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5. September 1839. Einen Streich auf den Mund
Jahrzehnte fliegen dahin. Johannes Hegetschweiler ist
Politiker geworden, wider seine Natur und seine Neigung, Regierungsrat und
Staatsrat des Kantons Zürich. Ein friedliebener Mensch im Streit der Zeit.
Es ist Donnerstag, der 5. September 1839. Nach regnerischen
Tagen klart der Himmel auf gegen Abend. Die Nacht bricht an, eine Nacht der
Entscheidung. Amtsbürgermeister Johann Jakob Hess hat die Regierung des
Kantons Zürich zum Kriegsrat gerufen. Es mag gegen elf Uhr gehen, als
Johannes Hegetschweiler an Schipfe der Limmat entlangeilt, den Hut tief in
der Stirn. Beim Roten Turm am Weinplatz biegt er in die Storchengasse, hört
Stimmenlärm im Café Litteraire, einem Treffpunkt der Radikalen. Sonst ist
alles ruhig, da und dort flackert ein Öllicht hinter Vorhängen. Nichts
deutet auf einen Bürgerkrieg hin, den Bruderkrieg zwischen Stadt und Land,
den alle fürchten. Sein Stock klöppelt übers Pflaster, er überquert den
Münsterhof zum Postgebäude, wo sich die Regierung versammelt. Man hält die
Sitzungen in der neuen Post in der Kleinen Stadt ab, die eidgenössische
Tagsatzung belegt das Rathaus auf dem rechten Limmatufer. Zürich ist in
diesem Jahr Vorort der Eidgenossenschaft, die Zürcher Regierung eine Art
Landesregierung, eine Landesregierung ohne eigene Truppen, ohne Staatskasse,
ohne Macht. Die Staatskanzlei eine Truhe voller Akten, die man von Stadt zu
Stadt schleppt, wenn der Vorort wechselt. Papierberge, nichts weiter. Die
Schweiz ein Land ohne Zentrum, ein loser Bund von Kantonen, zerbrechlich und
zerstritten. Alle kämpfen gegen alle, um Vorrechte, um Besitzstand, um Ämter
und Pfründe und um die Macht schlechthin. Die Fronten trennen Stadt und
Land, Katholisch und Reformiert, Konservativ und Liberal, Welsch und
Deutsch. Eine chaotische Hinterlassenschaft von Napoleons Weltordnung, die
längst untergegangen ist.
Ein Weibel öffnet die Pforte, Hegetschweiler tritt ins
Sitzungszimmer. Heinrich Weiss, der härteste Radikale im Rat, Oberst im
Militär, hält den Vorsitz des Kriegsrats. Hegetschweiler setzt sich lautlos,
stellt sogleich fest, dass mehrere der 19 Ratskollegen fehlen. Weiss wendet
sein rundes Bauerngesicht Hegetschweiler zu, stockt einen Augenblick in
seiner Rede, kratzt sich im zerzausten Kraushaar, fährt dann weiter. Ein
Bote sei vor kurzer Zeit eingetroffen, habe berichtet, ein Gewalthaufe
nähere sich von Dübendorf her der Stadt, bewaffnet mit Stöcken, Mistgabeln,
Dreschflegeln, eine Hundertschaft mit Stutzern und Jagdflinten an der
Spitze.
Hegetschweiler hebt die Hand, will genauere Auskunft, doch
Bürgermeister Hess fällt ihm ins Wort: «Wann werden sie hier sein?»
«Sie werden nicht vor dem Morgengrauen stürmen.»
«Was tun?»
Die Regierung kommt zu keinem Entscheid, sie ist
zerstritten, die Gräben zwischen Radikalen und gemässigten Liberalen tief.
Heinrich Weiss und Conrad Melchior Hirzel wollen die Truppen der Stadt
aufbieten, die Stadtbürgerwache, und unter das Kommando der Regierung
stellen. Dazu Verstärkung von den befreundeten Kantonen im Siebnerkonkordat
der Liberalen anfordern. Man muss verhindern, dass sich die Konservativen
der Stadt mit den Aufständischen gemeinsam gegen die Regierung wenden.
Hegetschweiler und Bürgermeister Hess beschwichtigen. Abwarten solle man,
ruhig Blut bewahren, nichts überstürzen.
«Verräter», zischt eine Stimme. Hegetschweiler fährt herum.
Die Radikalen stecken ihre Köpfe zusammen, keiner sieht in an.
Weiss schlägt mit der flachen Hand aufs Pult, doch gelingt
es ihm nicht mehr, Gemurmel, Zwischenrufe und gegenseitige Beschimpfungen
zum Schweigen zu bringen. Die Sitzung löst sich auf. Weiss eilt davon, zur
Kaserne mit der Order, die Kadetten der Militärschule und die kantonalen
Dragoner sollten die Verteidigung der Zeughäuser vorbereiten. «Wenn die
Aufständischen an die Waffen kommen, dann Gnad uns Gott!»
Auch Hegetschweiler macht sich auf den Weg durch die dunkle
Stadt, über den Münsterhof gegen die Waaggasse, die zum gelben Zeughaus
führt. Aus der Bierhalle beim Zunfthaus zur «Waag» schlägt Lärm, kantonales
Militär, so scheint es, das sich aus der Unterkunft gestohlen hat. Vor den
Zeughäusern trifft er auf eine Gruppe von Studenten in bunten Mützen,
Bändern und Bierzipfeln am Gürtel. Im «Widder» am Rennweg haben sie ihren
Kommers gefeiert, sind dann Studentenlieder singend durch die Gassen
gezogen. «Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus …»
Hegetschweiler fühlt sich durch den Gesang nach Tübingen
versetzt, in jene Neujahrsnacht 1812, als seine Studentenverbindung, die
«Helvetia Tübingen», in eine Schlägerei mit der Polizei geriet. Man hat ihn
verhaftet und angeklagt, er habe mit seiner Pfeife auf zwei Polizisten
losgeschlagen so dass Landdragoner Schäfer einen
Streich auf den Mund, der Landfüsilier Müller einen auf das linke Auge bekam.
Der friedfertige Hegetschweiler ein Radaubruder? Schliesslich konnte er die
Richter überzeugen, dass es gar nicht seine Art sei, dreinzuschlagen, alles
ein Missverständnis und seine Pfeife viel zu klein, um als Waffe zu dienen.
Das Lied verhallt, Hegetschweiler reisst sich los von seinen
Erinnerungen. Er spricht den Führer der Studenten an, einen deutschen
Burschen, der sich mit dem eigenartigen Namen «Bramarbas» vorstellt. «Geht
nach Hause. Verhaltet euch ruhig. Die Regierung hat die Lage im Griff.»
Der Deutsche zieht seine Mütze, presst sie an die Brust,
verneigt sich und verspricht, man werde nichts Unbedachtes anzetteln.
Hegetschweiler glaubt, ein Grinsen um seine Mundwinkel zucken zu sehen.
Macht er sich lustig über den Regierungsrat? Führen die Studenten etwas im
Schild?
Voll Unruhe eilt er weiter, durch Gassen, die plötzlich
belebt sind, als sei schon Freitagmorgen, Markttag. Männer der Bürgerwache
streben zum Stadthaus, die einen in ihren Zivilkleidern, andere halb oder
ganz in Uniform. Er hört Grüsse, glaubt, Rufe zu vernehmen in seinem Rücken,
die ihm gelten. Er dreht sich um, doch da ist niemand. |