Die russische Schweiz
Michail Schischkin

Die russische Schweiz

Ein literarisch-historischer Reiseführer

Übersetzt von Franziska Stöcklin

320 Seiten, 16 x 25 cm, gebunden mit Schutzumschlag
1. Aufl., September 2003
SFr. 48.–, 31.50 €
vergriffen
Originalausgabe: «Russkaja Švejcarija», Pano Verlag, Zürich 2001
978-3-85791-438-6

Schlagworte

Geschichte
     

Meist unsichtbar für den touristischen Blick der Fremden wie für den alltäglichen der Einheimischen, durchzieht ein dichtes Netz russischer Spuren die Schweiz. Grosse Schriftsteller haben hier gelebt und geschrieben, schöne Terroristinnen haben vermeintliche und echte Potentaten erschossen, kriegerische Kosaken die französische Armee bekämpft, hungernde Revolutionäre um Geld und Ideologien gestritten oder Banken überfallen, während der gekrönte Tourist untertänigst mit Kanonenschüssen und Glockengeläut empfangen wurde.

Michail Schischkin versteht es meisterhaft, grosse Zusammenhänge mit kleinen Details zu verknüpfen, er präsentiert die Wirkungsgeschichte der Russen in der Schweiz in einer lebendigen Erzählung, die Lesevergnügen und kulturgeschichtliche Information unaufdringlich miteinander verbindet. Er greift dabei die lange und vielfältige Geschichte eines europäischen Kulturaustausches auf und schreibt ihn zugleich fort.


«Michail Schischkin ist ein absolut humorvoller, ironiegeladener Autor und ein exzellenter Historiker.» Schweizer Radio DRS 2

Michail Schischkin
© Limmat Verlag

Michail Schischkin

Michail Schischkin, geboren 1961 in Moskau, Studium der Germanistik und Anglistik an der Pädagogischen Hochschule in Moskau, Arbeit als Journalist bei der Jugendzeitschrift Rovesnik, Lehrer für Deutsch an einer Moskauer Schule, Übersetzer bei einer deutschen Firma.

1994 Preis «für das beste Debüt des Jahres» für seinen Roman «Wsech oschydaet odna notsch» («Omnes una manet nox»)

1995 Übersiedlung in die Schweiz/Zürich, Arbeit als Russischlehrer und Übersetzer und Lehrer.

In der Schweiz sind u.a. sein Buch «Die russische Schweiz. Ein literarisch-historischer Reiseführer» sowie sein zweiter Roman «Wsjatie Ismaila» («Die Eroberung von Ismail») entstanden, daneben schrieb er Artikel für die «Neue Zürcher Zeitung».

Im Dezember 2000 erhielt Michail Schischkin für seinen Roman «Wsjatie Ismaila» den renommierten russischen Booker-Preis für den besten Roman des Jahres, 2002 wird er für Montreux—Missolunghi—Astapowo von der Stadt Zürich mit einem Werkjahr ausgezeichnet.

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Franziska Stöcklin

Franziska Stöcklin

Geboren 1961 in Teheran/Iran, Studium der Germanistik, Slawistik und englischen Literatur in Zürich, von Herbst 1988 bis Sommer 1989 sowie Feb. 1992 bis Mai 1995 wohnhaft in Moskau, 1995 Geburt Konstantins.

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Inhalt

«Und so bin ich denn schon bin ich in der Schweiz?»
An der russisch-schweizerischen Grenze

Die russische Hauptstadt der Schweiz
Genf

«Ich glaube, die Schweiz ist das revolutionärste Land der Welt»
Zürich

«Die Berner Bären und der Bär von St. Petersburg»
Bern

«Außer den Toten vergnügt sich hier niemand»
Basel und Dornach

«Der Rheinfall ist seines Ruhmes würdig»
Schaffhausen und der Rheinfall

Eine «Bergphilosophie» im Lande Tells
Vom Gotthard zum Rigi

«In diesem dummen Schweizerhof»
Luzern

«Zum ewigen Schnee der Jungfrau»
Berner Oberland

In den Urlaubsorten des «lichtdurchdrungenen» Landes
Glarus und Graubünden

Puschkins Profil im Matterhorn
Wallis

Hinter dem Röschtigraben
Die Westschweiz

Auf der Suche nach dem «Berg der Wahrheit»
Tessin

«Wenn euch das Schicksal einmal bietet, nach Lausanne zu reisen»
Lausanne

Nabokow entgegen
Von Lausanne nach Chillon

«Sättige dich, mein Auge»
Von Lausanne nach Genf

«Und so bin ich denn schon bin ich in der Schweiz?»

An der russisch-schweizerischen Grenze

«Und so bin ich denn schon bin ich in der Schweiz? – In Schoß der malerischen Natur – im Lande der Unschuld und Zufriedenheit? Es scheint, als hätte die hiesige Luft etwas Belebendes. Ich schöpfe leichter und freier Atem, ich trete fester auf, mein Kopf erhebt sich mehr, und mit Stolz denke ich daran, dass ich ein Mensch bin.»

Nikolaj Michajowitsch Karamsin, Briefe eines russischen Reisenden

«Die Langeweile hier ist schrecklich. Der Ort, wo ich wohne, gilt als einer der schönsten im Land; und in der Tat sind hier alle möglichen so genannten Naturschönheiten vereinigt. Der Dichter, der Künstler, glaube ich, kann hier ungehindert leben und schaffen. Für mich aber ist es die reinste Qual: Sosehr ich mich auch abmühte, mich an Sonnenunter- und -aufgängen zu ergötzen, es wollte mir nicht gelingen. Alles scheint so dumm, so sinnlos.»

Sergej Genadjewitsch Netschajew, Brief an Natalja Herzen

Paradies und Langeweile. Zwischen diesen beiden Polen liegt eine Welt, die irgendwie sonderbar anmutet.

Der russische Reisende schüttelt verwundert den Kopf: es gibt keine weiten Ebenen, dafür Berge, nur wenig Land, aber Milch in Hülle und Fülle. Die Strassen werden auch sauber gehalten, ohne dass der Vorgesetzte sich bemerkbar machen muss. Der Nationalheld ist ein Mörder, die Bürger des Landes aber fügen sich willig den Gesetzen. Jahr für Jahr werden Steuern gezahlt, vor der Regierung zittert man nicht, man lebt nicht von einem Krieg zum andern.

Was ist das eigentlich, die Schweiz? Das lebendig gewordene Schaufenster eines Spielzeugladens? Ein Set von Ansichtskarten anstelle einer Landschaft? Hörigkeit vor selbst fabrizierten Gesetzen? Die heilige Sicherheit des Großvaters, dass sein Stückchen Wiese einmal seinem Enkel gehören wird? Ein Staat, der nach Gogols Mantel zusammengeschneidert ist? Über Generationen hinweg angehäufte Arbeit, vor der alle Revolutionen und Ideen ohnmächtig sind? Ein umgestülptes Russland?

Einmal schlenderte ich in Gedanken versunken durch die Strassen, als ich mich plötzlich auf dem Russenweg befand. Das war der Augenblick, mit dem dieses Buch seinen Anfang nahm.

Ein fremdes Land bleibt solange fremd, bis du dir Verwandte und dir nahe Menschen gefunden hast. Also machte ich mich im Alpenland auf die Suche nach Gogol und Bunin, Rachmaninow und Strawinskij, Herzen und Nabokow, wie sich ein armer Provinzler in der Hauptstadt reiche Verwandte sucht. Der literarisch-historische Reiseführer Die russische Schweiz entstand gerade deshalb, weil es damals noch keinen gab.

Die Schweiz ist voll von russischen Schatten. Sie hat eine wichtige Rolle in der russischen Geschichte und Kultur gespielt. Alle namhaften Russen waren hier, oder doch fast alle. Sie haben Briefe hinterlassen, Tagebücher, Lebenserinnerungen. Hier in der Schweiz ereigneten sich Dinge, die auf höchst verhängnisvolle Weise das Schicksal Russlands mit beeinflussten. Hier wurden Ideen entwickelt, die sich dann Tausende von Kilometern von Zürich entfernt in Büchern, in Bildern, in Geiselerschießungen verwirklichten. 

Es ist angenehm, am Café Raben vorbeizugehen und zu wissen, dass einst Karamsin aus einem dieser Fenster auf die Limmat schaute, jener Mann, der den Russen die Schweiz entdeckte und mit seinen Werken die neuere russische Sprache begründete. Und der Gedanke macht nachdenklich, dass vielleicht auf eben dieser Bank, auf der ich am Seeufer sitze, einst Lenin dem verdutzten Nobs, dem Vorsitzenden der Zürcher Sozialdemokraten, erklärte: «Die Schweiz ist das revolutionärste Land der Welt» – weil jeder dienstpflichtige Schweizer zu Hause eine Waffe und Munition hat.

Ich glaube das Gefühl verstehen zu können, das Karamsin veranlasste, die erste russische Geschichte zu schreiben. Du kannst nicht leben, ohne eine Ahnung davon zu haben, was vor dir war. Er schrieb die Geschichte seines Landes, um festen Boden unter seinen Füssen zu spüren.

Ich schrieb die Geschichte der russischen Schweiz, meines Landes, das es nicht gibt.

Zur Übersetzung

Als Die russische Schweiz vor drei Jahren in Zürich in russischer Sprache erstmals erschien, stiess sie bei ihren Lesern auf ein starkes Echo und lebhaften Beifall. Da von Anfang an feststand, dass die deutsche Übertragung kürzer ausfallen solle und im Originaltext auch manches enthalten ist, was für eine Schweizer Leserschaft nicht so interessant sein kann wie für die russische, umfasst das vorliegende Buch nur etwa zwei Drittel des russischen Textes.

Die gebotene Kürzung nun hat gewisse inhaltliche Veränderungen nach sich gezogen und hat zur Folge, dass unweigerlich einiges verloren gegangen ist und manch ein Russe, der sich in der Schweiz aufgehalten hat, zu kurz kommen muss. Viele Figuren, die im Original gebührend gewürdigt werden, sind hier nicht oder nur nebenbei erwähnt; manch einem Russen wird hier nicht Rechnung getragen, da er meiner Ansicht nach für eine Schweizer Leserschaft kein besonderes Interesse darstellt, weil seine Beziehung zur Schweiz nur marginal oder seine (historische) Bedeutung nur begrenzt ist – ansonsten würde der Rahmen der deutschen Fassung des Buches gesprengt werden. Umgekehrt sind damit gewisse Kreise von Leuten und historische Begebenheiten, die bei uns nicht zum Allgemeinwissen gezählt werden können, in der deutschen Umschrift stärker als in dem russischen Ausgangstext gewichtet. Die Vielzahl der im russischen Text angebrachten Gedichte habe ich mit wenigen Ausnahmen ausgelassen, da unter dem Titel Landschaft und Lyrik. Die Schweiz in Gedichten der Slaven bereits eine kommentierte Anthologie erschienen ist (Landschaft und Lyrik. Die Schweiz in Gedichten der Slaven, hg. von Peter Brang, Basel 1998).

Gewissen Textstellen habe ich Erläuterungen hinzugefügt, wo ich zusätzliche Informationen für unerlässlich hielt, die der Autor bei einem Russen, aufgewachsen in der russischen Kultursphäre und Geschichte, als Hintergrundswissen voraussetzen kann, nicht so aber bei einer Schweizer bzw. deutschsprachigen Leserschaft.

Der behandelte Zeitraum erstreckt sich vom 18. Jahrhundert bis in die zwanziger Jahre es zwanzigsten Jahrhunderts, was die Zeit danach betrifft, so kommen in der deutschen Fassung fast nur Nabokov und Solschenizyn zu Worte, für die anderen Russen möge ein weiteres Buch geschrieben werden.

Verschiedentlich habe ich bei den angeführten Zitaten bereits vorliegende Übersetzungen herbeigezogen; dies betrifft zum Beispiel die Zitate aus Karamsins Briefe eines russischen Reisenden (Übersetzung Johann Richter), aus Dostojewskijs Briefen sowie den Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen seiner Frau Anna Grigorjewna (Übersetzung Ilma Rakusa) oder aus Pjotr Kropotkins Memoiren (Übersetzung Max Pannwitz).

Ich bin überzeugt, dass den Lesern mit dem vorliegenden Buch viele neue, hierzulande bisher noch kaum bekannte Personen und Persönlichkeiten der russischen Geschichte und ihre Beziehung zur Schweiz bzw. die Rolle der Schweiz in ihrem Leben durch die spannende und unkonventionelle Schreibweise des Schriftstellers Michail Schischkin nähergebracht werden. Ja, der Leser mag vielleicht auch eine Seite der Geschichte der Schweiz entdecken, die ihm bisher wenig bekannt gewesen ist.

Franziska Stöcklin
Neue Zürcher Zeitung, 30. Oktober 2003
Tages-Anzeiger, 30. Oktober 2003
DIE ZEIT, 30. Oktober 2003
Plebs Netzmagazin, Dezember 2003
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juni 2004
Urner Wochenblatt, 8. Dezember 2004

«Ein ungewöhnliches Buch über die Vermischungsgeschichte Europas, das sich wie ein Familienroman liest.» DIE ZEIT

«Michail Schischkins besonderes Verdienst liegt darin, dass er sein facettenreiches Thema mit feiner Ironie, aber auch mit einer grundsätzlichen Sympathie für die verrückten Russen und die nüchternen Schweizer bearbeitet.» Neue Zürcher Zeitung

«Aufregend, diese Reise durch die russische Schweiz. Lenin und Trotzkij in Zürich, Herzen in Genf, Bakunin in Vevey, Strawinskij in Clarens, Skrjabin in Vésenaz, Rachmaninow in Hertenstein, Nabokov in Montreux. Wir begegnen über 500 Personen ! Michail Schischkin breitet seine akribische Recherche mit Augenzwinkern aus. Sie lebt von unzähligen Details. Manchmal schwindelt einem angesichts all der Lebens- und Leidensgeschichten, und man ist ganz froh über eine gewisse Redundanz, die das Konzept des Buches erzwungen hat.» Buchjournal, Herbst 2003

«Das Buch war zunächst in russischer Sprache erschienen, die deutsche Fassung wurde der Verständlichkeit halber um etwa einen Drittel gekürzt. Den Kürzungen zum Opfer fielen vor allem Literaten, die selbst in Russland eher unbekannt sind. Doch auch in der gekürzten Fassung muss Schischkin teilweise weit ausholen, um dem Leser das Hintergrundwissen zu verschaffen, das zum Verständnis der russischen Geschichte unabdingbar ist. Dies tut er jedoch mit einer Lockerheit und Stilsicherheit, dass niemals ein Gefühl von Langeweile aufkommt. Gegliedert ist das Buch nach Städten und Regionen, also nicht chronologisch. Ein Namensverzeichnis am Ende hilft jedoch bei der Zielgenauen Suche nach Informationen. Man kann das Buch am Stück durchlesen, will man einen generellen Überblick über die Beziehungen der Russen zur Schweiz bekommen. Aber auch als Nachschlagewerk erfüllt es seinen Zweck, für diejenigen, die bestimmten Richtungen in diesem spannenden Teil der Geschichte Russlands nachgehen wollen. Auch für jene, die sich noch gar nicht mit Russland auseinandergesetzt haben, ist diese Buch ein guter Einstieg in die Polit- und Geistesgeschichte dieses Landes, indem es bekannte Orte, mit fremden Ideen und Inhalten füllt.
Dabei ist es weniger ein Geschichtsbuch, sondern vielmehr eine Erzählung, die im historischen Austausch die damaligen Lebensumstände wieder aufleben lässt.» Plebs Netzmagazin

«Die russische Schweiz ist ein Reiseführer der besonderen Art: Für einmal stehen nicht Matterhorn, die Luzerner Kapellbrücke oder das Telldenkmal im Vordergrund des touristischen Interesses, sondern jene Orte in der Schweiz, die sich mit den Namen berühmter russischer Schriftsteller und Politiker verbinden. Die Reihe der Protagonisten reicht von Paul I. Über Tolstoj und Dostojewski bis zu Lenin, Solschenizyn und Nabokov. Dabei ist manche Trouvaille zu machen: Erzählt wird etwa, wie ein Dorf namens Moskau auf der Schweizer Landkarte auftauchte, wie der Dichter Fjodor Tjutschew in einem Thuner Hotel mit dem russischen Zaren verwechselt wurde oder wie russische Revolutionäre in Montreux die Bank überfielen. Michail Schischkin präsentiert die Wirkungsgeschichte der Russen in der Schweiz in einer lebendigen und spannenden Erzählung, in der sich Lesevergnügen und kulturgeschichtliche Information zu einem harmonischen Ganzen verbinden.» Russische Botschaft der Schweiz
Captcha

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