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Laure Wyss 20. Juni 1913 — 21. August 2002 |
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Nachruf von Isolde Schaad |
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Schreiben, was wahr ist Huldigung vom äusseren Rande der Biografie Liebe Laure, Du hast es lange ausgehalten, zuletzt mit einem Stock und einem Schalk, bis in ein neues Jahrhundert, das als Jahrtausend anfing und noch nicht wusste, wohin mit sich und der Welt, die an einem Tag im September zurückfiel in zwei alte biblische Stammesfehden. Wenn ich so grossartig rede, wirst Du abwinken im Grab und sagen, nichts da, machs kurz und bündig. Grosse Worte klangen Dir so verdächtig im Ohr, wie die einfachen im Ohr wie die einfachen Wörter Dir teuer sind. In der Freiheit des Alters funkelnd, pur und schlicht im Gedicht. Du hast nur brauchbare Wörter geduldet, bei Dir und bei andern. Nun will ich eben hoch hinaus mit Dir, Mutter Courage einer Generation von Berufsfrauen und Lohnschreiberinnen, die zur Zeit, das Du das «Tages-Anzeiger-Magazin» mitbegründet hast, zwischen Mannkindberuf sassen und heulten. Steht auf, nehmt die Schreibmaschine, geht hin und recherchiert, das war Dein lapidares journalistisches Credo, und wir wussten noch nicht, was für ein Mut und eine Kraft darin steckten. Du hast uns auf grimmige Art zu fördern gewusst, die es an mütterlichem Wohlwollen nicht mangeln liess, wenn das Werk ehrlich und gut war. Es war nicht leicht, an Deine unverblümte Autorität heranzukommen, Deine Integrität hat sich lieber in Schweigen gehüllt, als ein falsches Wort oder ein dummes Lob zu spenden. Dein langes autonomes Leben in vielen Ländern der Geistesgeografie hat von anfang an so gedacht zuhanden der allein erziehenden Mütter, der Frauen im Knast, der Autorinnen im Patriarchat, der Feministinnen der zweiten Runde, mit dem Stimmzettel und dem Abwaschbesen in der Hand. Was wir damals noch nicht wussten: Du warst eine souveräne Alleingängerin und hast im Grunde genommen niemanden gebraucht, Du hast den kulturellen Reichtum einer Passantin und einer Europäerin der ersten Stunde in Dir gehabt, die Du jenseits der Freundschaft mit allen und niemandem geteilt hast. Bitte keine Tränen am Schürzenzipfel der Emanzipation, sagte Deine Stattlichkeit hinter dem Pult, wenn man in die Redaktion trat und Deine Gunst zu erwerben suchte. Schreiben, was wahr ist, und das mit Überzeugung, ohne jede Konzession und Anbiederung an eine Literatur, die das Handtäschchen und den Salon mit sich führt. Das fügten dann Deine Haltung, Dein Format bei, wenn Du dich erhobst und immer grösser Warst als alle andern im Raum, in jeder Hinsicht und Bedeutung des Wortes. Schreiben, wie Dir der Kopf gewachssen ist, und mit den ganzen Augen von links bis rechts. Um zu erkennen und nennen, was ist und was nicht ist in dieser besten aller westlichen Welten, die sich Demokratie nennt. Basta, verstanden? Verstanden. Tragt gute Schuhe, nehmt den Brotsack und Personalausweis mit, wenn ihr den vorzeigen müsst, dann seid ihr im richtigen Auskunftsgelände. Liebe Laure, natürlich hast Du das nicht so gesagt, Du hast es so überzeugend gedacht, dass man es sehen konnte. Wenn ich sage, Du warst die letzte Generalistin des Metiers, die keine Humanistin sein wollte, sondern eine Aufständische, eine Radikale des zivilen Ungehorsams, so ist das eine Huldigung, die ich hauche, denn wieder wirst Du abwinken und wettern, sei nicht so laut, der Feind hört mit. Du hast viel verlangt von uns, wenn Du eine von uns wirklich zur Nachfolgerin wolltest, das meiste war Schmonzens für Dich, wenn es nicht aus der Leidensform der Erfahrung kam. Frauensolidarität? Sie war anwesend, stark und wortlos, sie hiess Gebrauchswert. Schon der Begriff Feminismus war Dir zu pompös. Der Einsatz am unteren Ende des Wohlstandsgebäudes, eine lebensharte Sache, die keiner Theorie bedurft hat. Ein Erzählen auf dem Grunde des Elends will keinen Namen, es will Verstehen – was mehr ist als Verständnis. Das hat uns Deine Arbeit, die nun ein Werk ist, ein Leben lang mitgeteilt … Die Bürde der Profession, mit der ganzen verhaltenen Bitterkeit der Alleinkämpferin im Patriarchat, dachte ich damals. Was ich dachte, leuchtet nun am Ende eines Jahrhunderts, das Du erhobenen Hauptes durchschritten hast. Es leuchtet mir heim, in seinem furchtlosen Mut und seinem, fast möchte ich sagen, ruchlosen Menschenverstand. Es gilt die Gescheiten von den Intellektuellen von den Viel- und Besserwisserinnen zu trennen, das war ein Urteilskriterium Deines überaus gewieften, gewappneten sozialen Instinktes, mit dem Du Deinen Beruf ausgeübt hast, und Dein Beruf war, das Unrecht beim Namen zu nennen (das Unrecht, nicht das Programm der Bekämpfung). Ich meide vor Dir, die Du ein Gesicht hattest, das Du niemals verlorst, ein bis zum Letzten unresigniertes, schönes und starkes Gesicht, Wörter wie soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz, ich erspare Dir diese schmucken Inflationen, die vor dem einzigen und ungeteilten Wollen Deiner Sprache wie Werbeformeln in die Knie gehen: zu sagen, was Sache des Menschen ist. Isolde Schaad Tages-Anzeiger, 23. August 2002 |
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