Emil Zopfi

Schrot und Eis

Als Zürichs Landvolk gegen die Regierung putschte

Historischer Roman

2005, 270 Seiten, gebunden

ISBN 3 85791 487 4

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Kurze Inhaltsangabe

«Der Putsch, the putsch, le putsch. Der 6. September 1839 hat die Welt um ein Wort bereichert. Zusammenstosz der leute, auflauf, kleine Volkserhebung, erklärt Grimms Wörterbuch von 1889. Und ergänzt: das wort putsch stammt aus der guten stadt Zürich, wo man einen plötzlichen vorübergehenden regenguz einen putsch nennt und demgemäz die eifersüchtigen nachbarstädte jede närrische gemüthsbewegung, begeisterung, zornigkeit, laune oder moder der Züricher einen Zürichputsch nennen, da nun die Züricher die ersten waren, die geputscht, so blieb der name für alle jene bewegungen.»

Am 6. September 1839 stürmen einige tausend Religiös-Konservative aus der Zürcher Landschaft die Stadt, es kommt zum Kampf, der letzte Schuss trifft Regierungsrat Johannes Hegetschweiler, der den Befehl zur Kapitulation überbringt. Zürichs liberal-radikale Regierung stürzt, die Konservativen kommen für wenige Jahre an die Macht.

Der Roman erzählt vom Leben und Sterben des Johannes Hegetschweiler, dem zögerlichen Konservativen, und von seinem grossen und unerfüllten Traum, der ersten Besteigung des Tödi im Glarnerland. Freunde und Widersacher treten auf und kommen in vielen Originalzitaten zu Wort, etwa Putschführer Pfarrer Hirzel aus Pfäffikon, religiöser Fanatiker und Frauenheld, der schliesslich gemeinsam mit einer Geliebten Gift nimmt. Oder Friedrich von Dürler, Hauptmann der städtischen Truppen im «Züriputsch», Männerfreund und Pionier der Turnerbewegung, der 1837 als erster Tourist auf den Tödi «spaziert»

Das dramatische Geschehen rund um den «Züriputsch» von 1839 zeigt überraschende Parallelen zu aktuellen politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen: Der Konflikt zwischen Stadt und Land, zwischen rückwärts gewandter und fortschrittsorientierter Politik, der Widerspruch zwischen religiösem Fundamentalismus und dem wissenschaftlichen Denken der Aufklärung.

Der Roman folgt möglichst getreu den historischen Fakten. Alle Personen, die auftreten, haben gelebt. Erzählende Passagen sind der Wirklichkeit nachempfunden, zum Teil frei gestaltet. Die kursiven Zitate stammen aus historischen Quellen, sind jedoch gelegentlich in einem andern Kontext verwendet.

Textprobe

5. September 1839. Einen Streich auf den Mund

Jahrzehnte fliegen dahin. Johannes Hegetschweiler ist Politiker geworden, wider seine Natur und seine Neigung, Regierungsrat und Staatsrat des Kantons Zürich. Ein friedliebener Mensch im Streit der Zeit.

Es ist Donnerstag, der 5. September 1839. Nach regnerischen Tagen klart der Himmel auf gegen Abend. Die Nacht bricht an, eine Nacht der Entscheidung. Amtsbürgermeister Johann Jakob Hess hat die Regierung des Kantons Zürich zum Kriegsrat gerufen. Es mag gegen elf Uhr gehen, als Johannes Hegetschweiler an Schipfe der Limmat entlangeilt, den Hut tief in der Stirn. Beim Roten Turm am Weinplatz biegt er in die Storchengasse, hört Stimmenlärm im Café Litteraire, einem Treffpunkt der Radikalen. Sonst ist alles ruhig, da und dort flackert ein Öllicht hinter Vorhängen. Nichts deutet auf einen Bürgerkrieg hin, den Bruderkrieg zwischen Stadt und Land, den alle fürchten. Sein Stock klöppelt übers Pflaster, er überquert den Münsterhof zum Postgebäude, wo sich die Regierung versammelt. Man hält die Sitzungen in der neuen Post in der Kleinen Stadt ab, die eidgenössische Tagsatzung belegt das Rathaus auf dem rechten Limmatufer. Zürich ist in diesem Jahr Vorort der Eidgenossenschaft, die Zürcher Regierung eine Art Landesregierung, eine Landesregierung ohne eigene Truppen, ohne Staatskasse, ohne Macht. Die Staatskanzlei eine Truhe voller Akten, die man von Stadt zu Stadt schleppt, wenn der Vorort wechselt. Papierberge, nichts weiter. Die Schweiz ein Land ohne Zentrum, ein loser Bund von Kantonen, zerbrechlich und zerstritten. Alle kämpfen gegen alle, um Vorrechte, um Besitzstand, um Ämter und Pfründe und um die Macht schlechthin. Die Fronten trennen Stadt und Land, Katholisch und Reformiert, Konservativ und Liberal, Welsch und Deutsch. Eine chaotische Hinterlassenschaft von Napoleons Weltordnung, die längst untergegangen ist.

Ein Weibel öffnet die Pforte, Hegetschweiler tritt ins Sitzungszimmer. Heinrich Weiss, der härteste Radikale im Rat, Oberst im Militär, hält den Vorsitz des Kriegsrats. Hegetschweiler setzt sich lautlos, stellt sogleich fest, dass mehrere der 19 Ratskollegen fehlen. Weiss wendet sein rundes Bauerngesicht Hegetschweiler zu, stockt einen Augenblick in seiner Rede, kratzt sich im zerzausten Kraushaar, fährt dann weiter. Ein Bote sei vor kurzer Zeit eingetroffen, habe berichtet, ein Gewalthaufe nähere sich von Dübendorf her der Stadt, bewaffnet mit Stöcken, Mistgabeln, Dreschflegeln, eine Hundertschaft mit Stutzern und Jagdflinten an der Spitze.

Hegetschweiler hebt die Hand, will genauere Auskunft, doch Bürgermeister Hess fällt ihm ins Wort: «Wann werden sie hier sein?»

«Sie werden nicht vor dem Morgengrauen stürmen.»

«Was tun?»

Die Regierung kommt zu keinem Entscheid, sie ist zerstritten, die Gräben zwischen Radikalen und gemässigten Liberalen tief. Heinrich Weiss und Conrad Melchior Hirzel wollen die Truppen der Stadt aufbieten, die Stadtbürgerwache, und unter das Kommando der Regierung stellen. Dazu Verstärkung von den befreundeten Kantonen im Siebnerkonkordat der Liberalen anfordern. Man muss verhindern, dass sich die Konservativen der Stadt mit den Aufständischen gemeinsam gegen die Regierung wenden. Hegetschweiler und Bürgermeister Hess beschwichtigen. Abwarten solle man, ruhig Blut bewahren, nichts überstürzen.

«Verräter», zischt eine Stimme. Hegetschweiler fährt herum. Die Radikalen stecken ihre Köpfe zusammen, keiner sieht in an.

Weiss schlägt mit der flachen Hand aufs Pult, doch gelingt es ihm nicht mehr, Gemurmel, Zwischenrufe und gegenseitige Beschimpfungen zum Schweigen zu bringen. Die Sitzung löst sich auf. Weiss eilt davon, zur Kaserne mit der Order, die Kadetten der Militärschule und die kantonalen Dragoner sollten die Verteidigung der Zeughäuser vorbereiten. «Wenn die Aufständischen an die Waffen kommen, dann Gnad uns Gott!»

Auch Hegetschweiler macht sich auf den Weg durch die dunkle Stadt, über den Münsterhof gegen die Waaggasse, die zum gelben Zeughaus führt. Aus der Bierhalle beim Zunfthaus zur «Waag» schlägt Lärm, kantonales Militär, so scheint es, das sich aus der Unterkunft gestohlen hat. Vor den Zeughäusern trifft er auf eine Gruppe von Studenten in bunten Mützen, Bändern und Bierzipfeln am Gürtel. Im «Widder» am Rennweg haben sie ihren Kommers gefeiert, sind dann Studentenlieder singend durch die Gassen gezogen. «Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus …»

Hegetschweiler fühlt sich durch den Gesang nach Tübingen versetzt, in jene Neujahrsnacht 1812, als seine Studentenverbindung, die «Helvetia Tübingen», in eine Schlägerei mit der Polizei geriet. Man hat ihn verhaftet und angeklagt, er habe mit seiner Pfeife auf zwei Polizisten losgeschlagen so dass Landdragoner Schäfer einen Streich auf den Mund, der Landfüsilier Müller einen auf das linke Auge bekam. Der friedfertige Hegetschweiler ein Radaubruder? Schliesslich konnte er die Richter überzeugen, dass es gar nicht seine Art sei, dreinzuschlagen, alles ein Missverständnis und seine Pfeife viel zu klein, um als Waffe zu dienen.

Das Lied verhallt, Hegetschweiler reisst sich los von seinen Erinnerungen. Er spricht den Führer der Studenten an, einen deutschen Burschen, der sich mit dem eigenartigen Namen «Bramarbas» vorstellt. «Geht nach Hause. Verhaltet euch ruhig. Die Regierung hat die Lage im Griff.»

Der Deutsche zieht seine Mütze, presst sie an die Brust, verneigt sich und verspricht, man werde nichts Unbedachtes anzetteln. Hegetschweiler glaubt, ein Grinsen um seine Mundwinkel zucken zu sehen. Macht er sich lustig über den Regierungsrat? Führen die Studenten etwas im Schild?

Voll Unruhe eilt er weiter, durch Gassen, die plötzlich belebt sind, als sei schon Freitagmorgen, Markttag. Männer der Bürgerwache streben zum Stadthaus, die einen in ihren Zivilkleidern, andere halb oder ganz in Uniform. Er hört Grüsse, glaubt, Rufe zu vernehmen in seinem Rücken, die ihm gelten. Er dreht sich um, doch da ist niemand.

Pressestimmen / Rezensionen

Rd_tri.gif (202 Byte) Die Südostschweiz vom 22. August 2005 (Interview)
Rd_tri.gif (202 Byte) 20 minuten vom 30. August 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) PS vom 1. September 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) züritipp vom 1. September 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger vom 12. September 2005 (Interview)
Rd_tri.gif (202 Byte) Netzmagazin
Rd_tri.gif (202 Byte) WochenZeitung WoZ vom 3. November 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Basler Zeitung vom 4. November 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) St. Galler Tagblatt vom 14. November 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Altstadt Kurier vom 17. November 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Bund vom 26. November 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Aargauer Zeitung vom 29. November 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Ehrengabe der Stadt Zürich, 8. Dezember 2005
Rd_tri.gif (202 Byte) Sektor Erziehung, 1/2006
Rd_tri.gif (202 Byte) Neue Zürcher Zeitung vom 29. Juli 2006
 

«Grossartiger Roman über den Züri-Putsch: Emil Zopfi schreibt raffiniert von zwei Seiten her. ... Dieses Erzählen quasi von zwei Polen her gibt dem Buch einen eigenen Klang, eine erzählerische Dynamik.» 20 minuten

«Ein durchaus traditioneller historischer Roman; mit vielen Details und der eindrücklichen Schilderung der aufkommenden Sehnsucht nach den Bergen.» PS

«Zopfis Absicht ist es, innere und äussere Parallelen zwischen der politischen 'Tätigkeit einerseits, bergsteigerischem Wollen anderseits sichtbar und erzähldramaturgisch wirksam zu machen. Er geht aus diesem Grunde nicht chronologisch vor (das Buch beginnt mit Hegetschweilers tödlicher Verwundung), wohl aber ist jedes der kurzen Kapitel genau datiert, wir wirken so wie Filmschnitte, die scharf und aussagestark aufeinander folgen.» Der Bund

«Emil Zopfi ist mit der Romanchronik «Schrot und Eis» über den Sturm der Landschaft auf die Stadt Zürich im Jahr 1839 ein kleines Meisterwerk gelungen. In akribischer Kleinarbeit hat Zopfi die Persönlichkeiten, die damals auf beiden Seiten die Fäden in der Hand zu halten glaubten, recherchiert und sie mit wenigen Federstrichen zu Romanfiguren gemacht, zu Helden, Zögerern und politischen Lavierern. Dabei vermeidet der Autor jegliche Idealisierung. Aus den Protagonisten des Herbstes 1839 sind Shakespearesche Figuren geworden: weder böse, noch gut. Gute Absichten zeitigen negative Folgen, und das Bose zieht das Gute nach sich. Mit stupender Klarheit macht der Autor sichtbar, was heute noch – oder wieder? – die Politik kompromittiert: Die Menschen sind letztlich immer schon einen Schritt weiter als die politischen Eliten. Die Politik blockiert letztlich nur, statt den Dingen eine Wende zu geben. Ein spannendes, unterhaltsames Lehrstück über die Grenzen des Politischen. Emil Zopfi wird für seinen Roman «Schrot und Eis» mit einer Anerkennungsgabe ausgezeichnet.» Laudation Literaturkommission Stadt Zürich

 
 

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