global_kids.ch
Eva Burkard

global_kids.ch

Die Kinder der Immigranten in der Schweiz

Mit Fotografien von Genny Russo / Mit einem Nachwort von Heinz S Herzka

184 Seiten, gebunden, 30 Fotos
1. Aufl., September 2004
vergriffen
978-3-85791-469-0
     

Sie kommen aus Italien oder Ghana, sie wohnen in Flums mit einer philippinischen Mutter und einem Schweizer Vater, sie sind in der Türkei aufgewachsen und leben in Zürich - Kinder von Immigranten sind Experten des Fremdseins und der Flexibilität, Grenzgängerinnen zwischen Diskriminierung und multikulturellem Alltag. In siebzehn Porträts zeigen Jugendliche aus den verschiedensten Herkunftsländern, die in der Schweiz geboren und/oder aufgewachsen sind, den Weg in eine Zukunft der Weltbürgerinnen und Weltbürger.

Eva Burkard
© Limmat Verlag

Eva Burkard

Eva Burkard, geboren 1949 in Dessau, seit Ende der 1970er Jahre als selbständige Psychoanalytikerin, Kindertherapeutin und Schriftstellerin in Zürich.

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Genny Russo
© Limmat Verlag

Genny Russo

Genny Russo, geboren 1970 in Wohlen AG als Tochter von Einwanderern aus Norditalien. Freischaffende Fotografin in Zürich.

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Mit global_kids in die Zukunft

Einleitung von Eva Burkard

 

Marokko liegt auch in Emmen, und ein Teil von Haiti lebt in Wädenswil. Das Mädchen aus Rio liebt den Jungen aus Peru in Kriens. Die junge Kurdin sagt: «Eigentlich bin ich ein Bauernmädchen.» Die Punkerin liebt Krähen, Milch und Musik von Marilyn Manson. Ihre Mutter kommt von den Philippinen. Der junge Mann aus Kamerun träumt von den Mangobäumen seiner Heimat, in der viele Menschen hungern. Er arbeitet als Koch in Zürich und kann es nicht leiden, wenn Essen weggeworfen wird.

Alle sind mit allem verknüpft, neue Kulturen entstehen. Alles vermischt sich und sucht doch das Eigene zu behalten. Das, was wir «Globalisierung» nennen, geht durch die Menschen hindurch und verwandelt sie.

Von Secondos zu global_kids

Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung sind Eingewanderte oder Nachkommen von solchen. Das sind über zwei Millionen Menschen. Die Grenzen zwischen Schweizern und Ausländern verwischen sich und damit die Identitäten. Wer gehört wohin? Wer kommt woher? Das sind Fragen, auf die es nicht nur eine Antwort gibt.

Dieses Buch umfasst siebzehn Geschichten von Jugendlichen aus verschiedenen Herkunftsländern, die in unterschiedlichen Städten und Dörfern der Schweiz aufgewachsen sind. Da ist die eingebürgerte Simona, deren -Eltern als Kinder aus Süditalien in die Schweiz kamen, deren Grossvater mit am Bareggtunnel baute, die es nach Apulien zurückzieht, wo ihre Grossmutter noch lebt. Und da ist Kapil, der als Sechsjähriger aus Sri Lanka flüchten musste, nun in breitestem Berndeutsch redet, auf Deutsch und Englisch rappt und bereit ist, in der Schweizer Armee zu dienen, sobald er eingebürgert ist. Und wohin gehört Sinae, die ihre asiatische Herkunft nicht verleugnen kann, aber in der Schweiz geboren wurde, kaum mehr Koreanisch spricht, eingebürgert ist und in Zürich Anglistik studiert?

Es gibt keine Regeln, an die man sich halten kann, und jegliches Klischee verschwindet, sobald man sich auf die Begegnung mit einem Menschen einlässt. Wichtiger als irgendeine Form von «repräsentativer Auswahl» waren die Aussagekraft der Geschichten und die Bereitschaft der Jugendlichen, mit mir über Heimat, Identität, das Leben in zwei oder mehr Kulturen zu sprechen.

Gemeinsamkeiten der Porträtierten fanden sich: Es sind die Sehnsucht nach Verständigung der Menschen untereinander und der Anspruch, als individuelle Person erkannt und respektiert zu werden. Auch der Wunsch nach mehr Frieden und Toleranz taucht immer wieder auf, und alle äussern ihren Dank dafür, in der Schweiz aufwachsen zu können – der Dank gilt in erster Linie ihren Eltern, die sie hierher gebracht haben. Als Motiv, bei dem Buch mitzuwirken, nennen die meisten der jungen Frauen und Männer, «dass die Menschen in der Schweiz wissen, wer wir Ausländer eigentlich sind und wie wir hier leben».

Der Weg von der Buchidee bis zu deren Verwirklichung führte die Fotografin Genny Russo und mich vom Begriff «Secondo» zu jenem der «global_kids», einem Wort, das zukunftsorientiert ist und das «Zwischen-zwei-Ländern-Sitzen» des Secondo-Seins weiterdenkt, das Türen öffnet in eine Weite und Vielfältigkeit, die uns alle schon längst umgeben, die oft auch Angst machen.

Das Wort «Secondo» brachte Genny Russo mit in unsere freundschaftliche Arbeitsbeziehung, die wir durch gemeinsame journalistische Aufträge gefunden hatten. Den Begriff «global_kids» schenkte Professor Heinz Stefan Herzka dem Projekt, der den Werdegang des Buches von Beginn an sanft und nachdrücklich begleitet hat. «Die Kinder der Immigranten» war mein persönlicher Arbeitstitel, der mir half, den Arbeitsverlauf zu gestalten, und die Begegnungen mit den Jugendlichen bahnte.

Kinder von Immigranten sind Experten des Fremdseins und der Anpassung, Spezialistinnen in Sachen Flexibilität und Komplexität. Sie sind Grenzgängerinnen zwischen Diskriminierung und multikulturellem Lebensalltag. Neue Identitätsformen entwickeln sich, wir alle leben darin, und es wird zunehmend «normaler», in mehr als einem Land zu Hause sein zu können. Migranten werden oft stigmatisiert, indem sie mit Negativattributen versehen werden: «entwurzelt, heimatlos und desintegriert». Doch Mobilität und Völkerwanderung schaffen nicht nur Opfer und Heimatlosigkeit, sondern auch Risikobereitschaft, Neugierde und Talent zum Wagnis. Das Nicht-dazu-Gehören bedeutet etwas Gemeinsames, das verbindet.

Zur Arbeitsweise

Ohne Vorgespräche, lediglich über einen Konzeptbrief und Telefonkontakt habe ich mich mit den Jugendlichen einzeln getroffen. Manchmal im Restaurant, manchmal bei ihnen oder bei mir zu Hause. Die Begegnungen -waren begleitet von Risikofreude und Neugierde, bereit zum Zuhören die eine Seite, bereit zum Sprechen die andere.

Nachdem ich die Gespräche auf Tonband aufgenommen und transkribiert hatte, habe ich aus dem Material Texte gestaltet, die möglichst nahe bei den spontanen Aussagen meiner GesprächspartnerInnen bleiben.

Mir war es wichtig, Widersprüche, Wiederholungen, auch abgebrochene Sätze stehen zu lassen, um die Gesprächsstimmung möglichst genau wiederzugeben. Einige Jugendliche haben mit mir Schriftdeutsch gesprochen – meine Muttersprache –, andere sind in der Schweizer Mundart ihres jeweiligen Kantons geblieben.

Genny Russo hat die Texte gelesen und daraufhin die Jugendlichen getroffen, zum einen für Porträtaufnahmen im Studio, zum anderen ist sie an die Lebensorte der Einzelnen gereist, um dort zu fotografieren. Dabei sind im spontanen Kontakt mit den Jugendlichen Bilder entstanden, die das jeweils Eigene der Person in Ausschnitten zeigen.

Beeindruckend war die Bereitschaft der Jungen und Mädchen, sich mit zwei unbekannten Frauen auf eine Nähe in Sprache und Bildern einzulassen. Ihr Vertrauen, das Interesse an dem Projekt und die Bereitschaft, über ihre persönlichen Erfahrungen als heranwachsende Kinder von Immigranten zu reden, waren ernsthaft und engagiert. Dafür danken Genny Russo und ich ihnen.

Es bleibt zu wünschen, dass sich die Hoffnungen der Jugendlichen erfüllen und dass die gemeinsame Arbeit mit ihnen Spuren hinterlassen wird.

Zürich, im Sommer 2004
20 minuten, 23. August 2004
züritipp, 26. August 2004
Neue Zürcher Zeitung, 30. August 2004
DRS aktuell, 31. August 2004
Neue Luzerner Zeitung, 14. September 2004
Berner Zeitung/Mittellandzeitung, 15. September 2004
Der Bund, 21. September 2004
Passagen, Pro Helvetia Kulturmagazin 37, Herbst 2004
Ready. Magazin für das Junge Rote Kreuz, Dezember 2004
Programmzeitung Basel, Januar 2005
Frauenfragen 1/2005 (Juni)
Fremde Welten. Kinderbuchfonds Baobab, 16. August 2006

«Ein Buch, das Auskunft gibt über Denkweisen, über Träume und Realitäten. Die global kids sind Weltbürger in einem altmodischen und doch aktuellen Sinne.» DRS aktuell

«Ein schönes Buch, das zur Pflichtlektüre erhoben werden sollte. Zumindest schweizweit.» züritipp

«Herausragend!» Kinderbuchfonds Baobab

«Nahaufnahmen von Jugendlichen, die zwischen zwei Kulturen stehen und aus dieser Ausgangslage ihre Zukunftspläne entwerfen, sind selten. (...) Eva Burkard legt mit ‹global_kichs.ch› eine Publikation vor, in der nicht nur die Heranwachsenden mit ihrem biografisch-kulturellen Hintergrund ins Licht gerückt werden, sondern auch die Schweiz begutachtet wird – aus deren Optik. (...) Das Buch lässt erahnen, welches Potenzial an Neugier, Energie und Originalität sich unter den jungen Menschen hierzulande entfaltet, ob sie nun als Schweizer oder als Ausländer geboren wurden.» Neue Zürcher Zeitung

«Den ‹global kids› lässt sich einiges abschauen: ihre Weltoffenheit, aber auch ihre Wurzellosigkeit, ihr Umgang mit inneren Widersprüchen. Ihre Flexibilität bei der Konstituierung eigenner Identität zwingt sie, Fähigkeiten zu entwickeln, die für uns alle wichtig werden. Denn die Globalisierung soll nicht nur Verluste zeitigen, sondern auch als Herausforderung begriffen werden, auf die wir positiv reagieren müssen.» Programmzeitung, Basel

«Manche von ihnen haben eine Mutter aus Ghana und einen Vater aus Hindelbank, manche sind in der Türkei geboren und in Zürich aufgewachsen, manche sind in Zürich geboren und haben koreanische Eltern. Sie alle sind Kinder von Immigranten, Jugendliche der zweiten Ausländergeneration. Im Buch «global_kids.ch» schildern sie unverblümt ihre Erfahrungen als Grenzgänger zwischen zwei Kulturen, ihr Leben als Ausländer in der Schweiz – mit oder ohne Schweizer Pass.
(...)
Das Buch «global_kids.ch», so der Wunsch der Portraitierten, soll dazu beitragen, Vorurteile gegen Ausländer abzubauen. Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung sind Eingewanderte oder deren Nachkommen, die den sozialen und beruflichen Alltag entscheidend mitprägen. Aus dieser Sicht ist es nur konsequent, wenn die zweite Generation auch das politische Geschehen mitbestimmem will.
Dass die Jugendlichen keine eindeutige Zugehörigkeit haben, stört sie selbst noch am wenigsten. Zwar fühlen sie sich hier eher «unschweizerisch», andererseits merken sie, wenn sie ihr Geburtsland besuchen, wie ‹eingeschweizert› ihre Einstellung doch ist. Doch den global Kids von heute kommt es nicht darauf an, ob sie Schweizer, Muslim oder dunkelhäutig sind. Sie sehen sich in erster Linie als Menschen und Kosmopoliten, die mit ihrer multikulturellen Identität den Weg in eine vernetzte gesellschaftliche Zukunft weisen.» Mittellandzeitung

«Man möchte es sich gerne vorstellen:eine gewichtige Rechtsfraktion setzt sich hin und liest im Buch ‹global-kids.ch› von Eva Burkard und Genny Russo. Was die siebzehn Kinder von Immigranten über sich und das Land, in dem sie seit Kindsbeinen leben oder gar auf die Welt gekommen sind, erzählen, haben die Parlamentarier noch nie bemerkt. Schon nach einem Dutzend Seiten Lektüre ahnen sie, dass man je nach Herkunft und Hautfarbe in einer anderen Schweiz lebt.
(...)
Das Buch ist mit sparsamen Mitteln schnörkellos gestaltet. Und die Fragen, mit denen Eva Burkard die Erzählungen geleitet hat, geben der von der Rechten perhorreszierten Masse von ‹Ausländern› ein individuelles, persönliches Gesicht. Man wird sich an die «neuen» Schweizer und Schweizerinnen gewöhnen müssen.» Der Bund
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