Der Körper der Photographie
Dieter Bachmann (Hg.)

Der Körper der Photographie

Eine Welterzählung in Aufnahmen der Sammlung Herzog

280 Seiten, 24 x 31 cm, gebunden mit Schutzumschlag, 320 Fotografien, durchgehend vierfarbig
1. Aufl., April 2005
SFr. 68.–, 78.– €
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978-3-85791-476-8

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Schlagworte

18. Jahrhundert
     

In einem ausführlichen Vorwort stellt der Herausgeber die Auswahl aus der Kollektion von 300000 Bildern in einen thematischen Zusammenhang, montiert die Entstehungsgeschichte der Fotografie in ihren historischen Kontext, das 19. Jahrhundert, und fragt nach der Bedeutung dieses gewaltigen Menschheitserbes für unsere Zeit. - In einem Gespräch mit Ruth und Peter Herzog porträtiert Barbara Basting die Sammler und erzählt die manchmal abenteuerliche Entstehungsgeschichte der Kollektion, einem in seiner Bedeutung noch lange nicht vermessenen Museum der Fotografie. - Ein technisches Brevarium vertieft die ausführlichen Bildlegenden zu den einzelnen Fotos.

Dieter Bachmann

Dieter Bachmann, geboren 1940 in Basel, 1988–1998 Chefredaktor der Zeitschrift «du», Autor der Romane «Rab», «Der kürzere Atem» und «Grimsels Zeit». Publizist und Herausgeber zahlreicher Sachbücher. Im Limmat Verlag erschienen zuletzt der Fotoband «Aufbruch in die Gegenwart. Die Schweiz in Fotografien 1840–1960», der erzählende Essay «Unter Tieren» sowie der Roman «Die Gärten der Medusa».

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Im Schatten des Körpers der Photographie

Aus der Einleitung von Dieter Bachmann

 

Die Sammler und ihre Sammlung. Es muss spontane Begeisterung gewesen sein, als Peter Herzog, gelernter Jurist und Kunstsachverständiger, und sein erstes Photo zusammentrafen: Die Spinnerinnen, Photograph unbekannt, Herkunft: Flohmarkt Zürich. Herzog spricht von den zahlreichen erzählerischen Themen, die das Bild in ihm anspringen liess, ein besonderer Erkenntnisaugenblick, den nur die Photographie vermittelt, von Roland Barthes bekanntlich «punctum» genannt.


Nur am Rand braucht Herzog das Wort Brauntonigkeit.

Wir werden aufmerksam. Und können sicher sein: das ist der eigentliche Schlüssel, das punctum des punctums, der entscheidende Eindruck, der den Sammler im bisher nicht einschlägig vorbelasteten Herzog weckte, das Photo an sich, diese ganz besondere Form von tiefer Oberfläche. Weckte: ein Sammler, so ist anzunehmen, ist immer schon ein solcher, auch wenn er es selber noch nicht weiss; danach wird er sofort aggressiv: fanatisch, unersättlich, omnivor, rastlos, ehrgeizig.

All diese Adjektive kann man auch für die spätere Sammlung Peter und Ruth Herzog verwenden. Bis es so weit war, dass 300000 Photos beisammen waren – beileibe kein abgeschlossenes Werk, sondern eine Kollektion, die eine Ausdehnung und einen Reifegrad erreicht hat (sagen wir auch ruhig: ein Gewicht), die nun, nach dreissig Jahren des Zusammentragens, eine Neupositionierung anstehen lässt. Dieses Buch, die Ausstellungen in München und Frankfurt a.M. sind also eine Art Summe, ein grosser Rechenschaftsbericht. Nicht weniger als dies: das war mein Leben.

Peter und Ruth Herzog waren und sind keine reichen Leute, wie es der Kanon der Photosammler will, von Getty bis zu Bill Gates gewesen sind. Diese Sammlung wurde mit Begeisterung zusammengetragen, aber zugleich: Schritt um Schritt. In einzelnen Tranchen, Stücken, Partien, Alben, Serien, in Schachteln, Briefumschlägen, Packpapier.

Was ist Begeisterung? Gewiss nicht etwas, das man messen kann (und den meisten fehlt sie gänzlich und ein Leben lang). Begeisterung, das Wort sagt es, ist Emotion, die sich an einer Sache entzündet und sie transzendiert, in diesem Fall: bis sie absolut wird, triumphierend, herrscherlich.

Kein Zweifel, dass auch Herzog diese bedingungslose Hingabe an diese Sache hat, diese matt schimmernde Oberfläche, unter der es in Tiefen geht. So einer liest sich hinein in vergangene, rätselhafte, gewisperte Geschichten, oder Spuren von Geschichten, welche die Einbildungskraft ergänzt. Wenn Kracauer Recht hatte damit, dass in der Photographie die Geschichte «wie unter einer Schneedecke begraben» sei, so ist es dem späteren Betrachter, wenn er ein Begeisterter ist, gegeben, den Schnee zu schmelzen.

Er hat dann in alle denkbaren Richtungen gesammelt, verführt durch die immergleiche Sache Photographie in ihren ungezählten Facetten, zusammen mit seiner Frau, die es mitriss in dem Strom mitsamt ihrer Haushaltung, die sich seither nach den Terminen und Bedürfnissen der gefrässigen Sammlung zu richten hat. Herzog wurde ein Kenner, ein Sachverständiger wie wenige in Europa.

Da steht er und strahlt, an dem riesigen Esstisch, ein Mann in Hosenträgern, der dir jederzeit einen Vortrag hält. Das ist gewiss unmässig. Unmoderat. Und passt nicht ins Bild lokaler Zurückhaltung und Distinktion.

Die lokale Lakonie, das Korrelat zum Reichtum heisst: «Me gitt nyt.»

Man gibt nichts – und so besitzt Basel keine Carte-de-visite, auf der eine öffentliche Hand den Sammler stützt, keinen hilfreichen Arm. Abgesehen von einem auf kurze Jahre befristeten Beitrag an die Magazinierung der Sammlung, hat Basel den Sammlern eher die kalte Schulter gezeigt.

Nun eben München. Dann Frankfurt. Vielleicht noch die eine oder die andere Station. Viel mehr wird nicht möglich sein: die Exponate dürfen nicht zu lange dem Licht ausgesetzt werden. Das ist eine bittere Paradoxie der Kunst, die aus Licht besteht.

Auswahl. Ruth und Peter Herzog haben ihre Photos bisher in kleinen, thematischen Ausstellungen gezeigt, wie sie auch regelmässig in ihrem «Laboratorium der Photographie», dem Archiv auf dem Basler Industrieareal «Dreispitz» stattfinden. Es gab Publikationen unter ausgewähltem Aspekt: den Band «Das Licht in der Dunkelkammer» aus der Geschichte der schweizerischen Photographie, der dem bedeutenden Landschaftsphotographen Albert Steiner gewidmete Band «Du grosses, stilles Leuchten» (mit dazu gehöriger Ausstellung), der den Alben gewidmete Band «Welt-Geschichten».

In der Römer «Galleria d'Arte Moderna» ist vor Jahren eine erste grosse der Sammlung als solcher gewidmete Ausstellung gescheitert – am Geld und den üblichen römischen Wirren. Die Arbeit, der sich Peter und Ruth Herzog nun während vieler Monate unterzogen haben, Monaten des Sichtens, Verwerfens, der Selbstbefragung, der Triumphe (was – das haben wir auch noch!) und der Verzweiflung (wir könnten aus dem Material gleich noch drei andere solcher Ausstellungen machen ...). Des Stolzes, der Freude und einer restlosen Selbstüberforderung. Denn der Sammler und Jäger verzweifelt bei der Aufgabe, das Meiste zu verwerfen ...

In Zahlen: aus den etwa 300000 Photos der Sammlung wählten Ruth und Peter Herzog an die tausend Exponate, aus denen in München die definitive Ausstellung komponiert wird.

Für dieses Buch übernahm der Herausgeber vierhundert von den für München vorgesehen tausend. Gebe der heilige Niépce, dass er sich nicht allzu sehr vertan hat bei seiner Auswahl der Auswahl! Er hielt sich auf jeden Fall an die Dramaturgie der Münchner Schau, wie sie mit dem Begriff «Körper der Photographie» intendiert ist, und noch einmal: der ersten von den Sammlern unternommenen Gesamtschau. Und wollte also wiederum auf ein Ganzes aufmerksam machen: die unendlichen Spielarten und Möglichkeiten der Photographie, ohne den Faden einer fragmentarischen Welterzählung zu verlieren.

Es gibt in einem Buch keine Säle, in denen man sich umsehen kann. Im Buch gibt es nur das Nacheinander; deswegen folgt das Buch nicht immer dem Lauf der Ausstellung. Es folgt aber, und dies mit dem grössten Vergnügen, dem Vorhaben der Sammlung Herzog, einem Konzept, das diese nun seit dreissig Jahre verwirklicht: ohne Rücksicht auf den Handelswert des einzelnen Bildes alles aufzunehmen, was eine Geschichte erzählt und womöglich selbst eine hat. So wenig es zutrifft, dass vor dem Tod die Menschen alle gleich seien – gleich wichtig sind alle Bilder des Menschen vor seiner Geschichte allemal.

Bilderstrom. «Der Strom der Bilder», sagt der Sammler in einem unserer Gespräche, während er, skrupulös, vorsichtig, verzweifelnd, korrigierend, verzagt und nachdenklich an der Auswahl der Bilder arbeitet, «du musst einen Strom von Bildern gesehen haben, bevor du sagen kannst, du verstehst etwas von Photographie. Es geht hier um Quantität, durchaus, und um die ganze Strecke von 1839 bis heute.» Er sagte «Strom», nicht «Flut».

Diesen Strom hat er seit zwei Jahrzehnten über seinen Tisch fliessen lassen, den grossen Tisch, an dessen einem Schmalende er sitzt und Photos betrachtet. Der Tisch ist nicht alt, aber man sieht, dass er an diesem Ende abgenutzter ist. Er sammelt nicht unbedingt nur Preziosen, eher Geschichten, und insgesamt ergeben diese Geschichten den Strom.

Wenn er die Schachteln öffnet, in denen er die Bilder verwahrt, und sich die Photos auf den Tisch ergiessen, fangen die Bilder an zu murmeln. Der Sammler, der sie alle zusammen gebracht hat, spricht ihre Sprache.

Ausschnitt aus dem Interview mit Peter Herzog

Barbara Basting Ihre Auswahl beginnt mit einem spektakulären Bild: eine Eissprengung im Hafen von Riga, um 1880 aufgenommen. Warum setzen Sie das Bild einer Explosion an den Anfang, wo doch die frühe Photographie, die dann folgt, eher statische Motive bevorzugt?

Peter Herzog Die Eissprengung ist eine Allegorie: die Photographie war eine Art Urknall. Plötzlich konnte man ohne Künstler zu sein, alles festhalten, das Sublimste und das Nied- rigste, das Tote und das Lebendige, das Eismeer und die Wüste. Am Anfang steht ein Bild. Es explodiert – und aus diesem Bild entstehen Milliarden von Bildern.

Ihre Sammlung ist denn auch enorm breit – historisch, thematisch, ästhetisch.

Bis in die 1970er Jahre habe ich mich nicht gross für Photographie interessiert. Dann fiel mir auf einem Zürcher Flohmarkt eine Photographie in die Hände: Spinnerinnen, die auf einer Terrasse im Kreise sitzen, zusammen arbeiten und miteinander reden (vgl. S. 193). Lauter jüngere Frauen, schwer einzuordnen. Besuchen sie eine Töchterschule, sind es Bäuerinnen, die sich regelmässig treffen? Es faszinierte mich aber nicht nur ihre Tätigkeit. Ein weisser Hund scheint aus diesem brauntonigen Bild fast herauszuspringen. Für mich war das sofort der Hund von Wilhelm Buschs Witwe Bolte, und dieser Dreh ins Komische hat mich ebenfalls fasziniert. Ausserdem sieht man auf dem Bild eine ältere Frau. Die Jüngeren arbeiten und produzieren Garn, die Alte haspelt das Garn auf eine Winde. Das Erzählte wird gleichsam mit aufgehaspelt. Das Zusammentreffen all dieser Ebenen – des Dokumentarischen, des Ästhetischen, des Allegorischen und schliesslich des Komischen bei diesem Bild hat mir schlagartig die Augen dafür geöffnet, was Photographie ist und sein kann.

Der französische Philosoph Jacques Rancière schreibt in seinen Reflexionen zur Photographie («Le destin des images», Paris 2003), dass Photographie genau deswegen in jüngster Zeit als Kunst wichtig geworden ist: sie ist einerseits Spur von etwas Vielschichtigem, das sich nicht leicht fassen lässt, und sie ist zugleich immer auch schlicht und einfach Dokument. Genau diese Polarität scheint Sie zu interessieren.

Damit sind wir beim Begriff des «punctum» von Roland Barthes («La Chambre Claire», Paris 1980): Obwohl dieses Bild für jemand anderen vielleicht gar kein besonderes Bild ist, hat es mich an einer Stelle getroffen. Wollte man psychoanalytisch herausfinden warum, würde man schnell bei meiner Biografie landen. Das Bild war ein Echo bestimmter Kindheitserinnerungen, etwa an meine Lektüre Wilhelm Buschs oder Erinnerung an meine Grossmutter.

Warum stellt man bei Photographie viel eher als bei Kunst ganz schnell diese persönlichen Bezüge her?

Photographie ist meist nicht verunreinigt durch den Willen des Künstlers, sein eigenes Selbst darzustellen.

Gleichzeitig enthält das Bild eine kunstgeschichtliche Anspielung an eine Ikone der Kunstgeschichte, die «Hilanderas» von Velázquez …

Natürlich. Aber für mich ist es doch näher an der Literatur, beim Märchen. Photographien sind kondensierte Geschichten. Die Photographie ist für mich so wichtig geworden, weil sie Geschichten erzählt, Träume, Märchen.

Sie betonen immer, dass die Photographie von Anfang an eine Kunst ist. Frühe Photographen mögen sich als Künstler verstanden haben. Aber wurden sie auch als solche geschätzt?

Eine Museumsdirektorin hat kürzlich in einem Interview behauptet, dass es erst seit fünfunddreissig Jahren Künstler gebe, die sich der Photographie bedienten. Das ist eine völlig absurde, leicht widerlegbare Behauptung. Wir zeigen etwa eine Daguerreotypie mit einem Selbstporträt von Louis Alphonse de Brébisson aus dem Jahr 1842 (vgl. S. 126). Brébisson war ein normannischer Landadliger, der sich früh mit Photographie befasst hat. Auf dieser Daguerreotypie hat er sich selbst als Wissenschaftler porträtiert, wie er über seinen vor einer Staffelei sitzenden Malerfreund Lefebure gebeugt ist. Auf der anderen Bildhälfte sieht man Musiker. Brébisson hat sich also mit den anderen Künstlern gleichgesetzt, die Photographie in den Kanon der Künste integriert. Dass die Öffentlichkeit die Photographen nicht als Künstler wahrgenommen hat, mag sein. Doch die Photopioniere, häufig Adlige, die Zeit und Geld für Experimente hatten, waren oft mit Künstlern eng befreundet, arbeiteten in gegenseitiger Kenntnis. Le Gray stand in engem Austausch mit den Barbizon-Künstlern. Die frühen Photographen haben mit dem Photoapparat gemalt.

(…)
Abendzeitung, München, 5. April 2005
Münchner Merkur, 5. April 2005
Süddeutsche Zeitung, 6. April 2005
Kulturplatz, Schweizer Fernsehen, 6. April 2005
Traunsteiner Tagblatt, 6. April 2005
Basler Zeitung, 9. April 2005
SonntagsBlick, 10. April 2005
NZZ am Sonntag, 17. April 2005
Die Gazette, Nr. 5, März 2005
Tages-Anzeiger, 22. April 2005
Neue Zürcher Zeitung, 26. April 2005
P.S., 24. Juni 2005
Wienerin, Juli 2005
Literaturen 7, August 2005
Choices, August 2005
Berner Zeitung, 11. Oktober 2005

«Tiefe Blicke in die Anatomie der Menschenbildergeschichte: Im Münchner Haus der Kunst präsentieren Ruth und Peter Herzog eine grandiose Auswahl ihrer Kollektion als ‹Körper der Photographie›.» Süddeutsche Zeitung

«Am Spinnrad für Bildgeschichten: ‹Körper der Photographie›: Die faszinierende Sammlung Herzog im Haus der Kunst.» Abend Zeitung München

«Unendliche Geschichte: Grandiose Schau im Haus der Kunst: ‹Körper der Photographie›.» Münchner Merkur

«Ungewöhnliche, en passant das Medium selbst reflektierende Bilder spicken die unkonventionelle Sammlung historischer Fotografie von Ruth und Peter Herzog. Das Schweizer Ehepaar fängt an den Geschichten der Bilder Feuer - und erst danach an üblichen Qualitätskriterien. Ästhetik sei für sie sekundär, erläutert Peter Herzog, ‹die schöne Oberfläche sollte zur Beschäftigung mit Inhalten anregen›. An vergleichbaren Gründen perlt hier auch das Marktdiktat illustrer Namen und berühmter Ikonen ab; vielmehr teilen sich Großmeister und Unbekannt, Profi und Amateur, Schnappschuß und Komposition die Wertschätzung. Hauptsache, die Geschichten sind gut.» Frankfurter Allgemeine Zeitung

«Was die Sammlung mit Nachdruck und doch ganz unangestrengt demonstriert, das ist der Glücksfall, dass wir einmal ein Bildmedium bei seiner ikonografischen Entstehung und Selbstfindung beobachten können.» Basler Zeitung

«Eine der bedeutendsten Fotografie-Sammlungen der Welt.» SonntagsBlick

«Eine Geschichte der Fotografie, wie sie anregender nicht sein könnte.» P.S.

«Ein einzigartiges Kompendium.» Choices

«Der opulente und dennoch verhältnismässig preisgünstige Band ist ein grossartiger Einblick in eine grossartige Sammlung.» Berner Zeitung

Bilder aus diesem Buch sind auch als Postkarten erschienen.

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