Leonardo Zanier

Den Wasserspiegel schneiden / Sot il pêl da l’âga 

Gedichte Friaulisch/Deutsch, mit italienischer Übersetzung des Autors zu den originalsprachigen Gedichten

Mit einem Vorwort von Ottavio Besomi und einem Nachwort von Mevina Puorger. Aus dem Friaulischen von Laura Pradissito, Uwe Hermann, Flurin Spescha und Mevina Puorger. Redaktion von Mevina Puorger und Franz Cavigelli

2002, 280 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-379-7

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Kurze Inhaltsangabe

Der vorliegende Band versammelt Gedichte des Friulaners Leonardo Zanier, die zwischen 1960 und 2000 entstanden sind. Zaniers Gedichte führen zu menschlichen Grundfragen. Sie handeln von Menschen unterwegs, von Ausgegrenzten und Gezeichneten, fremd in der Fremde und fremd in ihrer Heimat, von Menschen im Krieg, von Liebenden und Geliebten.

Zaniers Poesie ist lyrisches Kondensat der Geschichte des Friauls/Karniens von der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis auf den heutigen Tag. Und seine Gedichte begleiten das Leben italienischer Emigranten in der Schweiz der Nachkriegszeit. Zaniers Credo ist poetisch und politisch zugleich, seine lyrischen Texte beispielhaft für die Geschichte vieler Individuen, die er mit wachem Auge beobachtet und mit poetischer Präzision festhält. Hier wird nichts erfunden, und doch fügen sich diese Bilder zu einem Epos, das über die Menschen des Friaul hinaus auf allgemein Gültiges verweist.

Leonardo Zanier, geboren 1935 in Maranzanis von Comeglians (Friaul). Wie viele Landsleute hat er länger im Ausland als in Italien gearbeitet. 1954 emigrierte er nach Marokko, dann in die Schweiz. Seit 1987 lebt er in Rom und in Zürich. Lange Jahre Engagement in Projekten gegen Armut, seit 1988 Präsident der ECAP. Er dichtet seit 1960 vorwiegend in friaulischer Sprache.

Bibliografie

Originalausgaben

Libers … di scuginî lâ / Liberi … di dover partire, Gedichte 1960–1962, Vorwort von Sergio Cofferati, Nachwort von Rienzo Pellegrini, 6.Auflage, Ediesse, Rom 1998

Che Diaz … us al meriti / Che Diaz … vi renda merito, Gedichte 1970–1976, Vorwort von Tito Maniacco, 2.Auflage, Centro editoriale friulano, Udine 1979

Cjermins-Grenzsteine-Mejniki-Confini, Gedichte 1970–1980, Vorwort von Rienzo Pellegrini, Multicultura, Udine 1992

Sboradura e sanc / Seme e sangue, Gedichte 1977–1980, Nuova Guaraldi, Firenze 1981

Il câli / Il caglio, Gedichte 1981–1987, Vorwort von Ottavio Besomi, 2.Auflage, Ribis, Udine 1993

Usmas / Tracce, Gedichte 1988–1990, Vorwort von Jean-Jaques Marchand, 2.Auflage, Edizioni Casagrande, Bellinzona 1994

Licôf Grant / Festa grande, Gedichte 1991–1995, Vorworte von Giuseppe Bevilacqua und von Gianfranco Scialino, 2.Auflage, Edizioni Kappa Vu, Udine 1997

Suspice caelum / Letture dell’Universo, Gedichte 1999, a.g. Studio, Pordenone 1999

Übersetzungen

Fria … vara tvungna att aka bort / Libers … di scuginî lâ, Õbersetzung ins Schwedische von Paolo Cattaruzza et al., Istituto Italiano di Cultura, Stockholm 1972

Slobodni … da odu / Libers … di scugnî lâ, Übersetzung ins Kroatische von Jasna Tkalec, Vorwort von Alice Parmeggiani Drì, Campanotto, Udine 1990

Free … to have to leave / Libers … di scuginî lâ, Übersetzung ins Englische von David Katan, Vorwort von Nereo Perini, Edizioni Biblioteca dell’Immagine, Pordenone 1995

9 pesmi / 9 poesie, Õbersetzung ins Slowenische von Z iva Gruden, Topolò 1996

Gott vergelt’s euch … / Che Diaz … us al meriti, Gedichte und Geschichten, Tradition und Emigration, Übersetzung ins Deutsche von Uwe Hermann, Vorworte von Stefano Gensini und Daniela Alecu, Verlag Nachtmaschine, Basel 1998

Spuren / Usmas,ÜÕbersetzung ins Deutsche von Flurin Spescha, Vorwort von Iso Camartin, Wieser Verlag, Klagenfurt 1998

Weitere Publikationen

La scuola / Realtà, azioni, prospettive [Die Schule / Realität, Tätigkeiten, Perspektiven], Dossier 1969, (Hrsg.) Federazione delle Colonie Libere Italiane in Svizzera, Zürich 1969

Risposte ai ragazzi di Fagagna [Antworten an Kinder in Fagagna], Gedichte 1972, Vorwort von Alberto Conti, 2.Auflage, Edizioni Alternative, Bellinzona 1975

Gli emigrati e la scuola [Auswanderer und Schule], Dispensa-filmina 1973, Mit: Alberto Conti, Umanitaria Mailand; Rosanna Ambrosi e Giovanna Meyer, 3.Auflage ecap, Zürich 1977

La lingua degli emigrati [Die Sprache der Emigranten], (Hrsg.) Nuova Guaraldi, Firenze 1977

Camun di Dimpeç (Camuno di Ampezzo), Martinis, «Le parole gelate», Roma 1989

Cjermins / Grenzsteine / Mejniki / Confini, Gedichte 1970–1980, Vorwort von Rienzo Pellegrini, Edizioni Mittelcultura, Udine 1992

Linia dreta: / Storiuta cjargnela par durmî [Linea diritta / Gerade Linie], Nachwort von Gian Paolo Grì, 2. Auflage, Ed. La Chiusa, Chiusaforte-ud 2000

Carnia / Kosakenland / Kazackaja Zemlja, Storiutas di fruts in guera / Racconti di bambini in guerra [Geschichten von Kindern im Krieg], Vorwort von Mario Rigoni Stern, 2.Auflage, Edizioni Mittelecultura, Udine 1996

Solidarietà e innovazione / Solidarität und Innovation, 25 Jahre ecap, (Hrsg.) Zweisprachig: Italienisch und Deutsch, Ediesse, Roma 1997

Marcinelle / Vajont / Cernobyl, Gedicht 1996, Dreisprachig: Friaulisch, Italienisch und Französisch, 2.Auflage, Circolo culturale Menocchio, Montereale Valcellina-pn 1998,

Immigrati e disoccupati / Einwanderer und Arbeitslose, (Hrsg.) Zweisprachig: Italienisch und Deutsch, Ediesse, Roma 1999

Manutenzione preventiva, Erzählungen und Artikel 1997, 3. Auflage, Ulivo, Balerna 2000

Confini: Un teatro! [Grenzen: Ein Theater!], Theater und Gedichte 1997, Nachwort von Angela Felice, La Chiusa, Chiusaforte-ud 1998

La propria età è un furto, Erzählungen und Artikel 1998, Ulivo, Balerna 2000

Turismo: Un teatro! [Tourismus: Ein Theater!], Theater und Gedichte 1999, Nachwort von Angela Felice, Ed. La Chiusa, Chiusaforte-ud 2000

Gedicht

Pineda di Grau

como cais
e certas capas
si spòstin
cu la cjasa intor
cressuda adun o robada
e rèstin tacâts
as lamieras:
il taulin cuintra la targa
radio e puartelas viertas
a fâ marinda sul savalon
sot l’ombrena dai pins
lontans da l’âga
tal mieç dal desert
das lôr machinas

Gradeser Pinienhain

wie Schnecken
oder gewisse Muscheln
bewegen sie sich
umgeben von ihrem Haus
am Rücken angewachsen oder gestohlen
und bleiben mit
den Blechteilen verbunden:
das Tischchen neben dem Nummernschild
bei aufgedrehtem Radio und offenen Wagentüren
essen sie auf dem Sand
unter dem Schatten der Pinien
fern vom Wasser
mitten in der Wüste
ihrer Fahrzeuge

 

Piel

bielscrivint
cola il vôli
su la piel da man
cuintralûs
cuasit scussa
di madrac in muda

Haut

während ich schreibe
fällt mein Blick
auf die Haut meiner Hand
im Gegenlicht
fast wie Schuppen
einer sich häutenden Schlange

Aus dem Vorwort 
von Ottavio Besomi

(...)

Die Dichtung Zaniers ist zutiefst geprägt von seinem biografischen Weg. Er führte aus dem abgelegenen Karnien ins internationale Zürich, mit Umwegen über Rom und Marokko. Die Tatsache seiner eigenen Emigration, beobachtet an einem ganzen Volk – ein denkwürdiges und geschichtliches Ereignis –, ist Thema mehrerer Gedichte, vor allem in der ersten Sammlung. Diese Erfahrung impliziert moralische und politische Urteile, die den Menschen viel mehr als den Bürger treffen, denn die Emigration prägt die Conditio humana ganz allgemein, unabhängig von geografischen Grenzen.

Seine grosse empathische und sprachliche Sensibilität erlaubt es Zanier, die Anzeichen einer neuen Emigration zu sehen, jene der Marokkaner. Sie werden doppelt misshandelt und betrogen, einmal vom Elend in ihrer Heimat und dann von der Mafia des Landes, in dem sie Zuflucht suchen. Wie der Titel Marokkanische Händler – Cramàrs marochins es wunderbar synthetisch zusammenfasst, ist diese Emigration vergleichbar mit derjenigen der karnischen «Cramàrs», den ambulanten Gewürz- und Kräuterhändlern, die rzte und Chirurgen im ganzen Donaubecken belieferten. Viele von ihnen bekannten sich zur protestantischen Reformation – sei es aus Õberzeugung oder aus Opportunismus – und waren Fremde sowohl in der Fremde als auch in der Heimat, und sie wurden aus wirtschaftlichen und/oder religiösen Gründen oft verfolgt.

Verbunden mit der Problematik der Emigration ist die Problematik des Anderen, Fremdartigen, sei es ähnlich oder sehr verschieden. Zudem sind «ähnlich» oder «anders» völlig unterschiedliche Dinge, je nachdem, ob sie anhand der gleichen oder einer verschiedenen Gemeinschaft beurteilt werden. Sie werden vermischt oder getrennt durch Grenzen, Rechtssprechungen, Regierungen, aber auch Sprachen, Ideologien, Religionen usw. Wie schwierig, ja geradezu unmöglich es ist, solche «Grenzen» festzulegen, wird in mehreren Gedichten gesagt, die entweder von bekannten geschichtlichen und geografischen Fakten oder aber von der Tatsache ausgehen, dass eine einstimmig akzeptierte Situation, eine von Generationen vorgelebte Tradition der Sitten und Gebräuche beim näheren Hinschauen plötzlich nicht mehr anwendbar ist. Es ist die reale oder imaginäre Grenze zwischen Individuen und Völkern, die das Problem der Identität berührt.

Das Bewusstsein der Identität wird von Zanier grundsätzlich positiv gesehen, als Gesamtes aber ist es Grund zu politischer, religiöser, ideologischer und wirtschaftlicher Intoleranz, zu Unverständnis und Feindseligkeit, die – auf die Spitze getrieben – zu Krieg führt. Die Anspielungen an kürzliche Geschehnisse sind eine Aktualisierung dieser Phänomene, die nicht nur bekannte politische Vorfälle der Vergangenheit betreffen, sondern die menschliche Natur immer und überall in Besitz nehmen.

Wenn ich hier abschliessend auf grundsätzlichen Themen beharre, so darf der Gegenstand, aus dem Zanier das Gerüst für seine Gedichte baut, dennoch nicht vergessen werden: Es genügt ihm eine winzige Begebenheit, ein alltägliches Vorkommnis, individuell oder kollektiv, geschöpft aus der Vergangenheit oder der Gegenwart. Ebenso haben die Jahreszeiten mit ihren Rhythmen, ihren Extremen, der Hitze, der Kälte, Anteil an diesen Texten. Mit äusserst sensiblem Auge werden Farben, Stimmungen, Lichter und Schatten wahrgenommen, die anderen verborgen bleiben. Omnipräsent ist auch die Natur, sowohl die unversehrte als auch die verschandelte: Strände und Gebirge, Wald und Wiesen, Gewässer, Felsen, Kristalle, Blumen, Kräuter, Gestrüpp und Bäume. Sie alle werden im Wandel der Jahreszeiten beobachtet, einmal mit dem Weitwinkelobjektiv, einmal wie unter dem Mikroskop. Zu ganzen Landschaften gesellen sich Fragmente aus Stielen, Blättern oder anderen winzigen Einzelheiten, und städtische Elemente leben in der Erinnerung – seien diese weit zurück oder nah – gemeinsam mit Bruchteilen von Ereignissen aus dem Dorf und aus der Provinz. Gegebenheiten, Jahreszeiten, die Natur, aber auch von Menschen Geschaffenes werden dargestellt als Elemente der Wirklichkeit, bieten sich aber ebenso an als Metaphern, die in einer sehr feinen Wechselwirkung zwischen Andeutung und Bedeutung genauso für anderes stehen können.

Vor uns liegt eine Anthologie poetischer Texte über die Welt und ihre Menschen, Texte in Gedichtform, einer als künstlich definierten Sprache, die in ihrem Inhalt ethische und moralische Werte, Standpunkte, Urteile und Haltungen durchblicken lässt. Zanier weiss und sieht, was jenseits des Scheins liegt, mag dieser noch so gefällig, harmonisch und idyllisch sein, so können für den, der genau hinschaut, auch Grausamkeit und Blut sichbar werden. So geschieht es in der Metapher Den Wasserspiegel schneiden – Sot il pê l da l’âga (1999), mit der die Sammlung schliesst und deren Titel symbolhaft auf dem Buchumschlag erscheint, gleichsam als wolle er das Ganze umfassen. Der Standpunkt des «Ich», also des Dichters, ist immer klar, er zeigt sich offen, er will erkannt werden, und er erträgt es, fordert es sogar heraus, auch beurteilt zu werden.

Aus dem Italienischen übersetzt von Katrin Sträuli

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