Flüchtiges Glück
Jörg Krummenacher

Flüchtiges Glück

Die Flüchtlinge im Grenzkanton St. Gallen zur Zeit des Nationalsozialismus

Mit einem Vorwort von Kathrin Hilber

416 Seiten, Broschur
1. Aufl., April 2005
SFr. 48.–, 54.– €
sofort lieferbar
978-3-85791-480-5

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Nicht nur Prominente wie Carl Zuckmayer, Walter Ulbricht oder Marschall Pétain gelangten während der Nazizeit nach St. Gallen: Fedora Curth etwa, Besitzerin einer kleinen Pension in Berlin, schwimmt durch den Rhein, darf in St. Gallen bleiben und entflieht so dem sicheren Tod. Der Kellner Hans Stricker aus Wien hingegen verliebt sich in eine St. Gallerin, wird deshalb ausgewiesen und in Auschwitz ermordet. Es sind zwei von mehr als 40000 Flüchtlingsschicksalen aus dem Kanton St. Gallen. Der Journalist Jörg Krummenacher hat, ausgehend von einer systematischen Aufarbeitung der Akten durch den Kanton, eine Gesamtdarstellung der St. Galler Flüchtlings- und Migrationspolitik von 1920 bis 1950 verfasst. Er erhielt exklusiven Zugang zu Akten und Dossiers, sprach im In- und Ausland mit Dutzenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und fand ergänzende Dokumente, sodass er mehr als 9000 Fälle dokumentieren konnte. Dabei treten die Brüche in der Schweizer Flüchtlingspolitik zu Tage, die der Kanton St. Gallen entscheidend mitprägte – im Guten wie im Schlechten.

Jörg Krummenacher
© Limmat Verlag

Jörg Krummenacher

Jörg Krummenacher-Schöll, geboren 1960, begann seine journalistische Laufbahn als Auslandredaktor beim St.Galler Tagblatt. Er arbeitete als Zeitungs- und Radioredaktor und als freier Journalist u.a. für «Die Süddeutsche Zeitung», Geo, Du. Er ist Ostschweiz-Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung» und lebt in St.Gallen.

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Wer seine Geschichte nicht kennt, tappt im Dunkeln
Vorwort von Kathrin Hilber

Prolog

Angst vor Überfremdung
Das Land und die Juden bis 1933

Frankfurt–Thurgau–St. Gallen
Erste Flüchtlinge und Schweizer Nazis 1933–1936

Die Macht der Kunst
Die aussergewöhnliche Geschichte des Fritz Nathan

Spanische Verwicklungen
Aus dem Bürgerkrieg nach St. Gallen – und umgekehrt

Hakenkreuze über Österreich
Erste Fluchtbewegung nach dem Einmarsch

Der grosse Exodus
Die Flüchtlingswelle bis zur Grenzschliessung im August 1938

Unzeit der Menschlichkeit
Die Aufnahme von Flüchtlingen bis zum Februar 1939

Grüninger, Prodolliet, Sternbuch und die anderen
Akteure, die Humanität vor Gesetzestreue stellten

Das Ende der Welle
Wie Keel sich selbst rettet und Grüninger fallen lässt

Leben im Exil
Die Flüchtlingshilfe sorgt für Aufenthalt und Weiterreise

«Fast wie die Unsrigen»
Der Flüchtlingsalltag am Beispiel des Lagers Wald-St.Peterzell

Das Ende der Menschlichkeit
Die Ausschaffungen in der Ära des Gustav Studer

Flüchtlinge im Krieg
Von 1939 bis 1942 gelingt nur wenigen die Rettung

Die grosse Flüchtlingsdebatte
Als die Grenze 1942 dicht und doch durchlässig war

Das Verhalten von Staat und Kirche
Wenig flüchtlingspolitisches Engagement ab 1939

Rettung aus der Hölle
Die Flucht der Rottenbergs – der Zug aus Bergen-Belsen

Die zwei Koffer
Weitere Verhandlungen zur Freilassung von KZ-Insassen

Auszug aus dem zerfallenden Reich
Die Tore St. Margrethen und Buchs in den letzten Kriegswochen

Nach dem Krieg
Auswanderungen, Einbürgerungen und andere Schicksale

Nachwort
Anmerkungen
Bildnachweis
Flüchtlinge, Aufenthaltsorte, Fluchthelfer
Bibliografie
Namenregister

Prolog

Als Fedora Curth aus dem Wasser stieg, hatte sie den Tod hinter sich. Mühsam zwängte sie sich durch den Stacheldrahtverhau, den Schweizer Infanteristen ans Ufer des Alten Rheins gepflanzt hatten, schlüpfte eilig aus ihren Badeschuhen und ihrer alten Männerhose, schob diese ins Gebüsch. Sie streifte ihre nassen Unterkleider ab, holte trockene Wäsche aus dem Rucksack, zog sich an. Ilse Franken, die mit ihr war, tat es ihr gleich. Den Mechanikeranzug, den sie während der Flussdurchquerung getragen hatte, warf sie ins Wasser. Aufatmen.

Es war der 11. November 1942, der Tag, an dem die deutschen Truppen den bisher unbesetzten Teil Frankreichs in ihre Gewalt brachten. In der Dunkelheit marschierten die beiden Frauen zum Bahnhof St. Margrethen, den sie gegen zwanzig Uhr erreichten, knapp nach Abfahrt des zweitletzten Zuges nach Rorschach und St. Gallen. Die Zeit bis zum letzten Zug nutzten sie, um zu telefonieren. Fedora Curth meldete sich bei ihrer Schwester, die in Lugano wohnte; alles sei gut gegangen. Ilse Franken erreichte die Familie Neuburger an der Müller-Friedberg-Strasse 30 in St. Gallen, die sie über Verwandte in Deutschland kannte. Herr Neuburger riet ihr, ins Hotel Bahnhof nach St. Gallen zu kommen und sich unverzüglich bei der Polizei zu melden. Um 23 Uhr trafen Fedora Curth und Ilse Franken im verdunkelten St. Gallen ein. Der Hoteldirektor rief die Polizei, ein Beamter des Inspektorats holte sie ab und setzte sie im Bezirksgefängnis in Haft. Tags darauf, Ilse Franken feierte ihren 40. Geburtstag, wurden die beiden Frauen getrennt befragt, nach ausdrücklicher Ermahnung, die Wahrheit zu sagen.

Fedora Curth, die Ältere, war 1884 in Berlin zur Welt gekommen, Jüdin von Geburt. Ihr Mann, den sie 25-jährig heiratete, leitete eine Speditionsfirma. Die Ehe blieb kinderlos, der Mann starb 1935 an einem Herzleiden. Um sich über Wasser zu halten, eröffnete Fedora eine kleine Familienpension in Berlin- Grunewald, im obersten Stockwerk einer dreigeschossigen Villa, wo sie ein halbes Dutzend jüdische Gäste beherbergte. 1936 zog das katholische Ehepaar Luise und Karl Meier im selben Haus ein. Luise Meier kam in Kontakt mit den Pensionsgästen, deren Lage unter der Repression der Nazis zunehmend bedrängter wurde, erlebte die verzweifelten, meist vergeblichen Versuche auszureisen, liess sie bei sich telefonieren, als dies den Juden verboten wurde. Ilse Franken kam im Frühjahr 1940 in die Pension. Sie stammte aus Köln, auch sie Jüdin, verheiratet mit Paul Franken, einem Arier. 3 Nach Einführung der Judengesetze von 1937 litt ihr Eheleben zunehmend unter Spannungen, 10 bis sie auszog und nach Berlin übersiedelte. Fedora Curth und Ilse Franken freundeten sich an. Anfang Juli 1941 musste Fedora ihre Pension auf Anordnung der Nazis schliessen und wie die meisten ihrer Gäste in eine «Judenwohnung » umziehen. Immerhin konnte sie die Einrichtung verwerten und aus dem Erlös ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ilse Franken wechselte in eine andere Pension. Noch war sie in einer vergleichsweise vorteilhaften Lage: Ihr Mann zahlte ihren Unterhalt. Die Ehe schützte sie davor, wie eine Jüdin behandelt zu werden.

Die Deportationen begannen im Herbst 1941. «In Berlin war bekannt», gab Fedora Curth dem St. Galler Vernehmungsbeamten zu Protokoll, «dass die Deportierten erschossen werden. Ausserdem starben schon auf dem Transport eine grosse Anzahl der Verschickten an Hunger und an Krankheiten.» Ihre Lage schien Fedora Curth hoffnungslos. Erst gelang es ihr noch, einen Gestapobeamten zu bestechen und die Deportation aufzuschieben. Doch am 1. November 1942 erhielt sie Befehl, die Wohnung zu räumen. Sie sah den Tod vor sich. Auch Ilse Franken musste, nachdem ihr Mann nun die Scheidung eingereicht hatte, ihre Erschiessung befürchten. Die beiden Frauen fassten gemeinsam den Entschluss, als letzten möglichen Ausweg die illegale Ausreise in die Schweiz zu versuchen, obwohl sie von der restriktiven Flüchtlingspolitik der Schweizer Behörden wussten: Seit Sommer 1939 hatte Fedora Curth ein Einreisevisum nach Kuba in der Tasche, seither versuchte ihre Schwester in Lugano immer wieder, für sie ein Durchreisevisum für die Schweiz zu bekommen. Vergeblich. Der legale Weg zum Überleben war versperrt.

Die beiden Frauen legten die Abreise auf den 8. November fest. Ein Polizeiwachtmeister aus ihrem Bekanntenkreis verhalf ihnen zu neuen Papieren, Postausweise auf den richtigen Namen – ohne das «J», den Judenstempel, das Kennzeichen jüdischer Entrechtung. Von Vorteil war, dass Ilse Franken die Gegend am östlichen Bodensee, um Lindau, Bregenz und Lustenau, von früheren Ferienreisen kannte. Gemeinsam fuhren sie mit dem Nachtschnellzug von Berlin nach München. Kurz nach der Abfahrt setzte sich ein Offizier in ihr Abteil, begann von der systematischen Ausrottung der Juden zu erzählen, davon, dass diese in Russland massenhaft mit Maschinengewehren niedergemäht würden, nachdem sie sich ihr Grab hätten schaufeln müssen.

(...)
Tagesschau Schweizer Fernsehen DRS, 22. April 2005
Tachles, 22. April 2005
Neue Zürcher Zeitung, 23. April 2005
St. Galler Tagblatt, 23. April 2005
Tages-Anzeiger, 23. April 2005
WochenZeitung WoZ, 28. April 2005
St. Galler Nachrichten, 28. April 2005
Der Landbote, 6. Mai 2005
Basler Zeitung, 7. Mai 2005
Schaffhauser Nachrichten, 7. Mai 2005
Mittellandzeitung, 7. Mai 2005
Linth-Zeitung, 22. Februar 2006
Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 99, 2005

«Das leicht zu lesende Buch beruht zu einem wesentlichen Teil auf den vom Historiker Martin Jäger zwischen 1997 und 2000 neu erschlossenen Aktenbeständen des Staatsarchivs St. Gallen, die der Autor erstmals auswerten konnte. Daneben interviewte Krummenacher zahlreiche noch lebende Zeitzeugen. Einem Trend in der Geschichtswissenschaft folgend, steht in seiner Studie die dichte Rekonstruktion von Einzelschicksalen im Zentrum. Geschickt wird die europäische mit der regionalen Geschichte verknüpft. Dadurch ist ein atmosphärisch dichtes Geschichtenbuch entstanden, in dem die Judenverfolgung im Dritten Reich in ihren zutiefst inhumanen Auswirkungen erzählt wird. So erfährt man von verzweifelten Menschen, die im Schutze der Dunkelheit den Rhein durchschwammen und, wenn sie von Grenzwächtern aufgegriffen wurden, lieber erschossen werden wollten, als ins Land der Henker zurückkehren zu müssen. Berichtet wird von Flüchtlingen, denen die Behörden die ‹Tolerierung› verweigerten und die sie wieder ins nationalsozialistische Deutschland ausschaffen liessen. Allein an der St. Galler Grenze sind, so schätzt Jörg Krummenacher, vor und während des Zweiten Weltkrieges Tausende von Flüchtlingen abgewiesen oder zurückgeschafft worden.» Neue Zürcher Zeitung

«Entstanden ist eine vollständige Geschichte des Verhaltens der verschiedenen Ostschweizer Kantone gegenüber den vom Tod bedrohten Flüchtlingen, meist Juden, aber auch politischen Aktivisten.
Fast 9300 Namen konnte der Autor finden; mit einigen von ihnen oder ihren Nachkommen konnte er reden, etliche wollten ihren Namen nicht gedruckt sehen. Überwältigend sind die Schicksale der Flüchtlinge. Und beschämend für die Schweizer Behörden, die sie eigentlich nicht hier behalten wollten, ist es, dass aus den namentlich Genannten und ihren Nachkommen meist sehr namhafte, bekannte Leute wurden, deren Wirken ihrer Adoptivheimat wohl ansteht.
Ein hervorragendes Zeugnis stellt Krummenacher der Israelitischen Kultusgemeinde St. Gallen und vielen namentlich genannten Mitgliedern jener Zeit aus. Sidney Dreifuss, der Leiter der St. Galler Flüchtlingshilfe, erhält trotz einiger Kritik ein sehr gutes Zeugnis. Auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) samt seinem Präsidenten Saly Mayer kommt insgesamt gut weg. Es wird interessant sein, in einem in wenigen Tagen ebenfalls erscheinenden Buch die Erkenntnisse des Historikers Stefan Mächler über die Tätigkeit des SIG während des Krieges mit diesen Aspekten in Krummenachers Werk zu vergleichen.» Tachles

«Jörg Krummenacher, einst ‹Tagblatt›-Redaktor und heute Ostschweiz-Korrespondent der NZZ, hat in unserem Blatt bereits Teile seiner Recherchen zur St. Galler Flüchtlingspolitik publiziert. Gestern präsentierte er im Historischen Saal des St. Galler Bahnhofgebäudes die Früchte einer dreijährigen Arbeit, sein 400 Seiten starkes Buch «Flüchtiges Glück». Es ist in 19 Kapitel gegliedert und mit einem umfangreichen Anhang versehen. Er wartet mit überraschendem Zahlenmaterial und beeindruckenden Flüchtlingsgeschichten auf. Man erfährt viel über das Verhalten der Ostschweizer Kantone gegenüber den vom Tod bedrohten Flüchtlingen, meist Juden. So auch über die besonders unrühmliche Rolle des Kantons Thurgau.
Es ist nach Kellers bahnbrechender Arbeit, die immer noch Bestand hat, das zweite wichtige, für eine breite Öffentlichkeit geschriebene Buch zur St. Galler Flüchtlingspolitik. Damit spielt St. Gallen mit diesen beiden Publikationen in der Schweiz eine bemerkenswerte Rolle.» St. Galler Tagblatt

«Krummenacher legt ein eindrückliches Werk vor, das Darstellungen der offiziellen Flüchtlingspolitik geschickt mit den recherchierten Einzelschicksalen und Zeitzeugendokumenten verwebt und so das Buch anschaulich und spannend macht.» Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte

«Mit grossen Engagement und hartnäckigem Recherchieren ist der Autor auf erstaunlich viele neue Dokumente und Augenzeugenberichte gestossen.» St. Galler Nachrichten
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