Gleich um die Ecke ‒ das Abenteuer
Anton Reiche

Gleich um die Ecke ‒ das Abenteuer

Reiseerinnerungen 1898-1915

Herausgegeben von Paul Hugger

Das volkskundliche Taschenbuch [30]

128 Seiten, Broschur, etwa 20 Abbildungen
September 2002
SFr. 29.–, 20.– €
vergriffen
978-3-85791-412-6

Schlagworte

19. Jahrhundert
     
Reisealltag eines Wandergesellen um 1900
Aus den Reiseberichten der Jahre 1898 bis 1915 tritt für kurze Zeit die Gestalt eines jungen Hallensers aus dem Dunkel des Vergessens heraus, über den biografisch nichts in Erfahrung zu bringen war. Eine «verlorene» Handschrift, die kaum für fremde Leser bestimmt war, enthält seine Erlebnisse unterwegs. Gewisse Passagen sind denn auch in einer Geheimschrift gehalten, die sich aber entziffern liess.

Plastisch und lebendig, mit viel Liebe fürs Detail berichtet Anton Reiche von seinen Erlebnissen und gibt damit einen erfrischenden Einblick in Alltag und Reisekultur um 1900, wo vieles noch der

Improvisation überlassen blieb und wo das Abenteuerlich-Gefährliche nicht nur in der Ferne lauerte. Bei diesen Fahrten, die auf weiten Strecken zu Fuss zurückgelegt wurden und noch stark in der Tradition der Gesellenwalz standen, kam es zu intensiven Begegnungen mit fremden Menschen.

Reiche wanderte ins Tirol, nach Norditalien, durch die Donaumonarchie, in die Regionen von Genf, Bern und Neuchâtel und auf den «Grand Saint Bernard».
Paul Hugger
© Yvonne Böhler

Paul Hugger

Paul Hugger, 1930–2016, Studium der Volkskunde, Ethnologie und Romanistik, em. Ordinarius für Volkskunde an der Universität Zürich. Zahlreiche Publikationen über Schweizer Fotografen, zur Alltagsfotografie, Herausgeber u. a. des Handbuchs der Schweizerischen Volkskultur, «Kind sein in der Schweiz. Eine Kulturgeschichte der frühen Jahre», Herausgeber der Reihe «Das volkskundliche Taschenbuch» und Mitherausgeber «FotoSzene Schweiz» im Limmat Verlag.

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Auf einem Niederbayrischen Tanzboden

Ich war erst einige Wochen in Landshut. Durch meinen Freund lernte ich noch 5 junge Bayern kennen, und mit diesen gingen wir auch meist kneipen. An einem schönen Sonntagnachmittag gingen wir denn auch gemeinsam auf die hoch gelegene Burg Trausnitz und weideten uns an dem herlichen Ausblick.

Der Mostgarten lag in unserer Nähe und beschlossen dort, a weng Stimmung z’holen, ich müsste gestehen, der Most war sehr billig und vorzüglich, und war es kein Wunder, dass wir nicht bei einem Liter blieben und auch tatsächlich Stimmung bekamen. Es begann schon zu dunkeln, und langsam und vorsichtig machten wir uns auf den Heimweg. Da intonierte der Franzl mit seinem Bierbass: «Wann werd mer denn wieder mal wallfahrtn gehn juch he, hatt an jeder an Rausch und kann gar net mehr stehn, juch he.» Der ganze Trupp echote fleissig, und vergnügt kamen wir in Landshut an. Nach einem kräftigen Nachtmahl schlug der Lebemann, der Wrangel, vor, doch a nu an Tanzbode z’besuachen. Ich hatte schon viel davon gehört und war neugierig, den Trubel einmal mit anzusehen. Hatte mir doch beim Märker ein rundes Bäuerlein mit seinem runden, niedrigen Hute, der roten Weste mit den blanken Knöpfen, kurzen Hosen und kurze Jacke, gesagt: «Ha wissens, dös san scho ka Buam mehr, als i no jung war, hats uf a jede Kirchweih ima 2 und 3 z’sam Gestochene geb’n, aber jezt, na na ma Lieba, jezt is gar nix mehr mit de Buam, Herrgott der seti da amal zwischen fahrn.» Also nach dem Essen gingen wir in ein sehr besuchtes Lokal, Infanterie, Kavallerie, Städter und Dörfler sprangen und drängten sich da durcheinander, auf einer kleinen Galerie sassen 4 Musikusse, d’Franzel ergänzte meine Beobachtung mit der Bemerkung: «Dia san des weg’n auffe, damit’s beim Ra[u]fen net derwischt weren und dann nimer tanz’n könne.» An der Thür stand ein Militärposten mit Gewehr. Ich war noch nicht recht mit meiner Beobachtung fertig, als wir bemerkten, das sich unsere Bayern mit dicken Dirndle schon lustig im Kreise drehten. Es wurde unter anderem auch ein schöner Ländler gespielt, der Flötist tat sich ganz besonders hervor. Plötzlich kam aus seinem Instrument ein lauter, quitschender Ton, hatte der gute Mann doch vorher zur Nacht gegessen und hatte sich ein irgendwo verirrtes Brotkrümchen in die Flöte gerettet. Der Bläser liess sich durch die spöttischen Bemerkungen der Tänzer aber durchaus nicht aus der Fassung bringen. Kaltblütig meinte er: «Seids froh, jetzt’s könnt wenigstens a weng verschnaufen un den Sakramenter wer’n ma glei saan.» Ein Aufblasen seiner Backen, ein Luftstrom in die Flöte, und mit einem lustigen Jodler gings wieder weiter. Wohlgefällig meinte nachher der Spieler: «Ja dös glaub i, i versteh mei Sach.» Es war schon 11 Uhr, als wir uns zum Heimgang rüsteten. Plötzlich gab es in einer Ecke einen Knall, und darauf ein Fluchen und Schreien, und ehe wir uns noch recht versahen, war die schönste Schlägerei im Gange.

Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 15. Dezember 2002


«Den jungen Reisenden quälen mal Hunger und Durst, mal erwartet ihn nach Strapazen in einem Wirtshaus ‹noch ein gutes Mittagsbrot mit vorzüglichem Obst›. Sein Nachtlager findet er im Freien, in der Scheune, unter sich die grunzenden Schweine, oder im gepflegten Fremdenzimmer. Er trifft auf Spieler, Bettler, «Krüppel, Mönche, Priester und Ausländer» - und gelegentlich auf ein junges Mädchen, ‹das den heissen Kopf an meine Schulter legt›. Mehrmals verwickelt er sich in Schlägereien mit Tagedieben und Betrügern, wobei er auch kräftig zulangt. Kein Wunder, dass er eines Tages, in Lugano, selbst ins Kittchen wandert. Grundlos, wie sich später herausstellt. In Mailand wird er Zeuge eines Mordes auf offener Strasse, und in Genf ertrinkt er beinahe in der Rhone.
Temperamentvoll und gespickt mit Lokalkolorit, schildert Reiche landschaftliche Stimmungen, die Unbill der Natur wie auch die stets neuen Bekanntschaften. Die erotischen Erlebnisse, aus heutiger Sicht völlig harmlos, sind in einer Geheimschrift festgehalten, die Hugger entziffert und in kursive Passagen gesetzt hat. Die fünf unterschiedlich langen Reiseberichte, vom Herausgeber mit zeitgenössischen Fotos angereichert, sind kleine Kabinettstücke der Erzählkunst eines deutschen Wandergesellen.» NZZ am Sonntag

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