Brief an meinen Vater
Daniel de Roulet

Brief an meinen Vater

Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle

80 Seiten, Klappenbroschur
August 2020
SFr. 22.–, 18.– € / eBook sFr. 18.–
sofort lieferbar
Titel der Originalausgabe: «A la garde», Labor et Fides, Genf
978-3-03926-004-1

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Gespräch über den Tod mit Vater, dem calvinistischen Pfarrer

Im Alter von 97 Jahren beschließt Daniel de Roulets Mutter, mit Hilfe von Exit aus dem Leben zu scheiden. Überrascht und aufgewühlt, beginnt der Sohn in den verbleibenden zwei Wochen, seinem verstorbenen Vater täglich zu schreiben.

Mit ihrem Tod, wird ihm bewusst, sind sie, die Kinder, an der Reihe, ihr Verhältnis zum Tod zu finden. Darüber sucht Daniel de Roulet das Gespräch mit seinem Vater, einem calvinistischen Pfarrer in der Uhrmachergemeinde St-Imier, wo Daniel de Roulet aufgewachsen ist. Das mächtige Pfarrhaus stand mitten im Dorf, am Tisch war Arm und Reich zu Gast.

Und der Tod? Was kommt danach? Während die Sterbevorbereitungen der Mutter ihren Gang gehen, führt Daniel de Roulet ein imaginäres Gespräch mit seinem Vater, für den die Antwort auf die letzte der Fragen seine calvinistische Religion war. Und während seine Mutter ruhig und gefasst das bittere Getränk zu sich nimmt, versucht der Sohn, seine eigene Antwort zu formulieren, ohne Religion, die ihm nichts mehr sagt, ohne Herr, ohne Gott.

«Brief an meinen Vater» ist ein sehr berührendes, aktuelles und auch tröstendes Buch, das sich unerschrocken dem Tod zuwendet, indem es von einer unerschrockenen Frau vor dem Tod erzählt.

Daniel de Roulet
© André Würgler

Daniel de Roulet

Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.

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Maria Hoffmann-Dartevelle

Maria Hoffmann-Dartevelle

1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren, darunter René Crevel, Alberto Giacometti, Marcel Lévy, Joseph Bialot, Michel Quint, Tito Topin, Daniel de Roulet, Amélie Plume, Noëlle Revaz, Pascal Rebetez, Rafael Alberti, Manuel Altolaguirre, César Aira, Rubén Blades, Silvio Rodriguez, Fito Paez.

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Montag, den 4. Juli

Lieber Vater
Heute erfahre ich, dass Mutter beschlossen hat zu sterben. Obwohl du nicht mehr da bist, schreibe ich dir, um dir zu erzählen, wie alles abläuft. Ich hatte mir vorgestellt, ihr würdet gemeinsam sterben, aber du bist vor sechs Jahren als Erster gegangen.

Deine Frau war Mitglied von Exit Suisse Romande, einer Vereinigung für humanes Sterben. Letztes Jahr wollte sie zu Exit Deutsche Schweiz wechseln. Sie benutzt jetzt häufiger die Sprache ihrer Kindheit, das Schweizerdeutsch, das auch du bisweilen in zärtlichen Momenten mit ihr gesprochen hast. Vollkommen erblindet, kann sie keine französischen Zeitungen mehr lesen, also hat sie begonnen, auf Deutsch Radio zu hören. Mit 97 Jahren hat sie beschlossen, in ihrer eigenen Sprache Ja zum Tod zu sagen. Sie hat ihre Krankenpflegerin gebeten, Exit zu benachrichtigen. Ich zweifle nicht an ihrem Entschluss, ich fürchte mich nur vor dem Warten. Deine Mutter, weißt du noch, hat den Freitod verurteilt: «Nein, nein, sich umbringen ist zu einfach, was ist mit denen, die zurückbleiben?»

In eure Eheringe habt ihr die Worte eingravieren lassen: À la garde. Du hast deinen Kindern erklärt, dies sei die Losung gewesen, mit der die verfolgten Hugenotten sich untereinander zu erkennen gaben: Im Schutz. Wobei gemeint war: Im Schutz Gottes.

Mutter hat mir gesagt, sie wünsche sich diesen Spruch für ihre Todesanzeige, den auch du für deine gewählt hattest. Du siehst, sie denkt immer noch an eure Liebe. Sie spricht davon, aber nicht über diesen Gott, der sie beschützen soll.

Ich schreibe dir nicht, um mit dir abzurechnen, sondern weil ich verstehen möchte, was es heißt, als Sohn eines Pfarrers geboren zu werden, und was ich dir schulde. Wenn wir über Religion sprachen, übrigens ziemlich selten, lautete dein Hauptargument gegenüber einem Atheisten oder Agnostiker wie mir: «Ja, aber was ist mit dem Sterben?» Du hast behauptet, ein Pfarrer könne bei vielen Dingen Abstriche machen, nicht aber beim Tod. Dein Calvinismus war in erster Linie eine Antwort auf die Frage nach unserem Los als Sterbliche. Eine wichtige Frage. Zu der ich mir gemeinsam mit dir Gedanken mache, während ich mich auf das angekündigte Ende deiner Frau vorbereite. Ohne zu große Sentimentalität.

SRF 1 Kultur kompakt, 2. Oktober 2020
Zeitlupe, Oktober 2020
Schweizer Buchjahr, 19. Oktober 2020
literaturblatt.ch, 7. November 2020

Deutschlandfunk, 10. Dezember 2020
P.S. Magazin, 12. März 2021
kulturtipp, August 2021


 «So wie ich das engagierte Schreiben des Autors schätze, sein Werk über die Jahrzehnte begleite und mich immer wieder wundere, wie bescheiden das Echo seines Schreibens in der Deutschschweiz bleibt, so sehr mag ich auch dieses Buch, denn es beweist, mit welcher Konsequenz der Autor an sein Schreiben geht, selbst dann, wenn andere in ihrer Ergriffenheit abdriften würden. Lesen Sie Daniel de Roulet!»  Gallus Frei-Tomic, literaturblatt.ch

 

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