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Schriftsteller Otto F. Walter im Monatsmagazin des
Schweizer Fernsehens vom 15.3.1978:
«Eines der wichtigsten Werke der neuen Literatur»
Ich begegne nicht vielen Büchern, die mich ganz
persönlich betroffen machen. Hier ist eins. Eine Frage voraus: Ist
Literatur ein Frühwarnsystem? Aber zunächst ein paar Fakten. Der Titel
lautet: «Jede Minute kostet 33 Franken».
(...)
Ich habe Zopfis Buch in die Hand genommen,
herumgeblättert, habe festgestellt: Da fährt einer nachts zur Arbeit,
kommt ins Büro, zwei Minuten Verspätung, offensichtlich eine
Nachtschicht in einem Computer-Center. Geht mich, mich ganz persönlich
das etwas an?
Ich blätterte. Und ich sah fast auf jeder Seite, gross
in den Text eingelassen, eine Zahl, etwa: 22.21 ... 22.27 ...
Ich beginne als Leser zu kapieren. Da berichtet einer
aus der Welt der Datenverarbeitung und er tut es so, dass er deren
Prinzip, Einteilung aller Abläufe in Zeiteinheiten, zum Prinzip zugleich
seines Romans macht. Da wurde ich neugierig. Das ist ein Formwille. Er
drängt über die Formsprache des konventionellen Romans hinaus.
Im Zentrum des Geschehens der Schlichtleiter Martin
Kern. Er stand 1968 auf der Seite derer, die schon damals spürten, dass
unser industrieller Fortschrittswahn uns und unsere Umwelt allmählich
kaputt macht. Aber Kern hat resigniert. Er hat sich angepasst.
Gewiss eine unglaublich anschauliche Beschreibung
moderner Arbeitswelt. Jener der Operators an den Systemen 1045, 1065.
Aber zugleich erzählt der Roman in Rückblenden und Gehirnstenogrammen
was mit und was in diesen Männern während der Nachtschicht passiert.
Fast lautlos summen die elektronisch gesteuerten Anlagen wie
Kühlschränke vor sich hin. Ready... go... ready... go...
(...)
Den Aufsteiger Kern, so glaubt jedenfalls er, gehen die
Daten, die hier verarbeitet werden, nichts an. Es sind die Daten eines
schweizerischen Rüstungskonzerns. Aber diese Nachtschicht treibt ihn
dann doch auf eine Existenzkrise zu. Möglich, dass er etwas Wichtiges
wiedergefunden haben wird, die Einsicht etwa, dass es nur eine Chance
gibt: Solidarität aller Abhängigen!
Mit dieser Hoffnung entlässt uns der Roman. Tief
mitbetroffen habe ich ihn aus der Hand gelegt. Zopfis Roman ist, bei
allen Unterschieden, fast so etwas wie ein ferner, junger Verwandter
jenes Homo Faber, mit dem Max Frisch 1959 die Frage nach der
Verantwortung des Technikers für unsere Gesellschaft warnend gestellt
hat.
Noch einmal jene Frage: Ist Literatur ein
Frühwarnsystem? Kein Zweifel, sie kann es sein. Dann nämlich, wenn ein
solch brennendes Thema formal seine Deckung gewinnt. Das ist hier
gelungen. So halte ich Emil Zopfis Roman für eines der wichtigsten Werke
unserer neuen Literatur.
Schriftsteller und Psychiater Walter Vogt in seinem
Roman «Altern», Benziger Verlag, Zürich 1981:
«Das Buch hat mich erschüttert»
Bis über Mitternacht hinaus gelesen: Emil Zopfis «Jede
Minute kostet 33 Franken», Roman einer Computer Crew, die nachts
verzweifelt gegen die Apparate kämpft, unterliegt; ein Erstling, hinter
dem ein halbes Leben steht. Jeder ständig von der Angst besessen, die
Kästen aufzureissen, Kabel herauszuzupfen, auf dem ganzen
Transistorenladen herumzutrampeln endlich wieder ein wenig befreiendes
Chaos herzustellen, in der ganzen übermässigen Ordnung.
Ich habe einmal einen dieser durchgedrehten
Programmierer behandelt. Er hatte «es» getan: die Kästen aufgerissen,
auf Kabeln und Transistorelementen herumgetrampelt. Gut, er war dann
oder galt als schizophren. Als er entlassen, ausgesperrt, eingesperrt,
behandelt und wieder entlassen war, brach er, serienweise, in
Telefonkabinen ein und riss dort die Kabel heraus. Er schenkte mir ein
merkwürdig naives Fotobuch über Alpentiere, zum Dank für eine Hilfe, die
ich ihm gar nicht leisten konnte.
Manchmal denke ich, verglichen mit diesem Computerjob ist Akkordarbeit
harmlos. Und wenn diese Leute einmal ausflippen, werden sie verfolgt wie
niemand sonst. Mein Patient jedenfalls kam in einem Mass unters Rad, wie
es Geisteskranke üblicherweise in diesem Land nicht kommen. Ein Zeichen
vielleicht, wie die Machthaber reagieren, wenn es wirklich um etwas
geht.
Destruktive Akte bei Schizophrenen sind genaugenommen
selten. Und ein solcher Akt ist doch immer ein Beziehungsdelikt.
Das Zopfische Buch hat mich erschüttert. Ich habe mich
in einen tiefen, erholsamen Schlaf geheult. Gegen Morgen kam, im Traum,
ein lieber guter, schöner Junge zu mir ins Bett, jung verheiratet, mit
zwei kleinen Kindern. Wir waren sehr zärtlich, sagten uns furchtbar
artige Dinge ins Ohr. Er tröstete mich wirksam über mein Alter, mein
Altern hinweg.
Mein jüngerer Ego, der auch mein alter Ego ist ...
Literaturkritiker Jürgen Egyptien im «Kritischen Lexikon
zur Gegenwartsliteratur»:
«Gesamtgesellschaftliche Brisanz»
Der 1977 erschienene Roman «Jede Minute kostet 33
Franken» stellt den ehemals studentenbewegten Schichtleiter Kern in den
Mittelpunkt, der für seinen Operator Kopp am Computer einspringen muss.
Kopp, der sich vergeblich um die gewerkschaftliche Organisation der
Mitarbeiter bemüht hatte, liess seinen Beruf und die Schweiz hinter
sich. Zu Kopps Verschwinden, das Kern veranlasst, sich mit den
politischen Implikationen seiner Tätigkeit auseinanderzusetzen, tritt
noch der Kollaps des Computersystems hinzu und bewirkt Kerns neue
politische Sensibilisierung.
Der verhaltene Optimismus, in den das Buch ausklingt,
seine detaillierten Beschreibungen der Arbeitsvorgänge und seine
unprätentiöse, präzise Sprache sind den programmatischen Absichten der
Werkstatt schreibender Arbeiter geschuldet, der Zopfi angehörte. In
einer Art Werkstattbericht benannte er als Prinzipien der angestrebten
Literaturproduktion u. a. Parteilichkeit und die Verständlichkeit für
Arbeiter und begriff auch sein eigenes Schreiben als «kulturelle
Leistung für die Arbeiterbewegung». Gleichwohl besitzt das in seinem
ersten Roman angeschnittene zentrale Thema der modernen
Computertechnologie gesamtgesellschaftliche Brisanz. Mit diagnostischem
Blick werden die Funktionalisierung und Entfremdung des Menschen
herausgearbeitet, der als «ein fest eingebauter, programmierter Teil des
Systems» erscheint und dessen Handgriffe in den Daten heckenden Rechnern
unsinnlich verschwinden. Die Maschine zwingt das menschliche Personal
unter ihr Joch, und das «weit aufgerissene Maul des Systems» verlangt
permanente Datenzufuhr.
Aus Kerns zunehmend kritischem Blickwinkel entlarvt sich
die neue Technologie als ein neuer Leviathan, der das Paradies
versprach. |