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Radikalität und Leidenschaft
Der Verlag hat mehr als eine Autorin verloren.
Wir werden sie vermissen.
Noch vor einem halben Jahr kam sie zur letzten «Limmat
Runde», unsere Verlagsversammlung mit Autorinnen, Vertretern und Aktionären,
um mit uns über die Entwicklung im Verlagswesen und im Buchhandel zu
diskutieren. Das ist typisch für ihre Anteilnahme am Schicksal von Büchern
und an den Geschicken ihres Verlags.
«Wie gehts euch?», fragte sie zu Beginn eines jeden
Telefongesprächs. Ober sie lobte ein Buch, das wir gerade herausgegeben
hatten, tadelte eins, das ihr nicht gefiel. Später erkundigte sie sich nach
dem Stand: Wie sind die Verkäufe, die Rezensionen? Immer mit Leidenschaft
für das Medium Buch, voller aufklärerischem Optimismus, dass von guten
Büchern Gutes ausgeht. «Neotopia», das diesen Juni erschienen ist, bestellte
sie immer wieder nach, um es zu verschenken, unter die Leute zu bringen. Ihr
Schwung, ihre Begeisterung war ansteckend.
Sie forderte den Verlag auch immer wieder. Was muss man tun,
um einem Buch zu helfen? Was könnten wir oder müssten wir tun? Für ihre
eigenen wie für die der anderen dachte sie mit, regte an. Auf eine kluge und
unaufdringliche wurde sie eine Art inoffizielle Autorensprecherin, eine
Stimme der Autoren.
Immer hellwach, begegnete sie allem mit großem Interesse und
lebendiger Neugier. Als vor zwei Jahren die französische Übersetzung ihres
Buches über die Königin Christina von Schweden, «Weggehen ehe das Meer
zufriert» an der Genfer Buchmesse präsentiert wurde, war sie im Nu nach
allen Seiten in Diskussionen mit ihre welschen Kollegen verstrickt. Und bis
zuletzt konnte sie sich herrlich aufregen und über unerfreuliche politische
Entwicklungen oder schlechten Journalismus schimpfen.
Bis zuletzt hat sie an ihrem erklärtermassen «letzten» Buch
geschrieben: «Wahrnehmungen». Erinnerungen an Menschen, die ihr haften
geblieben sind. Sie arbeitete mit gewohnter Radikalität, um Wahrhaftigkeit
bemüht und um das richtige Wort. Das richtige Wort war ihr sehr wichtig.
Sie hat es oft gefunden, auch für uns.
Zürich, 22. August 2002, Der Verlag
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