![]() |
Emil Zopf im Gespräch über «Steinschlag» Das Interview führte Irène Hunold, es erschien am 5. September 2002 in der Südostschweiz. |
|
«Das Irrationale innerhalb einer Sekunde» Emil Zopfi schreibt über die Berge und über Computer. In beiden Bereichen ist er zu Hause und kennt sich aus. In den nächsten Tagen erscheint sein neuestes Buch: ein Bergsteigerkrimi mit dem Titel «Steinschlag». Die «Südostschweiz» hat die Druckfahnen gelesen. Herr Zopfi, wie kamen Sie überhaupt darauf, einen Krimi zu schreiben, dessen Handlung in den Bergen spielt? Emil Zopfi: Das neue Buch ist eine lockere Fortsetzung des Romans «Die Wand der Sila». Ich wollte jene Geschichte schon immer weitererzählen. Im «Wand der Sila» ging es um zwei Bergsteiger, einen jungen Sportkletterer und einen älteren Alpinisten. Der Jüngere tritt im neuen Buch wieder auf, ebenso die Sila - ein Sporn aus hellem Gestein, Schrattenkalk. Es scheint, als ob Sie diese Gegend sehr gut kennen? Emil Zopfi: Ja, es ist die Gegend des Rätikons, eine Landschaft mit Alpweiden und einer daraus aufragenden Kalkspitze, die Kirchlispitze. Ich habe mir aber die Freiheit genommen, einiges zu verfremden. Wenn Sie von Karabiner, Schlüsselstellen, vom Klippen von Haken um Haken schreiben, merkt man, dass Sie Bescheid wissen? Emil Zopfi: Das stimmt. Ich habe die ganze Kletterbewegung vom früheren alpinen Klettern bis zum heutigen Bouldern mitgemacht. Noch heute bin ich Sportkletterer und bewältige Routen im achten Schwierigkeitsgrad. Letzthin sind wir in den Dolomiten wieder grosse Wände geklettert. Eine grosse Liebe also? Emil Zopfi: Das ist mehr als Liebe, das ist eine Passion, eine Sucht, Leidenschaft. Und diese schlägt sich in Ihren Büchern nieder, ebenso wie Ihre Welt der Computer. Vor 25 Jahren kam Ihr Computerroman «Jede Minute kostet 33 Franken» heraus, was zu jener Zeit Neuland gewesen sein dürfte. Emil Zopfi: Ich war sicher der Erste, der das Thema im deutschsprachigen Raum literarisch behandelte. Berge und Computer sind tatsächlich die zwei Stränge, die ich in meinem Schaffen konsequent verfolge. Oft spielt beides ineinander hinein. Worauf basiert die neueste Geschichte? Emil Zopfi: Es geht, wie es der Titel besagt, um Steinschlag. Der Handlung lag jenes Ereignis am Klausenpass zu Grunde, als ein Ehepaar von Braunwald kam und die Frau tödlich von einem Stein getroffen wurde. War es Steinschlag, war es ein Schlag mit einem Stein? Darum geht es auch in diesem Buch. Und die Hauptfiguren, nebst jener Figur des vormals jungen Bergsteigers aus der «Wand der Sila»? Emil Zopfi: Im «Wand der Sila» behandelte ich den Generationenkonflikt unter Bergsteigern. Jetzt geht es um Vater und Tochter, den Konflikt zwischen der jungen Bergführerin Andrea und ihrem Vater, einem pensionierten Polizisten. Es geht um die Beziehungen zwischen Mann und Frau und vor allem auch darum, wie sich die junge Bergführerin in einer Männerdomäne zu behaupten hat. Mich interessiert immer die Entwicklung eines Konflikts. Sie stellen Ihrem neuen Buch den Satz «Alles Plötzliche ist böse, und das Gute schleicht langsam», voran. Was wollen Sie damit sagen? Emil Zopfi: Es handelt sich dabei um eine Grunderfahrung meines Lebens. Das Irrationale ereignet sich innerhalb einer Sekunde und verändert alles. Meine Mutter wurde bei einem Verkehrsunfall getötet, als sie auf dem Fahrrad fuhr. Am Matterhorn war ich am Klettern, als ein Bergführer hinter mir von einem Felsblock erschlagen wurde. Auch am Glärnisch hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Es sind solche Ereignisse, die unerklärbar sind, die mich beschäftigen. Es ist ein Trauma; ich befasse mich immer wieder damit. Waren Sie selber auch schon betroffen? Emil Zopfi: Vor zwei Jahren stürzte ich in Israel beim Klettern zehn Meter in die Tiefe, verletzte mich im Gesicht und brach mir die Rippen. Der Fehler, den ich gemacht haben musste, ist wie ausgelöscht; ich weiss nichts darüber, ich kann es mir nicht erklären. Oder letzthin stieg ich mit meiner Frau Christa auf den Mattstock oberhalb Amden. Plötzlich schrie sie auf. Ein faustgrosser Stein schoss auf sie zu und verfehlte sie knapp. Wenn etwas passiert wäre, hätte ich ein Problem gehabt wie in jenem Fall, der meinem neuesten Buch zu Grunde liegt … Sie schreiben bereits wieder an einem Buch? Emil Zopfi: Ja, es ist eine Bergmonografie wie jene, die ich vor zwei Jahren über den Tödi schrieb. Bisher sind mehrere dieser Bergmonografien von verschiedenen Autoren erschienen. Das Produkt ist jeweils ein Gemeinschaftswerk; ich bin sozusagen der Projektleiter, steuere aber auch eigene Berichte bei. Jetzt bin ich am Zusammentragen von Stoff über den Glärnisch. Es geht dabei nicht nur um das Vrenelisgärtli als wohl bekanntesten Berg der Glärnischkette, sondern auch um Ereignisse am Vorderglärnisch, am Bächistock oder zum Beispiel um Erstbesteigungen am Ruchen. Geht es auch um Steinschlag? Emil Zopfi: Ja, auch darum. |
|
|
© Limmat Verlag |