Die Unbeirrbare
Barbara Kopp

Die Unbeirrbare

Wie Gertrud Heinzelmann den Papst und die Schweiz das Fürchten lehrte

320 Seiten, 15 x 22 cm, gebunden mit Schutzumschlag, etwa 20 Abbildungen
September 2003
SFr. 39.–, 25.– € / eBook sFr. 24.95
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978-3-85791-442-3

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«Ich glaube je länger, je weniger, dass uns in politischem oder kirchlichem Raum das kleinste Rechtchen und die bescheidenste Verbesserung unserer Stellung zukommen wird ohne Kampf – ich habe mich sehr mit der Frauenbewegung befasst und nirgends gefunden, dass die Frauen um ihrer blauen Augen und blonden Haare willen einen Fortschritt erzielt hätten.» Gertrud Heinzelmann

 

Kühn forderte Gertrud Heinzelmann zum Zweiten Vatikanischen Konzil vom Papst die Weihe von Priesterinnen. Ihre Forderung war 1962 weltweit ein Tabubruch. Die Schweiz reagierte mit Wut, denn die Kirchenkritikerin war auch eine unbequeme Kämpferin für das Frauenstimmrecht. Ihr erging es wie Iris von Roten, der Autorin des Emanzipationsbuches «Frauen im Laufgitter». Die Zeitungen spotteten und höhnten und die Frauenverbände distanzierten sich von der Avantgardistin. «Ich bin», schrieb sie, «mit jeder Faser dem Neuen verpflichtet und behaupte gerade deshalb, ein sehr guter Christ zu sein.»

Gertrud Heinzelmann (1914 – 1999) wuchs in einer liberalen und weltoffenen Kaufmannsfamilie im aargauischen Freiamt auf. Sie kletterte aufs Matterhorn und weigerte sich im Zweiten Weltkrieg, ein Land zu verteidigen, das seinen Bürgerinnen das politische Stimmrecht vorenthielt. Vom Heiraten hielt sie nichts, lieber verdiente sie ihr Geld als Juristin und erste Ombudsfrau der Schweiz. Sie sei, schrieb sie dem Mann, dem sie sich am meisten anvertraute, kein «fader Henkeltopf der göttlichen Gnade», sondern «lieber sich selber und unerhört lebendig».

Mit erzählerischer Leichtigkeit legt Barbara Kopp die Biografie einer internationalen Denkerin vor, zitiert aus ihren Briefen und entwirft das Bild ihrer Zeit.


 

 

Barbara Kopp
© Andreas Schwaiger

Barbara Kopp

Barbara Kopp, geboren 1964, studierte in Zürich Germanistik und Geschichte und arbeitete als Journalistin für Printmedien und das Schweizer Fernsehen. Heute ist sie Dozentin, leitet journalistische Schreibwerkstätten und schreibt Bücher.

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Inhalt

Mit Fenster gegen die Berge
Die Gymnasiastin geht ihren Vorlieben nach, die nicht dem entsprechen, was in Zeiten von Wirtschaftskrise und aufkommendem Faschismus von jungen Frauen erwartet wird.

Die Sippe und ihr Selbstbewusstsein
Eine katholische Familie demonstriert aristokratische Herkunft und liberale Gesinnung. Die Mutter erzieht ihre Älteste zu Enthaltsamkeit, zu kritischem Denken und Selbstbestimmung.

Revolutionäre Stimmung beim Kartoffelanbau
Die Doktorandin der Rechtswissenschaften ringt im Zweiten Weltkrieg mit der katholischen Kirche und verfasst ihre Grundsatzerklärung. Sie überschätzt ihre Kräfte und bricht zusammen.

Vom «Ochsen» zum «Hirschen»
Bedingungslos kämpft die Juristin für das Frauenstimmrecht, doch die Schweizer Männer sagen Nein zur Gleichberechtigung. Von der zweiten Heimat ihres Onkels verspricht sie sich das grosse Glück.

Im Jardim Botânico
Die brasilianische Utopie hält nicht stand. Beschieden ist der Schweizerin aber eine zukunftsweisende Begegnung mit einer Bernburgerin, die bei der Erklärung der Menschenrechte dabei war.

Der Bildersturm für die halbe Menschheit
Wieder in der Schweiz, fordert die Unbeirrbare vom Zweiten Vatikanischen Konzil die Zulassung von Frauen zum Priestertum. Ihre avantgardistischen Forderungen gehen um die Welt.

Eine Freundschaft mit Vorbehalten
Die Vordenkerin freundet sich mit dem Konzilsmitarbeiter der amerikanischen Bischöfe an, der in jungen Jahren ein Radiostar war. Die beiden streiten unversöhnlich und mögen sich trotzdem leiden.

Standfestigkeit im Gegenwind
Die Kirchenkritikerin findet in Deutschland endlich Gleichgesinnte, die mutig mit ihr weiterkämpfen. Im Petersdom versuchen die Konzilsväter, sich der lästigen Frauenfrage zu entledigen.

Eine leichte Verschiebung
Die Suffragette steht auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Laufbahn. Sie treibt die Frauenstimmrechtlerinnen weiter an, doch müde geworden, geht sie zu den jungen Feministinnen auf Distanz.

Geographie einer Behausung
Spät sieht die Pionierin die Frauen im Genuss des Stimmrechts. Die Diskriminierung durch die katholische Kirche kränkt sie weiterhin. Am Ende bleiben vier Buddhas und die Maria mit ihrem Kind.

Verzeichnis der Dialektworte und fremdsprachigen Ausdrücke
Dank, Quellen- und Literaturverzeichnis
Namenregister

Standfestigkeit im Gegenwind

Die Kirchenkritikerin findet in Deutschland endlich Gleichgesinnte, die mutig mit ihr weiterkämpfen. Im Petersdom versuchen die Konzilsväter, sich der lästigen Frauenfrage zu entledigen.
Am Abend vor der Konzilseröffnung gibt Weihbischof Walther Kampe aus Limburg, der Presseverantwortliche der deutschen Bischöfe, eine Orientierung für die deutschsprachigen Medienvertreter. Er hält vor vollem Saal, etwa zwei Hundert Journalisten sind gekommen, eine Rede zum bevorstehenden Konzil, langatmig und wenig konkret, danach gibt er das Wort an die Zuhörer weiter, Administratives und Organisatorisches soll geklärt werden. Im Publikum, mehrheitlich Männer in Krawatte und dunklen Anzügen, meldet sich eine junge Frau und stellt ihre Frage: «Sind auch Frauen zum Konzil eingeladen worden?»

Augenblicklich wird es still, ganzen Sitzreihen stockt der Atem, Köpfe drehen sich um. «Was für eine törichte und überflüssige Frage!», wird aus Recklinghausen das «Echo der Zeit» seiner katholischen Leserschaft zu bedenken geben. Oder der «Feuerreiter» aus Köln wird verständnisvoll erklären: «Sehr viele Journalisten sind nicht katholisch und fragen deshalb viele Dinge, die für den Katholiken selbstverständlich sind.» Die Frage verweist auf die Möglichkeit, dass auch Äbtissinnen und Nonnen zu Konzilssitzungen eingeladen werden könnten, wenn doch Vertreter von Männerorden als Zuhörer zum Petersdom Zutritt haben und selbst orthodoxe und protestantische Geistliche zur Konzilsbeobachtung berufen wurden. Einen Moment lang geschieht nichts im Saal, bis der Presseverantwortliche Walther Kampe sich gefasst hat und der Fragestellerin Trost spendet: Beim Dritten Vatikanischen Konzil, antwortet er, dann seien möglicherweise auch Frauen unter den Geladenen. Das Publikum bricht in Lachen aus, und das «Echo der Zeit» wird, um keine Zweifel unter seiner Leserschaft aufkommen zu lassen, beruhigend melden: «Die Fragestellerin war befriedigt, dass ihr wenigstens die Hoffnung auf ein neues Konzil gelassen wurde.»

Nach der Konferenz stellt sich der jungen Frau Placidus Jordan vor, der unter den Journalisten gesessen hatte, und erzählt ihr von Gertrud Heinzelmanns Eingabe. Die habe sie gelesen, habe sie, Josefa Theresia Münch, zum Pater gesagt, und natürlich wisse sie auch, dass Frauen nicht zum Konzil eingeladen seien, schließlich besitze sie ein Universitätsdiplom in katholischer Theologie. Sie habe bloß die Journalisten auf diesen Missstand aufmerksam machen wollen.

(…)
Tages-Anzeiger, 9. Oktober 2003
Schweizer Buchhandel 16/2003
Orientierung, 15. Oktober 2003
Neue Luzerner Zeitung, 21. Oktober 2003
Zürcher Unterländer, 2. Januar 2004
forum vom 4/11. Januar 2004
WochenZeitung WoZ, 15. Januar 2004
Limmatthaler Tagblatt, 20. Januar 2004
Passagen (Frauenfragen), Januar 2004
St. Galler Tagblatt, 3. März 2004
Frauen bunt, März 2004
Der Reussbote, 22. März 2005
Freiburger Nachrichten, 22. April 2005
Heilige Texte: Autorität und Sprache. Jahrbuch der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen, 2004
VIP-Tip in der Berner Zeitung, 29. Juni 2006 von Simonetta Sommaruga

«Nun gibts die Biografie der Frauenstimmrechts-Aktivistin, Pionierin der feministischen Theologie, ersten Ombudsfrau des Landes; Journalistin Barbara Kopp schildert den Weg einer Frau, die mit persönlicher Isolation und seelischen Schmerzen für ihren Aufstand bezahlte und doch bis zum Tod 1999 nie kapitulierte. Weil Heinzelmann in ihren Begrenztheiten gezeigt wird – die 68erinnen etwa waren der Bürgerlichen von aristokratischem Habitus zu linksfrech –, resultiert das herbe Porträt einer an der Retardiertheit der Schweiz leidenden Schweizerin.» Facts

«Unlängst ist von Barbara Kopp eine packende Biographie über Gertrud Heinzelmann erschienen, die auf subtile Weise zeigt, wie erbarmungslos die Geschlechter-Apartheid in der Schweiz des 20. Jahrhunderts Frauenleben zerstören konnte. Für Gertrud Heinzelmann (1914–1999), Anwältin, erste Schweizer Ombudsfrau und Bergsteigerin, Frauenstimmrechtskämpferin und Fürsprecherin des Frauenpriestertums, war die doppelte Entmündigung in Staat und Kirche so unerträglich, dass sie nicht nur ihr Geschlecht, sondern auch ihre Geschlechtlichkeit verwünschte. Und doch hat die Einzelkämpferin viel für die Sache der Frau erreicht und massgeblich zur Einführung des Frauenstimmrechts beigetragen.» Yvonne Denise Koechli, Berner Zeitung

«Die Autorin Barbara Kopp schrieb über diese starke Frau ein ebensolches Buch. Ihr Schreibstil führt den Leser fliessend und fundiert durch die Stationen eines Frauenlebens. Die Schweizer Geschichte wäre ohne Heinzelmann um einiges ärmer, und der Buchmarkt ebenso ohne dieses schönen Buches.» Der Bote vom Untersee

«Gertrud Heinzelmann litt persönlich stark unter der dreifachen Diskriminierung als Gläubige, als Berufsfrau und als politisch rechtlose Intellektuelle. Bis zu ihrem Tod 1999 lebte sie ein selbstauferlegtes Zölibat. Die Journalistin Barbara Kopp hat Heinzelmann 1998 und 1999 bei Interviews für ein Filmporträt kennen gelernt. Aus den Gesprächen, dem umfangreichen Nachlass der Frauenrechtlerin und ihrer Familie sowie Recherchen zum politischen und religiösen Hintergrund entstand ein spannendes Porträt der unbequemen Feministin.» Neue Luzerner Zeitung

«Barbara Kopp hat mit viel Akribie und unter Beizug von unzähligen Dokumenten die Lebensgeschichte dieser ungewöhnlichen Frau nachgezeichnet. Ein Glück, gibt es Frauen wie Barbara Kopp.» Schweizer Buchhandel

«Barbara Kopp hat ein aufwühlendes Buch geschrieben. Ich empfehle es allen, die an Orten wie dem Freiamt aufgewachsen sind.» Simonetta Sommaruga, Berner Zeitung
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