Pionier und Gentleman der Alpen
Natascha Knecht

Pionier und Gentleman der Alpen

Das Leben der Bergführerlegende Melchior Anderegg (1828–1914) und die Blütezeit der Erstbesteigungen in der Schweiz

200 Seiten, gebunden, 54 Fotografien, Karten und Abbildungen
September 2014
SFr. 36.–, 38.– € / eBook sFr. 32.–
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978-3-85791-751-6

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Alpen Biografie
     
Die erste Frau auf dem Matterhorn

Melchior Anderegg (1828–1914) war einer der berühmtesten Bergführer des 19. Jahrhunderts. In Zaun bei Meiringen geboren, wurde er Holzschnitzer, als Gemsjäger erwarb er sich die Kletterfähigkeiten. Als Knecht des Grimsel-Hospiz begann er, englische Alpinisten auf Bergspitzen zu leiten und glänzte schon bald mit Erstbesteigungen im In- und Ausland. Andereggs Können und Umsicht, seine Intelligenz und seine Herzlichkeit führten ihm eine Reihe von Stammgästen zu, er prägte das Niveau für Bergführer, drei Mal wurde er vom Alpine Club nach London eingeladen. Auch lebenslange Freundschaften entstanden, insbesondere zu Lucy Walker, die dank ihm als erste Frau auf dem Matterhorn stand, ihn gerne geheiratet hätte und die er – verheiratet und Vater von zwölf Kindern – bis ins Alter von 69 Jahren in die Berge begleitete. Natascha Knecht erzählt mit dem Leben Andereggs gleichzeitig die faszinierende Blütezeit des Alpinismus, als unternehmungslustige Engländer mit Hilfe der einheimischen Führer die Schweizer Bergspitzen eroberten.

Natascha Knecht
© Thomas Senf

Natascha Knecht

Natascha Knecht, geboren und aufgewachsen in Meiringen im Berner Oberland, arbeitet seit zwanzig Jahren als Journalistin. Sie schreibt für «Tages-Anzeiger», «Schweizer Illustrierte» und «Schweizer Landliebe», vorwiegend über Alpinismus. Jede freie Minute verbringt sie am Berg. Natascha Knecht lebt in Zürich.

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Inhalt

9 Wer ist Melchior Anderegg?

13 1855 im Grimsel-Hospiz: Die K arriere beginnt
Ambitionierte Gletschertour über den Strahleggpass – Mit Flöhen im Heubett – Sonnenbrand der Engländer – Hinchliff schiesst «wie ein Blitz» in eine Spalte – Stärker als der störrische Widder – Melchiors Kindheit in Zaun bei Meiringen – Wechsel in den «Schwarenbach» auf der Gemmi – Oberländer «Kriegsruf» auf dem Altels

27 Der steinige Weg zum Alpinismus
Die Engländer kommen – Kriegsrhetorik in den Bergen – Rückblick: Die Alpen sind schrecklich, Bergbesteigungen verboten und «keineswegs lukrativ» – Mit Pantoffeln auf den Mont Blanc – «Wo ist jetzt die Jungfrau?»

43 Von Touristen und Alpinisten
Die Industrialisierung ruiniert in Grossbritannien die Landschaft und das Essen – Die «gewespeten Taillen» in Interlaken – Alpinist, der neue elitäre gesellschaftliche Stand – «Herr, Sie klettern so gut wie eine Gemse!» – Die erste kommerzielle Vermarktung einer Bergtour – Flitterwochen mit dem Bergführer statt mit der Ehefrau

54 Erstbesteigung des Zinalrothorns mit Leslie Stephen
Die Hochalpen als neue Kathedrale – Ein endloses Füllhorn der Ärgernisse – Vor Kälte spielen die Zähne «Schlagzeug zu Negerweisen» – Rittlings über die «Rasiermesserbrücke» – Melchiors Freudensprünge an den unmöglichsten Stellen – Stephens Sturz in eine Gletscherkluft 63 Ein neuer Beruf Schmiergeld, Verständigungsschwierigkeiten, Lügen – Bergführer werden patentiert – Nicht ohne meinen Camerado – «Lotzer» sorgen für Beschwerden – Das komplexe Verhältnis zwischen «Herr» und Führer – Schweizer Bergführer erlangen Weltruf

79 Melchior heiratet , dann taucht die reiche Lucy Walker auf
Melchior verliebt sich in Margaretha, Lucy verguckt sich in Melchior – Das «gemeinsame Übernachten des ledigen Jungvolkes» – Melchiors erste Erstbesteigung – Sein erster Sohn wird geboren

89 Unfall und Rettungsaktion am Col de Miage
Ein 18-jähriger Engländer stürzt 530 Meter ab – Sein ganzer Körper ist von den Schürfungen eine einzige Fleischwunde – Kräftezehrende pedestrische Rettung durch Melchior und die weiteren Bergführer – Rettung der Ehre englischer Alpinisten in der Brenvaf lanke am Mont Blanc

97 Ausrüstung, Technik und Alkohol
Barriere Ambulante – «Der Herr ist im Schrund!» – Das Seil, ein Zeichen der Ängstlichkeit – Beliebte «Gepäckträger» – Biwakieren im Sturm – Gute Gründe, Steigeisen abzulegen – Wein gehört auf Bergfahrten zur Kultur – Höhenkrankheit, ein eingebildetes Symptom

115 Im Heilbad ein Empfang «so kalt wie ein Gletscher»
Erstbesteigung des Monte della Disgrazia: «Forwärts meine Herren!» – Falschen Weg eingeschlagen – Von Blitz und Donner überrascht – Mürrischer Leslie Stephen – Ein englischer Diener an Melchiors Seil

122 Was macht den grossen Bergführer aus?
Ein Schwingfest wie aus einem Ritterroman – Eiskunst und Spürsinn wie ein Indianer – Eine strenge und eine sanfte Natur – Diplomatie und Hochhaltung des Bergführerberufs – Im Zickzack durch die halbe Schweiz und bis nach Slowenien 133 Melchior und das Matterhorn Die Konkurrenz schläft nicht: Lucy Walker, die erste Frau auf dem Matterhorn – «Courage! Le Diable est mort!»

139 Reiche Touristen, arme Bergler
Pferde, Kutschen und Dampfeisenbahn: Die Reisemittel in den 1860er-Jahren – Bettelei, Ansingerei und schlechte Alphorntuterei werden polizeilich verboten – Ausländische Gäste klagen über stinkende Hotels und menschliche Parasiten – In den Alpen sind Kröpfe und Kretinismus allgegenwärtig

152 Melchior bei den Briten
Der Haslitaler reist dreimal nach England – Rauchende Fabriken und Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett begeistern ihn – Eine Londoner Galerie stellt seine Holzschnitzkunst aus

159 Einer der Engländer: Melchiors legendärer «Herr» und Freund Leslie Stephen
Stephen legt seinen Priesterorden ab – Im Alpine Club sorgt er für Zoff – Er heiratet und gibt das Bersteigen auf – Seine Ehefrau stirbt, ebenso seine zweite Ehefrau – Acht Kinder, darunter die spätere Schriftstellerin Virginia Woolf

170 Melchior, der Familienpatriarch
Lucy Walker, das grosse Kuriosum am Berg und an Melchiors Seite – Melchiors Leben auf Zaun bei Meiringen – Schicksalsschläge, Krankheit und Tod

183 Anhang
Karte der Schauplätze – Erstbesteigungen – Nachgewiesene Besteigungen und Übergänge – Ein Beispiel: Sechs Wochen mit Melchior Anderegg – Das Andereggjoch – Melchior Andereggs Erbe – Grosse Schweizer Bergführer – Quellen und Literatur – Register der Berge und Orte – Namensregister

Wer ist Melchior Anderegg?

Wer ist Melchior Anderegg? Diese Frage kann nur jemand stellen, der nie in den Schweizer Alpen war, wo sein Name ebenso be­ kannt ist wie Napoleon. Melchior ist auf seine Art auch ein Kaiser, ein Fürst unter den Führern. Sein Reich ist der ewige Schnee, sein Szepter der Eispickel.

Dies schreibt Alpinist Edward Whymper in seinem Bestseller «Scrambles Amongst The Alps», den er 187 1 veröffentlicht, zu einer Zeit, als sich Melchior Anderegg auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Bergführer befindet, anspruchsvolle Erstbesteigungen leitet und mit seinen «Herren» unermüdlich neue Wege und Routen beschreitet. Zusammen mit den Engländern hat der Pionier aus Meiringen die frühe Geschichte des klassischen Alpinismus wesentlich geprägt. Dafür ehrt ihn der Alpine Club in London bis heute: «Unsere alpinistische Geschichte ist uns sehr wichtig. Und Melchior spielt darin eine wichtige Rolle», sagt Jerry Lovatt, gegenwärtiger Honorary Librarian.

Heute, wo befahrbare Strassen bis in die hintersten Winkel der Seitentäler führen und Bahnen viele hundert Höhenmeter Aufund Abstieg erleichtern, kann man sich kaum noch vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten die Bergsteiger im «Zeitalter der Eroberungen» zu kämpfen hatten. Wie reich an Mühseligkeiten und Fährnissen die Alpenreisen, selbst auf den gangbarsten Pfaden, gewesen sind. Als der junge Haslitaler Melchior Anderegg Anfang der 1850er-Jahre seine ersten «Herren» in die vergletscherten Höhen seiner Heimat führt, steckt der Alpinismus noch in den Kinderschuhen. Es gibt weder reissfeste Seile noch atmungsaktive Kleidung, weder Clubhütten noch verlässliches Kartenmaterial. Etliche Gipfel haben keinen offiziellen Namen. Man weiss nicht einmal sicher, welche Gefahren in dieser Terra incognita lauern, geschweige denn, wie man ihnen begegnen soll. Die Vertrautheit mit den hohen Bergen muss erst noch gefunden und erprobt, der Umgang mit Sturm und Nebel, Gletscherspalten und schmalen Felstritten erarbeitet werden.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts sind gelegentlich Gelehrte zu Forschungszwecken ins Hochgebirge gestiegen. Nicht zum touristischen Vergnügen. Die einheimische Bergbevölkerung meidet die steilen, kalten Geröllund Eishalden seit jeher.

Sie sehen keinen Grund, dort hinaufzusteigen. Wozu auch? Als Bauern sind sie Selbstversorger, müssen schauen, dass sie durch den Winter kommen. Dort oben gibt es für sie nichts zu ernten. Die Menschen glauben gar, in den unzugänglichen Höhen leben Dämonen und Gespenster, die regelmässig Unheil ins Tal bringen. Lawinen, Murgänge, Überschwemmungen. Innert Minuten, so es der Teufel will, ist ein Dorf ausradiert. Wie aus heiterem Himmel kommen Mitte des 19. Jahrhunderts plötzlich wohlhabende und gebildete Städter, die in diese Stätten des Grauens vordringen wollen. Allen voran suchen unternehmungslustige Engländer mit langen Sommerferien dort den Reiz des Unbekannten. Sie machen die Hochalpen zu ihrem neuen Spielplatz, wo sie unberührte Gipfel und Gletscher

«erobern» können. Für sie steht nicht wissenschaftliches Interesse im Vordergrund, sondern sportliche Freizeitbeschäftigung. Kein Gipfel

ist ihnen zu hoch oder zu abgelegen, kein Wind zu bissig, kein Abgrund zu grässlich. Zuvor hatten Stürmer, Dränger und Romantiker die schroffen Alpen als Seelenlandschaft entdeckt und besungen, aber nie bestiegen.

Als Begleiter engagieren die sogenannten «Hochtouristen» einheimische Bergführer. Zu Beginn sind das Jäger, Kristallsucher und Hirten, deren Erfahrung in diesen Einöden allerdings nicht sehr ausgeprägt ist. Besonders wenn sie nicht nur als «Wegweiser» oder «Pfadfinder» agieren sollen, sondern die Verantwortung für das Leben der «Herren» tragen müssen. In diesen Pionierjahren entwickelt sich Melchior Anderegg zum Meister. 1856 gehört er zu den ersten, die ein Schweizer Bergführerpatent erhalten und bald darauf zu den ersten Schweizer Bergführern, die aus der engen Heimat ausbrechen und überall in den Westalpen Erstbesteigungen in Angriff nehmen. Mit seinen «Herren» wagt er für damalige Verhältnisse Ausserordentliches und bewältigt eine Reihe von hochklassigen Ersttouren im Berner Oberland, im Wallis, im Mont-Blanc-Gebiet, im Bergell und in den Dolomiten. Melchior Anderegg, der als einfacher Knecht im Grimsel-Hospiz begonnen hat, wird zum Vorbild der nachfolgenden Bergführergenerationen.

Trotz Ehrgeiz und Tatendrang lehnt er tollkühnes Draufgängertum ab. Die Sicherheit der ihm Anvertrauten steht für ihn an erster Stelle. Nie lässt er sich zu leichtsinnigen Manövern drängen. Da bleibt er der sture Bergler, selbst wenn ihn ein «Herr» überreden will: «Melchior, das geht schon.» Dann antwortet er: «Ja, es geht. Aber ich gehe nicht.»
SRF Treffpunkt, 9. September 2014
Bergliteratur.ch, 12. September 2014
SBD.bibliotheksservice ag
Der Oberhasler – Zeitung im Mikrokosmos Jungfrau, 7. Oktober 2014
Schweizer Landliebe, 5. November 2014
Saldo, Nr. 16, 8. Oktober 2014
Süddeutsche Zeitung, 6. November 2014
Tages-Anzeiger, 13. November 2014
Der kleine Bund, 13. November 2014
Outdoorguide, Winter 2014/15
SRF, Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 21. November 2014 (Gespräch mit Natascha Knecht)
alpinwelt. Das Bergmagazin für München und Oberland, 4/2014
Luzerner Rundschau, 9. Januar 2015
Berner Zeitschrift für Geschichte, 02/2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09. August 2015
Clubnachrichten SAC Sektion Bern, 3/2015

 «Im Gegensatz zu den meisten anderen Büchern, die über die heroischen taten eines Bergsteigers berichten, begegnet hier auch der am Alpinismus uninteressierte oder ihm sogar skeptisch gegenüberstehende Leser einigen lohnenden Geschichten.» Der Oberhasler

«Über den alpinistischen Aspekt hinaus, und das macht Knechts Buch besonders lesenswert, bietet Andereggs Leben Einblicke in die Mentalitäts- und Tourismusgeschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert.» Tages-Anzeiger

«Natascha Knecht verwebt Melchior Andereggs Lebensweg mit den generellen Entwicklungen, die der Tourismus und der Alpinismus in seiner Heimat nehmen. Beides ist voneinander losgelöst ohnehin nicht zu denken. Es dauert eine Weile, bis man ihm als Leser nah genug ist, um auch etwas über den Privatmenschen Melchior Anderegg zu erfahren. Was seinem Naturell entspricht, das insofern in Natascha Knechts Erzähldramaturgie eine schöne Entsprechung findet.» Süddeutsche Zeitung

«Autorin Knecht schildert mit viel alpinistischem Wissen, wie die Pioniere mit rudimentärer Ausrüstung, Brachialtechnik und reichlich Alkoholika im Gepäck in Gebiete vordringen, die vor ihnen noch niemand betreten hat.» Der kleine Bund

«‹Pionier und Gentleman der Alpen› ist so informativ wie packend, versetzt selbst jene, die schon auf 800 Metern höhenkrank werden, in einen Leserausch.» Schweizer Landliebe

«Die Autorin schafft es, durch diese bekannte Persönlichkeit eine ganze Epoche fundiert und interessant wiederzugeben.» Outdoorguide

Gespräch mit Natascha Knecht, 21. November 2014:

SRF

Bilder aus diesem Buch sind auch als Postkarten erschienen.

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