Mit Ausnahme der Freundschaft
Urs Bircher

Mit Ausnahme der Freundschaft

Max Frisch 1956-1991

300 Seiten, gebunden, zahlreiche Fotos
Januar 2000
SFr. 36.–, 20.– €
vergriffen
978-3-85791-297-9

Schlagworte

Biografie
     
1955 wird Max Frisch mit «Stiller» berühmt, im selben Jahr verlässt er Frau und Kinder und verkauft sein Architekturbüro. Fortan wird er nur noch schreiben. Seine Bücher werden in unzählige Sprachen übersetzt und seine Bühnenwerke auf der ganzen Welt gespielt. Und Max Frisch wird zu einem klassischen Intellektuellen, der mit der kritischen Hellsichtigkeit eines Aufklärers das Zeitgeschehen beobachtet und sich einmischt, wo er Missstände sieht.

So umfangreich die Literatur über Max Frisch ist: Urs Bircher stellt erstmals sein Leben und Werk im zeitgeschichtlichen Zusammenhang und für ein breites Publikum dar.
Urs Bircher
© Limmat Verlag

Urs Bircher

Urs Bircher, geb. 1947, studierte Philosophie und Geschichte in Wien, Paris und Berlin. Dramaturg und Regisseur an verschiedenen deutschsprachigen Theatern und Präsident des Internationalen Theaterinstituts (ITI) Schweiz. Ab der Saison 2000/01 Intendant am Stadttheater Hildesheim. Am Schauspielhaus Zürich betreute er 1989 die Uraufführung des letzten Theaterstücks von Max Frisch, Jonas und sein Veteran (Theaterfassung von Schweiz ohne Armee? Ein Palaver). In zahlreichen Gesprächen während und nach der Produktion entstanden die Grundgedanken zu dessen Biographie.

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Inhalt Vorwort 7

»Sie sollen mich am Arsch lecken«
Der Weltautor (1955–1960)

Die fünfziger Jahre 11 – Malaise Suisse 15 – Frisch: Außenseiter und Purist 17 – Brechts Tod 21Homo faber oder Stillers gegensätzlicher Bruder 23 – Biedermann und die Brandstifter – Ein Lehrstück ohne Lehre 37 – »Ein großzügiger Mensch« 48Öffentlichkeit als Partner 51Emigranten 53

»Durchschlagende Wirkungslosigkeit des Klassikers«
Wohnsitz Rom (1960–1965)

Ingeborg Bachmann 57Andorra 63 – Das »Weltereignis« 70 – »Durchschlagende Wirkungslosigkeit« 78 – Dokumentartheater vs. Parabeltheater 79Mein Name sei Gantenbein 84 – Exkurs: Der Intellektuelle als Kleinbürger des 20.•Jahrhunderts 92 Frisch als Autor des neuen Kleinbürgertums 96 – Neue Liebe, neues Leben 99 – Reisen 101 – Heirat und Alltag 104

»Machen Sie Gebrauch von der Freiheit«
Kunst und Politik (1965–1974)

Die Schweiz als Politikum 108 – Spitzel und Fichen 113 – Das Unbehagen im Kleinstaat 115 – »Unsere Landesschuld« 118 – »Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.« 119 Politische Radikalisierung 123 – »Zürcher Literaturstreit« 124 Endlich darf man es wieder sagen 127 – 1968 131 – Zürcher Unruhen 134Zürcher Manifest 135Biografie: Ein Spiel 138 »Dramaturgie der Permutation« 138 – Sozialismus als Demokratie? 144 – Der Schauspielhauskonflikt 147 – Der Hofnarr und der »Staatsfeind Nr. 1« 151 – Geist und Macht 154Wilhelm Tell für die Schule 156Tagebuch 1966–1971 164 Tagebuchformen 166Dienstbüchlein 171 – »Der rechte Schweizer« 176 – Die Schweiz als Heimat 179 – »Vom langsamen Wachsen eines Zorns«. Ein Fazit 183

»Ich bin nicht ganz allein«
Die letzten 16 Jahre (1974–1991)

»Schutz der Demokratie durch Abbau der Demokratie« 188 – Reden ins politische Vakuum 192Montauk 194Triptychon. Drei szenische Bilder 202 – »Der Rest der Zeit« 208Der Mensch erscheint im Holozän 209 – »Ich bin nicht ganz allein« 214Blaubart 216 – »Wir haben uns wacker auseinander befreundet« 220 – Ars moriendi 224 – Letzte Reden und Auftritte 225Schweiz ohne Armee? Ein Palaver 230 – Letztes Ärgernis 234 – »Jetzt müssen die Leute für sich selbst schauen.« 235

Anmerkungen 237
Max Frisch – Chronologie seines Lebens 267
Namen- und Werkregister 270

 

«Sie sollen mich am Arsch lecken»

«Sie sollen mich am Arsch lecken»

Der Weltautor (1955–1960)

1955 hat Frisch zwei ehrgeizige Ziele erreicht: Er ist ein international bewunderter Schriftsteller und ein national bekannter Architekt und Architekturtheoretiker geworden. Er hat einen großen Weg vom kleinbürgerlichen Heimatdichter zum europäischen Intellektuellen zurückgelegt, er hat seine Themen und seinen Stil gefunden, und er hat sich als Schriftsteller, wie als Gesellschaftskritiker Positionen erarbeitet, denen er bis an sein Lebensende treu bleiben wird. Mit vierundvierzig Jahren schickte er sich an, im schweizerischen und im europäischen Geistesleben eine Instanz zu werden. In Zukunft wird jedes seiner Worte in der Öffentlichkeit (und im Schweizer Polizeiapparat) aufmerksam verfolgt werden, seine Voten erhalten staatspolitisches Gewicht, er selbst wird die Ambivalenz erfahren, zugleich gefürchtet wie bewundert, zugleich verhaßter Staatskritiker wie umjubelter Staatsdichter zu sein. Er wird erleben, wie er selbst zum Monument versteinert und wie eine neue Generation ihn wieder zum Vorbild nimmt.« Mit diesem Fazit und Ausblick schloß der erste Band dieser Biographie.

Mit Stiller hatte sich Frisch 1954/55 in die Liste der zeitgenössischen Weltautoren eingeschrieben. Der Roman war kein spektakulärer Marktdurchbruch, eher ein feiner Auftritt im Kreis der internationalen Literaturelite. Erst das nächste Buch, der Homo Faber, wurde ein Bestseller im herkömmlichen Wortsinn.

Auch privat vollzog Frisch in diesen Jahren eine entscheidende Wende: Der Mittvierziger verließ Frau und Kinder, bezog in Männedorf am oberen Zürichsee eine eigene Wohnung, verkaufte das Architekturbüro dem langjährigen Mitarbeiter Hannes Trösch und beschloß, Berufsschriftsteller zu werden. Das lange Schwanken um »Was bin ich?« ging zu Ende. Schließlich steckte in diesen Jahren auch der politische Denker Frisch seine Positionen neu aus: Er verweigerte trotz kaltem Krieg sowohl dem kapitalistischen Westen wie dem sozialistischen Osten seine kritiklose Gefolgschaft und setzte sich bewußt und betont zwischen alle Stühle.

Der Geist der dreißiger Jahre hatte den jungen Frisch geprägt, die Geistige Landesverteidigung war sein großes Credo. Sein Bild der Schweiz war ein Ideal, das noch kaum vom Schmutz und Staub der Realitäten getrübt war. Erst die Reibung mit der Kriegs- und Nachkriegswirklichkeit erzeugte kritische Erkenntnisfunken, und von 1943 bis 1950 vollzogen sich bei Frisch jene geistigen Umbrüche, die im ersten Band beschrieben wurden. Die Schriften des frühen Frisch wurzelten im Geist der dreißiger Jahre, affirmativ zu Anfang, zunehmend kritisch zu Ende der vierziger Jahre.

Die fünfziger Jahre wurden in mancher Hinsicht bestimmend für den späteren Frisch. ... 

«All in all, Bircher's tow volumes provide a lively, unpedantic, economical, and well-founded introduction to the life and works of one of the foremost writers of the thwentieth century.» World Literature Today

«Bircher schafft es geradezu beispielhaft, Leben und Werk in ihren gegenseitigen Einflüssen darzustellen. Die hier beschriebenen Jahrzehnte sind nicht nur gekennzeichnet vom Aufstieg eines Schriftstellers, sondern auch von Prüfungen, die den Menschen geprägt haben.» Darmstädter Echo

«Bircher stellt den ‹Weltautor› Frisch , den Verfasser von ‹Stiller› und ‹Homo faber›, zunächst einmal der Welt und der Schweiz der Fünfziger-und Sechzigerjahre gegenüber und schafft damit das eindrückliche Bild eines nüchternen, sich zwischen dem herrschenden Konservativismus und dem Rock 'n' Roll seinen eigenen Weg bahnenden Intellektuellen.» Der Bund

«Bircher sieht Frisch als Autor des neuen Kleinbürgertums. «Kleinbürgertum» war ein Passepartout, mit dem die Achtundsechziger-Bewegung gern hantierte. Aber mit ihm lässt sich nur ein Teil des Werkes aufschließen. Wohltuend die sachliche Einordnung der inspirierenden, aber tragisch endenden Liebesepisode Frischs mit Ingeborg Bachmann oder der scheiternden Ehe mit Marianne Oellers in den Lebens- und Werkzusammenhang.
Entschieden Partei ergreift Bircher im «Zürcher Literaturstreit», der sich 1966 an Emil Staigers Rede zur Verleihung des Literaturpreises der Stadt Zürich entzündete. Staiger verwechselte offenbar seinen Lehrstuhl mit dem Richterstuhl und urteilte die neueren Schriftsteller als Psychopathen und die Gegenwartsdichtung als Kloakenliteratur ab. Frisch beschwor als Gespenst die Erneuerung des Kampfes gegen «Entartete Literatur» und brach für immer das freundschaftliche Verhältnis mit Staiger ab. Schmerzlicher traf ihn der Riss in der Freundschaft mit Dürrenmatt. Immer war diese Freundschaft von Rivalität durchsäuert. Doch verstanden sich beide als die Dioskuren der schweizerischen Gegenwartsliteratur. Beide waren im eigenen Land nicht beliebt, aber Dürrenmatt war geduldet als «Hofnarr», Frisch abgestempelt zum «Staatsfeind». Was der Biograf nicht ausspricht, sei rundheraus gesagt: Uns erscheint der Autor von Stücken wie «Besuch der alten Dame» und «Die Physiker» als das dauerhaftere Urgestein der Alpenrepublik.» Frankfurter Allgemeine Zeitung

«Konnte der erste Band noch mit einer originellen Sicht auf Frischs Entwicklung vom «konservativen Schweizer Dichter zum linkskritischen, europäischen Intellektuellen» überraschen, entsteht im Folgeband nur wenig mehr als das Phantombild jener «Leerstelle», als die sich Frisch schon im ersten literarischen Tagebuch beschrieben hatte. Das Generalthema Identität - Bircher spricht von «Identitätskrise» - wird nun aber schwerpunktmässig überlagert vom Bild eines Intellektuellen, der individuell-literarisches «Probehandeln» auf gesamtgesellschaftliche Prozesse auszudehnen versuchte. Auch damit - oder zumindest in der Erinnerung daran - müsste dieses sich mehr und mehr als denkbar komplex erweisende schriftstellerische Lebenswerk noch heute Aufmerksamkeit und Interesse finden.» Neue Zürcher Zeitung

«Eben noch ist Dürrenmatt in aller Munde, das kommende Frühjahr aber dürfte eine Saison für Max Frisch werden. Die Jugendbriefe an die Mutter und der zweite Teil von Urs Birchers Frisch-Biografie stimmen auf nüchtern-unpathetische Weise darauf ein.
Am bewegendsten ist Birchers Buch in den Jahren, die er selbst als Freund und Dramaturg miterlebt hat: bei der Beschreibung von Frischs letzten, mit dem Jubeljahr 1991 in Zusammenhang stehenden Auftritten und seines einsamen Todes am 4. April 1991 an der Zürcher Stadelhoferstrasse. «Ich plane es Schiff», lautete an jenem Morgen, als er schon halb im Koma lag, einer seiner letzten Sätze, und auf die Frage, ob er da dann der Kapitän sein werde, antwortete er: ‹Nei, jetzt müend d Lüt sälber für sich luege . . .›» Der Bund

«Das heisst nun wiederum nicht, dass Urs Bircher mit seiner Frisch-Biografie nicht einen Kompass zur Verfügung stellen würde, der dem unvoreingenommenen Leser auf dem Weg durch die zerklüftete Lebenskarte des grossen Schweizer Schriftstellers eine erste Orientierungshilfe bietet.» Tages-Anzeiger

«Wie frisch ist Frisch? Auf diese Frage weiss Urs Bircher auch im zweiten Teil seiner Max Frisch-Biografie keine klare Antwort. Dafür hat er sonst eine Menge zu erzählen, diesmal über die Zeit zwischen 1955 und 1991, Frischs Todesjahr. Erst in diesen Jahrzehnten wird Frisch zum Berufsschriftsteller, der international Beachtung findet und privat ebenfalls einigen Trubel erlebt. Obschon Bircher beim Psychologisieren und Interpretieren mitunter übers Ziel hinausschiesst, ist ihm ein informatives und gut lesbares Frisch-Porträt gelungen.» Metropol

«Eine grosse Biografie über das Monument der Schweizer Literatur: anekdotenreich, einfühlsam und dennoch kritisch nähert sich der Autor der turbulenten zweiten Lebenshälfte von Max Frisch. Viele Aha-Erlebnisse über die Persönlichkeit, die Bücher und die ganze Epoche sind auch beim zweiten Teil der Biografie garantiert.» bol.ch
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