Laure Wyss
Schuhwerk im Kopf
und andere Geschichten

2000, 64 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-341-X

2. Auflage 2000

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Kurze Inhaltsangabe

Im Alter unterwegs

«Ich bin jetzt alt.
Du doch nicht.
Darf ich nicht?»

Begegnungen mit alten Menschen in Vergangenheit und Gegenwart und damit auch mit sich selbst: Laure Wyss formuliert weder Rezepte fürs Altwerden noch Altersweisheiten.

Betroffen und sachlich zugleich schildert sie Erinnern und Vergessen, Schwierigkeiten des Alltags, notwendige Hilfe, Altersheim, Taschenraub, eine beschwichtigende Umgebung. Durch die kurzen, genauen Prosatexte bekommt man eine Ahnung davon, was das Leben im Alter bedeutet und fordert. Manches kommt einem bekannt vor, und doch ist alles ganz anders. Keine Theorien, aber Mitteilungen: Laure Wyss teilt ihr Altern mit uns.

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Textprobe

Gebt mir Zeit!

Ich dachte auf einmal an die Wochen, als ein Nachbar, Carlos aus Lima, mir Spanisch beizubringen versuchte. Wir lasen Texte zusammen, meistens lachten oder weinten wir über denselben Stellen, ohne uns zu genieren. Einmal hatte Carlos ein Gedicht von Jorge Luis Borges aus irgendeinem seiner Bücher kopiert, und diese Kopie, eine schlechte übrigens und voller Kraxeleien des Lehrers und der Schülerin, fiel mir kürzlich in die Hände. Mein Blick blieb haften auf zwei der letzten Zeilen dieses «Otro poema de los dones», eines Hymnus des Dankes für alle Gaben, die das Leben des Dichters reich gemacht haben. Im Pathos erinnert mich das Gedicht an die Lobpreisungen des Francesco d’Assisi, dem Gesang der Geschöpfe (Il canto delle creature). Der argentinische Dichter beginnt seine Zeilen aber nicht mit «gelobt sei …», sondern mit «gracias por», er bedankt sich für die verschiedensten Dinge und Erfahrungen, die sein Leben als Weltbürger prägten: zum Beispiel für die letzten Tage des Sokrates, für die Wortmelodie aus England, für Verlaine, für die hohen Türme von San Francisco und Manhattan, für Angelus Silesius und so weiter. Fast am Schluss das «gracias»:

por Frances Haslam, que pidiò perdòn a sus hijos
por morir tan despacio.

Frances Haslam, die englische Grossmutter des Jorge Luis, wohnt im Hause ihrer Söhne in Buenos Aires und bittet diese um Verständnis dafür, dass sie derart langsam sterbe. Was für eine merkwürdige Bitte! Noch erstaunlicher, dass dieser Satz dem Enkel so tiefen Eindruck macht, dass er ihr, viel später, dafür dankt. Als Bub hat er seine Grossmutter als alte Frau erlebt, die sich mit ihrem Tod beschäftigt und auch drüber spricht. Was die natürlichste Sache der Welt wäre, was aber selten passiert und deshalb dann den Tod eines Nächsten viel erschreckender macht. Wahrscheinlich ist es dieser Grossmutter Frances Haslam, wie jedem alten Menschen, manchmal verleidet, weiterzuleben, aber sie hat mit Respekt auf den eigenen Tod gewartet; sie hat Geduld geübt, sie wusste, dass diese letzte Lebenszeit für jeden Menschen von grösster Wichtigkeit ist, und sie selber brauche dafür viel Zeit. Sie nahm sie sich. Hat Borges schon als Kind geahnt, dass vor dem Sterben noch viel anderes abläuft als nur der Abbau der Kräfte und der Nützlichkeit; dass jetzt die äussern Stationen einer Biografie, der Erfolg und der Misserfolg keine dominierende Rolle mehr spielen, konventionelle Massstäbe ebenso wie medizinische Einschätzungen wegfallen, dass das langsame Auslöschen eines Lebens vielleicht die gnadenvolle Chance bietet, zu seinem innersten Wesen vorzudringen, nämlich vor dem Tod ein Mensch zu werden. Wer weiss, wer weiss!

Notiz

von Hans Baumann

Texte, die für eine Zeitungskolumne geschrieben, im Radio gelesen oder in einer literarischen Anthologie veröffentlicht wurden: in diesem Buch ist das Feld von Medien abgesteckt, in dem sich Laure Wyss mit ihrem Schreiben bewegt. Und ebenso das der Formen. Kritische Stellungnahme, autobiografische Schilderung, spielerische Fiktion ergänzen und durchdringen einander.

Es entstehen Darstellungen von Episoden, Szenen und Zusammenhängen, die sich nahe an der tatsächlichen oder möglichen Wirklichkeit bewegen. Laure Wyss nimmt diese aus ihrer ganz eigenen Perspektive wahr, sieht Details, die anderen, Teilnahmsloseren, verborgen bleiben. Damit gerät sie nicht ins Zufällige, im Gegenteil, ihre Zuneigung zum Einzelnen und dadurch Einzigartigen, Unverwechselbaren eröffnet Einsichten, die wie selbstverständlich vom Besonderen ins Allgemeine führen.

Vordergründig ist häufig vom Altwerden die Rede, vom dabei erfahrenen Verständnis und Unverständnis und von der kaum zu entwirrenden Verbindung von beidem. Dahinter aber erscheint ein Thema, das Laure Wyss seit je beschäftigt, die Bedrohung des Menschen durch Macht und Gewalt. Ob diese sich in ihrer primitivsten Ausprägung zeigt, der brachialen, oder in subtileren Formen – durch die präzise Sprache wird sie gefasst, durchleuchtet und erlebbar gemacht und damit mit Entschiedenheit und, trotz allem, hoffnungsvoll bekämpft.

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Pressestimmen / Rezensionen
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Schaffhauser Nachrichten vom 29. Februar 2000
Rd_tri.gif (202 Byte) Bieler Tagblatt und www.news.ch vom 2. März 2000
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Bund vom 4. März 2000
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 22. März 2000
Stimmen
Rezensionen

Schaffhauser Nachrichten vom 29. Februar 2000

Die «grosse alte Dame» missfällt ihr sehr 

Wie man sich vom Ballast konventioneller Massstäbe befreit, erzählt Laure Wyss.

Die 87-Jährige verwahrt sich gegen die Kategorisierung anhand des Alters. Die Umschreibung «grosse alte Dame» missfällt ihr sehr. Und doch steht Laure Wyss distinguiert und weise dem literarischen Journalismus der Schweiz vor. Ganz ohne Pose. Einfach deshalb, weil sie konsequent an ihrem Werk fortschreibt. Dass sie jung geblieben sei, will sie auch nicht hören. «Ich bin so alt, wie ich alt sein will, und jetzt will ich eben alt sein», hält sie trotzig fest, spricht durch ihr Denken aber gleichwohl viele junge Menschen an.

Sie will ausdrücklich kein Vorbild sein und «Rezepte» geben. Aber allein die Art, wie sie in ihren jüngsten Texten von der Erfahrung des Alterns erzählt, ist vorbildlich. Entstanden sind sie für die Zeitung, fürs Radio, für eine Anthologie. Die Texte im neuen Geschichtenband ergänzen auch die Bibliographie der ungebrochen kämpferischen Humanistin.
 

(…)

Matthias Peter
© Schaffhauser Nachrichten

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Bieler Tagblatt und www.news.ch vom 2. März 2000

Gute Schuhe - für den Kopf

Laure Wyss' Buch «Schuhwerk im Kopf» versammelt neue Texte aus Zeitungs-, Buch- und Radiobeiträgen: Kluges und Unzimperliches über das Alter. Laure Wyss nimmt kein Blatt vor den Mund.

Laure Wyss ist 86 und hat ein halbes Jahrhundert engagierten Journalismus betrieben und Bücher geschrieben. Sie sieht jünger aus als ihr Jahrgang und ist immer noch kühner und engagierter als manche Jugendliche. Wenn sie sagt «Ich bin jetzt alt» antwortet jeder gleich: «Du doch nicht». Das stört sie. Alter ist kein Schimpfwort, sondern der Name einer Lebensepoche, sagt sie.

«Von der Klippe stürzen»

Freilich, so Wyss, ist kein anderer Lebensabschnitt so streng reglementiert wie das hohe Alter. Altsein heisst, zum wachsenden Kontingent jener zu gehören, «die zur Belastung der aktiven Bevölkerung werden». Und sie stellt sich einen Demonstrationszug der «Überfälligen» vor, der sich wie die Lemminge von der Klippe stürzt.
Dieser düster-sarkastische Beitrag ist freilich nicht typisch für «Schuhwerk im Kopf». Die meisten Beiträge sind - im Gegenteil - aufbauend. Wie gestalte ich mein Alter, fragt sich die Autorin, und entfaltet Aspekte ganz eigener Art.

(…)

r Täter hatte sich durch ihren festen Schritt provoziert gefühlt und die Ärzte muteten ihr zuviel zu.

Irene Widmer, sfd
© news.ch

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Der Bund vom 4. März 2000

«Ich bin so alt, wie ich alt sein will»

In ihrem neuen Buch thematisiert die in Zürich lebende Bielerin Laure Wyss, kantonalbernische Literaturpreisträgerin 1998, auf frische und unbeschönigte Weise das Alter als entscheidenden letzten Lebensabschnitt.

Es ist wohl noch kaum irgendwo so schonungslos offen, so lapidar, so unprätenziös exakt und doch so ermutigend und tapfer über das Alter und seine Beschwerden geschrieben worden wie im jüngsten Buch der bald 87jährigen Laure Wyss. «Schuhwerk im Kopf» heisst der schmale Band, und gleich schon die Titelerzählung entfaltet den ganzen Reichtum von Laure Wyss' gestalterischen Möglichkeiten und liest sich wie eine Coda, eine Verdichtung der in dem Band angeschlagenen Thematik.

(…)

 Dabei ärgert es die Autorin am meisten, dass man sie immer und überall auf das Altsein reduziere - selbst dann, wenn es, wie in ihrem Fall, mit Zückerchen wie «old lady» oder «grand old lady» versüsst werde. Im Gedenken an ihre Mutter und das Bieler Altersheim, wo diese ihre letzten Jahre verbrachte, bringt sie das Für und das Wider des Gettos Altersheim aufs Tapet. Am Beispiel eines Freundes, der das Altern schwer nahm, zeigt sie auf, wie «aus der Schwäche neue Namen, andere Kräfte, eine unerwartete Welt» entstehen können; feinsinnig umschreibt sie den Moment, in dem der alte Mensch sich gezwungen sieht, Hilfe zu akzeptieren, den Augenblick aber auch, in dem er sich bereit finden muss, einen altersgemässen Rhythmus anzunehmen.

Sprechende Beispiele

Nein, lernen könne man das Altern nicht, meint sie, so grossartig Cicero und Cato das propagiert hätten. Und dann gibt sie drei sprechende Beispiele für eine trotzige und selbstbewusste, recht eigentlich emanzipierte Art und Weise, das Alter und seine dunklen Seiten zu überwinden: Hermann Melvilles Schreiber Bartleby, der sich bis zum letzten Moment und sogar bis in den Tod hinein weigert, die Verantwortlichkeit für sein Tun und Lassen an andere zu übergeben, Jorge Luis Borges' englische Grossmutter Frances Haslam, die auf einem «langsamen Sterben» beharrt, weil sie weiss, «dass diese letzte Lebenszeit für jeden Menschen von grösster Wichtigkeit ist» und «das langsame Auslöschen eines Lebens vielleicht die gnadenvolle Chance bietet, zu seinem innersten Wesen vorzudringen», und die Putzfrau Barbara N., die sich im Leben nicht unterkriegen liess und ihre schönste Zeit auf dem Totenbett erlebt, mit einer Totenwache, «wie es Königinnen gebührt».

Der letzte Text des Bandes, «Einbruch im Juni», ist, da er 1998 bereits im legendären Literatur-Almanach abgedruckt war, zumindest für Bern nicht mehr ganz neu. Im vorliegenden Buch aber nimmt sich dieses Protokoll, das vom heimtückischen Überfall auf die damals 84jährige Autorin und von der allmählichen Überwindung der entsprechenden körperlichen und seelischen Verletzungen handelt, ganz besonders bewegend aus. Denn nur weil jenes Trauma inzwischen fast ganz vernarbt ist, konnte dieses luzide und unbeschönigt offene, literarisch eindrucksvolle Selbstporträt entstehen, das das Alter ebenso selbstverständlich ernst nimmt wie ein Kindheitsbuch das Jungsein.

Charles Linsmayer
© Der Bund

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Neue Zürcher Zeitung vom 22. März 2000

Verweigerungen

«Schuhwerk im Kopf», Geschichten von Laure Wyss

Nein, Rezepte über das Altwerden mag sie nicht geben, als Vorbild will sie erst recht nicht gelten, und als «grand old lady» soll man sie nicht ansprechen. Denn das Alter ist nach ihrer Ansicht keine Kategorie, der man wohlfeil Menschen zuordnen (und damit erledigen) kann, sondern ein Zustand. Die kleine Sammlung von Geschichten der Laure Wyss, «Schuhwerk im Kopf», beginnt mit Protesten - nicht anders erwartet man es von der in Zürich lebenden Autorin. Noch immer zeigt sie bisweilen das, was man ein störrisches Naturell nennen möchte; dabei ist es ein vitaler Eigenwille, den sie einsetzt, eine kluge Intelligenz, mit der sie Vorgegebenes kritisch untersucht. Ein Leben lang hat sie sich an Kanten reiben müssen. Eine solche Lebensart, die nicht mit Glätte verwöhnt worden ist, schärft den Widerstandswillen, legt das Nein rascher auf die Zunge als das Einverständnis.

So bietet Laure Wyss mit diesen Geschichten keine rasch verdauliche «Lebenshilfe» an. Vielmehr serviert sie Knacknüsse, an denen man bisweilen zu beissen hat. Die Texte, welche zuvor als Zeitungskolumnen oder als Einzelbeiträge in Anthologien erschienen sind, wählen zwar vorerst Alltagserscheinungen als Anreiz, unschwer verständliche Situationen. Aber sie greifen oftmals weiter bis hin zu philosophischen Überlegungen. Und unversehens wird man lesend zum Lernenden, weil diese Autorin bei allem ihr eigenen Understatement Wichtiges weiterzugeben hat. Dies vielleicht, «dass das langsame Auslöschen eines Lebens vielleicht die gnadenvolle Chance bietet, zu seinem innersten Wesen vorzudringen, nämlich vor dem Tod ein Mensch zu werden. Wer weiss, wer weiss!» Dazwischen setzt sie poetische Bilder mit Tiefenwirkung: In der Titelerzählung taucht etwa der Fährmann auf, der die Reisenden über den dunklen Fluss leitet und der Wahrheit, welche für diese noch nicht sichtbar ist, ins Auge blickt. In allem aber bleibt Laure Wyss, an der Sokrates seine Freude gehabt hätte, die Fragende, nie wendet sie mit apodiktischen Aussagen Gewalt an.

(…)

Beatrice Eichmann-Leutenegger
© Neue Zürcher Zeitung

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