Nach der Schweiz
Daniel de Roulet

Nach der Schweiz

27 Porträts zur Metamorphose eines Nationalgefühls

Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle

200 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
1. Aufl., August 2009
SFr. 29.80, 29.80 €
sofort lieferbar
Titel der Originalausgabe: «Un glacier dans le cœur. Vingt-six manières d’aimer un pays et d’en prendre congé»
978-3-85791-594-9

per Post bestellen

Es war selten ganz einfach mit der Heimat. Robert Walser etwa zog sich in sich selbst zurück, Harald Szeeman half sich mit Ironie, und Ferdinand Hodler wiederholte hartnäckig: «Ich male eine planetarische Landschaft.»

Vom heimwehkranken Londoner Schokoladenbaron aus dem Tessin, Carlo Gatti (1817–1878), bis zu Noëlle Revaz und Peter Weber (beide 1968 geboren) schreibt Daniel de Roulet und zeichnet in sehr persönlicher Art die Beziehungen nach, die sie zur Schweiz hatten oder haben. Mal in kurzen, prägnanten Biografien, mal mit detailliertem Blick auf eine einzelne Episode versucht er zu ergründen, welche Metamorphosen die Liebe zur Schweiz in den letzten zweihundert Jahren durchgemacht hat. Es sind vorwiegend Künstlerporträts, denn die Kunst, so Daniel de Roulet, ist oft ein Seismograf dessen, was kommt. Bei allem Dissens ist es also ratsam, auf sie zu achten, wenn es um die Zukunft der «planetarischen Landschaft» Schweiz in der Mondialisierung geht.
Daniel de Roulet
© Yvonne Böhler

Daniel de Roulet

Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Er lebt in Genf.

mehr...

Maria Hoffmann-Dartevelle

Maria Hoffmann-Dartevelle

1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren, darunter René Crevel, Alberto Giacometti, Marcel Lévy, Joseph Bialot, Michel Quint, Tito Topin, Daniel de Roulet, Amélie Plume, Noëlle Revaz, Pascal Rebetez, Rafael Alberti, Manuel Altolaguirre, César Aira, Rubén Blades, Silvio Rodriguez, Fito Paez.

mehr...

Die Porträtierten

Heimweh    Carlo Gatti, 1817–1878

Asyl    Gustave Courbet, 1819–1877

Pazifismus    Ferdinand Hodler, 1853–1918

Patriotismus    Louis Chevrolet, 1878–1941

Rückzug    Robert Walser, 1878–1956

Stil    Charles-Ferdinand Ramuz, 1878–1947

Armee    Henri Guisan, 1874–1960

Fahnenflucht    Annemarie Schwarzenbach, 1908–1942

Ehrgeiz    Le Corbusier, 1887–1965

Untergrund    Paul Grüninger, 1891–1972

Flucht    Clara Haskil, 1895–1960

Liebe    zur Fremde Jean Rousset, 1910–2002

Exhibitionismus    Max Frisch, 1911–1991

Loyalität    Im Dienst des Unternehmens

Rassismus    James Baldwin, 1924–1987

Sarkasmus    Jean Tinguely, 1925–1991

Ironie    Harald Szeemann, 1933–2005

Einsamkeit    Adolf Muschg, 1934

Exil    Agota Kristof, 1935

Übersetzen    Gilbert Musy, 1944–1999

Distanz    Jürg Laederach, 1945

Nomadentum    Chiara Banchini, 1946

Verrat    Thomas Hirschhorn, 1957

Reisen    Marianne Müller, 1966

Landschaft    Peter Weber, 1968

Stille    Noëlle Revaz, 1968

List    Gianni Motti, 1958

Nachlassendes Heimweh

Dieses Buch vereint Porträts von Zeitgenossen und historischen Persönlichkeiten, ohne eine Liste der Besten und Größten aufstellen zu wollen. Sie alle haben eine enge Beziehung zu dem Land, aus dem der Autor zufällig kommt und dessen Schicksal er teilt, ohne es selbst gewählt zu haben. Man wird zufällig in ein Land geboren, spricht zufällig eine bestimmte Sprache, ist also zufällig ein frankofoner Schweizer. Wählen kann man nur das Schreiben. Und mit Hilfe des Schreibens gewöhnt man sich nach und nach an die Vorstellung, dass es möglich ist, in Frieden mit seinen Ursprüngen zu leben. Denn wir Schweizer sind ja sogar imstande, unter dem Glück zu leiden, Schweizer zu sein.

Während der Zusammenstellung dieser Texte – angedeutete Lebensläufe, Bewunderungssplitter –, von denen einige bereits in Zeitungen oder Zeitschriften erschienen, andere noch unveröffentlicht sind, wird mir bewusst, dass sie etwas erzählen, einen geistigen und künstlerischen Epos, und zugleich eine Frage stellen, die Frage, was danach kommt. Nach der Schweiz.

Bis vor Kurzem haben wir davon gelebt, ein Sonderfall zu sein. Inzwischen wissen wir, dass wir auch nicht anders sind als die anderen, und müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass unsere Liebe zu dieser Landschaft zwischen Alpen und Jura uns keinerlei Rechte über sie gibt – außer vielleicht das Recht auf Heimweh nach ihr.

Schon im 17. Jahrhundert verwendeten die zum Dienst in der Fremde fortgezogenen Deutschschweizer einen nicht ins Französische übersetzbaren Begriff, um die Sehnsucht nach ihrem Tal, ihrer Frau, ihrem Land auszudrücken, und sprachen von Heimweh. Da diese Krankheit eindeutige Symptome aufwies, widmete ein Basler Arzt, der schon viele Schweizer behandelt hatte, ihr ein ganzes Lehrbuch. Um die Ernsthaftigkeit seines Unterfangens zu betonen, ersetzte er Heimweh durch einen Begriff, den er sich aus dem Griechischen zusammengebastelt hatte. Nostos bedeutet Rückkehr nach Hause, algos Leiden, so wurde das Heimweh, an dem die Schweizer erkrankten, durch nostalgos ersetzt.

Nachdem die Engländer die Vokabel in Form von nostalgia in ihren Wortschatz aufgenommen hatten, stellte Captain Cook 1770 auf seiner Reise ans andere Ende der Welt fest, dass auch seine Seeleute an nostalgia erkrankt waren. Die französische Sprache, der es nie gelungen war, Heimweh anders zu übersetzen als mit mal du pays, hat sich das Wort rasch zu eigen gemacht. Den Romantikern gefiel es, so wie ihnen das Wort spleen gefiel.

Im Deutschen wurde das neue Wort Nostalgie erst Anfang des 20. Jahrhunderts gebräuchlich, meist in adjektivischer Form, als nostalgisch.

Auf seinem Weg durch die verschiedenen Sprachen, das Italienische inbegriffen, hat die Nostalgie ihre medizinische Bedeutung und ihren Bezug zur Schweiz verloren. In einem 1945 erschienenen Essay spricht Sartre von der «Nostalgie, die nichts zu stillen vermag, da sie im Grunde ein Verlangen nach nichts ist».

Mit den Wörtern ist es wie mit den heutigen Schweizern: Sie reisen viel. Unterwegs verlieren dann Wörter wie Nostalgie genau wie die Schweizer ihre nationale Fixierung und öffnen sich hin zum Universellen.

So haben die Schweizer Künstler, die ich liebe, vorgegeben, sie interessierten sich für die Enge ihrer Täler, aber nur, weil sie hinter jedem unserer Berge einen fernen Horizont aufschimmern sahen. Robert Walser und Ramuz sprechen von unseren Seen mit ebenso viel Begeisterung wie Joseph Conrad, wenn er den Pazifischen Ozean beschreibt. Und Hodler, der sich nur selten vom Fleck gerührt hat, pflegte zu sagen: «Ich male eine planetarische Landschaft.»

Wenn ich mir ansehe, was die Schweiz im Kalten Krieg gewesen und was aus ihr geworden ist, bin ich überzeugt, dass sie ihre heutige geistige Offenheit nicht ihren Politikern verdankt, sondern zu einem kleinen Teil ihren Ingenieuren und Nomaden und zu einem großen ihren Künstlern. Denn die sind es, die uns seit 150 Jahren auf die Globalität, die positive Seite der Globalisierung, vorbereiten und uns ermöglicht haben, die Welt nicht mehr nur als eine Aneinanderreihung übersteigerter Nationalismen zu sehen, auch nicht als ein Reich des Guten im Kampf gegen ein Reich des Bösen, sondern als ein Geflecht aus Plänen, Revolten und Hoffnungen. Es wird Zeit, diesen Leuten Ehre zu erweisen.
Der Bund, 22. April 2009
Besprechung auf Radio Suisse Romande (frz.)
SonntagsZeitung, 6. September 2009
Neue Zürcher Zeitung, 24. September 2009
WOZ, 19. November 2009
Saiten, November 2009
Schweizer Familie 6/2010
Literaturkurier/Literaturkalender FAZ, 11. Februar 2010

«Es sei eben die Kultur, die das Land geistig geöffnet und auf die Globalisierung vorbereitet habe. Eine schöne These. Vielleicht stimmt sie sogar.»  SonntagsZeitung

«Das Heimweh und seine Rückbuchstabierung, die Fernsucht, sind zwei Gesichter unserer Existenz mitten im Herzen von Europa, die der Schweiz und den Schweizern keinen Sonderstatus, aber vielleicht einen eigenen Ausdruck, eine spezifische innere Dynamik – und damit verbunden auch eine Hoffnung auf Veränderung – gegeben haben. In seinen 27 Porträts ganz unterschiedlicher Schweizer untersucht Daniel de Roulet, wie sich die Gefühle zur Schweiz unter Künstlern, Autoren, Ingenieuren und Architekten verändert haben – und welche Aggregatszustände von flüchtig bis grobkörnig diese Emotionen in den Äusserungen der Betroffenen angenommen haben.»  Neue Zürcher Zeitung

«Dem Charme, dem Einfallsreichtum und der erzählerischen Verve von de Roulets Porträtierungskunst vermag man sich nur schwer zu entziehen. De Roulets Geschichten haben Drive, sind immer wieder auf eine neue Weise erzählt und besitzen eine Unmittelbarkeit, wie sie ein rein journalistischer Bearbeiter niemals zustande brächte.»  Der Bund

«Der Westschweizer Daniel de Roulet präsentiert knapp dreissig Porträts von Gestalten aus dem 19. Und 20 Jahrhundert, die die Schweiz geprägt haben oder noch prägen. Eine eigenwillige Auswahl, die den Bogen vom ‹Heimweh›, einer schweizerischen Erfindung, bis zum ‹posthelvetischen Menschen› schlägt. Die Figuren – von Ferdinand Hodler über General Guisan und Jean Tinguely bis Peter Weber – sind mehrheitlich PionierInnen in einem unerwartet spannenden Land.»  WOZ

«Die Porträts sind kurz, meisterhaft geschrieben und um Fairness bemäht. Es sind kurzweilige 200 Seiten, und man hofft, dass Autor de Roulet nicht recht behält, wenn er schreibt: ‹Die Schweiz ist im Begriff, sich in der Globalität aufzulösen.› Immerhin bietet das kleine Land bei aller Enge noch immer viele Schlupfwinkel für freie Geister.»  Schweizer Familie

«De Roulets Buch ist erhellend, erfrischend, bedenkenswert und zur Diskussion anregend.»  Saiten

«Erstaunliches kommt dabei zu Tage, vor allem der Wandel, dem die Schweiz in den letzten 200 Jahren unterlag.»  literaturkurier

«De Roulets Texte zeugen von einer starken Neugierde für das Bewusstsein, das dieses Land von sich selbst hat oder eben nicht hat; von einer grossen Kenntnis dessen intellektuellen Lebens; von einem Willen, den Rücken der Standbilder – wie zum Beispiel Le Corbusier– etwas anzukratzen. Die Bewunderung des Autors ist oftmals etwas bärbeissig, die Hagiographie nicht sein Ziel. Es sind die Spalten des Gletschers, die ihn anziehen, ja, die er sogar begründet! Der Leser jedenfalls fühlt sich eingeladen, neue Pfade zu beschreiten.»  Le Temps

«Die neue, delikate und eigenwillige Sammlung der Chroniken des Schweizer Schriftstellers Daniel de Roulet ist eine Reflexion über den ‹homo helveticus›, die Mythen, die ihn bilden und die Art und Weise, in der er sich verändert. Die herzhaften Anekdoten werden mittels Persönlichkeiten des künstlerischen und politischen Lebens unseres Landes in Szene gesetzt. Ein ebenso scharfer wie einfühlsamer Blick.»  L'Hebdo

«Daniel de Roulets explosiver Essay, bestehend aus kurzen Texten, ist sehr interessant, weil Daniel de Roulet nicht die ausgetrampelten Wege geht und nicht die x-te Version helvetischer Mittelmässigkeit nachschreibt.»  La Liberté

«De Roulet entwirft eine Porträtgalerie von Schweizern ausserhalb der Norm. Eine seiner Begabungen liegt im Illustrieren von höchst symbolischen Situationen.»  24 Heures
Wann Was Wo
13. Dez. 17
19:00 Uhr
Zehn unbekümmerte Anarchistinnen
Lesung mit Daniel de Roulet
Zentrum für Anarchie
5000 Aarau
 
Captcha

Ihre Meinung ist uns wichtig. Bitte nehmen Sie sich einige Minuten Zeit und teilen Sie uns Ihre Meinung zu diesem Buch mit. Alle Rückmeldungen werden auch an die Autoren und Autorinnen weitergeleitet. Herzlichen Dank.