Building Bodies
Christoph B. Keller

Building Bodies

Der Mensch im biotechnischen Zeitalter ‒ Reportagen und Essays

248 Seiten, gebunden
März 2003
SFr. 36.–, 40.– €
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978-3-85791-425-6

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Schlagworte

Sachbuch
     
Kann man Köpfe transplantieren, und wird dabei der Kopf an den Körper angenäht oder umgekehrt? Wie kommen die genetischen Daten aller Isländer in eine zentrale Datenbank, und warum haben die Isländer dazu ihr Einverständnis gegeben? Was ist bedrohlich an der Idee des Klonens, und warum wünschen sich Tausende von Paaren dennoch ein geklontes Kind? Die neuen Humantechnologien eröffnen neue Horizonte – sie haben das Potential, den Menschen unsterblich zu machen, und stellen unser bisheriges, auf Sterblichkeit angelegtes Menschenbild fundamental in Frage.

Christoph Keller befragt in seinen Texten nicht nur forsche, technologiegläubige Wissenschaftler und eilfertige Ethiker, er zeigt nicht nur auf, in welchem Mass eine technologische Revolution, die längst im Gange ist, unser Selbstverständnis revolutionieren wird – Christoph Keller fragt auch nach, warum die neuen Humantechnologien faszinieren, warum sie Ausdruck sind eines weit verbreiteten Bedürfnisses, sich selber neu zu erfinden.
Christoph B. Keller
© Thomas Dinner

Christoph B. Keller

Christoph Keller, geboren 1959, Redaktor bei Schweizer Radio DRS2, Reporter, regelmässiger Autor beim «Magazin» des Tages-Anzeigers, wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet. Im Limmat Verlag erschienen bisher «Building Bodies. Der Mensch im biotechnischen Zeitalter. Reportagen und Essays» sowie «Der Schädelvermesser. Otto Schlaginhaufen – Anthropologe und Rassenhygieniker. Eine biographische Reportage». Christoph Keller lebt in Basel.

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Entartete Gene?

Vier Thesen zur Biopolitik

Jedes Jahr findet in Kalifornien eine sonderbare Konferenz unter dem Namen «Extro» statt.

Ein bunter Haufen findet sich dort ein, rund dreihundert sind es an der Zahl, darunter die Kryoniker, die nach ihrem Tod eingefroren bei minus 196 Grad Celsius auf die wunderbaren Therapien und Technologien der Zukunft warten wollen. Die Anhänger der Calory Restriction, die glauben, man könne durch reduzierte Kalorienaufnahme (ständiges, leichtes Hungern) das Altern hinauszögern. Eine Horde von fictionbegeisterten Cyberfreaks, die in einer Welt zwischen William Gibsons Neuromancer und Greg Egans Diaspora leben, dann auch Künstliche-Intelligenz-Freaks, die in einer Start-up-Firma im Silicon Valley neue Programme schreiben und dabei von einer Zukunft voller künstlicher Intelligenz träumen, weiter die Body Hackers, die den Körper mit Radaraugen, Lauschangriffohren und extrasensorischen Geschlechtsorganen ausstatten wollen, mitsamt der Gender Hackers, die prophezeien: «Wir werden unser Geschlecht so einfach wechseln können wie den Fernsehkanal» und dafür plädieren, man soll den menschlichen Körper so umbauen, dass man nicht nur beim Sex einen Orgasmus kriegt, sondern auch beim erfolgreichen Abschluss einer Aufgabe — dann die Biotechfreaks, die ohnehin einschneidende Manipulationen am Erbgut des Menschen fordern, weil man nur mit genetischen Veränderungen die bisherigen Fehlleistungen der Evolution ausmerzen könne: namentlich den Alterungsprozess, das übersteigerte Schmerzempfinden, die unzulänglichen Sinneswahrnehmungen.

Das bunte Völklein, das sich da jährlich in Kalifornien trifft, bezeichnet sich als Extropianer und gehört zu der weltweit wachsenden Bewegung der Transhumanisten, die sich — um es ganz kurz zusammenzufassen — unter den folgenden Maximen zusammenfinden: Erstens ist der menschliche Körper mit seiner biologisch fixierten Lebensdauer von maximal hundertzwanzig Jahren ein Auslaufmodell, der zweitens allmählich aufgerüstet wird durch intelligente Apparaturen wie Brain Chips, die das Gehirn direkt mit Informationen versorgen (etwa mit sprachlichem Wissen, mit beruflichen Fertigkeiten, mit ganzen Bibliotheken). Drittens wird, so glauben die Transhumanisten oder Extropianer, in etwa zwanzig bis dreißig Jahren der Zeitpunkt kommen, an dem es dem Menschen möglich sein wird, dem naturgegebenen Gesetz der Entropie zu entfliehen und eine neue Phase der Evolution ein-zuläuten: die posthumane Phase unserer Existenz, in der wir dank des Up-loadings den menschlichen Körper verlassen werden, um auf einem computergenerierten Netzwerk und in virtuellen Welten ein ewiges Leben zu fristen — ewig, weil nach dem Prinzip der Extropie gestaltet. Dort, in jener post-humanen Welt, wird das möglich sein, was die Transhumanisten für sich einfordern: die totale morphologische Freiheit, will heißen: das Recht, den Körper zu wählen, den man oder frau sich wünscht, in einem Reich des absoluten, unsterblichen und totalen Zugriffs zu allen Informationen.

Welche Route sie auf ihrer Reise nehmen werden, ist für die Transhumanisten auch nicht ganz klar.

Gewiss ist nur, dass für den Transhumanisten auf dem Weg zum posthumanen Dasein «keine Mysterien sakrosankt, keine Grenzen unhinterfragbar» sein sollen, dass er das ganze Angebot der modernen Naturwissenschaft, von der Gentechnik über die Informatik hin zur Neurobiologie, nutzen will, uneingeschränkt. «Wir werden lernen müssen, uns selbst als eine Kunstform anzusehen», schrieb Max More kürzlich in der Zeitschrift des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, in Zukunft würden die meisten Menschen «sich verbessern wollen, um ökonomisch wettbewerbsfähig zu bleiben und um Barrieren gegen persönliche Errungenschaften und persönliches Glück zu beseitigen».

Mit einem der prominentesten Transhumanisten, dem Informatiker und Futorologen Ray Kurzweil, führte ich vor kurzem im Rahmen einer Reportage ein Gespräch und fragte ihn: «Herr Kurzweil, wie wollen Sie es schaffen, ewig zu leben?», und er gab zur Antwort, er werde versuchen, die nächste «Ära» zu erreichen, die werde «in etwa zehn Jahren eingeläutet, bis dann sind wir vermutlich so weit, dass wir enorme Fortschritte bei der Bekämpfung von Krebs und anderen Krankheiten machen werden, wir werden auch beliebig viele transplantierbare Organe zur Verfügung haben, also wird unsere Lebenserwartung schätzungsweise 150 Jahre betragen» — seine Chance, den Zeitpunkt zu erreichen, an dem er sich in ein intelligentes System uploaden könne, sei also angesichts seines Alters intakt. Ray Kurzweil ist heute 53 Jahre alt.

Wenn wir den Begriff der Eugenik ein wenig überstrapazieren, indem wir das transhumanistische Programm als Züchtungsprogramm zur Kreation des Supermenschen betrachten, dann haben wir mit den Transhumanisten quasi die totale Extrapolation dessen vor uns, was seit rund fünfzig Jahren in den verschiedensten Wissensgebieten bereits Programm ist: die stete Lebensverlängerung durch die Errungenschaften der Spitzenmedizin, die potenziell mögliche Neuzüchtung des Menschen durch die moderne Molekulargenetik, die technologische Aufrüstung des Menschen durch die technischen Aggregate der Informationstechnologien. Die Transhumanisten sind insofern die radikalsten Eugeniker, als sie den totalen Umbau des Menschen, über die Gesetze der Biologie hinaus und diese transzendierend, fordern; sie sind aber auch die radikalsten Nichteugeniker, weil sie das alles nur für sich wollen, just for their own fun, für die eigene hedonistische Befriedigung — der Rest der Menschheit, ob der nun insgesamt durch das transhumanistische Programm präventiveugenisch oder positiveugenisch beeinflusst wird, ist dem Transhumanisten egal.

Totaler Umbau des Menschen und totale Individualisierung —im Spannungsfeld dieser beiden Pole möchte ich in der Folge vier Thesen zur Diskussion stellen:

(…)
Schweizer Bibliotheksdienst
Der Bund
Basler Zeiutng
Beilage Solothurner Literaturtage
Programmzeitung Basel
Tages-Anzeiger, 24. April 2003

«Keller gelingt es in einer Mischung aus Interviews, Zitaten und Hintergrundinformationen ein dichtes Bild künftiger Möglichkeiten, dem heute Machbaren, wie auch den Schwierigkeiten dieser Technologien zu zeichnen. Industrie, staatlich finanzierte Forschung, Ethikkommissionen und ein Publikum mit immer höheren Ansprüchen an die Medizin sind die AkteurInnen der neuen Biopolitik. Mögliche Entwicklungen und ein kurzer Blick zurück in die Geschichte der Eugenik der Schweiz runden diese intelligente, spannend geschriebene Lektüre zu zentralen Fragen unserer Gesellschaft ab.» Schweizer Bibliotheksdienst

«Reportagen zu biomedizinischen und damit auch zu ethischen Themen, die literarische Qualität entfalten.» Sandra Leis, Der Bund

«Insgesamt ermöglichen die Texte einen umfassenden Einblick in die Diskursivitität rund um den konstruierten Körper. So wird ein Aspekt aus der Nahperspektive unterschiedlicher beteiligter und betroffener Personen veranschaulicht – vom Forscher bis zur Patientin –, um mit nützlichen Hintergrundinformationen ergänzt zu werden, in der Form eines allgemein verständlichen, sorgfältig recherchierten Wissenschaftsjournalismus. Immer wieder lenken die Texte die Aufmerksamkeit intelligent und unaufdringlich auf jene moralische Frage, die wir uns im gesetzten Fall individuell stellen müssen: Kann diese oder jene politisch und ökonomisch gesteuerte ‹Machttechnik am Körper› noch menschlich sein, oder ‹droht die Gefahr eines Absturzes in Grenzbezirke des Totalitären›, wie sie die Menschen vernichtende Eugenik der Nationalsozialisten praktiziert hat? Christoph Keller belässt es bei den Fragen. Gott sei Dank, dass wir nicht nur aus einem Körper bestehen.» Basler Zeitung

«Kellers Reportagen bestechen durch akribische Recherche, schonungslos berichtet der Autor über Zu- und Missstände. Die vielen offenen Fragen in diesen Bereichen müssten jedem Leser zu denken geben – von den Politikern ganz zu schweigen.» Beilage Solothurner Literaturtage

«‹Building Bodies› ist ein Buch, das einlädt zum kritischen Nach- und Weiterdenken.» Programmzeitung Basel

«Insgesamt ist ‹Building Bodies› eine sehr lesenswerte Zusammenfassung über den Stand der Dinge in der Biotechnik. Es gelingt jedoch Keller nicht immer, Wissenschaft und Wahn zu trennen. Die Suche nach einem gentechnischen Krebsmittel ist nicht das Gleiche wie die Suche nach einem mit Software aufgerüsteten Gehirn. Die Ursache für Asthma zu erforschen, ist etwas anderes als das Klonen von Menschen. Vielleicht erledigt sich ja der Wahn von selbst.
Für die Verhaltenswissenschaften hat Georges Devereux folgende Gleichung erstellt: je grösser der Einfluss der Allmachtsfantasien auf den Forscher, desto bedeutungsloser das wissenschaftliche Ergebnis. Sollte dies auch für die Biotechnik gelten, dann werden uns transhumane Wesen und Kopfverpflanzungen auch in Zukunft erspart bleiben.» Philipp Löpfe, Tages-Anzeiger
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