Schattenblüten
Alberto Nessi

Schattenblüten

Erzählungen

Übersetzt von Maja Pflug

176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
August 2000
SFr. 29.80, 29.80 € / eBook sFr. 26.80
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978-3-85791-351-8

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Schlagworte

Tessin Literatur
     
Schattenblüten: das Thema aller Texte dieses Buches sind das Leben im Herbst und seine Erinnerungen an verflossene Träume, seine skurrile und wehmütige Gegenwart. Alberto Nessi versammelt Erlebnisse und Geschichten von Menschen am Rand, zusammengewürfelt in diesem oder jenem Gedächtnis, heraufbeschworen durch Beobachtungen im Alltäglichen, gebündelt in der Frage: Wann war ich glücklich? War ich glücklich?

Alberto Nessis erzählt von diesen ‹unwichtigen› Persönlichkeiten und ihren Schicksalen in seiner poetischen Prosa, die mit leichter Hand Bilder zeichnet von den Stimmungen und Empfindungen seiner Protagonisten. Und fast immer dominiert die Melancholie, eine feine Wehmut, die aufgehoben ist in einem Gespür für den Kreis des Lebens und einem grossen Respekt davor.

Alberto Nessi

Alberto Nessi, geboren 1940 in Mendrisio, studierte an der Universität Freiburg Literaturwissenschaft und Philosophie. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er unterrichtete italienische Literatur in Mendrisio, schrieb für Zeitungen und verfasste Hörspiele. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schweizer Grand Prix Literatur für sein Lebenswerk. Alberto Nessi lebt in Bruzella. Im Limmat Verlag sind von ihm lieferbar: «Nächste Woche, vielleicht», «Terra matta», «Schattenblüten», «Die Wohnwagenfrau», «Mit zärtlichem Wahnsinn / Con tenera follia» und «Abendzug».

Wie wird man Schriftsteller?
Ein biografischer Bericht von Alberto Nessi
Neue Zürcher Zeitung

Grand Prix Literatur
Laudatio

 

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Maja Pflug
© Georg Pflug

Maja Pflug

Geboren in Bad Kissingen, Übersetzerausbildung in München, Florenz und London, übersetzt seit über dreissig Jahren italienische Literatur ins Deutsche, u.a. P.P. Pasolini, Cesare Pavese, Natalia Ginzburg, Fabrizia Ramondino, Rosetta Loy, Alberto Nessi, Anna Felder, Giovanni Orelli und Anna Ruchat. Als Autorin veröffentlichte sie 1995 «Natalia Ginzburg. Eine Biographie», die auch ins Italienische übersetzt wurde. Sie lebt in München und Rom. Sie wurde 1987 mit dem Premio Montecchio, 1999 mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis und 2007 mit dem Jane Scatcherd-Preis ausgezeichnet. 2011 erhält sie für ihr Lebenswerk den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis:

«Maja Pflug ist eine der verdientesten Übersetzerinnen aus dem Italienischen. Als deutsche Stimme von Natalia Ginzburg, Cesare Pavese und Fabrizia Ramondino hat sie große literarische Vielfalt und stilistisches Können bewiesen. Wie breit ihr Repertoire ist, zeigt sich auch in ihren Übertragungen von Giovanni Orelli, Alberto Nessi, Rosetta Loy und Cesarina Vighy. Ihre prägnante Übertragung von Fabrizia Ramondino Alltagsfresko La Via (Arche 2010) macht die untergründige Schlitzohrigkeit des Helden ebenso spürbar wie seine Trauer um den Wandel Italiens. Cesare Paveses Roman Die einsamen Frauen (Claassen 2008) gewann in Pflugs Neuübersetzung eine kühle Schärfe.» (Begründung der Jury)

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Das Kind hat ein weisses Schneckenhaus

Das Kind hat ein weisses Schneckenhaus, eine Handvoll Brombeeren und die roten Früchte der Kornellkirsche gesammelt, Beeren, die Ende August reifen. Sie hat den Hühnern die noch grünen Trauben des Weinstocks hingeworfen. Jetzt versucht sie, auf einem Grashalm zu blasen, den sie zwischen die beiden Daumen gespannt an ihre Lippen hält.

Auch am letzten Sonntag, als ihr Vater sie an einem Tisch im Wirtshaus hinter der grünen Gazosaflasche betrachtete, hatte sie unter ihrem Chicco-d’Oro-Hütchen gelacht. Dann war sie nachdenklich geworden, hatte gesagt:

«Da, jetzt. Wir sind schon einmal so dagesessen. Die Dinge wiederholen sich.»

Der Vater legt sich neben der Scheune ins Gras und betrachtet die Halme, die sich am Spätnachmittag näher herunterbeugen. Er erinnert sich an einen Spaziergang, den er vor vielen Jahren auf diesem Weg gemacht hat. Er war mit Silvana und Renzo beim Beerensammeln. Die gleichen Beeren, die seine Tochter jetzt verwendet, um Halsketten zu machen.

«Was mag aus Silvana geworden sein?», denkt der Vater, im Gras ausgestreckt. Er war mit ihr in den alten, stillgelegten kleinen Bahnhof am Rand der Felder gegangen wie in einem amerikanischen Film; sie aber wollte lieber Beeren pflücken.

Und Renzo? Eine Medaille, mit grau gewordenem Gesicht und leicht verwegener Baskenmütze. Er sieht ihn weit weg und klein, im Spiegel der Bar, wo er ihm das letzte Mal begegnet war: da ist sein Bild, hinter den Aperitif-Flaschen, mit einem beschlagenen Lächeln. Er sieht das Haus im Dorf wieder, wo Renzo sich in Gesellschaft einer Ziehharmonika niedergelassen und wo er ihm die Geschichte des Sakristans aus dem letzen Dorf oben im Tal erzählt hatte, einem, der Die Verlobten seitenweise auswendig konnte: er war fasziniert von Einzelgängern, der Renzo. Einmal hatte er ihm seine Aufzeichnungen gezeigt. Ein Satz fällt ihm ein: «Die Natur ist keine gute Mutter.» Wo hatte Renzo es hergenommen, dieses Zitat? Aus einem Kalender? Aus einem Buch? Oder stammte der Satz von ihm selbst? Dieser Junge verstand von allem ein bisschen was und lehnte Spezialisierung ab. Aber um zu leben, muss man sich spezialisieren. Das ist es, Renzo konnte mit seinem Leben nichts anfangen. Bei der Beerdigung hatte der Pfarrer gesagt, dass ihn die schlechte Gesellschaft ruiniert habe. Eine dumme Pfaffenpredigt. Warum hatte Renzo sich bloss umgebracht? Und warum hatten er und Silvana sich nicht geliebt?

«Hilfe», schreit das Kind von ihrem Haus aus. Wie schön wäre es, diese Scheune mit dem Rosmarin davor zu besitzen und jeden Tag mit dem Vater auf diese Wiese zu kommen, um auf Grashalmen zu blasen!

Jetzt hat sich das Kind die Beeren um den Hals gelegt, eine Kette, die stärker leuchtet im letzen Sonnenlicht.

Neue Zürcher Zeitung, 18. November 2000
Aargauer Zeitung, 7. Dezember 2000
Der Bund, 9. Dezember 2000
Der Landbote, 15. Dezember 2000
Schule und Bildung, 3/2003

«Die Gründe seines Erfolgs liegen nicht auf der Hand: Er ist kein Unterhalter, kein Vielschreiber; seine Erzählungsbände oder Kurzromane sind fast so schmal wie seine Gedichtsammlungen; seine bevorzugte literarische Gattung ist die Lyrik, und auch wenn er Erzählungen schreibt, geht es ihm nicht um eine spannende Handlung, sondern um die Evokation der Vergangenheit, die Stimmen der Toten, das knappe und farbige Protokoll des gelebten Alltags. Er ist ein aufmerksamer Beobachter der Grenz- und Umbruchsituationen, unter denen gerade diejenigen am meisten leiden, die sich nur schwer mitteilen können: die Alten, die Armen, die Unterdrückten, die Zugewanderten, die einsam nebeneinander, aber nicht mehr zusammenleben. Ihnen gibt er eine Stimme, indem er sie häufig in der Ich-Form von ihrem Alltag erzählen lässt: stockend und ungefähr, doch immer in konkreten Details, die eine Situation unverwechselbar machen.» Neue Zürcher Zeitung

«Eine Wundertüte öffnet sich: Ihr entnehmen wir eine Kurzerzählung nach der andern - oftmals sind es nur Miniaturen -, lauschen augenblicklich auf den einfachen, klaren Ton und die transparente Sprache, die vieles unausgesprochen lässt, hingegen aussagestarken Gesten, wunderschönen Bildern und Stimmungen die Erklärung für die Liebe zu einer Landschaft überlässt, die in keiner Weise mehr derjenigen von Alberto Nessis Kindheit gleicht: das Mendrisiotto hat sich von einer bäuerlichen Gegend in eine kompakt überbaute, grenznahe Industrielandschaft und Finanzdrehscheibe verwandelt.» Der Bund

«Der Tessiner erzählt von diesen ‹unwichtigen› Persönlichkeiten und ihren Schicksalen in seiner poetischen Prosa, die mit leichter Hand Bilder zeichnet von den Stimmungen und Empfindungen seiner Protagonisten. Und fast immer dominiert die Melancholie, eine feine Wehmut, die aufgehoben ist in einem Gespür für den Kreis des Lebens und einem grossen Respekt davor.» Schule und Bildung

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