wyssbrie.jpg (6833 Byte) Laure Wyss
Briefe nach Feuerland
Wahrnehmungen zur Schweiz in Europa
1997, 96 Seiten, Pappband
ISBN 3-85791-288-X
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Kurze Inhaltsangabe
Laure Wyss nähert sich dem Verhältnis der Schweiz zu Europa an, wie sie es in ihrer Arbeit als Journalistin immer getan hat: Sie geht dorthin, wo es in der Realität erfahrbar ist, in eine Familie von Ausländern, zu Grenzposten, nach Strassburg und Brüssel. Unvoreingenommen schaut sie hin, sieht, was nicht alle sehen, und erzählt in zehn Briefen an Freunde in Feuerland davon. Hinter dem einzelnen Erlebnis wird das Allgemeine sichtbar, und manches erscheint in einem neuen Licht. Vielfältige Erinnerungen aus einem langen, bewussten Leben mischen sich ebenso in die Beschreibungen ein wie pointierte Aussagen über andere Bücher zu diesem Thema.

Genau registrierte Erfahrungen eröffnen überraschende Einsichten in ein aktuelles Thema. Laure Wyss lässt uns die Schweiz in dieser Welt besser verstehen.

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Textprobe
Dies ist der zweite Brief: Papiere sind Papiere

Liebe Freunde,
ich werde mich kürzer fassen in meinen nächsten Briefen, denn diese enthalten nichts anderes als Beobachtungen darüber, wie sehr sich in letzter Zeit alles bei uns verändert hat. Davon scheint Ihr nichts zu wissen, weil Ihr seit vielen Jahren Eure Ferien nicht mehr hier verbringt. Um nicht nur von dem zu berichten, was grad vor meiner Türe liegt, bin ich ein wenig herumgereist, denn ich hielt es für wichtig, einen schweizerischen Augenschein zu nehmen, bevor ich mich ins europäische Thema einlasse.

Also vorerst einige Szenen: Letzten Sommer einmal hatte ich den Tisch gedeckt für die Tochter und die zwei Söhne einer Freundin, die kürzlich gestorben war, der Piaia Lina. Wir wollten bei einer gemeinsamen Mahlzeit über Signora Lina reden, ihrer gedenken, auch an Iginio wollten wir denken, den Steinhauer, der ein paar Monate vor seiner Frau gestorben war. Beide nun begraben in ihrem Heimatdorf in der Provinz Belluno im nördlichen Italien. Sie hatten es sich so gewünscht, beide, obschon sie Emigranten geworden waren, weil ihr Vaterland sie nicht hatte ernähren können, und obschon, nach vielen harten Arbeitsjahren in der Schweiz und der langen Sehnsucht, im heimatlichen Dorf letzte Jahre zu verbringen, die Rückkehr enttäuschend gewesen war. Trotz eines eigenen Hauses dort konnten sie nicht mehr Fuss fassen, waren Fremde geworden, kannten niemanden mehr, wurden auch nicht mit offenen Armen aufgenommen, so pendelten sie, krank geworden und geschwächt, zwischen der Schweiz und der Provinz Belluno her und hin. Doch darüber wurde jetzt nicht geredet, die Enttäuschungen, die Konflikte der Eltern wurden von den erwachsenen Kindern nicht erwähnt, sie wollten mir, in Verehrung und nun in Trauer, von den letzten Tagen ihrer Eltern erzählen und wie die Beerdigungen stattgefunden hatten.

Ich hörte zu und fragte vieles. Aber dazwischen drängten sich meine Erinnerungen an Vergangenes, nämlich wie Signora Lina in mein Leben gekommen war, zum Aufräumen, zum Putzen, zum Kochen. Die kleine, schmale Frau, bescheiden, fleissig, es hatte lange gedauert, bis sie sich nicht immer selber wegwischte, sondern erzählte von ihren Schwierigkeiten, ihren Sorgen, und bis sie ihr Töchterchen mitbrachte, das nach dem Schulabschluss aus Italien zur Familie gekommen war, die Brüder in einer guten Lehre, für die kleine Francesca suchten wir dann zusammen eine. Immer hatte sich die Lina geduckt, um ja nicht aufzufallen, um ja nichts Unrichtiges zu machen im fremden Land, in der Schweiz, der sie so ungeheuer dankbar blieb, weil sie an ihrer ersten Stelle, so erzählte sie, so viel Milch hatte trinken können, wie sie wollte. Und sie hat wohl nie ganz verstanden, wie sehr ihr Mann, der Iginio, der Steinhauer, darunter litt, immer mehr darunter litt, dass er auf dem Bau schwere Arbeit verrichtete, zwar einen genügenden Lohn nach Hause brachte, aber nie das Handwerk ausüben konnte, für das er begabt war, das ihm Freude machte, Steine behauen und einen Ofen bauen, zum Beispiel. Das tat er dann später, fürs Haus in Italien, das seine Söhne errichtet hatten, da war er aber schon ein gebrochener Mann und krank. Und Signora Lina hatte auch nicht mehr die Kraft gehabt, im neuen eigenen Haus zu wohnen und es zu pflegen, wie sie es gern getan hätte, auch fürs Heuen am Hang, das sie so sehr liebte, war sie zu müde. Ein Elend, das Ganze, wenn man's bedenkt. Ich war mir gegenüber dieser Familie mit ihren feinen Umgangssitten und der diskreten Anhänglichkeit immer sehr privilegiert vorgekommen, beheimatet und im Klee sitzend, gab Auskünfte und Ratschläge, die vielleicht alle ins Leere liefen, weil ich ja die schwierige Lage dieser Emigranten nicht grundsätzlich ändern konnte. Aber nach Jahren stellte ich fest, wie reich mein Alltag geworden war durch diese Piaia Lina, ihren Mann, den Iginio, und die drei Kinder. Und ich fühlte mich ausgezeichnet wie mit einem hohen literarischen Preis, als der schwerkranke Ehemann der Lina, in einem unserer Spitäler liegend, bei meinem letzten Besuch zu mir gesagt hatte: «Lei aveva sempre la parola giusta per me.» («Sie haben für mich immer das richtige Wort gefunden.»)

Nun sassen sie da, die beiden Söhne mit der jüngern Schwester, die mit Mann und Kindern daheim in Italien ihre eigene Existenz aufgebaut hatte und nun in die Schweiz gekommen war, um mit den Brüdern die Elternwohnung aufzuräumen, und beredeten viel. Sie sahen schön und gepflegt aus, die drei Geschwister, und sie hatten nicht eine Spur von ihren feinen Sitten verloren. Still und tüchtig hatten sich die Brüder im fremden Land an ihren Arbeitsplätzen behauptet und immer weiter gelernt. Sie kannten nun aber ihre Rechte auch selbst, sie wehrten sich, wenn sie übervorteilt wurden. Sie liessen sich nichts mehr gefallen. Und wie nebenbei fügten sie hinzu: «Wir gehen weg, wenn man uns nicht mehr will oder wenn man unkorrekt mit uns umgeht, wir können ja jetzt überall in Europa arbeiten.» Und sie zeigten mir ihre neuen Pässe, ihre italienischen Papiere sind jetzt Europa-kompatibel, auf dem Umschlag ist so ein «passaporto» bezeichnet mit «Comunità Europea, Repubblica Italiana», und er eröffnet neue Möglichkeiten, eine grössere Arbeitswelt für die beiden italienischen Brüder.

Meinen roten Pass hole ich nun schon gar nicht zum Vergleich herbei, mit meinem roten nämlich bin ich kräftig ins Abseits gerutscht. Da hatte ich mich neulich auf einer Reise nach London vor der englischen Passkontrolle in die Reihe der «others» zu rangieren, und die rückt sehr viel langsamer vorwärts als die Schlange der «Europeans». Es ist zur Kenntnis zu nehmen, wir sind keine Europäer. Ärgerliche Gedanken ans hinterwäldlerische Vaterland sind nutzlos. Aber Zorn steigt auf, wenn Miteidgenossen in dieser Schlange laut schimpfen, sie würden behandelt wie Neger oder wie braune und gelbe Asiaten, das sei ja unerhört, jenen gleichgestellt zu werden. Da schäme ich mich sehr wegen meiner Landsleute, drehe mich um und sage höflich: «Darf ich fragen, was Sie abgestimmt haben im Dezember 1992, waren Sie für oder gegen den Beitritt der Schweiz zum ewr (dem Europäischen Wirtschaftsraum)?» Verdutzte Gesichter, das jetzt reklamierende Ehepaar war, da gute Patrioten, natürlich dagegen. «Das sind die Folgen, bitte», sage ich. Dann aber, bestimmter: «Und Rassisten scheinen Sie auch noch zu sein, Sie fühlen sich wegen Ihrer Hautfarbe besser als dunkle Menschen. Ist Ihnen klar, dass bei uns aufgrund einer Volksabstimmung seit dem Januar 1995 ein Antirassismus-Gesetz in Kraft ist? Diese neuen Artikel unserer Strafnorm haben wir offensichtlich sehr nötig.»

Ein Kollege, weiter vorn in der Schlange, lächelt nachsichtig nach hinten zu mir, er hat dem Geplänkel zugehört. Sein Lächeln gerät jedoch etwas schief, denn er ärgert sich darüber, dass seine Frau, mit der zusammen er im Flugzeug gesessen ist, schon vor fast einer Viertelstunde die Passkontrolle passiert hat, also schon lange in England ist und jetzt, jenseits der Grenze, die für sie keine mehr ist, auf ihn wartet, denn sie hat ihren ursprünglichen deutschen Pass vorgezeigt, ist also Europäerin. Und ihre beiden Söhne, die in künstlerischen Berufen in Deutschland tätig sind, haben das deutsche Bürgerrecht ihrer Mutter angenommen, mit dem schweizerischen des Vaters bekämen sie bloss Unannehmlichkeiten. Das verstehe ich jetzt gut, und ich überlege mir, langsam vorrückend: Wenn ich ein Schreibleben noch vor mir hätte, würde ich vielleicht auch an eine andere Staatsbürgerschaft denken, eine, die mir mehr Bewegungsfreiheit verspräche. Ach, unsere Kurzsichtigkeit zu Hause, diese Bretter vor dem Kopf, die den Blick ins 3. Jahrtausend behindern. Weil wir immer noch an unsern Tell denken? Ich will aber nicht vorgreifen, der Tell kommt später an die Reihe.

Und wenn Ihr jetzt lacht über mich und uns, liebe Freunde, habt Ihr recht. Ich muss Euch noch schnell gestehen, dass ich mir, um nicht bei jedem Grenzübergang im Gesicht so rot anzulaufen, wie mein Pass rot ist, eine Identitätskarte habe machen lassen, einen amtlichen Ausweis des Bundesamtes für Polizeiwesen, die ist klein, handlich und gibt sich nicht so eingebildet wie das rote Büchlein, das nachgerade keinen Grund mehr auf seine Einbildung hat.

Dass sie so freundlich und rasch ausgestellt wird, dass sie nur 35 Franken kostet und eben auch ihre Handlichkeit sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass so ein Legitimationsdokument der militärischen und politischen Kontrolle dient und dass wir jetzt unsichtbarer, weil elektronisch, kontrolliert werden können, also besser überwacht sind als je zuvor. Und deshalb leichter manipulierbar werden? Diese Frage bleibt offen.

Viele Grüsse, und auf bald.

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Stimmen zum Buch
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Generalanzeiger Bonn vom 11. Oktober 1997
Rd_tri.gif (202 Byte) Weltwoche vom 27. November 1997
Rd_tri.gif (202 Byte) Süddeutsche Zeitung, 30. September 1997
Pressestimmen

«Sie schreibt Briefe an Schweizer Freunde in Feuerland und erklärt den ‹Fernen, Ausgewanderten› – und sich mit ihnen – was es mit der Schweiz und Europa auf sich hat. Distanz und Nähe – aus diesem Wechsel an derf Perspektive gewinnen die Briefe ihre Kontur. Laure Wyss schafft sich Distanz, weil sie der allzu grossen Nähe misstraut ... Sie plädiert nicht leichtfertig für eine Öffnung. Wissen will sie, warum sie es tut.
Der letzte Brief endet mit einer Warnung und einer Liste ‹Gegengifte zu faschistischen Entwicklungen›. Dazu gehören regelmässige Übungen in sozialem Mut, dazu gehört das ‹Festhalten am Programm der Aufklärung›. Beides ist Teil von Laure Wyss' eigenem Lebenskonzept – von jeher schon.» Klara Obermüller, Die Weltwoche, Zürich

«Die passionierte Journalistin Laure Wyss hat die Mühe nicht gescheut, nach Brüssel und nach Strassburg zu reisen und sich europäische Institutionen von innen anzuschauen. Als Zuhörerin von Sitzungen des Europarates kommt sie zu dem Schluss, dass ausgerechnet die europaresistente Schweiz viel bessere Voraussetzungen als manch europaenthusiasmiertes Land (wie etwa Deutschland) mitbringt, am Prozess der europäischen Integration belebend teilzunehmen. Nicht nur die Mehrsprachigkeit hat sie dafür gut vorbereitet, sondern auch die gewachsene Erfahrung im Ertragen von ungleichen Nachbarn. ‹Vielleicht›, schreibt sie am Schluss ihrer klugen und nachdenkenswerten Briefe nach Feuerland, ‹stellt Ihr fest, dass ein kleines Land, das selbstkritisch zu seiner eigenen Geschichte steht und seine demokratischen Traditionen ernst nimmt und versucht, sie diszipliniert weiterzupflegen, gerade deshalb dem Lauf Europas gewachsen ist.›» Lothar Baier, WOZ Zürich

«Unvoreingenommen nähert sich Laure Wyss in ihrem neuesten Buch dem Verhältnis der Schweiz zu Europa an. Und zwar dort, wo dieses Verhältnis in der Realität erfahrbar ist: in einer Familie von Ausländern, bei Grenzposten, in Stassburg oder in Brüssel. ...  Die Leidenschaft mit der sich die Autorin 1997 zur Anwältin in Sachen Europa macht, beeindruckt und ist nachahmenswert.» Zürichsee-Zeitung

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Rezensionen

Generalanzeiger, Bonn, vom 11. Oktober 1997

Ende des Schweizer Mythos
Laure Wyss' Wahrnehmungen

Die Schweizer Literatin und Journalistin Laure Wyss legt in ihrer jüngsten Veröffentlichung «Briefe nach Feuerland» ein engagiertes Plädoyer für einen Beitritt der Eidgenossenschaft zur Europäischen Union ab. Ihr Buch, das ursprünglich den Titel «Schweiz, Europa?» tragen sollte, gliedert sich in zehn Themenbriefe, die sie an Schweizer Freunde im fernen Südamerika richtet. Für die langjährige Journalistin Laure Wyss ist es charakteristisch, vor Ort zu recherchieren. So reist sie für ihr Europa-Buch nach Brüssel, Strassburg und überquert fast alle Schweizer Grenzübergänge. Durch ihren Blick für das scheinbar Nebensächliche und das Kuriose gelangt sie oft zu ganz überraschenden Einsichten.

Aus ihren Worten klingen Hoffnung auf ein vereintes Europa mit der Schweiz als Mitgliedsstaat, aber auch Zorn und Ungeduld: der Zorn über die «Kurzsichtigkeit zu Hause, diese Bretter vor dem Kopf, die den Blick ins dritte Jahrtausend behindern», und die Ungeduld einer engagierten Frau, die jahrzehntelang für ein Frauenwahlrecht kämpfen und auf die volle politische Anerkennung der Frau warten musste.

(…)

Stück für Stück seziert Laure Wyss die Schweizer Lebenslüge. Immer noch glaubt man nämlich im Land der Neutralen, dass es reinster Abwehrwillen gewesen sei, der die Eidgenossenschaft vor den beiden Weltkriegen verschont habe – eine Meinung, die die Autorin widerlegt und bekämpft. Die Überheblichkeit gegenüber anderen Völkern und der Rassismus im Inneren sind ihrer Meinung nach einander entsprechende Folgen dieses Mythos, dem aber die unlängst aufgedeckte Raubgoldaffäre ein Ende zu machen verspricht.

Laure Wyss' Plädoyer überzeugt insbesondere durch ihre klare Sprache, die keine Schonung für das Unzeitgemässe und das Hinterwäldlerische ihrer Miteidgenossen kennt. Sie versteht sich selbst dabei weniger als «Spezialistin in Sachen Schweiz/Europa», sondern vielmehr als «interessierte Beobachterin», die sich auf ihre eigenen, durchschnittlichen Erlebnisse verlässt, «die sich mit den Erlebnissen sehr vieler anderer Landsleute in diesem Jahrhundert decken».

Allerdings sollte man dieses Buch nicht als innere Angelegenheit der Schweiz abtun: Gerade die Gedanken der Autorin zu Fremdenfeindlichkeit und Rassismus haben Gültigkeit auch jenseits der Grenzen – sie haben geradezu europäische Dimensionen. 

Gabriele Eschweiler

© Generalanzeiger

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Weltwoche vom 27. November 1997

Laure Wyss berichtet von einer Schweiz, die in Bewegung geraten ist

(…)

Laure Wyss macht sich die Sache mit Europa nicht leicht. Sie plädiert nicht leichtfertig für eine Öffnung, für einen Beitritt der Schweiz zur EU. Sie will wissen, warum sie es tut. Sie legt sich und ihren Adressaten Rechenschaft darüber ab, wie sie zu der einen oder andern Meinung gekommen ist. Mit jedem der zehn «Briefe nach Feuerland» kommt sie der Begründung ein Stück näher. Und uns lässt sie teilhaben an diesem Prozess.

«Ich sah: Europa zu lernen ist ein langsamer Prozess», schreibt sie im vierten Brief. Sie hat gerade «die heutige Leichtigkeit der Landesgrenzenüberquerung» geübt, indem sie von Basel aus alle 16 Grenzübergänge zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich passiert hatte. Nun ist sie auf dem Weg nach Strassburg und Brüssel, um dort – vor Ort und konkret – zu erfahren, was dieses Europa ist und wie es funktioniert. Das ist typisch für Laure Wyss. Sie begnügt sich nicht mit den Informationen, die ihr die Medien zutragen; denen misstraut sie aus gutem Grund. Sie stützt sich aber auch nicht nur auf die politische Literatur, obwohl sie Werke wie diejenigen von Denis de Rougemont, von Karl Schmid, von Urs Altermatt und anderen als Referenzen für eigene Überzeugungen immer wieder heranzieht. Sie geht vielmehr hin und schaut selber nach. Gret Haller, Andreas Gross und andere sind ihr dabei kundige Begleiter.

Und wenn sie dann wieder zu Hause ist, setzt sie sich hin, verarbeitet das Ganze und schreibt im nächsten Brief nach Feuerland, was ihr bedenkenswert erscheint. Viel ist da zu erfahren über die Schweiz, wie sie sich heute darstellt: eine verunsicherte, eine zerrissene Schweiz, eine Schweiz, die ihre Angst vor Veränderung hinter fadenscheinigen Traditionen verbirgt, eine Schweiz aber auch, die sich durchschütteln lässt und allmählich, ganz langsam bereit erscheint, vom gehätschelten Mythos der Unfehlbarkeit Abschied zu nehmen.

(…)

Der zehnte und letzte Brief endet mit der Warnung – und einer Liste der von Berthold Rothschild empfohlenen «Gegengifte zu faschistischen Entwicklungen». Dazu gehören unter anderem: «regelmässige Übungen in sozialem Mut», dazu gehört «das Festhalten am Programm der Aufklärung».

Beides ist Teil von Laure Wyss' eigenem Lebenskonzept – von jeher schon. 

Klara Obermüller

© Weltwoche

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Süddeutsche Zeitung, 30. September 1997

Lust auf Europa
Die Schweizerin Laure Wyss legt einen Essay in Briefen vor 

(…) Da diese Briefe sich an Adressaten wenden, die weit vom Schuss sind und sich neuere Schweizer Entwicklungen erst erklären lassen müssen, sind sie auch für andere Aussenstehende von grossem Interesse. Bei ihrer Lektüre können gerade deutsche Leser nur schwer der Frage ausweichen, warum es bei ihnen, wo es im Gegensatz zur Schweiz an vollmundigen Bekenntnissen zu Europa nicht mangelt, kaum Spuren solch «mühsamer Auseinandersetzungen» gibt, die dem europäischen Credo vorausgegangen sind.

Wenn sie Laure Wyss' Überlegungen folgen, mag ihnen allmählich aufgehen, wie wenig Grund man in Deutschland hat sich schadenfroh über die Probleme der Schweiz mit Europa zu amüsieren. Den Deutschen haben es die Katastrophen der deutschen Geschichte in diesem Jahrhjundert ausserordentlich erleichtert, das Heil in der europäischen Integration zu suchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten sie ganz rasch nur noch als Europäer gelten, weil sie hofften, im grossen Europa unauffindbar zu werden und so nicht mehr für das zur Rechenschaft gezogen zu werden, was sie zuvor als Deutsche angerichtet hatten.

(…)

Diese Briefe nach Feuerland sind ein unaufdringlich zum Nachdenken anregendes Plädoyer für Europa, das zur Abwechslung einmal nicht den Euro ins Zentrum stellt, sondern etwas inzwischen beinahe Vergessenes vermitteln will, nämlich Lust auf Europa. Laure Wyss' glänzend geschriebener Briefessay verzichtet auf grosse Worte und zieht es vor, greifbare europäische Erfahrungen zu nennen. Sich an die umständlichen Grenzprozeduren erinnernd, die sie in den dreissiger Jahren über sich ergehen lassen musste, als sie vom damaligen Wohnsitz in Schweden durch Deutschland in die Schweiz fuhr, geniesst die Autorin immer wieder die Mühelosigkeit heutiger Grenzüberschreitung.

Als gelernte und passionierte Journalistin hat Laure Wyss trotz ihres hohen A1ters die Mühe nicht gescheut, nach Brüssel und nach Strassburg zu reisen und sich europäische Institutionen von innen anzuschauen. Beim Verfolgen von Sitzungen des Europarats kommt sie zu dem Schluss, dass ausgerechnet die europaresistente Schweiz viel bessere Voraussetzungen als manches ihrer Nachbarländer mitbringt, sich in den Prozess der europäischen Integration einzufügen. Nicht nur die Mehrsprachigkeit hat sie dafür gut vorbereitet, sondern auch, wie Laure Wyss sagt, die lange «Erfahrung im Ertragen von ungleichen Nachbarn».

Lothar Baier

© Süddeutsche Zeitung

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