charles, Adeline Favre, Fritz Brupbacher, Regula Engel, Anny Klawa-Morf, Max Frisch, Niklaus Meienberg, Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin, Amalie und Theo Pinkus-De Sassi. Zusammen mit der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde gibt der Limmat Verlag die Reihe «Das volkskundliche Taschenbuch» heraus, in der bisher unveröffentlichte autobiographische Originaltexte von hohem dokumentarischen Wert erscheinen, so z.B. von Regina Lampert oder von Pater Matthäus Keust. Im Jahr 2005 erscheint die Anthologie der Lebensgeschichten, Mein Leben und ich.

Im Fotobereich erscheinen vorwiegend fotogeschichtliche Arbeiten. Der Fotoband «Sensationen vom Dorfe» von Josef Burri erreichte zwei Auflagen. Ein weiterer historischer Fotoband dokumentier die in Europa einzigartige Sammlung von Porträts der Bewohner von drei Dörfern im Jahr 1940 aus Anlass der Einführung der Identitätskarte im Kanton Solothurn: «Sommer 1940. Leute im Thal». Eine erfolgreiche Ausstellung in Rom, Chur, Zürich, Chiasso etc. über die italienische Migration in die Schweiz begleitete der Verlag mit einem Buch, «Il lungo addio | Der lange Abschied», ebenso die Ausstellung «Der Körper der Photographie» der Sammlung Peter + Ruth Herzog, Basel, beide Bände herausgegeben von Dieter Bachmann. Sehr erfolgreich waren Ausstellung und Buch «Tausend Blicke», der Folgeband «Bergkinder» dokumentierte die ganze Sammlung der Kinderfotografien von Emil Brunner. Weitere Bände etwa sind Rob Gnant und Yves Dalain gewidmet, «Fokus 50er Jahre», oder dem frühen Japan, «Im milden Licht der Kirschblüten». Im Frühjahr 2005 schliesslich startete die Reihe FotoSzeneSchweiz zu Schweizer Fotografen.

Kunstbücher ergänzen das Verlagsprogramm, beispielsweise «Der letzte Kontinent. Bericht einer Reise zwischen Kunst und Wahn», in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich der Band «Dada global», «Der moderne Holzschnitt in der Schweiz», die Sammlung der Holzschnitte von Emil Zbinden, die Künstlermonographien von Jan Morgenthaler über Karl Geiser, von Peter F. Althaus über Johannes Robert Schürch und jene von Tobias Kästli über Emil Zbinden. Von Martial Leiter, diesem politischen Zeichner, dem es gelingt, die Aktualität seiner Zeitkritik in zeitlosen Gleichnissen international verständlich zu machen, sind vier Bände erschienen. Von Hannes Binder ist inzwischen die ganze ‹Glauseriana› im Verlag erschienen,  «Glausers Fieber», «Eine Melodie, die der Kommissär schon einmal gehört hatte » und «Nüüd appartigs».

1991 hat sich der Limmat Verlag mit dem ebenfalls in Zürich beheimateten Unionsverlag zusammengeschlossen unter einem Dach und mit einer Kasse. Die Programmschwerpunkte werden weiterhin unter den bisherigen Namen von einem Team von elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gepflegt und ausgebaut.

Auf den ersten Januar 2001 lösen die beiden Verlage auf Grund veränderter Rahmenbedingungen die Fusion wieder auf arbeiten als ökonomisch unabhängige Verlage weiter. Heute arbeiten drei VerlegerInnen gleichberechtigt zusammen, Jürg Zimmerli, Liliane Studer und Erwin Künzli.

Schweizer Buchhandel 6/2000, 23. März 2000

Limmat im Fluss

«Todglücklich, zäh und wild» – der Limmat Verlag feiert 25 Jahre. Politischen Inhalten eine adäquate Form geben, zählt noch heute zu den Hauptanliegen des einstmals politisch geschmähten Verlags.

Von Martin Walker

Der Handelsregistereintrag der «Limmat Verlag Genossenschaft» datiert vom 19. März 1975. Aber eigentlich ist der Verlag noch einige Jahre älter. Theo Pinkus hat den Namen der Studentengruppe rund um die Ausstellung und dem daraus resultierenden Dokumentenband zur «Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung» überlassen. Ein Verlag wurde geboren, ein anderer dafür kaum aus der Taufe gehoben auch schon wieder beerdigt. – Das Buch sollte zuerst bei Huber Frauenfeld erscheinen, der das «linke Machwerk» vor Erscheinen aus dem Programm kippte. Danach sprang die neu gegründete Schweizer Suhrkamp-Filiale in die Bresche, wo wiederum auf Druck von oben auf eine Veröffentlichung verzichtet wurde (wie auch auf Niklaus Meienbergs Reportagen, die dann unter Otto F. Walter bei Luchterhand erschienen). Die damaligen Vorgänge sind aus Autorensicht nachzulesen in der Biografie «Max Frisch 1956–1991» von Urs Bircher, die Mitte April bei Limmat erscheint. Aus der «Mist-Macher-Genossenschaft» (Arbeitgeberverband der Drucker) im «alt- und neukommunistischen Fahrwasser» (Hugo Bütler in der NZZ) ist ein professioneller Verlag gewachsen, der kaum mehr – wie in den Anfangszeiten – von renommierten Buchhandlungen boykottiert wird. «Wir sind angetreten, um dieses eine Buch zu machen», sagt Jürg Zimmerli rückblickend. «Eine eigentliche Verlagsperspektive gab es beim Start nicht.»

Er sitzt im Wintergarten der respektablen Villa an der Rieterstrasse, wo die heutige Verlagsgemeinschaft Limmat und Union eingemietet ist. Die grössten internen Konflikte, so Zimmerli, hätten sich immer um Fragen der Professionalisierung gedreht. Die erste bezahlte Stelle hatte Heiner Spiess ab 1981 inne, Jürg Zimmerli – beide machten ihre Lehre bei Diogenes – folgte wenig später. Bis dato waren die Genossenschafter zu einem halben Wochentag Fronarbeit verpflichtet.

Foto Dominique MeienbergAndere Formen des politischen Buchs, wollte und will man bei Limmat finden. Nicht immer stimmen Autoren- und Verlegermeinung überein. Auch die Leserschaft mochte dies nicht immer goutieren. «Sie heulten auf, als wir mit den ersten ‹nicht-sexistischen› Kinderbüchern kamen oder mit Mario Comensolis Disco-Bildern», erinnert sich Zimmerli. Für ihn stimmt der ideologische Ansatz bis heute. Seine Arbeit habe mit Kulturverständnis und mit kultureller Wertschätzung zu tun. Gibt es nach all den Jahren eine Zimmerli-Handschrift? «Hoffentlich», sagt er und fügt an «das Programm ist letztlich Abbild eines Teils meiner kulturellen Interessen.» Ein Drittel der Bücher entsteht aus Ideen aus dem Verlag, ein Drittel stammt von Hausautoren («Wir sind auch im Sachbuch ein klassischer Autorenverlag») und ein Drittel sind externe Projekte, zum Teil in Zusammenarbeit mit Partnern wie den Naturfreunden oder der Alpeninitiative entstanden. «Wir könnten uns vorstellen, in Zukunft vermehrt Projekte mit Vereinen und Organisationen zu entwickeln und zu realisieren.» Jürg Zimmerli blättert die Frühjahrsvorschau durch, bleibt bei der Backlist hängen. «Biografien! Die Hälfte des Programms sind Lebensgeschichten in den unterschiedlichsten Formen.» Der Mensch im Zentrum des Verlags, die Anekdoten ringsum sind abendfüllend.

Was ist ihm in diesem Vierteljahrhundert Limmat besonders positiv aufgefallen? «Einige der Kategorisierungen sind aufgebrochen worden.» Dem stehe leider eine zunehmende Verengung und Zuspitzung auf immer weniger Produkte in den Medien und auf dem Markt gegenüber, nicht nur im Buchbereich. «Und am ärgerlichsten ist, dass wir es als Branche nicht geschafft haben, eine politische Lobby aufzubauen wie sie zum Beispiel der Schweizer Film hat.»

Zum Anlaß des 20. Geburtstages des Limmat Verlags erschien folgendes Gespräch mit den Verlegern Heiner Spiess und Jürg Zimmerli in MOMA, Monatsmagazin für neue Politik, Nr. 6/95

Rote Bücher - schwarze Zahlen

Ein Gespräch mit Heiner Spiess und Jürg Zimmerli vom Limmat Verlag

MOMA: Der Limmat Verlag ging vor 20 Jahren aus einem Skandal um ein Buch über die Schweizerische Arbeiterbewegung hervor, dessen Mitautor Heiner war. Die Gründung scheint ein politischer Akt gewesen zu sein, und den Verlag würde man nach dem Buch spontan der Neuen Linken zuordnen. Liegt man damit richtig?

SPIESS: Damals gab der Huber Verlag an diese Gruppe von HistorikerInnen, die 1974 für das Sozialarchiv eine Ausstellung im Stadthaus gemacht hatten, den Auftrag, mit dem Material einen Band zu gestalten. Das Buch war bereits gesetzt, als ein Universitätsprofessor beim Verlag intervenierte. Der Verlagsleiter wurde entlassen und das Buch nicht herausgegeben. Mit dem neugegründeten Suhrkamp Verlag Schweiz passierte noch einmal dasselbe. Natürlich gab es dann andere Angebote, denn es war nun ein erfolgsverdächtiges Buch. Es war aber klar, daß man einen eigenen Verlag gründen wollte.

Foto Jürg Zimmerli

Aufgenommen von Jürg Zimmerli Ende der siebziger Jahre im Limmat-Verlag-Büro in der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung an der Wildbachstrasse 48, Zürich-Seefeld. Die Personen sind: hinten v.l.n.r. Hansjürg Fehr, Pierre Bachofner (unser Vertreter seit jenen Tagen), Heidi Witzig (später Co-Autorin des Standardwerkes "Frauengeschichte(n)"), Heiner Spiess, Jacques von Moos, vorne v.l.n.r. Jean-Pierre Kuster und Peter Aeberli.

MOMA: Warum war das klar?

SPIESS: Weil es in dieser Arbeitsgruppe Leute gab, die bereits in einem Verlag gearbeitet hatten oder Buchhändler waren und so weiter. Es war die Lust und die Faszination an einem eigenen Verlag. Es ging schon um Selbsthilfe, aber gleichzeitig war es auch eine Chance, mit einem Bestseller einen Verlag starten zu können.

MOMA: Das heißt, es gab keinen theoretischen Überbau dazu, daß man irgendwelche Hegemonien bekämpfen wollte oder ähnliches?

SPIESS: Nein, solche Diskussionen gab es nicht. Wir hatten mit dem Verlag bereits genug zu tun gehabt. Es gab von Anfang an professionelle Ansprüche, das Programm ist relativ schnell gewachsen, und alles ist nebenamtlich gemacht worden. Das Vorgehen in der Realität war deshalb sehr pragmatisch. Es war ein politisch-kulturelles Projekt, und wir haben uns als nicht parteigebunden definiert. Auch über Programme gab es eigentlich nie theoretische Diskussionen. Die Entscheide wurden häufig im Konsens gefällt. Manchmal wurde abgestimmt, aber die Diskussionen waren nie sehr theoretisch untermauert.

MOMA: Das gilt auch für die Organisationsform als Genossenschaft?

SPIESS: Im Grunde sagt es der Name: Der war einfach da. Andernfalls hätten wir wohl «Verlag zur Geschichte, Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung» geheißen. Ich kann mich nicht an eine Diskussion über den Namen erinnern. Und die Genossenschaft war die Rechtsform, die möglich war, wenn man kein eigenes Kapital besaß: ganz pragmatisch.

MOMA: Da gab es nichts wie: Der Betrieb gehört den Arbeitenden?

SPIESS: Doch, aber das wäre bei einer Aktiengesellschaft auch möglich gewesen. Natürlich stand uns eine Genossenschaft näher. Das Modell der Selbstverwaltung allerdings war völlig klar. Auch wenn die sich über die Zeit dann verändert – relativiert und reduziert – hat. Es war eine konstante Entwicklung bis hin zur Fusion mit dem Unionsverlag. Es gab schon Konflikte, und es gab Autoren, die das nicht mitgemacht hatten, aber es ging nie auf Biegen und Brechen, wie das bei anderen linken Verlagen teilweise der Fall gewesen ist. Die Beschränkung der Selbstverwaltung auf die Leute, die im Verlag arbeiteten, zum Beispiel, war in den 80er Jahren eine Selbstentmachtung, die für die anderen Genossenschafter eigentlich selbstverständlich war.

ZIMMERLI: 1981, als es um die erste Anstellung ging, gab es eine Fraktion, die im Verlag eine sinnvoll-politische Arbeit zur Ergänzung der eigenen Berufstätigkeit sah und die ‹Professionalisierung› ablehnte. Da hat jemand den Verlag verlassen deswegen.

SPIESS: In der ersten Phase bestand der Verlag aus unbezahlter Arbeit neben dem Studium. Als die Leute mit dem Studium fertig waren, zeichnete sich ab, daß es neben einem 40-Stunden-Job nicht mehr geht. Dazu kommt, daß Selbstverwaltung in einem Verlag vor allem Programmarbeit betrifft, und das Manuskripte lesen usw. muß sowieso in der Freizeit gemacht werden. Und eben da ging vielen die Zeit ab. Sie hatten andere Interessen, Familie ...

MOMA: Ihr seid einerseits ein klar im linken Spektrum positionierter Verlag, dessen Image immer wieder erneuert wird durch Publikationen, die eine breite Aufmerksamkeit finden, von der Arbeiterbewegung über Die unheimlichen Patrioten bis zum Schnüffelstaat Schweiz und zu Blocher. Andererseits gab es unter dem Stimmen, die ich in der letzten Zeit unrepräsentativ gesammelt habe, auch solche, die von einer «Entpolitisierung» sprachen. Wie erklärt Ihr Euch das?

ZIMMERLI: Diese Stimmen begleiten uns fast von Anfang an. Sie kamen meistens dann, wenn wir neue Formen gesucht, neue Arten von Büchern gemacht haben. Schon 1977 hieß es: Was, der Limmat Verlag macht Belletristik?! Oder das Wanderbuch von Frischknecht, das 1987 erschienen ist: In den sechziger Jahren war das Wandern vielleicht das letzte bürgerliche Freizeitverhalten. Frischknechts Buch wurde dann aber eines der originellsten und zugleich sehr politischen Bücher. Einzelne Gruppen und Leute haben immer gewisse Bücher als nicht politisch empfunden. Es gibt Leute, für die ist ein Krimi ein unpolitisches Buch, selbst dann, wenn es wie bei Peter Höner um Fluchtgelder aus Afrika geht.

SPIESS: Wenn man das Echo auf das Blocher-Buch ansieht, dann könnte man vermuten, daß die Bereitschaft, sich auf solche Themen einzulassen, kleiner geworden ist, auch bei den Linken. Ich frage mich auch, wer diese Linke vor zwanzig Jahren war, die diese Bücher gekauft hat, und wer diese Linke heute ist. Reden diese heute von «Entpolitisierung», oder sind das andere? Und hat die Linke damals je in dem Maß Bücher gekauft, wie man das heute annimmt? Ich weiß es nicht. Das Umfeld hat sich verändert. Das Beispiel mit dem Krimi ist sehr gut, weil dieser Krimi nicht mehr ein Gut-Böse-Schema durchzieht. Die festen Blöcke und Maßstäbe haben sich relativiert. Daß das Bedürfnis nach klassischen Aufklärungs- und Interventionsbüchern noch da ist, würde ich bestreiten. Das Publikum ist nicht mehr da. Wir versuchen uns zu orientieren, aber ich bestreite, daß der Verlag unpolitisch geworden ist.

MOMA: Das Stichwort Belletristik ist gefallen. Wie politisch respektive außerliterarisch sind Entscheide in Eurem literarischen Programm geprägt?

ZIMMERLI: (lacht) Das ist wahrscheinlich der Programmbereich, den treffend zu beschreiben wir am meisten Mühe hätten. Es gab verschiedene Versuche zu definieren, was wir ins Programm aufnehmen würden, ich kann mich an solche Diskussionen erinnern. Sie sind immer kläglich gescheitert. Was jeweils auf dem Papier zurückgeblieben ist, sind Splitter wie «sozial», «Realismus», «keine Sprachexperimente» ... Und der Anfang war ebenfalls pragmatisch. Emil Zopfi kam aus dieser Werkstattbewegung – Werkstatt schreibende Arbeiter hießen sie in Deutschland –, und für uns war das durch diese Einbettung eigentlich gar kein neuer Bereich.

SPIESS: Für mich gibts eine Gemeinsamkeit – nicht bei allen AutorInnen, aber bei sehr vielen. Es ist die Nähe zum Journalismus. Das wirkt sich meiner Meinung nach auf die Art zu schreiben aus, und zwar wenn AutorInnen eben nicht für den Tagesjournalismus schreiben. Ich glaube, Hugo Lötscher hat einmal gesagt, daß sie die LeserInnen im Kopf haben. Das hat Auswirkungen auf den Zugang zu ihrer Literatur, auf die Themen und so weiter. Das sind dann nicht Sprachexperimente, das ist nicht Literatur-Literatur, ich weiß nicht, wie man das definieren will. Natürlich sind sie politisch in dem Sinn, daß sie eine politische oder gesellschaftliche Realität reflektieren. Was nicht heißt, daß das eine sehr literarische Literatur nicht auch tut, aber es ist eine zugänglichere, aus der Beobachtung der Realität und der Umgebung entstandene Literatur. Aber natürlich ist das kein Programm. Abgesehen davon, der Verlag versteht sich auch nicht als literarischer Verlag, wir haben ein relativ breites Programm, das die Interessen der Leute, die hier arbeiten, wiederspiegelt. Was auffällt, ist auch die starke Präsenz von Frauenthemen. Ich würde sagen, daß es landesweit keinen Verlag gibt, der zu Frauenthemen diese Breite hat.

MOMA: Aber grundsätzlich habt Ihr ein durchaus engagiertes Verhältnis zur Literatur? Euch interessiert auch hier der politische Eingriff in die gesellschaftliche Realität?

SPIESS: Ja, würde ich sagen. Wir sind auch beide keine Germanisten und haben einen anderen Zugang zur Literatur. Das mag vielleicht ein Defizit sein.

ZIMMERLI: Es ist ja nicht so, daß wir die eine Literatur herausgeben und die andere an einen Literaturverlag weitergeben. Wir geben das heraus, was uns interessiert, was wir selber lesen wollen. Wir folgen unserer ‹Nase›. Auch in den anderen Programmbereichen übrigens. Ich verstehe auch, daß die Ausstrahlung unseres literarischen Programms nicht für alle AutorInnen gleich attraktiv ist, ja sogar völlig uninteressant sein kann.

SPIESS: Ich bin überzeugt, daß es AutorInnen gibt, die nie zu uns kommen würden, weil ihnen das politische Umfeld nicht behagt, oder weil sie wissen, daß sie in eine Ecke gedrängt würden, die ihnen nicht unbedingt zuträglich sein könnte. Wir sind immer die politische Ecke gewesen, und wir haben auch keinen Grund, das abzulehnen oder uns davon zu distanzieren. Wir haben einen Stallgeruch, und der behagt nicht allen.

MOMA: Aber Euch selber schon.

SPIESS: Das ist völlig klar, wir haben uns ja selber so definiert. Schade ist, dass die einzige polizeiliche Hausdurchsuchung aufgrund einer Verlagsklage wegen Glauser stattfand und nicht wegen eines politischen Sachbuchs ... (beide lachen)

Die Schweiz und ihre Literaturen
Ehrung für den Limmat Verlag


v.l.n.r.: Heiner Spiess, Marlyse Pietri-Bachmann, Ruth Dreifuss,
Jürg Zimmerli, Hans Tschäni

Rd_tri.gif (202 Byte) Rede der Kulturministerin Ruth Dreifuss bei der Preisübergabe
Rd_tri.gif (202 Byte) Rede des Verlegers Jürg Zimmerli
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung zum Oertli-Preis
Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger zum Oertlipreis
Rd_tri.gif (202 Byte) Liste der übersetzten Bücher des Limmat Verlags

«Die hohe Qualität Ihrer Veröffentlichungen trägt wesentlich zum literarischen Reichtum der Schweiz bei»

Übergabe des Oertli-Preises 1994, 29. Oktober 1994, Schloss Waldegg bei Solothurn. Referat von Frau Ruth Dreifuss, Bundesrätin.

Die Einladung zur Übergabe des Oertli-Preises 1994 hier in Waldegg hat mich ausserordentlich gefreut. Ich nütze diese Gelegenheit, um das Pionierwerk der Oertli-Stiftung zu würdigen: Seit 1965 ist es das Ziel dieser Stiftung, das Verständnis zwischen den Sprachregionen zu fördern, «Brücken zu schlagen» zwischen den verschiedenen Landesteilen. Ich schätze ihre geistige Offenheit, ihr Engagement für die Allgemeinheit und ihr Mittragen in so vielfältigen Bereichen wie Naturschutz oder Sozialwerke. Diese breite Fächerung der Stiftung zeigt sich auch in der Verleihung ihrer Preise an Historiker wie Herbert Lüthy, Persönlichkeiten wie Iso Camartin, Théo Chopard, Alfred Berchtold, Unterrichtende, Journalisten oder Übersetzer.

Ich bin glücklich, dabeisein zu können, wenn heute der Preis 1994 an Verleger übergeben wird: Das geschriebene Wort, Bücher, sind für mich etwas sehr Kostbares. Die heutigen Preisträger kenne ich gut, und zwar schon seit langem. So nehme ich an dieser Verleihung besonders gerne teil.

Sie ehren heute nicht nur zwei Verlage, die Editions Zoé in Carouge bei Genf und den Limmat Verlag in Zürich, sondern auch drei Verleger: Marlyse Pietri-Bachmann, Heiner Spiess und Jürg Zimmerli. Ich gratuliere der Stiftung zu dieser Wahl. Diese Verleger leisten in der Tat einen enormen Einsatz für die Verbreitung der Werke von Schweizer Autoren im ganzen Land: Sie veröffentlichen deren Texte in einer Übersetzung.

Am Ursprung von Editions Zoé, während der 68er Bewegung, standen zuerst eine dann drei Frauen. Sie haben während sechs Jahren das Haus aufgebaut, wollten im wahrsten Sinne des Wortes Bücher «machen». Da war auch der Gedanke, ein Haus des Buches zu schaffen, Lektüre verfügbar zu machen, eine Stätte der Begegnung zu sein, d.h. ein Ort, an dem Schriftsteller und Publikum aufeinandertreffen. Dieser Wille, «sich für die Literatur, für die Verbindung zwischen den Kulturen einzusetzen», diese geistige Offenheit zieht sich durch das ganze Wirken von Zoé und zeigt sich vor allem in der Wahl der Autoren.

Seit der Gründung im Jahr 1975 brachte Zoé Deutschschweizer Autoren in die Westschweiz. Das verdient umso stärkere Beachtung, als die deutschschweizerische Kultur damals, obschon verschiedene Verlage existierten, in der Westschweiz kaum Fuss fassen konnte. Als ersten Deutschschweizer Autor veröffentlichte Zoé Niklaus Meienberg.

Erstaunlicherweise war es gerade der Erfolg dieses «störenden» Schriftstellers, der dem welschen Publikum Appetit auf noch mehr Deutschschweizer Autoren machte.

Wer von Zoé spricht, muss, und das tue ich mit Vergnügen, auch Marlyse Pietri-Bachmann nennen, ihre Sensibilität, ihre Offenheit, ihre Dialogbereitschaft. Wie sie selbst sagt, «nähert man sich dem andern durch die Freude am Lesen». Sie hat das Abenteuer später alleine hartnäckig verfolgt. «Das Exil», meint sie weiter, «die Zerrissenheit zwischen mehreren Kulturen, das Grenzdasein, die Seltsamkeit des Lebens, das sind die Themen, die mich am meisten berühren; was jedoch zählt, ist die Suche nach dem Schriftsteller in einer originalen, einzigartigen Form». Das ist eine schöne Definition der Aufgabe eines Verlegers.

Jüngstes Zeichen der Offenheit und des anhaltenden Entdeckergeistes Zoés: Im letzten Frühling wurde die neue Reihe «littératures en émergence» lanciert, in der Schriftsteller mit anderen kulturellen Wurzeln zu Wort kommen, Menschen, die sich in einer europäischen Sprache ausdrücken und «ihre schriftliche Sprache an ein neues ästhetisches und kulturelles Umfeld anpassen» wollen.

Weiter habe ich gehört, dass Zoé für diesen Herbst zwei neue interessante Reihen vorbereitet. Auch sie folgen demselben roten Faden, dem Willen, die Schweizer mit sich selbst zu versöhnen. Biface ist eine deutsch-französische Reihe mit Texten klassischer oder zeitgenössischer deutschsprachiger Autoren. Die Schweizer Autoren werden dabei «mindestens die Hälfte ausmachen». In der Reihe Mini-Zoé erscheint «Schweizer Geschichte und Literatur im Postkartenformat».

Zwischen dem Limmat Verlag und Zoé lassen sich mehrere Ähnlichkeiten feststellen: das Gründungsjahr 1975, die Konzentration auf Schweizer Autoren, regelmässige Übersetzungen von Schweizer Autoren, Zusammenarbeit mit der CH-Reihe. Die Besonderheit des Limmat Verlags ist jedoch die Veröffentlichung von wissenschaftlichen und historischen Arbeiten vor allem über die Arbeiterbewequng; dieser Verlag ist eher im Sachbuchbereich tätig als in der Literatur.

Weiter unterscheidet sich der Limmat Veriag durch sein politisches Engagement, das 1975 mit der Begeisterung von zwei Studenten der Universität Zürich und ihren Arbeiten über die Geschichte der Arbeiterklasse begann. Die Publikation des «Dokumentenbandes zur Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung» war derart erfolgreich, dass daraus der Limmat Verlag entstand. Dieses Interesse für die gesellschaftlichen Probleme und für die Sozialgeschichte dieses Landes war von allem Anfang an da und ist das besondere Kennzeichen dieses Verlags. Aber die Palette seiner Veröffentlichungen ist viel breiter und sehr eindrücklich: Neben den Reihen über gesellschaftliche und politische Fragen finden sich Foto- und Kunstbände, Astronomiebücher, Autoren aus der dritten Welt, Historiker und natürlich Schweizer Autoren. Es war der Limmat Verlag, der Corinna Bille oder Ramuz in der deutschen Schweiz bekannt gemacht hat.

Der Werdegang des Verlangsgründers Jürg Zimmerli, sein politisches Engagement und seine organisatorischen Fähigkeiten bilden zusammen mit dem Weg von Heiner Spiess eine solide Grundlage für die Arbeit im Team, für Kreatives und für Entdeckungen. Jürg Zimmerli machte eine Lehre in einem Verlag und studierte später Ethnologie an der Universität Zürich, Heiner Spiess studierte Geschichte, politische Wissenschaft und deutsche Literatur.

Eine weitere Besonderheit des Limmat Verlags: Bei dieser Genossenschaft wurde man durch seine Mitarbeit – oft in der Freizeit – Mitglied, nicht durch den Erwerb von Anteilscheinen.

Die Zusammenlegung des Limmat Verlags mit dem Unionsverlag, der auch eine alte Verlagsorganisation war, stärkte das kreative Potential der Verleger, ohne allerdings ihre Grundausrichtung in Frage zu stelien.

Die Verleihung eines Preises an Verleger, das bedeutet Entschädigung und Ermutigung für die jahrelange Arbeit im Dienst der Kultur und im Dienst derjenigen, die die Kultur ausmachen. Dieser Preis verschafft zwei Verlagen etwas mehr Spielraum, hilft ihnen, vielleicht eine weitere Utopie, einen weiteren Traum zu träumen und zu verwirklichen. Der Preis öffnet neue Horizonte, was in dieser Zeit der Rezession zweifellos willkommen ist – viele Verleger sehen sich nämlich gezwungen, ihre Produktion einzuschränken.

Wenn der Oertli-Preis, der helfen soll, Brücken zu schlagen, nun an Verleger verliehen wird, dann bedeutet das auch Anerkennung für einen ganzen Schaffenszweig, den des Buches. Das ist die Anerkennung als Kommunikationsmittel, als Instrument zur Kulturvermittlung, des Dialogs, der gegenseitigen Öffnung und Bereicherung.

Es bedeutet auch Anerkennung der Tatsache, dass der Verleger im Bücherreich eine grundlegende Rolle spielt: Er wählt und bestimmt, was dem Publikum vorgelegt wird, sei das nun aus spontaner Begeisterung oder aufgrund einer politischen Wahl. Ein Verleger ist jemand, der, ich würde sagen, per definitionem leidenschaftlich ist. Er treibt seine Leidenschaft soweit, dass er daraus seinen Beruf macht. Er liebt das Buch, nicht nur als Zuschauer oder Leser, nein, er wird selber Handelnder und Produzent. Was für ein wunderbares Erlebnis, einen Verleger voller Feuer über seine nächste Erscheinung sprechen zu hören oder über die neue Reihe, die er schaffen wird. Wer die Verleger und die Bücher liebt, spürt, wie bewegt sie sind, wenn sie den Entwurf, das Papier ihres nächsten Buches in der Hand halten und betasten. Das Verlagswesen ist ein Beruf aus Liebe, Liebe zum Buch, zum Schreiben, zu den Autoren. Es braucht Neugier, Kühnheit und Fantasie, Sinn für Schönheit und für Intelligenz, Unerschrockenheit angesichts von Schwierigkeiten, Entdeckungsfreude und Freude daran, andere in Entdeckungen zu führen. Es ist ein Beruf, für den es sowohl Ehrgeiz als auch Bescheidenheit braucht, denn in erster Linie geht es ja darum, jemand anderes zu fördern.

Sie als Verleger üben einen der schönsten Berufe überhaupt aus. Dafür, wie sie ihn ausüben, erhalten Sie heute zu Recht eine Ermutigung. Ich freue mich darüber, wie ich mich auch über die künftigen Momente des Glücks freue, die Sie uns noch schenken werden. Die Freude am Lesen, am Lernen, ist einzigartig. Das Mitleben von Emotionen, von Schmerz, von Tragik, von Schönem, von Dingen, die uns mitreissen oder uns abstossen, all das verdanken wir Ihnen. Und natürlich all jenen, die das ungeheure Privileg geniessen, schreiben, fotografieren, zeichnen oder malen zu können.

Verleger sein ist ein schwieriger Beruf, wenn Qualität das Ziel ist. In der Schweiz gibt es zahlreiche kleine Verlage, und jeder von ihnen bringt jedes Jahr ein paar Titel heraus. Oft überleben sie nur unter Schwierigkeiten. Mit ihnen verfügt die Schweiz über einen echten Reichtum an Publikationen: unserem Nachbarland Frankreich zum Beispiel steht sie im Verhältnis in nichts nach. Allerdings wird die Unterstützung des Bundes für das Buch und die Literatur oft verkannt, manchmal auch kritisiert, weil man sie für ungenügend hält. Es wird sie vielleicht erstaunen, dass das Bundesamt für Kultur die Dachverbände der Schriftsteller subventioniert (Fr. 560'000.–). Es unterstützt die Ausstellung von Büchern im Ausland (Fr. 680'000.–), die im Bereich der Kinder- und Jugendbücher aktiven Dachverbände (Fr. 280'000.–) und die Volksbibliothek (1,8 Mio.). Dazu kommt noch Pro Helvetia, die ebenfalls Verlage, Übersetzungen und punktuell Autoren unterstützt.

Natürlich gibt es keine «Bundespolitik zur Unterstützung des Buches»; eine solche stünde im Widerspruch zu unserem föderalistischen System. Dieses System hat zur Folge, dass die Kultur wie die Bildung Aufgabe der Kantone und der Gemeinden ist, die dabei eine beachtliche Rolle spielen und den Löwenanteil der öffentlichen Beiträge in diesem Bereich leisten. Infolge der Ablehnung des Kulturförderungsartikels kann der Bund auch in Zukunft keine umfangreichere Unterstützung gewähren. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass der Bund, soweit das bei der gegenwärtigen Finanzlage möglich ist, versuchen wird, das Buch und die Literatur weiterhin zu unterstützen, wenn nicht gar neue Finanzierungsmöglichkeiten zu finden.

Im Verlagswesen haben auch Einsätze von Privaten, das Sponsoring oder das Mäzenatentum, eine wichtige Rolle inne. Wie ihr Präsident bemerkt hat, nimmt die Oertli-Stiftung ihren Auftrag als «Servoorgane» oder als «Milizhelfer» ernst und verfolgt ihn sehr aktiv. Sie haben Recht Herr Tschäni, wenn Sie betonen, dass die subsidiäre Rolle Ihrer Stiftung in unserem Bundesstaat wichtiger denn je ist. Echte Kulturpolitik, mit oder ohne Kulturförderungsartikel, kann durch Organisationen wie die Ihrige und ohne deren Engagement nicht gemacht werden. Ich möchte ihren Verantwortlichen noch einmal danken für all das, was die Stiftung für den Bau und die Festigung der Brücken zwischen den Regionen, den Kulturen und den Menschen in unserem Land unternimmt.

Ihnen, verehrte Preisträgerin, verehrte Preisträger des Oertli-Preises 1994, gratuliere ich ganz herzlich und danke Ihnen für Ihre Arbeit. Die hohe Qualität Ihrer Veröffentlichungen trägt wesentlich zum literarischen Reichtum der Schweiz bei.

Wenn Sie die Kultur der Schweiz zum Leben bringen, dann beleben Sie dadurch das ganze Land. Vielen Dank.

Dankesrede von Jürg Zimmerli, Limmat Verlag

Verehrte Anwesende

im Namen auch von Heiner Spiess – es kann von uns beiden logischerweise nur einer sprechen – danke ich der Oertli-Stiftung herzlich für den erhaltenen Preis. Ich danke aber gleichzeitig auch allen unseren Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzern. Wegen ihrem Wirken stehen wir heute vor Ihnen.

Wie schön tönt es doch – aber auch fremd – wenn andere Leute über unsere Taten berichten: haben wir das alles wirklich gemacht? und haben wir das alles wirklich erreicht?

Erlauben Sie, dass, wenn schon so viele illustre Ohren zuhören, ich für einmal aus der verlegerischen Froschperspektive unseres Bücheralltags erzähle. Schliesslich haben Sie diesmal Ihren Preis an Büchermacher, also Handwerker der Kultur vergeben, an Kunsthandwerker sozusagen.

Wir erleben Tag für Tag viele Gräben. Den Graben zwischen kulturellem Engagement und kommerzieller Realität. Zwischen literarischer Bedeutung und den Lesesympathien des Publikums. Zwischen unseren eigenen Visionen und unseren eigenen Kräften und Talenten. Und da ist natürlich auch der Röstigraben in der Literatur, den zu überbrücken das grosse Ziel Ihrer Stiftung und auch unseres Verlages ist.

Sind Sie mir böse, wenn ich Ihnen nochmals in diese Kerbe haue und mir vergegenwärtige, wie tief dieser Graben ist? Wie kommt es, dass in der deutschen Schweiz der letzte Schrei von Klagenfurt bekannter ist als ein Klassiker aus dem Wallis wie Maurice Chappaz? Wie kommt es, dass soviele Mittel in die Übersetzungsprogramme fliessen und die Leserzahlen so klein bleiben? Soll ich Ihnen die Verkaufszahlen jener Bücher, für die Sie uns heute feiern, vorlesen?

Die deutsche Schweiz ist, wenn es um Bücher geht, eine radikal deutsche Schweiz. Genauso radikal wie die welsche Schweiz französisch und die italienische italienisch ist. Die Deutschschweizer Autoren erhalten denn auch ihre Preise in Darmstadt oder Berlin, die Welschschweizer den Prix Goncourt oder den Prix Renaudot in Paris. Warum also erhält der Tessiner Autor Alberto Nessi nicht einen Preis zum Beispiel vom Kanton Solothurn und wird gleich auch noch eingeladen, in Solothurner Italienischklassen Lesungen zu halten? Warum zeichnet der Kanton Glarus zum Beispiel nicht die Autorin Anne Cuneo aus und beauftragt sie, ein dramatisches Werk zu erarbeiten, das seine Uraufführung auf dem Landsgemeindeplatz zu Glarus erlebt?

Hatten die Schweizer Kulturen nicht immer dann grosse Zeiten, wenn sie von fremden Kulturströmungen profitieren konnten? Brauchen unsere kleinen Gemeinschaften nicht die Anregungen von aussen, fremdsprachige Anstösse?

Wir hoffen, auch in Zukunft mit übersetzten Texten aus dem Tessin und dem Welschland einiges anzustossen!

Besten Dank.

Neue Zürcher Zeitung, 29. Oktober 1994

Anerkennung für den Dialog über die Sprachgrenzen

Bundesrätin Dreifuss an der Verleihung des Oertli-Preises

Die Oertli-Stiftung hat ihren Preis 1994 zwei Verlagen für ihre besonderen Verdienste um den Literaturaustausch zwischen den Sprachregionen verliehen: den Editions Zoé in Genf und der Verlegerin Marlyse Pietri sowie dem Limmat-Verlag Zürich mit den Verlegern Heiner Spiess und Jürg Zimmerli. Sie konnten im Schloss Waldegg bei Solothurn je 25 000 Franken aus der Hand von Stiftungspräsident Hans Tschäni entgegennehmen.

Pflegebedürftiges Zusammenleben

Für den Kanton Solothurn, der zum wiederholten Mal Gastgeber für die Preisverleihung war und sein demnächst 20 Jahre altes Begegnungszentrum Waldegg ebenfalls zur Vertiefung der kulturellen und menschlichen Beziehungen zwischen den Sprachen der Schweiz einsetzt, erinnerte Erziehungsdirektor Fritz Schneider an die gemeinsamen Ziele der eigenen Waldegg- und der Oertli-Stiftung. Die Preisträger befassten sich mit dem Austausch des Wortes und der Gedanken und seien damit Brückenbauer auf dem höchsten Niveau; aber derzeit fehlten dem Land sorgfältige, vornehme Vermittler, die auf Eigenheiten hinwiesen, ohne sie zu verwischen und im Wissen, «dass wir nur in unseren Unterschieden uns selber sind und bleiben, im Stolz auf unsere Eigenart, aber voller Neugierde auf die andern».

Die Oertli-Stiftung hatte sich bei der Wahl der Preisträger 1994 auch von den Erkenntnissen aus den zwei staatspolitisch bedeutungsvollen Urnengängen vom 6. Dezember 1992 (EWR) und vom 12. Juni 1994 (Kulturartikel) leiten lassen. Im ersten Fall war die Westschweiz in der zentralen Frage der Öffnung zu Europa von einer ständedominierenden Deutschschweiz überspielt worden. Für die mehrsprachige Willensnation sei eine solche politische Konfrontation der Sprachgruppen höchst unerwünscht, sagte Stiftungspräsident Tschäni, doch seien Politik und öffentliche Meinung durch den Schock wieder einmal auf die konstante «Pflegebedürftigkeit des Zusammenlebens im Bundesstaat» aufmerksam gemacht worden. Erst recht sei die Milizhilfe im föderalistischen Bundesstaat durch die Ablehnung des Kulturartikels gegeben, und darum bemühe sich die Stiftung seit 25 Jahren. Die wachsende Zahl von Gesuchen bestärke sie im Gefühl, dass ihre Tätigkeit heute notwendiger sei denn je.

Auszeichnung für einen Schaffenszweig

Bundesrätin Ruth Dreifuss ging zunächst auf die Gemeinsamkeiten (Gründungsjahr 1975, regelmässige Übersetzungen von Schweizer Autoren) und die Eigenheiten der beiden mit dem Oertli-Preis ausgezeichneten Verlage ein. Die Verleihung eines Preises an Verleger bedeute Ermutigung und Entschädigung für jahrelange Arbeit im Dienst der Kultur und öffne neue Horizonte, sie sei aber auch Anerkennung für einen ganzen Schaffenszweig, den des Buches und damit eines Instruments zur Kulturvermittlung, des Dialogs sowie der gegenseitigen Öffnung und Bereicherung. Denn ein Verleger sei per definitionem leidenschaftlich, befand Bundesrätin Dreifuss; er treibe seine Leidenschaft so weit, dass er daraus seinen Beruf mache. Dafür, wie sie ihn ausübten, erhielten die Preisträger zu Recht eine Ermutigung. Auch wenn kleine Verlage oft nur unter Schwierigkeiten überlebten, dürfe sich die Unterstützung des Bundes für das Buch und die Literatur doch sehen lassen. Eine eigentliche Bundespolitik in diesem Bereich gebe es zwar nicht, und nach der Ablehnung des Kulturartikels stünden auch nicht mehr Mittel zur Verfügung. An Bemühungen, die Unterstützung weiterzuführen, werde es jedoch auch künftig nicht fehlen.

kfr. Solothurn

Tages-Anzeiger, Montag, 31. Oktober 1994

Tut der Bund zuwenig für die Literatur?

Limmat und Zoé: Oertli-Preis

Die hohe Qualität verlegerischen Wirkens in der Schweiz hat Bundesrätin Ruth Dreifuss erstmals in einer Rede in Solothurn gewürdigt und dabei die Arbeit des Limmat-Verlages und der Editions Zoé in Genf in den Vordergrund gerückt.

Anlass der Rede von Bundesrätin Ruth Dreifuss war die Übergabe des diesjährigen Oertli-Preises an Heiner Spiess und Jürg Zimmerli vom Limmat-Verlag und an Marlyse Pietri-Bachmann von der Editions Zoé in Genf. «Die Verleihung eines Preises an Verleger bedeutet Entschädigung und Ermutigung für die jahrelange Arbeit im Dienst der Kultur und im Dienst jener, die die Kultur ausmachen», sagte Bundesrätin Dreifuss.

Verleger: Schwieriger Beruf

«Verleger sein ist ein schwieriger Beruf», meinte die Innenministerin weiter, «wenn die Qualität das Ziel ist.» In der Schweiz gäbe es zahlreiche kleine Verlage. Oft überlebten sie nur unter Schwierigkeiten. Mit ihnen verfüge die Schweiz über einen echten Reichtum an Publikationen.

Ruth Dreifuss wehrte sich gegen den latenten Vorwurf, der Bund tue zuwenig für die Unterstützung des Buches und die Literatur: «Natürlich gibt es keine Bundespolitik zur Unterstützung des Buches.» Und infolge der Ablehnung des Kulturförderungsartikels könne der Bund auch in Zukunft keine umfangreichere Unterstützung gewähren. «Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass der Bund, soweit das bei der gegenwärtigen Finanzlage möglich ist, versuchen wird, das Buch und die Literatur weiterhin zu unterstützen, wenn nicht gar neue Finanzierungsmöglichkeiten zu finden», meinte die Bundesrätin.

Oertli-Preis als Kompensationsleistung

Die Ablehnung des Kulturförderungsartikels hat den Stiftungsrat der Oertli-Stiftung dazu bewogen, den diesjährigen Preis zwei Verlagen zu vergeben, wie Stiftungspräsident Hans Tschäni betonte: «Mit ihrer persönlichen Initiative leisten diese Verleger im Netzwerk unseres Föderalismus einen wichtigen Dienst. Solcherlei Eigeninitiativen braucht es dringend, wenn das Zusammenleben in unserem mehrsprachigen Staat mehr sein soll als blosse Koexistenz.»

Mit den Editionen Zoé und dem Limmat-Verlag sind zwei Verlagshäuser geehrt worden, die beide 19 Jahre alt sind und in ihrem verlegerischen Programm Werke deutschschweizerischer und welscher Autorinnen und Autoren gepflegt haben.

Bundesrätin Ruth Dreifuss unterliess es nicht, darauf hinzuweisen, dass die Editions Zoé als ersten Autor Niklaus Meienberg auf französisch übersetzen liess: «Erstaunlicherweise war es gerade der Erfolg dieses ‹störenden› Schriftstellers, der dem welchen Publikum Appetit auf noch mehr Deutschschweizer Autoren machte», sagte die Bundesrätin.

Carlo Bernasconi

 

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