Postmaster in Klau
Jakob O Wyss

Postmaster in Klau

Rauchzeichen aus dem Wilden Westen 1846‒1927

Herausgegeben von Pit Wyss, Paul Hugger

Das volkskundliche Taschenbuch [26]

408 Seiten, Broschur, mit etwa 50 Fotos und Abbildungen
September 2001
SFr. 39.–, 39.– €
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978-3-85791-373-0

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Schlagworte

Auswanderung Amerika
     

Jakob Otto Wyss, 1846 geboren und aufgewachsen im zürcherischen Otelfingen, gelangt als Mechaniker auf der Walz schliesslich nach Paris. Als 1870 der Krieg ausbricht und der Aufstand der Commune die Stadt erschüttert, zieht er weiter westwärts nach Manchester, New York und nach Kalifornien. Dort findet er Arbeit in einer Quecksilbermine, doch diese schliesst, Wyss etabliert sich als Farmer auf dem Minengelände. Er verschafft sich Respekt, wird Richter und Postmaster und «Dealer in General Merchandise». Es ist eine schwierige Existenz im bergigen Hinterland, am Rand der Zivilisation.

Von all dem berichten Wyss und seine beiden Ehefrauen in farbigen und oft bewegenden Briefen. Sie lesen sich wie Reportagen über den Alltag der zähen Pioniere. Sie berichten von guten und schweren Zeiten zweier Ehen und bilden eine aussergewöhnliche Familiensaga. Nicht zuletzt sind sie auch ein Dokument vom Weg Amerikas in die Moderne.

Pit Wyss

Pit Wyss

Pit Wyss, geboren 1932, Architekt, Urgrossneffe von Jakob Otto Wyss. Publiziert seit 1972 regelmässig in Heften Texte aus dem Familienarchiv.

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Paul Hugger
© Yvonne Böhler

Paul Hugger

Paul Hugger, 1930–2016, Studium der Volkskunde, Ethnologie und Romanistik, em. Ordinarius für Volkskunde an der Universität Zürich. Zahlreiche Publikationen über Schweizer Fotografen, zur Alltagsfotografie, Herausgeber u. a. des Handbuchs der Schweizerischen Volkskultur, «Kind sein in der Schweiz. Eine Kulturgeschichte der frühen Jahre», Herausgeber der Reihe «Das volkskundliche Taschenbuch» und Mitherausgeber «FotoSzene Schweiz» im Limmat Verlag.

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Briefwechsel

Adelaida, December 2. 1884

Liebe Schwester Hanneli!

Die Post ist noch nicht da, und ich will auch Dir noch einige Zeilen schreiben. Ich war gestern bei unserm Nachbarn, Mr. Stocker, er kaufte unlängst ein Klavier, ein gutes Weber’sches, aber wie das schöne Instrument dort malträtirt wird, macht einem ordentlich Kopf-weh. Er selbst bildet sich etwa ein, musikalisch zu sein, und paukt und trommelt auf dem armen Klavier herum, als wärs eine alte Blechkante. Von einem Akkord keine Spur, aber mit 2 grossen Stiefel Tact dazu. Seine Kinder hatten einige Lessons von unserer Schul-meisterin erhalten, aber sie selbst konnte eben nur wenig. ÿ Ich hoffe, Mimmi wird ein Mal von Dir, liebe Schwester, etwas Unterricht nehmen können, es spricht schon oft von Piano spielen und singt die Liedchen nach, die sie in der Schule hört, auch: «Freut euch des Lebens» und «Mit dem Pfeil dem Bogen», singt es ganz artig und bemüht sich, es Buebi (Otto) zu lernen. Die Post kommt; s’nächste Mal will ich mehr schreiben wenn möglich; der lieben Grossmutter nachtäglich Glückwunsch zum Namenstag und Allen herzliche Glückwünsche zum Jahreswechsel. Henry schreit und kräht, er hatte Eili und wollte sie «dütschen». Dein Bruder Otto

 

Adelaida, October 13. 1885

Liebe Schwestern! Alle unsre Lieben!

Habt Ihr wohl die wenigen Zeilen erhalten, die ich vor 4 Wochen im Auftrag von lieb Vaterli an Euch sandte? Ach, es ist das traurigste, was ich je in meinem Leben zu schreiben hatte. In früher Jugend habe ich einen guten Vater und eine zärtlich liebende Mutter verloren, aber ich konnte damals nicht den herben Schmerz so tief empfinden, wie er an uns jetzt nagt und wühlt über den Verlust auch unserer gar lieben guten drei Knaben. Ach wir würden glauben, dass wir nur selbst so viel gutes an ihnen gesehen hätten, wenn nicht auch jeder Mensch, der sie kannte, sagen würde, dass wir die herrlichsten Kinder weit und breit hatten.

Letzten Mai, als lieb Vater mit zweien der lieben viere in San Luis war, bestellte er den Photographen zu uns zu kommen, um unsre lieben Kinder Alle und auch den Geschäftstheil des Platzes auf-zu-neh-men; in welcher Art wir schon eine Photographie, von demselben Photo-graphen gemacht, gesehen hatten; er versprach im Laufe desselben Monats noch zu kommen, da er nicht kam, erinnerten wir ihn schriftlich daran, er versprach wieder, für ganz bestimmt im July zu kommen, allein that ers nicht, wir erwarteten ihn jeden Tag; die lieben Kleinen waren Alle in herzigen einfachen Kleidchen parat und sahen so rotbackig und gesund aus, dass kein Mensch an solches Unglück nach einem Monath denken konnte.

Ach warum musste jenes Dämonische Weib mit ihren Klei-dern voller Pilze von der schrecklichen Krankheit kommen, gerade nachdem lieb Henry selig zwei seiner Fingerchen am vorhergehenden Tage verwundet hatte, indem er sie hinter einer Thüre eingeklemmt hatte. ÿ Der zweite Arzt, welchen lieb Vater an jenem Tage holte, als ich Euch Lieben schrieb, fragte ob irgend eines der lieben Kinder etwa eine Verwundung, wenn auch die kleinste, zu der Zeit gehabt habe, als sie um jenes Weib waren, dann erklärte er uns, dass jene Fingerchen höchst wahrscheinlich den Keim dieser schrecklichen Krankheit direkt von den Kleidern jener Person aufgenommen und unter die Anderen brachte, ohne dass wir damals eine Ahnung davon hatten. Wir sahen, dass die Fingerchen schlimmer wurden schon am ersten Abend, nachdem jene Person morgens da war, hatte, aber keine Ahnung, dass Thyphterie darin sein könne. 4 Tage nachher klagte lieb Oskarli selig, dass ihm schlucken «schüli weh thue»; lieb Vater schickte sogleich nach dem Arzt, dann kam der schlechte Kerl, weil der rechte Doktor, welcher dann noch lieb Mimmi gerethet hat, fort war. Einige Tage, nachdem Alle beerdigt waren, kam dann der Photograph noch und meinte, er könne ja den Platz doch photographieren, aber wir hatten dann für ihn nichts mehr zu thun. Sobald lieb Mimmi ohne Gefahr nach San Luis genommen werden kann, werden wir Euch gerne ein Bildchen von dem lieben Kind schicken. Lieb Vaterli wird Euch Alles andere schreiben. Mit herzlichen Grüssen und Küssen; Euch Alles Liebe Ottilie

Am 9. September 1885 starb Oscar, 4 Jahre, 6 Monate und 12 Tage alt, am 10. September Henry im Alter von 3 Jahren, 1 Monat und 12 Tagen, und am 11. September starb auch Otto, 5 Jahre, 6 Monate und 7 Tage alt, alle an Diphterie

«Jakob Otto Wyss zeigt sich als genauer Beobachter mit einem grossen Flair für Zahlen, seien es Preise und Löhne, die Zähnchen seiner Kinder oder Reisedistanzen. Aber auch als Schreiber, dessen Sprache die Beobachtungen lebendig werden lässt. So ist "Postmaster in Klau" nicht nur Familiensaga und Geschichtsbuch, sondern auch ein Beispiel für die Schönheit und Kraft von Briefen. Gerade in einer Zeit, in der man in einer halben Stunde Bahnfahrt fünf Telefonate erledigen und zwanzig SMS schreiben kann.» Tages-Anzeiger

«Wundervoll plastisch bis drastisch sind auch die Briefe des Mechanikers Jakob Otto Wyss (und Sippe) aus dem zürcherischen Otelfingen, der sich nach Wanderungen quer durch Europa in Kalifornien niedergelassen hatte. Wir erfahren von der Wunderstadt San Francisco, von Schulden und selbst gemachten Matratzen, von der Kondition der Frauen in Amerika (die der Schweizerinnen ist aber auch nicht schlecht), von der Mühe der Kinder, mit den Katzen Englisch zu sprechen (‹J have too putz your Nase!›) - und dem Heimweh im Alter.» Die Zeit

Der wilde Westen

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Farm, Drugstore und Poststation von Jakob Otto Wyss in Klau

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