Vincent O. Carter
© Staatsarchiv des Kantons Bern, FN Baumann 229

Vincent O. Carter

«Carters Blick auf Bern und seine Bevölkerung geht weit über eine oberflächliche Kritik am herrschenden Puritanismus hinaus: Er seziert Phänomene wie die Unterdrückung der Frau, die Zerstörung der Landschaft, die Sanierung und Aushöhlung der Gebäude in der Altstadt und den zwiespältigen Umgang der Schweiz mit ihren Künstlern, Literaten und Architekten.»  Der Bund

Vincent O. Carter (1924–1983) wuchs in bescheidenen Verhältnissen im schwarzen Ghetto von Kansas City, Missouri, als Sohn sehr junger Eltern auf. 1944 wurde er in die US-Armee eingezogen und war in Frankreich stationiert. Zurück in den USA, studierte er mit Unterbrüchen, in denen er als Koch bei der Union Pacific Railroad und in Detroit in einer Automobilfabrik arbeitete, an der Lincoln University (Pennsylvania) und an der Wayne University (Michigan). Nach dem Studium kehrte er nach Europa zurück und hielt sich für längere Zeit in Paris, München und Amsterdam auf, bevor er sich Anfang der Fünfzigerjahre in Bern niederliess, dort Radiosendungen schrieb und moderierte, Englisch unterrichtete, malte und meditierte.

In seiner ersten Zeit in Bern litt er unter dem ausgrenzenden Misstrauen, das ihm vielerorts entgegenschlug. Er beobachtete und schrieb seine Überlegungen und Empfindungen auf, voller Erstaunen, manchmal mit Unverständnis, Irritation, analytisch, melancholisch und dennoch immer auch witzig. 1957 stellte er das Manuskript zu «The Bern Book: A Record of the Voyage of the Mind» fertig, welches 1970 veröffentlicht wurde (John Day, New York). Der Text ist ein einzigartiges Porträt der Stadt, der damaligen Kulturszene und von Carters Lebensumgebung. Vor allem aber beschäftigt er sich mit dem Umstand, dass Carter als «the first and only Negro in Town», wie er sich nannte, angestarrt worden sei, als hätte hier niemand je einen Schwarzen gesehen.

«Kaum je eine Woche vergeht, ohne dass ich, wenn ich im Mövenpick oder im Casino bei einem Glas Wein sitze, angesprochen werde und gleich mit einer Menge von Fragen konfrontiert werde. Mit den meisten davon kann ich leicht umgehen. Er fragt: ‹Ist Ihnen nicht kalt, wenn es Winter ist?› und ‹Sind Sie glücklich, jetzt wo die Sonne scheint?› Im ersten Fall sage ich ‹Ja› und im zweiten, der unglücklicherweise selten passiert ‹Ja, tatsächlich›. Sie fragt: ‹Wie lange sind Sie schon in der Schweiz?›, und ich antworte ‹Ungefähr dreieinhalb Jahre›. – ‹So lange!›, staunt sie. ‹How do you like it?›, werde ich in ängstlichem Ton weiter gefragt, auf der Lauer, sich und die Schweiz schon mal zu entschuldigen. Ich warte kurz mit meiner Antwort, um die Spannung zu erhöhen und sage dann: ‹Oh ... I like it well enough.›» Das «Bernbuch» erscheint im Herbst 2021 im Limmat Verlag in deutscher Übersetzung.

Seine posthum erschienene Erzählung «Such Sweet Thunder» (erstmals 2003, Steerforth Press, Lebanon New Hampshire), dessen Manuskript Carter bereits 1963 fertiggestellt hatte, schildert eine Kindheit in Kansas City während den 1920er und 1930er-Jahren, einer Ära, die von Rassentrennung und alltäglicher Ungerechtigkeit geprägt war.