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Laure Wyss (1913–2002)
Sich behaupten – dafür war sie in Lebenshaltung und im
Schreiben Beispiel bis zum Vorbild. Umso überraschender, wenn man, wie dies
Vertrautere erlebten, ihre Selbstzweifel kannte. Aber das Sichinfragestellen
schärfte die Fähigkeit, Fragen an die Gesellschaft zu stellen; sie war nicht
jemand, der die Antworten schon vor dem Fragen kannte. Sie konnte in ihrer
Klarheit unerbittlich sein und zügelte ihre Radikalität mit Humor und
Ironie.
Um sich zu behaupten, gab es persönlichen und
gesellschaftlichen Anlass genug. Allein erziehende Mutter passte nicht ins
bürgerliche Bild. Bezeichnend, dass sie sich nicht aufs private Problem
versteifte, sondern dies ausweitete auf solche, welche sich auf ihre Weise
am Rand fanden – ob sie eine Terroristin im Gefängnis besuchte oder dank
Dokumenten «Mutmassungen über eine Familientragödie» darlegte. Und die
Erfahrung, die sie als Journalistin und Redaktorin in einer
männerdominierten Medienwelt machte, spiegelte sich in ihren Protokollen
«Frauen erzählen ihr Leben». Sie wurde zur Avantgardistin und Grand Old Lady
der Frauenliteratur, weil sie vom Erleben herkam und nicht von irgendwelcher
Ideologie oder einem feministischen Seminar. Ihre Prosa hatte Boden und
gewann damit an Kopf und Seele.
Erneut hatte sie sich zu behaupten, als nach ihrer
Pensionierung an Stelle des journalistischen Schaffens immer mehr das
literarische trat, was der belletristischen Zunft nicht unbedingt behagte.
Mi dieser zweiten Karriere wurde sie erneut Vorbild, diesmal für ein
kreatives Alter: Achtzigjährig, schrieb sie neben Erzählungen und Lyrik noch
«Weggehen ehe das Meer zufriert». Mit Büchern wie diesen Fragmenten zur
Königin Christina von Schweden erlangte Laure Wyss einen Platz in der
Literatur. Daneben kann vieles, was sich heute literarisch gibt, nicht
bestehen. Laure Wyss ist am 21. August, 89-jährig, gestorben.
Hugo Loetscher
Weltwoche, 29. August 2002 |