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René Schnell Briefe aus Shanghai 19461952 Dokumente eines Kulturschocks Herausgegeben von Susanna Ludwig 2000, 270 Seiten, etwa 50 Abbildungen, broschiert
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«Habt keine Angst, es geht mir gut.» Der junge Kaufmann René Schnell brach 1946 nach Shanghai auf für sechs turbulente Jahre. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielten zahlreiche junge Schweizer und auch Schweizerinnen die Möglichkeit, in fernen Ländern verlockende Stellen anzutreten, die Abenteuer und Wagnis zugleich bedeuteten. Die meist kaum Zwanzigjährigen mussten sich in den oft sehr fremdartigen Gesellschaften selber zurechtfinden, auch mit den Klischees und Vorurteilen. Ein Kulturschock im umgekehrten Sinne. Dokumente dazu sind nicht häufig. Es ist ein Glücksfall, dass die Briefe, welche der junge Burgdorfer René Schnell nach Hause sandte, lückenlos erhalten sind, 400 an der Zahl. Sie belegen zweierlei: den damaligen Alltag in China während des Abwehrkampfs gegen Japan und der Bürgerkriegswirren bis hin zur Machtübernahme der Kommunisten unter Mao, und den allmählichen Wandel der Einstellung des jungen Schweizers zur Kultur des Landes von einer negativen Sicht und rassistischen Vorurteilen hin zur Wertschätzung und Sensibilisierung für das kulturell Andere.
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Briefzeugnisse einer bewegten Zeit «Briefe aus Shanghai» sind heutzutage bestimmt meist blitzschnell übermittelte Emails. Aber nicht nur schriftliche Nachrichten, auch Fliegen wird immer schneller. Als der junge Schweizer Geschäftsmann René Schnell im Dezember 1946 von Genf nach Shanghai flog, dauerte der Flug mit sieben Zwischenlandungen ganze acht Tage. Zwei Briefe schreibt er in dieser Zeit an seine Eltern, circa 400 weitere sollen in den kommenden sechs Jahren folgen. Seine ersten Eindrücke zeigen ein modernes Shanghai, in dem viereinhalb Millionen Menschen zu Hause sind. Rikschas, Jeeps und modernste Autos so viele kann man sich in der Schweiz gar nicht vorstellen. Das Gewimmel, das Hupen auf der Nanjing-Strasse, es macht ihn ganz krank. Er bezieht eine akzeptable Wohnung, besucht Parties und entdeckt Seidenläden, die nicht nur Frauen als Eldorado erscheinen René Schnell findet, dass die Chinesen eigenartige Leute sind, die auf der Strasse spucken und urinieren; mitten in der Stadt säugen Mütter ihre Kinder. Was er hier erlebt, wird ihn für den Rest des Lebens stärken, schreibt er am 24. Januar, ungefähr einen Monat nach seiner Ankunft. Seine Arbeit in der Pharmaindustrie hat er bald in Griff und genauso flux entdeckt er an allen Ecken eine alles umfassende Korruption und einen hinderlichen chaotischen Bürokratismus. Mit seinem Fahrrad bahnt er sich den Weg durch die Volksmassen der Stadt und für Ausflüge in die nähere Umgebung muss er sich rechtzeitig ein Visum besorgen. Ein Wagen mit Fahrer steht stets bereit. Trotzdem wird ihm bewusst, dass in der Schweiz paradiesische Zustände.herrschen. In der grossen Sommerhitze stinkt die Stadt zum Himmel und die Menschen schlafen nachts im Freien. Unaufhörliche Regenfälle setzen Strassen unter Wasser und bei Überschwemmungen kommen in Henan mehr als 20.000 Menschen ums Leben. Nach einem Jahr 1948 bescheinigt er, dass zwar die chinesische Sprache nicht leicht zu erlernen ist, umsomehr mundet ihm die chinesische Küche. Die Situation politisiert sich. Einer Anti-Spuckkampagne folgen fremdenfeindliche Agitationen. Die kommunistische Zukunft der Stadt zeichnet sich bereits ab. Auch in seinem Leben zeichnet sich eine Änderung ab: Er lernt Julie Ting, seine spätere Frau, kennen. Seiner Meinung nach denken Chinesinnen nicht materialistisch und sind ganz für den Mann da. Julie ist anspruchslos, zärtlich und lieb. Je länger das Verhältnis andauert, desto mehr lehnt er ihre Heiratswünsche auch aus rassistischen Gründen ab. Aber nicht nur er gerät in die Krise, sondern auch die Gesellschaft. Shanghai versinkt in der Inflation, und viele flüchten vor der Übernahme durch die Kommunisten. Auch er stellt sich auf seine baldige Heimreise ein. 1950, nach der Gründung der Volksrepublik China, wird René Schnell davon überrascht, dass die Schweiz als erstes Land die neue Regierung diplomatisch anerkennt. Obwohl die Stadt unter den Kommunisten von jedem «dekadenten Luxus befreit» wird, äussert er sich ärgerlich über die falsche Berichterstattung in der Schweizer Presse. Der Koreakrieg oder die beginnenden Enteignungen Shanghai ist für ihn nun «ein Polizeistaat mit Terror» , eine Anti-Bestechungs-Kampagne werden in seinen Briefen genauso thematisiert wie die Entwicklung seiner Beziehung zu Julie oder die Eröffnung des Telefonverkehrs zwischen der Schweiz und China im Juli 1951. Die «Briefe aus Shanghai» enden mit Schnells Rückreise im September 1952. Eigentlich schade, denn die Briefe geben einen kurzweiligen persönlichen, recht einfühlsamen Einblick in diese geschichtsträchtige Zeit. Die hilfreichen, gut recherchierten Zwischentexte der Herausgeberin liefern den nötigen Hintergrund, so dass «Geschichte lebendig» erfahren werden kann. Es wäre sicherlich spannend, heute eine entsprechend aktuelle Berichterstattung aus der östlichen Metropole zu erhalten, doch dafür gibt es anscheinend im Zeitalter der digitalisierten Medien keine Zeit und es fehlt vielleicht auch der Mut, die privaten Ansichten und Gefühle zur derzeitig atemberaubenden Entwicklung Shanghais öffentlich preiszugeben. Anna Gerstlacher |
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