Gegen die Flut
Yusuf Yeşilöz

Gegen die Flut

Roman

220 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
1. Aufl., August 2008
SFr. 34.50, 34.50 €
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978-3-85791-559-8

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Schlagworte

Migration Literatur
     

Der Kurde Alan lebt seit Jahren nicht mehr in seinem Heimatdorf, er ist überzeugt, auch die Normen und Traditionen zurückgelassen zu haben. Doch seine Welt gerät gänzlich aus den Fugen, als er von seiner Frau erfährt, dass sie ein Verhältnis gehabt hat. Er sieht keinen anderen Weg, als sich von Frau und Kindern zu trennen. Verschwunden ist die Grosszügigkeit, die er in all den Jahren zu entwickeln versucht hat, es bleibt nur noch eine tiefe Verletzung, die er als Mann nicht überwinden kann. In der Begegnung mit der Türkin Meryem sucht er neuen Boden, muss aber rasch erkennen, dass es so nicht geht. Vielmehr holt ihn seine Vergangenheit ein, die erste Ehe – er wurde gezwungen, eine Cousine zu heiraten – und die Tochter aus dieser Ehe.

Yusuf Yesilöz erzählt die Geschichte von Alan und Meryem in melancholischem Ton, leise, ohne Anklage und mit grosser Kenntnis der verschiedenen Welten, in denen sich die Personen bewegen. Dass Alan behutsam eine Annäherung an seine ältere Tochter gelingt, öffnet den Weg in die Zukunft.

Yusuf Yeşilöz
© EJY/Limmat Verlag

Yusuf Yeşilöz

Yusuf Yeşilöz, geboren 1964 in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien, kam 1987 als Flüchtling in die Schweiz. Heute lebt er mit seiner Familie in Winterthur und arbeitet als freier Autor, Übersetzer und Filmemacher. Veröffentlichungen: «Der Imam und die Eselin», «Der Gast aus dem Ofenrohr», «Steppenrutenpflanze», «Reise in die Abenddämmerung», «Vor Metris steht ein hoher Ahorn». Filme: «Zwischen den Welten», «Hungern gegen Wände».

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Er schätzte sie um die fünfunddreißig ...

Er schätzte sie um die fünfunddreißig, eine schöne Frau. Nach einem kurzen Moment fragte sie ihn auf Türkisch, ob er ihr seine Zeitung, die er auf die Seite gelegt hatte, leihen könne. Er war erstaunt, in der Schweiz tat man das nicht oft.

Früher einmal war Alan in der Türkei im Bus gefahren und hatte für die sechsstündige Reise drei Zeitungen gekauft. Am Schluss lag jedes Blatt seiner Zeitungen in einer anderen Hand, den letzten Teil hatte er einer Frau gegeben, damit sie auf seiner Zeitung im Korridor ihr Kind wickeln konnte. Eine Kulturseite, die er in Ruhe hatte lesen wollen und deshalb nicht gebraucht hatte, musste er einem bärtigen Mann geben, der sie als Gebetsteppich benutzte. Er hatte Alan vorher fast flüsternd gefragt, ob er cünüp, also rein sei. Alan hatte gelogen und ihm gesagt, nein, er sei rein, er habe abdest gemacht, sich rituell gewaschen, bevor er den Bus bestiegen habe. In der Tat hatte er sich nie nach der muslimischen Art gewaschen, und nun fragte er sich, ob er, da er dem Bärtigen verschwiegen hatte, dass er cünüp war, im Jenseits ewig Sünde tragen müsse, weil der Bärtige auf einer Zeitung aus unreinen Händen gebetet hatte.

Die Frau überflog die Zeitung Seite für Seite, und Alan vermutete, dass sie nicht unbedingt die Zeitung lesen, sondern unter einem Vorwand mit ihm ins Gespräch kommen wollte. Er schob seine Frage, ob die Frau bewusst sein Abteil gesucht hatte, beiseite. Wenig später, sie hatten nicht mal fünf Minuten Reise hinter sich, sagte sie: «Ich denke, dass ich einmal bei einem Konzert von Ihnen dabei war, ich erinnere mich an Ihr Gesicht!», und fragte, ob er von einem Konzert komme.

«Leider nicht. Ich habe gearbeitet!» Auch sie sei von der Arbeit auf dem Nachhauseweg. Jedes Mal, wenn sie Feierabend habe, wolle sie das mit Liedern und Musik feiern. Sie leite eine Abteilung mit acht Frauen, jede von ihnen sei eine eigensinnige Ziege. Beide lachten leise. Er war erstaunt, dass er Gesangsaufnahmen Arbeit nannte. Für ihn war Arbeit etwas, das man mit den Händen machte, dabei müde wurde und damit auch etwas verdiente. Für seine Lieder wurde er weder bezahlt ... obwohl er einmal im Jahr eine Abrechnung bekam, aber weil er jeweils viele CDs bezogen und weiterverschenkt hatte, gab es am Schluss doch kein Geld mehr für seine Musik. Auch müde wurde Alan nicht vom Singen. Müde wurde er nur vom Druck des Produzenten und vom Druck, ein Familienmann zu sein und Kinder zu haben. Doch auch das verstand er eigentlich nicht. Seine Tante im Heimatdorf hatte dreizehn Kinder. Er hatte nie gehört, dass sie sich über die zu versorgenden Kinder beklagt hätte.
Neue Zürcher Zeitung, 2. September 2008
züritipp, 4. September 2008
Der Landbote, 4. September 2008
Anzeiger des Bezirks Affoltern, 30. September 2008
Wochenzeitung WoZ, 30. Oktober 2008
Tages-Anzeiger, 5. Dezember 2008
Der Landbote, 4. März 2009
terra cognita, Frühling 2009

«Wie Yusuf Yesilöz die Orientierungslosigkeit, oder eher noch: diese Überforderung eines Menschen, der zwischen verschiedenen Wertsystemen eingeklemmt wird, in Alans Gedanken und Handlungen fasst, gehört zu den subtilsten Passagen dieses Buches. Der Autor ist auch nicht der Versuchung erlegen, die psychologische Komplexität der Situation für das Romanende zu vereinfachen.» Neue Zürcher Zeitung

«Yesilöz schickt seine Protagonisten auf eine intensive und aufreibende Suche nach der eigenen Identität. Der Autor lässt Alan taumeln zwischen der Kultur seiner Frau und dem Erbe seiner Eltern, zwischen Helvetismen und der blumigen, bildhaften kurdischen Sprache. Yusuf Yesilöz, der 1987 als Flüchtling in die Schweiz kam, stellt der hiesigen eine von Traditionen und strengen Werten geprägte Welt gegenüber. Und vermittelt so eine Ahnung von einem Leben dazwischen.» züritipp

«Yesilöz schildert die Wechselbäder der Gefühle so realistisch, dass auch LeserInnen, die nichts Vergleichbares erlebt haben, einen tiefen Einblick in den Trennungsprozess einer sich auflösenden Familie bekommen, und zwar gerade weil der Autor auf Schuldzuweisungen verzichtet.» Wochenzeitung WoZ

«Ob Yesilöz nun in feuilletonistischer Art Beobachtungen aus dem Alltag oder in romanhafter Form über menschliche Schicksale schreibt, immer ist es die Genauigkeit der Schilderung, das innere Mitgehen und Mitfühlen, welches zu fesseln vermag.» Anzeiger des Bezirks Affoltern

«Ohne ins Psychologisieren zu verfallen, gelingt Yesilöz die einfühlsame Schilderung einer heute längst nicht nur unter Emigranten verbreitete Orientierungslosigkeit.» Der Landbote
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