Am Äquator. Die Ausweitung der Gürtellinie in unerforschte Gebiete
Isolde Schaad

Am Äquator. Die Ausweitung der Gürtellinie in unerforschte Gebiete

Erzählungen

272 Seiten, 12 x 19 cm, gebunden mit Schutzumschlag
März 2014
SFr. 36.50, 36.50 €
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978-3-85791-730-1

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Literatur Erzählungen
     

Unser Grosshirn liegt näher an der Gürtellinie, als uns lieb ist. Wider alle Vernunft und Intellektualität: Es ist der Bauch, der unsere Geschichte erzählt. Sechs Erzählungen und acht Minigeschichten führen uns dorthin, wo wir nicht unbedingt hingewollt haben. Ins Fettnäpfchen treten sie alle: Eine geschasste russische Tänzerin, ein verklemmter Restaurator, eine Feministin auf Abwegen. In besonderem Masse geraten eine hochgestimmte Professorin in spe sowie ein gutmeinender Forscher und glückloser Familienvater in die Fänge dessen, was man ahnungslos die ‹niederen Instinkte› nennt. Und jenseits des Wendekreises, in gefährlicher Nähe zum überhitzten Äquator, entbrennt eine im Feld gestählte IKRK-Delegierte leidenschaftlich für einen afrikanischen Arzt, der in den Untergrund geht. Isolde Schaad, bekannt für ihren Scharfsinn und Witz, gelingt mit ihrem neuen Buch ein erzählerischer Wurf, der in seiner Brisanz und Menschenkenntnis vieles, was heute im literarischen Trend liegt, hinter sich lässt.

Isolde Schaad

Isolde Schaad, geboren 1944 in Schaffhausen, lebt seit 1967 in Zürich und gehört zu den namhaften Schweizer Autorinnen der 68er Generation. Ihre Spezialität ist die kritische Gesellschaftsbetrachtung, die sie mit Scharfsinn, Humor und hohem sprachlichen Können der nahen und fernen Umgebung widmet. Schon ihre Buchtitel zeugen davon: «Knowhow am Kilimandscharo», erschien 1984 und wurde vom heissen Eisen zum Ethnoklassiker. 1986 folgte die «Zürcher Constipation», 1989 «KüsschenTschüss», die beide zu helvetischen Bestsellern wurden. Es folgten «Body & Sofa», die Erzählungen aus der Kaufkraftklasse, 1994, «Mein Text so blau» 1997 (Buch des Jahres der Schweizer Schillerstiftung), der Roma «Keiner wars» 2001, sowie die Porträtsammlung «Vom Einen., Literatur und Geschlecht», 2004. Der Roman «Robinson und Julia», 2010, an Erzählkraft und literarischer Phantasie ein Höhepunkt in ihrem Schaffen, erfuhr ein beeindruckendes Presseecho und grosse Anerkennung von Leserschaft und Kennern von Schaads Werk. Auch hat die Autorin als Künstlerstochter von jeher der bildenden Kunst ihre Reverenz erwiesen; anrührend gehaltvoll geschah dies in der zusammen mit K. Unger und T. Grütter verfassten, 1980 erschienenen Monografie «Kunstmaler Werner Schaad (1905–1979)», eine Arbeit, die der Kunstgeschichte der Schweiz und des süddeutschen Raumes eine neue, soziologische Dimension erschloss.

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Inhalt

Vorneweg

Heftige Winde

Erhöhte Temperatur

12000 Kilometer Nabelschnur

Unmässige Klimazone

Sammelgut am Wendekreis

Endlich Sri Lanka

Am Äquator and beyond

Erhöhte Temperatur

Das Bild kannte er seit seiner Studienzeit. Es war am Ende des Ersten Weltkriegs als Leihgabe ins Kunsthaus gekommen und wurde von seinem Semester mit Verachtung gestraft, die Sechzigerjahre in Z. hatten nichts übrig für das Erbe der Schweizer Kunst: Was kann von Erben, die Rütschi heissen, schon kommen. Obschon er nicht zu den Scharfmachern zählte, ging auch ihn dieses Gemälde nichts an, Hodler war eine vaterländische Pflichtübung, die man im kunsthistorischen Seminar geflissentlich überging. Nur die Braven, die Angepassten beeilten sich, die Figur und ihre schattenhafte Entourage zu skizzieren, als Gedächtnisstütze sollte das dienen, da es noch keine Digitalfotografie gab, die klick machte und das Sujet erhaschte wie im Schmetterlingsnetz. Das Bild war zu grandios komponiert: im Vordergrund der Mädchenakt, die Lichtgestalt, umgeben von den rückwärts rückenden Vermummten. Aber das Wesen, das sich als Die Wahrheit ausgab, war zu ätherisch, um einen Erstsemestrigen mit Flaum am Kinn zu fesseln, denn der war mehr an handfesten Titten interessiert.

Er erinnert sich: – Ein Höhepunkt des Symbolismus! – Der Oberassistent hüstelte im Abglanz des Gemäldes, das er im Massstab 1 : 2 vergeblich zu projizieren versuchte, es fuhr ihm hörbar in den Rachen. Damit machte er sich vollends zu jener Witzfigur, die lustlose Studenten brauchen, um sich über die Runden zu bringen. Lustlose Studenten sind grausam und wissen es nicht. Ihre Grausamkeit ist ja nichts anderes als eine Spielart unter geschlechtsreifen Rangen, und die hätte man besser im Urwald ausgesetzt, um das Menschenbild zu studieren. Stattdessen hatte man im Kunsthaus anzutreten, dem Hort des Edlen, Guten und so weiter.

Dieser da, der Lotterpuppe, wie sie der Studienfreund nannte, der bald darauf zum Bankfach überlief, stachen die Rippen aus dem Brustkorb, und auf dem Schambein, das nur knapp mit Haut überzogen war, befand sich kein einziges Härchen. Geschlechts- und geheimnislos war die und alles andere als eine erotische Attraktion für einen Jüngling, der abends mit der Lambretta ins Kino knattert und sich ein Busenwunder auf den Rücksitz wünscht. Nouvelle Vague mit der BB war angesagt, von der scharfe Fotos kursierten, die man in der Innenseite der Mappe kleben hatte, sozusagen als Notproviant.

Nun ist er intim mit ihr, nun liegt er über ihr, gewissermassen in der Missionarsstellung, um sie zu restaurieren, Hodlers Wahrheit. Eine von oben delegierte Zumutung. Er fährt sich durchs Haar, knappe sechs Zentimeter Abstand verlaufen zwischen seinem Hosenbund und ihrem Genital, das er nicht Muschi nennen mag. Ein deutscher Mitstudent hatte das Wort seinerzeit eingeführt, Muschis waren Freundinnen, die fortwährend an einem herumzupften und quengelten, bis sie mit ihrem Goldjungen von der gleichnamigen Küste in Paris gewesen waren. Dann bettelten sie, bis er sie nach Rom mitnahm, worauf London, Prag und Amsterdam an die Reihe kamen. Heute gibt es die Muschitour wahrscheinlich nicht mehr, sie würde zu weit führen müssen, bestimmt bis nach Dubai, Shanghai, Hongkong und Tokio, das aber bald weg vom Pflichtprogramm wäre; nicht etwa wegen Fukushima und der Strahlungsgefahr, oh nein, Atomkraftwerke sind kein Thema für Muschis, sondern der illegale Walfang, der sie nicht ergötzt, denn Muschis haben ein Herz für aussterbende Tiere. Er selber blieb einigermassen sauber, ausgenommen, nun ja. Sein Kumpel ist ihm Lehrbeispiel genug gewesen, der hat jene Vollbusige, Mütterliche, die ihn entjungferte, dann heiraten müssen. Sie war elf Jahre älter als der werdende Vater, und die gemeinsame Zukunft kann man sich denken.

Die da ist eine andere, er lernt sie kennen, jeden Tag neu, seit Wochen und Tagen, versucht er sie zu entziffern. Ihre Vulva hat der Maler in zwei dürftigen Strichen angedeutet, und das Beckenskelett sorgfältig gerundet, der Zugang wäre also ideal für einen zartbesaiteten Bräutigam. Von einem Triumphbogen zwischen den Beinen kann allerdings kaum die Rede sein, Gott, was hat er bloss für Assoziationen, was für ein schäbiges Altherrenlatein. Der Künstler Hodler ist zwar kein Kostverächter gewesen, aber bestimmt kein Pädophiler. Das Modell kann höchstens siebzehn Jahre alt sein, doch in seiner Darstellung kommt sie wie aus alter Zeit herüber, eine Lolita, die früh altern wird.
Tages-Anzeiger, 12. März 2014
WOZ, 13. März 2014
St. Galler Tagblatt, 25. April 2014
Nordwestschweiz, 7. April 2014
Die Freundin, 18. Juni 2014
Büchermagazin, Juni/Juli 2014
Gesellschaft Freunde der Künste / Buch Contact, 18. Mai 2014
literaturkritik.de, 3. Juli 2014
Badische Zeitung, 02. August 2014
SWR2, Die Buchkritik, 20. Juni 2014

«Der ‹kleingeistigen Schweiz›, in der, wie Isolde Schaad sagt, die soziale Kontrolle noch funktioniert, ist sie ein Stachel im wohl gefüllten Leib der Selbstzufriedenheit. Mehr Gutes kann man von einer Schriftstellerin nicht sagen.» WOZ

«Klug und witzig: In den neuen Erzählungen von Isolde Schaad prallen die Bedürfnisse des Herzens und des Verstandes aufeinander.» Tages-Anzeiger

«Mit ‹Am Äquator› legt die Zürcher Autorin Isolde Schaad einen neuen Erzählband vor. In ihren Geschichten beschreibt sie mit viel Sprachwitz und grosser Erzählfreude Kopfmenschen, die einsehen müssen, dass sie eben doch nur bauchgesteuert sind.» St. Galler Tagblatt

«Isolde Schaad widmet sich der Beziehung zwischen Mann und Frau – ein Thema, das privat anmutet, bei Schaad mischen da aber immer auch die gesellschaftliche Moral und Norm mit. Sie macht sich dabei nie über die Protagonisten lustig. Ihr Humor zielt auf die ironische Dekonstruktion von Normvorstellungen, denen wir alle verfallen. Die Autorin formuliert pointiert. Ihre Beschreibungen der Seelenzustände wirken nie plump. Schaads neuer Erzählband macht lesend erfahrbar, weshalb die Autorin die Goldene Ehremedaille des Kantons Zürich verdient hat.» Nordwestschweiz

«Viel zu dick liest er sich, der Schaad'sche Bauch. Leider.» SWR2

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