London gibt's nicht mehr

Emil Zopfi

Londons letzter Gast

Roman

1999, 277 Seiten, gebunden
ISBN 3-85791-334-7

 

Rd_tri.gif (202 Byte) Emil Zopfi Rd_tri.gif (202 Byte) Zum Buch Rd_tri.gif (202 Byte) Text Rd_tri.gif (202 Byte) Stimmen

Kurze Inhaltsangabe

Ulysses in der Cyberwüste

Ein packendes Spiel um technischen Fortschritt und Untergang.

«No connection.» In seinem Hotelzimmer sieht Alex Adank, Computerspezialist von RiskNet, das Gesicht seiner geliebten Claire auf dem Bildschirm des Notebooks einfrieren. Die Hotelcomputer steigen aus. Die Tower Bridge hebt ihre Flügel und lässt Menschen und Autos in die Themse stürzen. Die City von London ist lahmgelegt. Cyberterroristen?

Alex Adank versucht in die Zentrale von RiskNet zu gelangen. Eine Odyssee durch die City beginnt, seltsame Menschen tauchen auf: Was hat der Ripperologe mit dem irren Informatikprofessor zu tun? Steht dieser mit der fundamentalistischen Cyberverschwörung in Verbindung? Warum taucht der schwarze Junge mit seinen Inline-Skates immer wieder auf? Auch Industrietunnels aus dem 19. Jahrhundert und U-Bahnröhren sind eigenartig bevölkert.

Während die City immer mehr aus den Fugen gerät, möchte Alex Adank nur noch eines: zurück zu Claire in die normale Welt. Aber gibt es die überhaupt noch?

Textprobe

Crick steigt mit einer Kerze in der Hand die steile Treppe ins Kellergeschoss hinab. Ein Gang führt weiter in ein modriges Gewölbe, das mit Spinnweben verhangen ist. Feuchtigkeit glitzert an den Mauern. Mit feierlicher Stimme kündigt er an: «Die grosse Maschine!»

Sie bleiben vor einem unförmigen Gebilde stehen, das mit fleckigen Leintüchern zugedeckt ist. Crick reisst sie mit einem Ruck weg, als ob er ein Denkmal enthülle. Kalkstaub rieselt zu Boden. Jedes Wort betonend sagt er: «Die grosse Maschine. Analytical Engine. Die grösste Denkleistung der Geschichte, materialisiert in einer genialen Konstruktion.»

Alex erblickt im Kerzenlicht ein verrostetes Monstrum aus Zahnrädern, verstaubten Nockenscheiben, Wellen, senkrecht aufragenden Ziffernwalzen, Zahnstäben, die wie Spiesse nach allen Seiten in die Dunkelheit stechen. «Speicherstäbe, dezimal», erklärt Crick andächtig, beginnt eine Handkurbel zu drehen. Ächzend und klappernd setzt sich der Mechanismus in Bewegung, so mühsam und widerborstig, als habe er die letzten hundert Jahre vor sich hin gerostet. Das soll Zukunft sein? Der Mann ist vollkommen übergeschnappt. Warum hängt sich Ann an einen solchen Spinner? Ausgerechnet sie als Corporate Security Officer in einem HighTech Unternehmen, das die modernste Technologie der Welt einsetzt.

Crick bekommt einen roten Kopf vor Anstrengung, japst nach Atem im Takt mit dem Rattern der Maschine, dreht mit beiden Händen am Kurbelrad, bis ihm die Kraft ausgeht. «Babbage wollte die Maschine mit Dampf antreiben. Darum prägte er die Metapher vom Rechnen mit Dampf.» Crick ringt nach Luft und gibt auf. «Kommen Sie.»

Auf einem Tisch türmen sich rechteckige Kartonstücke mit runden Löchern, die mit Leinenstreifen zusammengeklebt und wie eine Handharmonika gefalteten sind. «Was ist das?» Der Professor stellt eine Prüfungsfrage.

Alex antwortet gehorsam: «Das Programm.»

«Richtig! Ada hat es geschrieben. Also ich meine, Ann … Ein zyklischer Algorithmus, der sich endlos wiederholt und in einem immer exakteren Resultat konvergiert. Ada bezeichnete die Analytical Engine als die Maschine, die sich in den eigenen Schwanz beisst . Wie recht sie hatte, beweisen die Ereignisse dieser Tage.»

«Was leistet das Programm?»

«Berechnung der Zahl Pi …» Liebevoll lässt Crick die Programmharmonika durch seine Finger schnarren. Dann flüstert er: «In allen Geschichtsbüchern steht, Babbage sei gescheitert. Er habe seine Maschine nie vollendet. Eine Lüge. Was sie hier sehen, ist seine Konstruktion. Es ist das Original, gebaut von Joseph Clement. Ich habe sie hier im Keller entdeckt, in einem gefangenen Raum, nachdem wir das Haus gekauft hatten. Ada hat sie programmiert. Sie funktioniert. Hier ist der Beweis …» Er schreitet zu den Zahlensäulen, liest die Ziffern von den Rädern «3.1415926535. Pi auf elf Stellen, wie finden Sie das?»

«Moderne Computer haben Pi auf Millionen von Stellen berechnet. Was soll das?»

«Sie hatten! Die Analytical Engine ist der einzige Computer in London, der noch zuverlässig arbeitet. Er war der letzte und wird der erste sein. Wie es in der Bibel steht.»

Alex schaut zu, wie Crick mit einem Schraubenzieher im Mechanismus stochert. Er wird das Gefühl nicht los, es habe sich nichts bewegt ausser der Handkurbel und ein paar Zahnrädern. Alles ist Betrug, man spielt ihm etwas vor, hat ihn in eine Falle gelockt. Oder dann ist Crick wirklich ein Verrückter, von der Geschichte besessen wie Laurie, der Ripperologe. Vom gleichen Wahn gepackt, nur in der Vergangenheit würden sich die Lösungen finden für die Probleme der Zukunft.

«Ada hat mir erzählt, Sie seien auch in der Kryptologie tätig gewesen. Stimmt das?»

«Ada? Eben sagten Sie, Ada habe im neunzehnten Jahrhundert gelebt.»

«Ich meine natürlich Ann.» Crick lächelt verkrampft. «Oft nenne ich sie Ada. Ihre Dissertation, Sie verstehen … Unser Altersunterschied ist ähnlich wie jener von Babbage und Lady Lovelace … Auch sonst haben die beiden viel gemeinsam. Ann und Ada … Sie verstehen.»

Alex versteht. Sagt: «Mein Fachgebiet ist Netzsicherheit. Kryptologie gehört natürlich dazu. Aber der eigentliche Experte war John Goodrich.»

Der Professor fährt mit einem öligen Lappen zärtlich über die rostigen Metallstäbe und Zahnräder. «Wissen Sie, dass sich auch Babbage mit Kryptologie beschäftigt hat? Unter anderem mit Anagrammen.»

«Ich weiss», wirft Alex hin, um seine Überraschung zu verstecken.

«Sie wissen ja alles, Sir. Kennen Sie denn Babbages Anagramme?»

Als Alex zögert, greift er sich einen Notizblock aus der Brusttasche des Labormantels, schreibt ein Wort darauf: misrepresentations.

«Das ist mein Favorit. Sehen Sie eine Lösung?»

Alex überlegt einen Augenblick, schüttelt den Kopf.

«In diesem Anagramm ist meine ganze Philosophie zu Babbage verpackt. Deshalb habe ich es als Motto meinem Buch vorangestellt.»

«Misrepresentations. Was haben wir denn falsch dargestellt?»

«Die Zahlen! Genau wie die Römer!» ruft Crick aus. «Leibniz nannte das Dualsystem göttlich, doch im Grunde genommen stammt es vom Teufel. Siliziumtechnologie ist Erde, entstammt folglich der Hölle. Jetzt gibt nur eines: von vorne beginnen! Bei der Mechanik, die sichtbar ist, durchschaubar, beherrschbar und menschlich. Und beim Dezimalsystem, das uns Gott in die Hände gelegt hat. Das er uns buchstäblich auf den Leib schrieb.» Er hebt seine unversehrte Hand, spreizt die Finger. «Und nun die geniale Lösung …» Er streicht Buchstabe um Buchstabe, auf dem Zettel wächst ein Satz: I tore ten Persian Mss.

«Genial, nicht wahr?» Cricks Augen leuchten.

«Und was soll das bedeutet?»

«Ich zerriss zehn persische Märtressen. Vielleicht …» Crick zwinkert ihm kumpelhaft zu. «Interpretieren Sie es, wie sie wollen.» Das Lachen lässt sein Gebiss klappern. Crick, die Grille.

Er dreht sich um und steigt die Treppe voran ins Erdgeschoss.

Pressestimmen

Rd_tri.gif (202 Byte) Aargauerzeitung vom 18. August 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) St. Galler Tagblatt vom 4. September 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Berner Zeitung vom 11. Dezember 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Tages-Anzeiger vom 14. September 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Die Südostschweiz vom 17. September 1999
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Bund vom 22. Januar 2000
Rd_tri.gif (202 Byte) Der Landbote vom 8. März 2000

«Das Buch gibt logischerweise keine klare Lösung, geht es doch genau darum, wie denn Realität und Cyberspace noch zu unterscheiden sind und ob nicht alles letztlich gleich (un)wahrscheinlich sei.» Tages-Anzeiger

«Der Roman des Computerfachmanns und Literaten Zopfi erscheint in einer Zeit, in der die digitale Vernetzung und Abhängigkeit rasant voranschreitet, das Schlagwort vom globalen Dorf in vieler Munde ist und noch niemand so recht weiss, wohin dies eigentlich führt. Schon heute hockt ein grosser Teil der Werktätigen vor irgendeiner computergesteuerten Anlage. Dass die Menschen dadurch menschlicher werden, als sie es vorher schon nicht waren, ist zu bezweifeln. Der Blackout bedeutet nicht die Revolution.

‹Londons letzter Gast› jedenfalls ist ein spannender, düsterer, auch gesellschaftskritischer Roman. Bleibt im Sinne der guten Utopie zu wünschen, dass Zopfis Untergangsszenario für die computerisierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts Fiction bleibt.» Südostschweiz

«Emil Zopfi setzt in seinem neuen Roman so ungefähr alles ein, was ihm an besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten zur Verfügung steht. Der 1943 geborene Autor ist bekanntlich ausgebildeter Computer und Informatikfachmann. Das erlaubt es ihm, das zukünftige elektronische System mitsamt der denkbaren Gefährdung, die diesem innewohnt, mit hoher Wahrscheinlichkeit und imponierender Detailimagination auszumalen. Ein Werksemester in London sodann hat er offensichtlich dazu verwendet, die City genauestens zu erkunden, und zwar nicht nur ober, sondern auch unterirdisch. Darum kann er die Leser sicher von quasirealem Schauplatz zu Schauplatz führen und die Orte der düsterdramatischen Ereignisse anschaulich schildern. Und schliesslich kommen sein schriftstellerischer Spürsinn fürs Abenteuerliche und für immer neue Steigerungsmöglichkeiten sowie die aufmerksame Beobachtung aktueller Bedrohungen zum Zug, so dass er seinen Helden Adank einer bis zuletzt nicht abreissenden Verkettung von immer neuen Rätseln und lebensgefährlichen Attacken aussetzt.

Damit hat es in diesem Roman aber denn doch nicht sein Bewenden. Zopfi weder blinder Computerfreak noch naiver Fortschrittsanbeter stellt der technifizierten Kommunikation bewusst die einfache, ursprüngliche, um nicht zu sagen primitive entgegen, den direkten Wortwechsel von Angesicht zu Angesicht, und sogar noch, wenn alles andere versagt, die Flaschenpost, wie wir sie aus vorgestrigen Schiffbrüchigengeschichten kennen. Dank diesem erzählerischen Kunstgriff erhält die Horrorvision einer Weltstadt im absoluten elektronischen Blackout eine bemerkenswerte zusätzliche Dimension.» Der Bund

«Ein Held ist Alex nicht und auch kein Ideologe. Zwar diskutiert er auf dem Kanalschiff über Marx und die Verwirklichung des Sozialismus. Doch welches die richtige Gesellschaftsordnung für die Zukunft sein könnte, interessiert ihn kaum. Zopfis Thema ist die drohende Katastrophe – und noch stärker die Reaktion der Menschen darauf. Der Computerabsturz und Alex' Odyssee sind ein Bild dafür – ein monströses, packend geschriebenes. Sein letzter Roman, «Kilchenstock», zeigte ein anderes: den Bergsturz, der dann doch nicht stattfindet. Eine urbane Odyssee.» Der Landbote

 

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