Laure Wyss
Wahrnehmungen
und andere Geschichten

Herausgegeben von Tobias Kaestli und Hans Baumann

2003, 96 Seiten, gebunden

ISBN 3 85791 397 5

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Kurze Inhaltsangabe

Was bleibt? Bilder

Obwohl sich Laure Wyss in viele ihrer Texte selber einbrachte, wollte sie keine Autobiografie schreiben. Auch ihre Lebenserinnerungen galten den anderen: Menschen, denen sie begegnet war. In den Texten, an denen sie bis zuletzt arbeitete – sie hat sechs hinterlassen –, ging sie auf die Suche nach Erinnerungen und stiess auf Bilder, die sich ihr eingeprägt haben.

«Also kein Bedauern, wenn Erinnerungen verblassen. Die Bilder jedoch, die ein Leben prägen, sind später in schärferer Zeichnung da, und sie verschwinden nie mehr. Es braucht nur eine Nachsicht, eine Ergebung, sich ihnen zu stellen. Sie sind ohne Falsch.

So nehme ich mir heraus, die Bilder, die auftauchen, die ich wahrnahm, die mein Leben veränderten, nachzuzeichnen. Mir fällt dabei auf, dass die Bilder mit Menschen zusammenhängen, die zufällig meinen Weg kreuzten. Sie dürfen nicht vergessen werden. Von ihnen ist die Rede oder das Schreiben.»

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Textprobe

Keine Erinnerung — nichts

 

Das Läuten der Abendglocken tönte über die Stadt. Es war an einem Samstag vor Ostern, das Geläute lauter als sonst, es drang in die Stube, wo wir zusammen sassen, es lag über unserem Gespräch.

Er möchte mit mir über seine Mutter reden, hatte Josy gesagt. Und seine Lebensgefährtin schien zufrieden, dass diese Frage an mich endlich passierte, sie mischte sich nicht ein, aber sie beteiligte sich lebhaft mit Kopfnicken oder Kopfschütteln. Sie wusste ja, dass Josy vor vielen Jahrzehnten, zwischen seinem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahr, bei mir im Bergdorf gewohnt hatte und dass ich seine Mutter gern gehabt hatte. Selbst erinnerte sich Josy nicht mehr daran, wie es gewesen war, wusste nichts mehr von seiner Kindheit, nichts von einer Beziehung zur Mama. War es für ihn überhaupt eine gewesen? Das plagte den Josy seit langem.

«Was, du weisst nicht mehr, wie stolz deine Mutter auf dich gewesen ist und wie sie die Worte ‹mein Josy, mein Sohn› ausgesprochen hat? Der innige Tonfall deiner Mutter hat mir immer gefallen.»

Das habe er so empfunden, räumte Josy ein, sie habe ihn immer bewundert und für sehr gescheit erklärt ... viel zu sehr eigentlich, obschon man das als Kind schätze … aber er habe immer gespürt, dass sie ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen habe und habe deshalb dem hohen Lob nie ganz getraut. Und noch einmal: «Was hast du an meiner Mutter geschätzt?»

«Darauf gebe ich dir gern Antwort, lieber Josy. Deine Mutter kam in mein Leben, als sie dich bei uns oben in den Bergen besuchte. Sie war, als Flüchtlingsfrau, in einem schweizerischen Lager eingesperrt, es war noch während des Krieges, 1943 denke ich, während du aus dem Lager in eine Pflegefamilie kamst, ins Bergdorf, in meine kinderlose Ehe. Durch welche Vermittlung, das weiss ich nicht mehr. Es wurden Plätze für Flüchtlingskinder gesucht. Die Mädchen, die herzigen, fanden leicht Unterkunft, aber so ein dreizehnjähriger Bub, ein jüdischer Bub zudem, da wurde gezögert. Ich selber habe dich aber als Demonstration gewünscht, im Bergort war meine Umgebung sehr deutschfreundlich, also auch aus egoistischen Gründen nahm ich dich auf, mein lieber Josy, daran würde man meine Einstellung zur Kriegssituation erkennen. Es gelang ja dann auch, denn einige Leute im Bergort kamen nicht mehr zu uns zu Besuch, und das freute mich sehr. Aber ich glaube, ich habe dich ausgenützt, das musste ich dir einmal gestehen.»

«Aber nun über meine Mutter, bitte», so Josy.

«Für mich war sie eine demütige Frau, eine Frau, die nicht klagte, nicht über die Leiden der Verfolgung redete. Eine Frau, die ein schweres Schicksal ertrug. Sie war glücklich, dass ihr Sohn vom Lager befreit war und dass sie selber, einmal im Monat, frei bekam und zusammen mit ihrem zweiten Mann dich besuchen durfte. Viel habe ich nicht mit ihr gesprochen, denn sie sass, mit deinem Stiefvater, der dir fremd war, wie ich bald feststellte, den ganzen Sonntag in deinem Zimmer, und meine Versuche, euch drei hinauszulocken, an die Sonne, an die frische Luft, zu einem guten Essen vielleicht, scheiterten immer. Ihr drei sasset eingesperrt, ihr wünschtet keinen Kontakt mit aussen.»

Und fügte sogleich hinzu: «Du warst mir in den ersten Monaten ja auch fremd geblieben, meine hilflosen und vielleicht dummen Versuche, dich aufzuheitern, scheiterten. Du reagiertest mit leisem ‹ça m'est égal› und Achselzucken. Was tun? Am besten gar nichts, keine Vorschläge. Ich führte dich in die Sekundarschule, wo du trotz deiner mangelnden Deutschkenntnisse bald brilliertest, ich schickte dich in den Religionsunterricht in der benachbarten christlich-reformierten Kirche, obschon du abends, kaum ins Bett gebracht und nach dem Gutenachtsagen, deine Kipa aufsetztest und hebräische Gebete sprachst.»

Daran erinnert sich Josy nicht, an die Kirche schon und dann vor allem an die Bergwelt und ans Skifahren (ich hatte mir immer Mühe gegeben, ihm die Sprünge und Kehren und Kurven beizubringen, hatte mein Tempo gedrosselt – wie eine sorgende Skilehrerin, bis der Sieg des Buben Josy eintraf: auf einer sehr högerigen Abfahrt, über die man mit weichen Knien gleiten musste, überholte der Schüler die eingebildete Lehrerin, mit einem nachsichtigen und leicht triumphierenden Lächeln. Ich musste damals lachen, die Freude war enorm, ein Sieg meines kleinen Gastes, ein Sieg aber auch für mich.)

(…)

 

 
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Pressestimmen / Rezensionen
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Neue Zürcher Zeitung vom 27. März 2003

Rd_tri.gif (202 Byte) Berner Zeitung vom 8. April 2003
Rd_tri.gif (202 Byte) Virginia vom März 2004
Stimmen

Neue Zürcher Zeitung vom 27. März 2003

Lebensmuster

«Wahrnehmungen» von Laure Wyss

Nein, eine Autobiographie hatte sie nie schreiben wollen, eine solche stecke immer voller Lügen. Aber warum nicht kleine Geschichten, warum nicht Bilder und Begegnungen, die immer wieder aus dem Erinnerungsozean auftauchten? Nun liegen, ein gutes halbes Jahr nach dem Tod der Schriftstellerin Laure Wyss (1913-2002), sechs Erzählungen vor, denen sie noch selbst den Titel «Wahrnehmungen» beigegeben hat. Man soll diese Überschrift streng beim Wort nehmen: Wahr und wahrhaftig schreiben, darin gründete das literarische Credo dieser Autorin, die sich selbst ungemein kritisch und skeptisch über die Schulter guckte und spät zu einer Selbstwahrnehmung als Schriftstellerin gefunden hat.

Erinnerung eines langen Lebens

Diese postum veröffentlichten Texte kreisen alle um die autobiographisch grundierte Erinnerung eines langen Lebens. Ihr nachsinnend erfährt die Schreiberin, dass sich dieses kapriziöse Phänomen stets wandeln kann, dass etliches schwindet, während anderes bleibt, dass die inneren Bilder gegenüber einer späteren Nachprüfung an Ort meist ungemein stärker ausfallen. So bleibt in der ersten Erzählung, «Der Ausflug», etwas unverrückbar haften, dicht und gegenwärtig: der Tod des kleinen Walterli vor vielen Jahren, eingebrochen in jene Ferienlandschaft, die Laure Wyss für sich und den kleinen Sohn entdeckt hat. Die Fahrt dagegen an den Sommersee, unternommen mit Freunden in der jüngsten Vergangenheit, hinterlässt einen schalen Eindruck. Warum den Erinnerungen nachjagen, welche doch nur die inneren Bilder stören? Was hingegen Laure Wyss geradezu verstört, ist andrerseits die Erinnerungsleere, dieses absolute Vakuum. Sie fragt danach in der Geschichte «Der Raub». Es ist die beharrliche Auseinandersetzung mit jenem Überfall mitten in Zürich, da sich die Autorin verzweifelt gewehrt, aber gerade diese wenigen Sekunden völlig vergessen hat. «Schockamnesie» lautet der Begriff in der medizinischen Terminologie, aber er hilft nicht weiter im Wissen, dass sich seither ein «Riss durch die eigene Existenz» zieht.

(...)

Schallendes Lachen, verhohlene Trauer

In all diesen Texten, diesen wohltuend unambitiösen Vermächtnissen, registriert Laure Wyss nüchtern, ohne Umschweife, aber dennoch mit gebändigter Emphase. Sie insistiert, fragt zäh nach, springt mit sich selbst unbequem um. Manchmal glaubt man noch ihr schallendes Lachen zu hören, manchmal spürt man ihre kaum verhohlene Trauer und jenen weichen Untergrund des Gemüts. Wenn sie dialektale Wendungen einstreut, steht sie ganz auf helvetischem Boden, und man schmunzelt, wie sie unbekümmert von «högerigen Abfahrten» mit den Ski spricht. Doch bisweilen entfernt sie sich schon von den umtriebigen Geschäften der Lebenden. So wichtig sind diese nicht mehr in einer letzten Lebenszeit, da sie selbst «das heftige Erleben der Gefährdung» spürt. Nur dieses zählt: «Die Sterne leuchteten näher. Nun scheint es möglich, dass Ohnmacht Stärke bringt.»

 

Beatrice Eichmann-Leutenegger

© NZZ

 
Berner Zeitung vom 8. April 2003

(…)

Prägende Begegnungen

In «Wie es war - war es so?» scheinen schon Ereignisse kurz auf, die Laure Wyss in den «Wahrnehmungen» einer eingehenderen Betrachtung unterzieht. Da ist zum Beispiel die Schilderung der Reise ans Totenbett ihres Grossvaters, die sie nun in einem fiktiven Dialog mit der Enkelin, die sie damals war, aufrollt. Oder die Begegnung mit Jules Feldmann, dem russischen Immigranten und Herausgeber der «Davoser Revue», in dessen Küche sie nicht nur «das Redigieren und Korrigieren von Texten und die Sorgfaltspflicht einer Redaktion» lernt, sondern auch anhand einer vorgetragenen Cechov-Novelle Einblick in den «überwältigenden Bogen eines menschlichen Lebens» erhält.
Auch den jüdischen Pflegeknaben erwähnte sie in der biografischen Skizze. Sie hatte ihn während des Weltkriegs im deutschfreundlichen Davos demonstrativ bei sich aufgenommen. Im Text «Keine Erinnerung - nichts», in dem der inzwischen siebzig Jahre alte Mann Laure Wyss über seine Mutter befragt, der er in seiner Erinnerung keinen gebührenden Platz hat einräumen können, zeichnet sie exemplarisch eine von einer gestohlenen Kindheit geprägte Lebensgeschichte nach.

Grössere Freiheit

Wie bereits in ihrem vorletzten Buch «Schuhwerk im Kopf» befragt sich Laure Wyss auch in «Wahrnehmungen» noch einmal intensiv zu dem Raubüberfall, den sie auf offener Strasse erliltt. Die daraus resultierenden gesundheitlichen Langzeitfolgen stellten ein einschneidendes Erlebnis in ihrem Alter dar. Die Erfahrung, sich als «kleinstes Nichts zu empfinden und doch ein Teil des Kosmos zu bleiben», vermag sie nun als tröstlich zu bezeichnen. Verunsicherung und Zweifel hätten sie endlich zu einer «grösseren Freiheit» geführt, der zu vertrauen sei, schreibt sie.

Nicht verbriefter Adel

Unter dem Titel «Der Ausflug» beschreibt Laure Wyss, wie sie am Begräbnis eines ihr fremden Kindes teilnimmt. Dabei verspürt sie ganz deutlich die tröstliche Kraft der Trauerriten.
Und «Gedenkblatt für Doudou» ist eine Hommage an die Tochter eines Senegalesen und einer Schweizerin. Die Frau vermutet in ihrem Vater Doudou einen Königssohn. Laure Wyss lässt nicht zu, dass man darüber lächelt. Sie rechnet diese Frau, die nicht nur über einen stolzen Gang und noble Bewegungen verfügt, sondern auch noble Gedanken zeigt, ohne weiteres zum königlichen Geblüt: «Ihr Adel ist nicht verbrieft, deshalb in keiner Weise degeneriert. Der Adel der D. ist frisch und wie von selbst gewachsen.»
Diesem geistigen Adelsstand hat auch Laure Wyss angehört. Mit Leib und Seele. Das beweisen die «Wahrnehmungen» aus ihrer letzten Lebensphase noch einmal wunderbar.

Matthias Peter
© Berner Zeitung

 

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