Wenn es um die Wurst geht, kämpfe ich

Wenn es um die Wurst geht, kämpfe ich

16 Porträts neuer Schweizerinnen und Schweizer

Mit Texten von Ursula Binggeli, Frank von Niederhäusern, Bruno Rauch, Karl Wüst, Roland Maurer, Beat Mazenauer, Willi Wottreng / Mit Fotografien von Alessandro Della Bella / Mit einem Vorwort von Dana Grigorcea / Herausgeber Schweizer Feuilletondienst (SFD)

160 Seiten, 16 x 24 cm, gebunden, 27 Fotografien vierfarbig
Mai 2012
SFr. 34.–, 38.– €
sofort lieferbar
978-3-85791-650-2

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In der Schweiz lebt die ganze Welt. Viele Menschen sind eingewandert, waren fremd, sind teilweise immer noch fremd, vermissen ihre ursprüngliche Heimat – und haben doch den Wunsch zu bleiben. Weshalb?

Das vorliegende Buch rückt sechzehn solche Menschen ins Licht, erzählt von ihren Beweggründen, in der Schweiz zu leben, Schweizerinnen und Schweizer zu werden. Unterschiedlich sind diese Beweggründe. Die einen betonen Freundschaften, angenehme Lebensumstände, berufliche Herausforderungen, andere sind notgedrungen in die Schweiz gekommen, weil sie ihre ursprüngliche Heimat aus politischen Gründen haben verlassen müssen. Die einen sind «dankbar», hier zu sein, finden es «toll», hier zu leben und sich einzumischen, andere sind zwiespältiger, haben die Vorbehalte nicht abgelegt. Für sie ist das Leben in der Schweiz nur eine Möglichkeit unter anderen.

Schweizer Feuilletondienst (SFD)

Schweizer Feuilletondienst (SFD)

Als kultureller Informationsdienst schreibt der SFD tagesaktuell über Theater- und Tanzpremieren, über Kunstausstellungen und Konzerte in der ganzen Schweiz, und er bespricht jeweils die belletristischen Neuerscheinungen auf dem Deutschschweizer Büchermarkt. Kleine Häuser berücksichtigt er ebenso wie grosse, junge Autoren ebenso wie arrivierte. Randständige Kunst liegt dem SFD gleichermassen am Herzen wie der Mainstream.

Doch der SFD berichtet nicht nur über die kulturelle Aktualität. Da er als verständigungspolitische Organisation durch das Bundesamt für Kultur (BAK) finanziert und von den Kantonen subventioniert wird, schreibt er auch thematische Artikelserien über die vier- bzw. vielsprachige Schweiz.

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Und du bisch d'Milch i de Schoggi
Vorwort von Dana Grigorcea

Henry Camus, Künstler, Kabarettist, Musiker (USA / Schweiz)
Von Bruno Rauch

Saba Kamouneh Thomet, Zahnärztin (Iran / Schweiz)
Von Frank von Niederhäusern

Joel Kiassumbua, Fussballer (Demokratische Republik Kongo / Schweiz)
Von Beat Mazenauer

Judith McKenzie, Erdwissenschafterin (USA / Schweiz)
Von Ursula Binggeli

Chanchal Biswas, Redaktor (Indien / Schweiz)
Von Willi Wottreng

Cristina Castrillo, Theaterfrau (Argentinien / Schweiz)
Von Roland Maurer

Jacek Pulawski, Fotograf (Polen / Schweiz)
Von Karl Wüst

Kemal Sadulov, Sozialpädagoge (Mazedonien / Schweiz)
Von Willi Wottreng

Nana Zimmermann Boadi, Geschäftsfrau (Ghana / Schweiz)
Von Ursula Binggeli

Gyula Csató, Bergführer, Mathematiker (Ungarn / Schweiz)
Von Karl Wüst

LyLing Vilaysane, Modedesignerin (Laos / Schweiz)
Von Ursula Binggeli

Antonio Sommavilla, Medienkommunikator (Italien / Schweiz)
Von Roland Maurer

Joy Frempong, Musikerin, Sängerin (Ghana / Schweiz)
Von Frank von Niederhäusern

Jörg Zielinski, Bühnenbildner (Deutschland / Schweiz)
Von Bruno Rauch

Marina Belobrovaja, PerformanceKünstlerin (Ukraine / Schweiz)
Von Beat Mazenauer

Milenge Bulambo, Metzger (Demokratische Republik Kongo / Schweiz)
Von Bruno Rauch

Und du bisch d’Milch i de Schoggi

Und du bisch d'Milch i de Schoggi

Von Dana Grigorcea

(...)

Die interviewten Zugezogenen und ihre Kinder haben alle reüssiert in ihrem Leben, zumindest sprechen sie mit grosser Gelassenheit über ihre Biografie. Hierzu muss ich aus eigener Erfahrung bemerken, dass die Biografie eines Menschen, der gereist ist und über längere Zeit an verschiedenen Orten gelebt hat, sich fein säuberlich nach Ort und Integrationsphasen strukturieren und bilanzieren lässt, wobei nachträglich alles nach einem Plan erfolgt zu sein scheint – eventuell nach einem, den man mit besonderem Talent und Ehrgeiz verfolgt hat. Die Wahrheit ist natürlich prosaischer und kennt weniger eine Linearität, das haben die Interviewer im Buch herauszukitzeln gewusst. Die präsentierten Personen sind hier meistens solche, die wohl besonders auffallen dürften in ihrem Umfeld und die ihre Lebensgeschichte vermutlich so oft erzählt haben, bis sie plakativ zu werden drohte und sich von ihnen möglicherweise losgelöst hat. Umso mehr beeindrucken in diesem Fall Konfessionen im Nebensatz und in leisem Ton.

Wenn sich die erfolgreiche Modemacherin Ly-Ling Vilaysane an ihre St. Galler Kindheit erinnert und erzählt: «Immer sagten alle: Du bist eine von uns. Und das sagten sie nur, weil ich es nicht war», dann bekommt ihre Geschichte eine existentielle Dimension, die uns alle angeht. Es ist keine Geschichte mehr von abenteuerlicher Andersartigkeit, an der man sich berauschen kann oder bei der man sich berufen fühlt zu erzählen, was «bei uns» üblich ist. Es ist die Geschichte aller Menschen, die einmal einsam waren und verletzt.

Und da ist Nana Zimmermann Boadi, eine junge, kraftstrotzende Unternehmerin, die lieber mit dem Auto unterwegs ist in der Berner Heimat, weil sie gemerkt hat, dass sich die Leute im Tram nur dann neben sie setzen, wenn sonst alle Plätze besetzt sind. Das sind kleine Bemerkungen am Rande einer Biografie, die man als erfolgreich bilanziert, in denen sich aber die Verletzlichkeit jener Menschen zeigt, die unwillentlich auffallen. Durch das ganze Buch zieht sich die gewisse Spannung, die sich aus dem Umgang mit einem Bild ergibt, das andere von einem haben und einem nicht selten auch zuweisen wollen.

Die Geschichten in diesem Band sind in ihrer Vielfalt überraschend und äusserst unterhaltend, soweit dies, vielleicht auch im theatralischen Sinn der Überzeichnung, für Schicksale so gesagt werden kann. Noch vor einer Generation waren solche Schicksale eher homogen, die Verunsicherung der Zugezogenen weit grösser, denn anno dazumal waren die Menschen eher ortsverbunden, sie hatten «Wurzeln». Ein «Ausländer» wurde früher schmerzhaft «verpflanzt» – er verlor seine Heimat und alle Sicherheit seiner bekannten Welt und musste sich in einer neuen, ihm völlig fremden Umgebung akklimatisieren. Meine Schwiegermutter, die zur griechischen Minderheit Alexandrias gehörte, musste in der Folge von Nassers Arabisierungs- Politik Ägypten verlassen. Sie emigrierte in die Schweiz, und als sie mit ihren fünf Holzkoffern auf dem Glarner Bahnsteig ankam, sanken ihre Sandalen tief in den Schnee. Sie hatte bis dahin noch nie in ihrem Leben Schnee gesehen und erlebte zum ersten Mal Kälte.

Ein solches Erlebnis kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Heute reist man mehr und fühlt sich an vielen Orten zu Hause. Die Massenmedien durchfluten auch jeden noch so verlassenen Erdwinkel. Es gibt Facebook, die junge Generation lebt anders, auch ohne Vereine, sie ist anpassungsfähiger, volatiler, verschreibt sich nicht mehr so schnell einer Zugehörigkeit. «Ich bin gerne hier», sagt Joy Frempong, «aber ich habe meine Leute auch anderswo». Ohne grosses Aufsehen besucht man chinesische, japanische, indische und andere fremdländische Restaurants und kocht zu Hause alles nach, und man kommt auf dem umkämpften Markt ständig in Kontakt mit Menschen aus anderen Ländern beziehungsweise irgendwann mit Menschen, die so viel gereist sind, dass man vielleicht, in der einen oder anderen Erinnerung, eine gemeinsame Heimat findet mit ihnen, einen See in den Alpen am Ende eines Fahrradweges, ein Kaffeehaus in Wien, eine gewisse Hütte in einem kenianischen Nationalpark, die sich besonders für Picknicks eignet. Dies kommt nicht gleich zur Sprache in den Interviews, aber man spürt in der Stimmung den Kulissenwechsel.

Natürlich gibt es die Geschichten vom Asyl, haarsträubend die Erzählung der aus Teheran eingewanderten Saba Kamouneh Thomet, die als Kind von einer Asylunterkunft zur nächsten musste: «Wir waren zum Nichtstun verurteilt. Mein jüngerer Bruder und ich durften nicht zur Schule, nicht einmal Deutsch lernen.» Später bekommt die Familie eine kleine Wohnung, passt sich vorbildlich an, die Eltern arbeiten hart, die Kinder sind Musterschüler. Ein Jahr vor Sabas Matura kommt der Ausschaffungsbescheid. Ein tollkühner Entschluss des Vaters sollte die Familie vor der Abschiebung retten. Die sogenannte Fremdenpolitik ist im Band ein präsentes Thema, die Interviewten wissen aber zu differenzieren und agitatorische Politiker nicht mit den Leuten überhaupt, nicht einmal mit deren Wählern, zu identifizieren. Die Ausländerpolitik einer gewissen Partei wird als plumpe Wählerhascherei angeprangert. Joy Frempong bringt es auf den Punkt: «Gewisse Politiker banalisieren bewusst und versuchen, mittels einer diffus definierten Gegnerschaft ein Gemeinschaftsgefühl zu konstruieren.» Gerade im multikulturellen Dialog gelte es aber, die Zwischentöne zu beachten.
NZZ am Sonntag, Bücher am Sonntag, 27. Mai 2012
Die Wochenzeitung, 14. Juni 2012
DRS2 aktuell, 25. Juli 2012
Club-Ticket, August 2012
Babylonia, 3/2012

«Der bei solchen Texteditionen häufige Eindruck des Gutgemeinten – nebst der Vielfalt des Fremden geht es meist um Integrations- und Akzeptanzprobleme – stellt sich bei diesem schön gestalteten Band nicht ein. Vielmehr blitzt bei den Interviewten Stolz, Keckheit und helle Freude auf, es trotz äusserlicher Andersartigkeit in diesem reichen weltoffenen Land ‹geschafft› zu haben.» NZZ am Sonntag, Bücher am Sonntag

«Der schön illustrierte Band zeigt, dass diese Bilder von der ‹anderen›, legalisierten Schweiz bunt gemischt und vielfältig sind. So können auch gestandene Einheimische erkennen, dass es nur bereichernd ist, wenn die Welt unter uns lebt» WochenZeitung WOZ.

«Es ist erfrischend, mit welchem Stolz, mit welchem positiven Selbstverständnis und mit welcher gelassenen Toleranz gegenüber ihrer neuen Heimat sich die Interviewten in diesen Porträts präsentieren. [...] Die Geschichtensammlung überzeugt durch ihre Vielfalt und eignet sich auch für schulische Zwecke gut für die Thematisierung von Integration, Migration, Umgang mit Fremden, oder auch einfach für jedermann, der Freude an aktuellen Lebensgeschichten aus der Schweiz hat [...]» Babylonia
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