Laure Wyss

20. Juni 1913 21. August 2002

Laure Wyss

Wir verlieren eine engagierte Autorin, eine kluge Gesprächspartnerin, eine kritische Stimme und einen solidarischen Menschen

 

Radikalität und Leidenschaft

Der Verlag hat mehr als eine Autorin verloren.

Wir werden sie vermissen.

Noch vor einem halben Jahr kam sie zur letzten «Limmat Runde», unsere Verlagsversammlung mit Autorinnen, Vertretern und Aktionären, um mit uns über die Entwicklung im Verlagswesen und im Buchhandel zu diskutieren. Das ist typisch für ihre Anteilnahme am Schicksal von Büchern und an den Geschicken ihres Verlags.

«Wie gehts euch?», fragte sie zu Beginn eines jeden Telefongesprächs. Ober sie lobte ein Buch, das wir gerade herausgegeben hatten, tadelte eins, das ihr nicht gefiel. Später erkundigte sie sich nach dem Stand: Wie sind die Verkäufe, die Rezensionen? Immer mit Leidenschaft für das Medium Buch, voller aufklärerischem Optimismus, dass von guten Büchern Gutes ausgeht. «Neotopia», das diesen Juni erschienen ist, bestellte sie immer wieder nach, um es zu verschenken, unter die Leute zu bringen. Ihr Schwung, ihre Begeisterung war ansteckend.

Sie forderte den Verlag auch immer wieder. Was muss man tun, um einem Buch zu helfen? Was könnten wir oder müssten wir tun? Für ihre eigenen wie für die der anderen dachte sie mit, regte an. Auf eine kluge und unaufdringliche wurde sie eine Art inoffizielle Autorensprecherin, eine Stimme der Autoren.

Immer hellwach, begegnete sie allem mit großem Interesse und lebendiger Neugier. Als vor zwei Jahren die französische Übersetzung ihres Buches über die Königin Christina von Schweden, «Weggehen ehe das Meer zufriert» an der Genfer Buchmesse präsentiert wurde, war sie im Nu nach allen Seiten in Diskussionen mit ihre welschen Kollegen verstrickt. Und bis zuletzt konnte sie sich herrlich aufregen und über unerfreuliche politische Entwicklungen oder schlechten Journalismus schimpfen.

Bis zuletzt hat sie an ihrem erklärtermassen «letzten» Buch geschrieben: «Wahrnehmungen». Erinnerungen an Menschen, die ihr haften geblieben sind. Sie arbeitete mit gewohnter Radikalität, um Wahrhaftigkeit bemüht und um das richtige Wort. Das richtige Wort war ihr sehr wichtig.

Sie hat es oft gefunden, auch für uns.

Zürich, 22. August 2002, Der Verlag

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