Laure Wyss

20. Juni 1913 21. August 2002

Laure Wyss

Nachruf von Adolf Muschg

Flaschenpost für Laure Wyss (1913–2002)

Nicht jetzt. Und doch

Wir glaubten dir das Sterben ausgeredet zu haben. Es musste ja vielleicht einmal sein, aber nicht grade jetzt. Da konnte sie wiehern. Lach nicht so laut, sagte meine Frau, die du deine kleine Schwester nanntest, und du lachtest noch lauter. Natürlich stirbt eine, die man so lachen hört, nicht jetzt. Und um dich herum wurde jede Zeit zur Jetztzeit, auch die abscheulichste, und von diesem Stoff hatte das neue Jahrhundert jeden Tag etwas zu bieten. Dann konntest du sprachlos werden, wie gelähmt wirken oder abwesend; das blieb deine Art, voll da zu sein. Tod in Afghanistan war für dich nicht weiter weg als Tod in New York. Und weil der eine Tod am andern nichts gut, auch nur erträglich machte, gingen sie dir gleich nahe, Und sie traten dir nahe; sie empörten dich und entwaffneten dich zugleich. Denn gegen bodenlose Trauer halfen keine Waffen.

Mit dem eigenen Tod aber kokettiertest du in den letzten Jahren nicht ungern. Nicht weniger ungern hörtest du unsern Protest. Gegen so viel Dasein, hofften wir, habe er noch lange nichts zu bestellen.

Auf der heutigen Titelseite hat dich die NZZ 98 werden lassen. Nein, wen die Götter lieben, der stirbt jünger. Ich höre dich wiehern, leider von zu weit weg. Als wir heute in der Aufbahrungshalle von dir Abschied nahmen, sahen wir: Etwas kleiner hat dich der Tod gekriegt. Aber niemand hat dir den Mund zugebunden. Das stimmte.

Als du sicher warst, dass der Tod nicht mehr mit sich spielen liess, bist du ihm unzweideutig, mit der dir eigenen Klarheit entgegengegangen. Das Beste hat er nehmen können, deine Gegenwart, aber das Stärkste hat er dalassen müssen, deine Waffen, die Sprache. Sie hilft nicht gegen den Tod, auch diesmal nicht, aber sie setzt ihn dem Leben aus und sorgt dafür, dass es, auch wo es Ohnmacht empfindet, nicht in Ohnmacht fällt, vor keiner Gewalt.

«Bleib erschütterbar und widersteh» heisst ein Titel Peter Rühmkorfs. Kein Schlusswort für dein Leben, aber keine unpassende Gesamtüberschrift. Die Bieler Bürgerstochter als Pasionaria; dieser Mischung hast du nie getraut. Darin zeigte sich dein Format. An dieses hast du lieber nicht geglaubt. Du hast es vorgezogen, das jeweils Selbstverständliche, das es zu tun gab, als Glück zu empfinden; dass es schwer zu machen war, fandest du ebenfalls selbstverständlich. Eine professionelle Lebenshypothese; eine grosse menschliche Vorsicht. Den Unmut hast du dir von ihr nicht abkaufen lassen; aber den Mut noch weniger. Zaghaft habe ich dich nur in einem Punkt erlebt, allerdings einem für dich zentralen: Warst du eigentlich eine Schriftstellerin?

Was «schreiben» hiesse, ist dir früh aufgegangen, an zwei Orten: den Zerstörungen des Weltkriegs, die dich sprachlos machten; und beim Aufbau deiner Artikel und Reportagen, wo dir die Sprache nicht fehlen durfte. Darin steckte ein Widerspruch, den du nie glatt zurechtbügeln konntest. Darum darf ich dich nicht so einfach «Publizistin» nennen oder «Journalistin», obwohl du, weiss Gott, für die Anerkennung dieser Berufe gekämpft hast. Aber du warst nie eine «-istin», dazu fehlte etwas, oder etwas war zu viel. Dafür suchtest du kein Alibi, aber es schien dir auch nicht ganz zu reichen, dass du keines nötig hattest, niemand weniger – deine Empörung über die Benachteiligung von Frauen war begründet und unerschöpflich, sie war nicht von Programm oder Ideologie genährt, sondern von deinem Alltag als berufstätige und allein erziehende Frau. Doppelt anspruchsvoll, wie dich Notlagen machten, warst du nie sicher, ob es dir zum «Schreiben» auch reichte.

Und diese Unsicherheit war das Persönlichste an dir, weil sie nicht nur persönlich begründet war. Als junge Frau in Schweden hast du Kampfschriften aus dem besetzten Dänemark und Norwegen übersetzt, in ein Deutsch, das mit der Sprache der Besetzer nichts gemein haben durfte. Nach 1945 sind dir die Trümmer Warschaus, der Trümmerhaufen Europa durch die Augen in Fleisch und Blut übergegangen; anders als deinem Generationsgenossen Max Frisch haben sie dir die Sprache verschlagen. Darauf als Schriftstellerin zu reagieren, wäre dir wie der reine Mutwille vorgekommen. Aber die Schwäche dafür hast du dir nicht nehmen lassen, und was du dir stattdessen zugemutet hast, blieb davon eingefärbt. Es hat deiner Arbeit am Fernsehen und in der Zeitung, besonders deinem unvergesslichen «TA-Magazin» der ersten Jahre, jene Farbe, jene eigenartige Kraft gegeben, die immer etwas mehr und etwas weniger war als professionell und eben darum nie daneben. Es gab doch ein Leben nach 1968, und für viele hatte es dein Gesicht.

Die Quelle dieser Kraft blieb verschwiegen, bis man dich – das erlaubtest du dir erst im Pensionsalter – als Schriftstellerin kennen lernen durfte. Oder vielmehr: du dich selbst, findig, fantasievoll, rückhaltlos. Deine Bücher waren eine fortgesetzte passionierte Recherche in das Reich des Zwiespalts von Erschütterbarkeit und Widerstand. Nichts und alles daran war persönlich, und endlich durftest du es dir zu Eigen machen. Ob du das Gitter um eine junge Schweizer Strafgefangene gezeichnet hast oder dasjenige um eine vergangene Schwedenkönigin; es war zugleich das Fadenkreuz in deinem nur mit Genauigkeit und Vorstellungskraft bewaffneten Auge. Und immer war mit der Grenze der Freiheit zusammen ein neuer Schritt der Befreiung zu lesen. Die Geschichte der Sieger interessierte dich nur so weit, als sie leider auch die Geschichte der Besiegten ist. Und es wäre noch schöner gewesen, wenn du dir selbst dabei hättest trauen dürfen. Dann hätte der Geschichte die eigentliche Spannung gefehlt: diejenige zum Offengebliebenen deines eigenen Lebens.

Aber du hast es dir und den LeserInnen unbeugsam offen gehalten, in immer neuen Anläufen gegen jede Versuchung zur Selbstsicherheit. Getraut hast du dich allerhand – und darum war es dann noch schöner, als du dir selbst zu trauen anfingst, vorsichtig, uneitel, humorvoll. Es war, glaube ich, wirklich das Schönste deiner letzten Lebensjahre, der Schriftstellerjahre einer immer neu Anfangenden, dass ihre Jugendlichkeit nicht zu spät kam, dass deine Schwäche von denen, die daran nur die Stärke empfanden und eigenen Mut daraus schöpften, gewürdigt und auch gefeiert wurde. Du hast deine Sprache gefunden und sie dich. Nicht dass dir dabei das Lachen über dieses glückliche Zusammentreffen vergangen wäre. Aber die Anerkennung: Jetzt durfte sie endlich sein, auch für dich. An dem, was du in deinem Leben für viele andere, Freundlnnen, LeserInnen erworben hast, war nichts Saures mehr. Du bist angekommen, Laure.

Also müssen wir dich jetzt auch gehen lassen. Ich wünsche uns nur etwas von deiner Kraft dazu. Wenn dich einer die Mutter Courage der Schweizer Literatur genannt hätte: Den hättest du schön ausgewiehert. Es hätte dir schon gereicht, keine Tante geworden zu sein. Dabei blieben wir (nur den Jahren nach) Jüngeren noch so gern deine Nichten und Neffen, nur: Da hängt jetzt eine schwer anzutretende Erbschaft dran. Geschenkt, hörte ich dich sagen. Als ob du etwas jemals selbst geschenkt genommen hättest! Doch, das Wichtigste im Leben schon, auch wenns nicht immer leicht fiel: Freundschaft. Die hängt jetzt schon sehr an dir. Nimm bitte nicht alles davon mit ins Grab. Etwas, verdammt noch mal, werdet ihr auch noch selbst tun können, höre ich dich sagen.
Danke, Laure.

Adolf Muschg

Die WochenZeitung, 29. August 2002

 

© Limmat Verlag

Limmat Verlag Homepage

Web-Betreuung