Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte
Raphael Gross (Hg.), Eva Lezzi (Hg.), Marc Richter (Hg.)

Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte

Gespräche mit jüdischen Überlebenden des Holocaust in der Schweiz

218 Seiten, Broschur, 14 Abbildungen
Januar 1999
SFr. 30.–, 18.– €
vergriffen
978-3-85791-336-5
     
Geboren zwischen 1913 und 1935 in Bratislava, Berlin, in Antwerpen oder dem polnischen Kielce, in Rumänien oder Ungarn, aufgewachsen in orthodoxen oder assimilierten Familien, im Handwerkermilieu oder als Kind von Kaufleuten, haben die zehn Interviewpartner einen sehr unterschiedlichen religiösen, kulturellen und auch sprachlichen Hintergrund. In ausführlichen Gesprächen schildern sie ihr Leid während der nationalsozialistischen Verfolgung und ihre Erfahrungen nach der Aufnahme in der Schweiz.

Neben der individuell erlittenen Diskriminierung, den Erfahrungen im Versteck oder Konzentrationslager, bei der Zwangsarbeit oder auf der Flucht, zeugen ihre Erinnerungen von der kollektiven Verfolgung und Ermordung des jüdischen Volkes. Zugleich zeigen die Interviews, wie Überlebende in ihren Berufen, den neu gegründeten Familien, der Kunst oder in religiösen wie politischen Verpflichtungen einen Weg finden mussten, mit dem Holocaust weiterzuleben.
Einleitung

«Das einzige, was mir geblieben ist, ist das Denken. Das hat mir niemand verbieten können.»
Interview mit Jan Noach Trajster

«Dieses völlige Alleinsein – so bin ich durch die Welt gegondelt.»
Interview mit Golda L.

«Es war eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte.»
Interview mit Josef H.

«Ich habe die Schweiz immer als meine Heimat betrachtet.»
Interview mit Reine Seidlitz

«Die Schweiz hatte gar keine andere Wahl als zu kollaborieren, und sie kollaborierte …»
Interview mit Roland Kirilovsky

«Die Welt muß wissen.»
Interview mit Fischl Rabinowicz

«Ich war immer Ausländerin, seit meiner Geburt.»
Interview mit Theodora D.

«Wie wird man mit dieser Wut fertig?»
Interview mit Judith Meyer-Glück

«Wenn der Messias käme, der würde uns hier nie finden.»
Interview mit Eduard Kornfeld

«In der Tiefe meines Herzens bin ich ein Jude. Das kann man nicht aus mir herausschlagen, nicht einmal Auschwitz.»
Interview mit Otto Klein

«Wir Überlebenden, wir sollten die Toten nicht alleine lassen …»
Interview mit B-8326 

Glossar
Jüdische Rundschau, 4. November 1999
Neue Zürcher Zeitung, 30. November 1999
Tagesanzeiger, 18. Januar 2000
WochenZeitung WoZ, 20. Januar 2000
Der Tagesspiegel, 7. Februar 2000
Neue Luzerner Zeitung, 2. Juni 2000
Frankfurter Rundschau, 27. Februar 2001
Le temps, 10. Januar 2004

«Die Biographien sind in ihrer Vielfalt des Erlebten und des Erzählstils beeindruckend. Als Orientierungshilfe ist jedem Gespräch eine Kurzbiographie vorangestellt. Nur schon die Tatsache, dass Menschen unter uns leben, die in Polen, Rumänien, der Slowakei, Ungarn, Belgien, Frankreich oder Deutschland geboren wurden und die Katastrophen dieses Jahrhunderts durchgestanden haben und davon ein lebendiges Zeugnis ablegen, macht die Lektüre des Buches zur Pflicht. Es verleiht der Zeitgeschichte ein Gesicht. Ein schreckliches Gesicht. Nicht von ungefähr sagte einer der Herausgeber bei der Präsentation, es wäre zu wünschen gewesen, dass diese Publikation gar nicht hätte entstehen können. Doch die historische Realität will es anders.» NZZ

«Der Schmerz der Erinnerung an die eigenen Leiden, aber auch an das Schicksal der verlorenen Heimat und der ausgerotteten Familien prägt diese eindringlichen Zeugnisse. Sie münden auch immer wieder in die Frage, ob die Schweiz und ihre Bürgerinnen und Bürger bereit sind, den eigenen Anteil an dieser Geschichte ­ zu der auch die Zurückweisung von rund 30 000 Flüchtlingen gehört ­ wahrzunehmen.
Wissenschaftler wie der Frankfurter Psychologe Isidor Kaminer weisen immer wieder darauf hin, dass es zahlreichen KZ-Überlebenden unmöglich ist, über ihre Erlebnisse zu sprechen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Und selbst wenn sie es tun, so fällt das Sprechen oder Schreiben über die Geschehnisse in den Lagern oft aus dem Rahmen gewohnter Formen literarischer Darstellungen. Die unauflösbare Schwierigkeit des "Anti-Subjekts" - so kennzeichnet die Literaturwissenschaftlerin Manuela Günter den Überlebenden - besteht darin, das Undarstellbare darstellen zu müssen. Hier liegt jeweils authentische Zeugenschaft vor, die nur behutsam für die Gegenwart gedeutet werden darf. Vor dem Hintergrund der Einmaligkeit des historischen Ereignisses bedarf die Beschäftigung mit den Zeugnissen nicht nur umfassender Sachkenntnis, sondern auch eines außerordentlichen Fingerspitzengefühls.» Neue Luzerner Zeitung

«Die Geschichte derjenigen Holocaustüberlebenden, die sich in der Schweiz eine neue Existenz aufgebaut haben, ist bislang nur ungenügend erforscht. Dies lässt sich zum einen darauf zurückführen, dass Forschung und Publizistik erst vor wenigen Jahren damit begonnen haben, ihr Augenmerk auf diese lang verdrängte Thematik werfen. Zum andern hängt es auch damit zusammen, dass viele Holocaustüberlebende das selbst erlebte Trauma des Zweiten Weltkrieges (Flucht, Aufenthalte in Konzentrationslagern, Verlust von Bekannten und Familienangehörigen) auch über 50 Jahre nach Kriegsende nicht bewältigt haben. Mit ‹Eine Welt, die ihre Wirklichkeit verloren hatte ...› liegt jetzt ein Buch vor, das in der Schweiz erstmals in Wort und Bild dokumentiert, wie Überlebende des Holocaust dem Unvorstellbaren entronnen sind und in der Schweiz zu einem neuen Lebengefunden haben - finden mussten. Die unsäglichen Torturen des Naziregimes, die sie vor einem halben Jahrhundert erlitten, haben bis heute ihre Narben hinterlassen. «Leider hat die Vernichtung des europäischen Judentums, der Genozid an den Juden, die Völker Europas auch nach dem Zweiten Weltkrieg kalt gelassen», konstatiert Josef H. ‹Erst jetzt, 50 Jahre danach, regt sich das Gewissen der Völker, Und dennoch: Man wird immer wieder Zeuge von Genoziden, und was wird dagegen getan?›» Jüdische Rundschau

«In den vergangenen Wochen war viel von jenen jüdischen Flüchtlingen die Rede, die während der NS-Zeit an der Schweizer Grenze abgewiesen worden waren. Kaum jemand aber hat sich mit dem Schicksal von Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager befasst, die irgendwann in der Schweiz gestrandet sind. Ihre Zahl wurde nie genau erfasst. Unmittelbar vor und nach Kriegsende müssen es einige Tausend gewesen sein; die allermeisten sind weitergewandert, weil sie unerwünscht waren. Heute mögen schätzungsweise noch einige Hundert hier leben, still, unauffällig, zurückgezogen, allein mit ihren Erinnerungen an den Horror, die sie höchstens mit ihren Familien teilen konnten. Jetzt haben sich zum ersten Mal andere für ihre Geschichte interessiert mit dem Gedanken, sie einer grösseren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zwei Schweizer Wissenschaftler der jüngeren Generation, Eva Lezzi von der Universität Potsdam und der Historiker Rafael Gross, Assistent am Lehrstuhl von Norbert Frei an der Universität Bochum, haben elf Überlebende in der Schweiz zu ihrer Lebensgeschichte befragt.» Tages-Anzeiger

«Warum erscheint dieses Buch erst jetzt, nach über fünfzig Jahren, beim Aufbruch in ein neues Jahrhundert? Die Herausgeber geben auf diese Frage eine doppelte Antwort: Erstens, weil die Texte einen Beitrag zur schweizerischen Vergangenheitsbewältigung leisten – spät zwar, und doch zu einem Zeitpunkt, der aufgrund der Aktualität, die das Thema in den letzten Jahren gewonnen hat, günstiger kaum gewählt sein könnte. Mit den Worten der Herausgeber: ‹Es sind nicht alleine die Fakten, sondern vor allem deren Einordnung in unser Bild der Vergangenheit, welche unser Gefühl für historische Gerechtigkeit bestimmen.› Die Interviews sind gerafft, dicht und von einer geballten Dramatik. Sie führen den Leser weit weg von der heilen Welt des Schweizer Alltags und konfrontieren ihn mit Szenerien der Verfolgung, der Demütigung, des Mordens, der Kulturzerstörung. Die Sprache klingt über weite Strecken erstaunlich emotionslos – für die Erzählenden wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, Ereignisse wieder aufleben zu lassen, deren gefühlsmässige Bewältigung kaum möglich scheint.» WochenZeitung WoZ

«Das Buch wurde vor kurzem in der Schweiz vorgestellt – zeitgleich mit der Veröffentlichung des vieldiskutierten Flüchtlingsberichts der ‹Unabhängigen Expertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg› (UEK). Es ist ein eindringliches Plädoyer für das Zuhören – am besten ohne die verstohlene Hoffnung darauf, dass es so etwas wie eine ‹Wiedergutmachung› oder einen endgültigen ‹Schlussstrich› überhaupt geben kann.» Der Tagesspiegel
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