Lied aus der Ferne
Yusuf Yeşilöz

Lied aus der Ferne

Roman

200 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
1. Aufl., März 2007
SFr. 34.–, 34.– €
sofort lieferbar
978-3-85791-519-2

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Schlagworte

Literatur
     

Im Eingang des Postgebäudes liegt ein Toter, ein abgewiesener Asylbewerber. Ohne grosse Motivation macht sich der Polizeibeamte Schenker an die Arbeit, den Mord aufzuklären. Erste Spuren führen zum kurdischen Sänger Kalo Baran, der seit Jahren in der Schweiz lebt und mit einer Schweizerin verheiratet ist. Baran weiss mehr, als er zuerst preisgibt. Und später erzählt er in Bildern, die für Polizisten nur schwer verständlich sind. Schenker jedoch ist zunehmend fasziniert und gleichzeitig verunsichert von der fremden Welt, die sich ihm bei seinen Ermittlungen auftut.
In seinem neuen Roman, der in einer Kleinstadt spielt, führt Yusuf Yes¸ilöz mitten hinein in die unterschiedlichsten Milieus, er scheut sich nicht, auf Ungereimtheiten – auch jene in Migrantenkreisen – hinzuweisen, mit einem Augenzwinkern. Mit feinem Humor und in leisen Tönen zeigt er, dass es den Ausländer und die Schweizerin nicht gibt.

Yusuf Yeşilöz
© EJY/Limmat Verlag

Yusuf Yeşilöz

Yusuf Yeşilöz, geboren 1964 in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien, kam 1987 in die Schweiz. Heute lebt er mit seiner Familie in Winterthur und arbeitet als freier Autor, Übersetzer und Filmemacher. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

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Polizist Schenker von der Kantonspolizei Winterthur ...

Polizist Schenker von der Kantonspolizei Winterthur liess das Telefon lange klingeln. Er hatte sich eben an seinen Tisch gesetzt und trank Kaffee aus seiner Tasse, auf die er mit einem wasserdichten Stift unter das Bild einer Katze «Schenki» geschrieben hatte. Er vertiefte sich in die Sätze unter der grossen Schlagzeile auf der ersten Seite des «Blick». Die Zeitung berichtete von Swissair-Managern, die je fünf Millionen Franken kassiert hätten, um drei Milliarden Franken Steuergelder «in einem bodenlosen Fass» zu versenken. «Das isch cheibe blöd», sagte Schenker leise, «ich schufte für sechstausend Franken den ganzen Monat und muss mit dem mich durchbringen und auch noch Alimente bezahlen! Fünf Millionen Franken! Man müsste als Manager geboren werden!»

Schenker hatte die ganze Nacht mit seinem Untergebenen Loosli, dem jungen Vollblutpolizisten, in der Stadt herumfahren müssen. Dieser döste jetzt, den Kopf auf dem Tisch.

Am Abend war es noch ruhig gewesen. Loosli hatte gehofft, dass es dabei bliebe, damit er im Internet surfen könnte. Die Erotikseiten mochte er besonders. Schenker aber war erfahren: Wenn der Abend schön und kein Regen angekündigt war, spielte das Leben draussen verrückt. Vor allem das Leben der Jungen, dieser Hähne. Um dreiundzwanzig Uhr vierzehn kam der erste Handyanruf einer Frau, die am Bahnhofplatz auf den Bus in Richtung Oberwinterthur wartete. Aufgeregt sagte die Frau, dass es an der Bushaltestelle beim Bahnhof wie in einem Schlachthof aussehe, eine grosse Gruppe Jugendlicher streite sich; die Ausländer und die Skinheads würden brutal aufeinander losgehen. Es sehe aus wie im Irak oder wie in Afghanistan.

Schon wieder, hatte sich Schenker gesagt und war mit Blaulicht und – gegen die Vorschriften – allein durch die Stadthausstrasse zum Bahnhof gerast. Loosli hing zu dem Zeitpunkt noch im Internet, klinkte sich rasch aus und eilte seinem Chef nach. Jugendliche hatte Schenker keine mehr vorgefunden, aber ein paar Blutspuren; die einen führten zum Döner-Kebab-Imbiss, die anderen in Richtung Parkhaus Arch. Der Döner-Kebab-Imbiss King war bereits geschlossen, nur ein junger Mann putzte noch ein scharfes Messer mit einer kräftigen Bürste. Ob er Jugendliche – Türken oder andere Ausländer – gesehen habe, die verletzt zu ihm gekommen seien, fragte Schenker. Der junge Mann hob seinen müden Kopf, seine Augen sahen aus wie Feigenstücke in Kompott, er erschrak ein wenig, als er den Polizisten vor sich sah, antwortete aber uninteressiert: «Dort Streit. Dann essen alle Türken und Jugos Döner. Fertig. Alles gut!» Schenker fragte weiter, wohin die Glatzköpfe wohl gegangen seien, worauf der junge Mann mit einer Schulterbewegung seine Aussage «I nix wissen!» bekräftigte. Auch die Handy-Frau war nicht mehr da, sie hatte schon am Telefon angekündigt, dass sie in einer Minute den Bus nehme. Auf die Frage, ob sie denn nicht auf die Polizei warten wolle, hatte sie geantwortet, ihre Mutter, die gerade ihre Kinder hüte, müsse den letzten Bus erwischen. Sie selbst habe nach vielen Monaten endlich einmal ins Kino gehen können.

Schenker fuhr wieder die Stadthausstrasse zurück, jetzt ohne Blaulicht. Auf der linken Strassenseite feierten die Glatzköpfe im Stadthauspark mit Bier und sangen laute Lieder. Er setzte aber die Fahrt zum Polizeiposten fort und liess den Kollegen Loosli ein Protokoll über den Vorfall erstellen.

Fast die ganze Nacht waren Schenker und Loosli, der zwischendurch immer wieder kurz ins Internet ging, auf Achse. Ein Herr Meier, der in der Nähe der Altstadt wohnte, rief um Mitternacht mit seinem Handy an und sagte, er sei mit seinem Hund, dem Dibo, spazieren gegangen. Gerade neben ihm würde eine Gruppe Glatzköpfe feiern und rassistische Parolen rufen. Er finde das unverschämt, dass in einer weltoffenen Museenstadt solche Szenen zu beobachten seien. Schenker war mit Loosli hingefahren, und Loosli hatte den Hähnen gesagt, sie sollten bitte aufhören, sonst müsse er mit einem Grossaufgebot der Polizei intervenieren. Die Glatzköpfe hatten nur laut gelacht. Kaum waren Schenker und Loosli wieder im Büro und Loosli im Internet, kam ein Telefonanruf aus einem Durchgangszentrum für Asylbewerber. «Polis, komm! Polis come!», sagte eine aufgeregte Männerstimme, «Krieg! War! Fight!». «Wohin? Wohin? Where? Where?», rief Schenker ins Telefon. Minuten verstrichen, bis der Mann ausser dem Wort «Krieg» – das er allerdings in etlichen Sprachen wusste – endlich auch noch hatte sagen können, wohin die Polizei kommen solle.
Tages-Anzeiger, 22. März 2007
St. Galler Tagblatt, 15. Mai 2007
P.S., 18. Mai 2007 (Porträt)
20 Minuten, 22. Mai 2007
Neue Zürcher Zeitung, 31. Mai 2007
Landbote, 27. Juni 2007
Galler Tagblatt, 28. Juni 2007
Aargauer Zeitung, 30. Juni 2007
Schweizer Monatshefte, Juni 2007
ekz-Informationsdienst, 25. Juni 2007
Culturactif.ch, 14. Februar 2008

«Vom Kebabstand über den Polizeiposten bis zum Migros-Restaurant, alles scheint von einer fein registrierenden Kamera aufgezeichnet zu sein. Yesilöz verfasst seine Texte so, wie auch seine Dokumentarfilme entstehen: Er versucht stets, eigene Beobachtungen und Erfahrungen so genau wie möglich wiederzugeben. Und abgesehen von der spannenden Geschichte, die Yesilöz mit ernstem Unterton und viel Witz erzählt, bekommt man ganz nebenbei einiges an historischen und politischen Hintergründen mit.» Tages-Anzeiger

«Yusuf Yeilöz hat keine rachsüchtige Tragödie geschrieben, vielmehr erzählt er mit detailreichen Nuancen und feinem Humor aus den unterschiedlichen Milieus mit ihren Ungereimtheiten. Unter dem poetischen Titel verbirgt sich ein feinsinniger Krimi, der mit schlichtem Strich die Menschen hinter den Begriffen Ausländer, Schweizer, Polizist und Verdächtiger zeichnet.» Neue Zürcher Zeitung

«‹Lied aus der Ferne› ist ein Krimi, der sich mit dem Leben der Türken in der Schweiz befasst. Mit kritischen Fragen zu sozialen Konventionen auf beiden Seiten – aber auch mit einem liebenswerten Humor.» St. Galler Tagblatt

«Yesilöz' Stärke liegt im Anekdotischen. Köstlich sind die Szenen, in denen etwa die türkische Polizei in der Zürcher Krankenkasse PKK eine verdeckte Unterstützung für die kurdische Arbeiterpartei vermutet, oder in denen die Türken Strategien entwerfen, um in Schweizer Krankenhäusern die fade Spital-Leichtkost durch Böreks und Baqlawa zu ersetzen. Es finden sich auch bemerkenswerte poetische Stellen, zur Entstehungsgeschichte Kurdistans etwa, als Allah beim Beten den Kopf im falschen Moment senkt, sodass den Kurden ein falscher Platz zugewiesen wird.» Schweizer Monatshefte

«Yesilöz ist ein guter Beobachter, und der realistische Gehalt seiner Texte ist ihm wichtig. Detailliert sind Kebab-Stände und die Szenerie um die Polizeiwache am Obertor beschrieben, zur Erholung geht Schenker mit seiner Freundin ins Hallenbad Geiselweid. Es hat seinen Reiz, Strassen und Gebäude, die man aus dem Alltag kennt, in einem Roman wiederzufinden. Altbekanntes beginnt zu leuchten.» Der Landbote

«Das Beste: Yesilöz erzählt nicht anklagend oder mit erhobenem Mahnfinger, sondern mit einem feinen Augenzwinkern. So wie einer, der die Menschen gerne hat, und zwar alle.» St. Galler Tagblatt

«Yusuf Yesilöz schreibt in seinem neuen Roman von der Faszination und der gleichzeitigen Verunsicherung durch fremde Welten. Ein ungewöhnliches Plus ist der charmante orientalische Tonfall, der aus einem eigentlich recht dumpfen Schweizer Tschugger etwas Besonderes macht.» 20 Minuten

«Yesilöz schreibt einen zurückhaltenden, leisen, nuancierten Krimi, in dem die Krimihandlung eingebettet ist in verschiedenste Geschichten und Bilder aus den betreffenden Kulturkreisen.» ekz-informationsdienst

«In seinem neuen Roman, der in einer Kleinstadt spielt, führt Yusuf Yesilöz mitten hinein in die unterschiedlichsten Milieus, er scheut sich nicht, auf Ungereimtheiten - auch jene in Migrantenkreisen - hinweisen, mit einem Augenzwinkern. Mit feinem Humor und in leisen Tönen zeigt er, dass es den Ausländer und die Schweizerin nicht gibt.» Culturactivf.ch

«Heimat und Entfremdung sind zentrale Themen bei Yusuf Yesilöz, auch in seiner Krimierzählung "Lied aus der Fremde". Der gebürtige Kurde betrachtet Heimat von zwei Seiten her: einerseits ist die Schweiz die Heimat von Einheimischen, den Polizisten, andererseits pendeln kurdisch-türkische Einwanderer zwischen zwei Heimaten, die immer fremdere Züge annehmen. Die Form des Kriminalromans kommt Yesilöz dabei gelegen, um die Verschiedenheit der Mentalitäten zu demonstrieren.» Culturactif.ch
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