Trostlos, aber verflucht romantisch
Paul Hugger (Hg.)

Trostlos, aber verflucht romantisch

Notizen aus den ersten Diensttagen 1939

Das volkskundliche Taschenbuch [16]

100 Seiten, Broschur, ca. 40 Fotos
Februar 1999
SFr. 28.–, 28.– €
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978-3-85791-306-8

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Schlagworte

Zweiter Weltkrieg
     
Hier sind sie: Die ungeschminkten Erinnerungen aus den ersten Tagen und Wochen des Zweiten Weltkriegs, wie sie jeweils abends in schmale Tagebücher niedergekritzelt wurden. Die knappen, sachlichen Eintragungen geben das Erleben des einfachen Soldaten und einer Samariterin wieder.

Die beiden hier publizierten Texte sind Zufallsfunde, wie sie auf Flohmärkten gemacht werden können. Sie öffnen ein Fenster zu jener fernen Alltagswirklichkeit in der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, um deren Verständnis sich heute eine jüngere Generation aktiv bemüht. Die Fotos – ebenfalls Amateurarbeiten – ergänzen optisch die fast provozierend schlichten und ehrlichen Texte.

Paul Hugger
© Yvonne Böhler

Paul Hugger

Paul Hugger, 1930–2016, Studium der Volkskunde, Ethnologie und Romanistik, em. Ordinarius für Volkskunde an der Universität Zürich. Zahlreiche Publikationen über Schweizer Fotografen, zur Alltagsfotografie, Herausgeber u. a. des Handbuchs der Schweizerischen Volkskultur, «Kind sein in der Schweiz. Eine Kulturgeschichte der frühen Jahre», Herausgeber der Reihe «Das volkskundliche Taschenbuch» und Mitherausgeber «FotoSzene Schweiz» im Limmat Verlag.

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Inhalt

Aus einem anderen Brotsack
von Paul Hugger

Dienstalltag
Eine Fotofolge aus der Sammlung Herzog

Episoden aus dem Aktivdienst
von Simone Chiquet

«Trostlos, aber verflucht romantisch»
Tagebuchnotizen eines Soldaten 1939/40

Auch ein Gelegenheitsfund
von Katharina Kofmehl-Heri

«So jetzt laufed na e chli stramm»
Mein erster Militärdienst in Rapperswil vom 3.–13. September 1939
Aufzeichnungen einer Samariterin

Aus einem anderen Brotsack

Paul Hugger
Aus einem anderen Brotsack

Max Frischs «Blätter aus dem Brotsack», die den Vermerk tragen «geschrieben im Grenzdienst 1939», gelten als wichtiges Dokument aus der ersten Mobilmachungsphase des Zweiten Weltkriegs. Im Werbetext auf der Rückseite der Ex-Libris-Ausgabe von 1940 heisst es, das Buch gebe das Erlebnis aller wieder, die damals «das bildeten, was man so schön als Kameradschaft bezeichnet». Jeder, der je einmal Militärdienst geleistet habe, finde sich in diesen Aufzeichnungen wieder. Gewiss mag vieles in Frischs Text für das Erleben damaliger Soldaten stehen. Ob sich aber alle in den naturromantischen Schwärmereien und in den Überlegungen über «Vertrauensgehorsam» und das grausame Ja der Götter zum Krieg, das über dem Nein der Schöpferischen stehe, wiederfinden, erscheint zweifelhaft. Frischs Brotsack-Aufzeichnungen sind literarischer Natur und für ein Lesepublikum gedacht.

Unsere knappen Texte sind andersgeartet. Nehmen wir den ersten Text: Entstanden ist er auf Wunsch «Martels», der Verlobten des jungen Walter. Auf ihre Bitte hin schreibt Soldat Walter täglich das Erlebte in knapper Form nieder, oft gibt er nur das Tagesprogramm wieder, manchmal mit spürbarem Unwillen. Der Text erwächst so aus einer eingegangenen Verpflichtung heraus, folgt keinem inneren Antrieb, er will keine Ambitionen des Autors befriedigen und verzichtet auf gedankliche Spielereien. So lebt er aus dem jeweiligen Augenblick. In seiner Formlosigkeit und Spröde spiegelt er das Sprachlose jener beklemmenden Zeit wider, auch das alltägliche Befinden eines jungen Mannes, der brüsk aus dem gewohnten Leben herausgerissen wurde und dem Militärdienst wenig positive Seiten abgewinnen konnte (im Gegensatz zu Frisch). Ihm fehlen das Pathetische und die patriotische Beschwörung.

Im Gegensatz dazu steht der zweite Text, auch er ein Zufallsfund auf dem Flohmarkt. Es sind die ungelenken Notizen einer jungen Frau, die als Samariterin die ersten Tage der Mobilmachung erlebte. Da tritt uns eine andere Mentalität entgegen, neben dem echten, weil freiwilligen Engagement für das bedrohte Land, eine Fügsamkeit und Unterwürfigkeit unter das Kommando der Männer, der Herren Offiziere, die heute schwer nachvollziehbar ist. Zeigen sich bei «Wäli» oft Ansätze von Trotz und Rebellion und lägen sie nur darin, die offiziellen Weisungen zu unterlaufen, etwa bezüglich des Ausgangsrayons, ist davon bei der jungen Frau nichts zu finden. Genauso beeindruckt die Hilflosigkeit der Truppenkommandanten, einen sinnvollen Dienstalltag für die Frauen zu gestalten; offenbar traf hier die Mobilmachung die Offiziere unvorbereitet. Statt dessen wird wie bei den Männer-Soldaten

gedrillt, müssen Marschformationen und Achtungstellung (Übun- gen, die 1940 von General Guisan für Frauen im Hilfsdienst untersagt wurden) geübt und militärische Rangordnungen auswen- dig gelernt werden. Es ist wichtiger, dass die jungen Frauen die Offiziere korrekt grüssen, als dass ihre pflegerischen Kenntnisse und ihr Goodwill zum Wohl der Soldaten genutzt würden. Einzelne Offiziere kümmern sich mit paternalistischer Überheblichkeit um das moralische Wohlverhalten dieser erwachsenen Frauen. Wer etwas mit der Militärgeschichte des Zweiten Weltkriegs vertraut ist, wird sich darüber nicht wundern, hat doch 1943/44 solch offizieller Stursinn französischer Offiziere wesentlich zum blutigen Zusammenbruch der Résistance-Bewegung im Vercors beigetragen (vgl. Gilbert Joseph: Combattant du Vercors. Paris 1972).

Sind solche Texte nach dem Gesagten überhaupt publikationswürdig? Gehen Herausgeber und Verlag nicht das Risiko ein, zu Banales auf den Büchermarkt zu bringen, Texte, die kaum vom Publikum gewürdigt werden? Wir glauben, dass gerade diese scheinbare Banalität wichtige Elemente in die gegenwärtige Diskussion über die Befindlichkeit der Schweizer Bevölkerung während der Aktivdienstzeit einbringt, dass solche unverschlüsselten Texte zur Analyse der damaligen Verhältnisse hilfreich und aussagekräftig sind.

Das erste Manuskript befindet sich in einem kleinen, in blaues Leder gebundenen Album, das mit einem Schlösschen versehen ist. Gekauft wurde es seinerzeit, gemäss der eingeklebten Firmenmarke, bei J. H. Waser am Limmatquai 122, Zürich 1. Auf der ersten Innenseite ist ein Foto von Martel in Passformat eingeklebt, auf der Gegenseite ihre Widmung mit Tinte eingetragen. Die Aufzeichnungen Wälis sind mit Bleistift geschrieben, mit unterschiedlicher Sorgfalt, wie es die Umstände und die Stimmungslage brachten. Einige wenige Lageskizzen sind in den Text eingestreut. Wir halten uns bei der Publikation wie immer, was Wortlaut und Orthographie betrifft, genau an die Vorlage; nur die Interpunktion haben wir einem modernen Verständnis angepasst. Dies gilt auch für den zweiten Text.

Es wäre vermutlich möglich gewesen, anhand der Mannschaftslisten in den Archiven des früheren Militärdepartementes die Identität von Wäli zu eruieren. Wir haben darauf verzichtet, nicht nur aus Überlegungen zum Persönlichkeitsschutz heraus. Wir wollen dadurch unterstreichen, dass hier einer aus der grossen Schar der Anonymen spricht, der namenlosen Vielen. Ähnliche Überlegungen leiteten uns auch beim zweiten Text.

Wir bringen die beiden Dokumente mit je einer Einführung durch zwei Autorinnen, die Historikerin Simone Chiquet und die Volkskundlerin Katharina Kofmehl-Heri, Assistentin am Volkskundlichen Seminar der Universität Zürich, die uns auch den zweiten Text zur Verfügung gestellt hat.
Neue Zürcher Zeitung, 4. Juni 1999

«Nicht für die Nachwelt geschrieben sind diese zwei Zufallsfunde auf dem Flohmarkt, doch mit bisher unveröffentlichten Photographien und Kommentaren von Paul Hugger, Simone Chiquet und Katharina Kofmehl-Heri liefern sie gleichwohl anschauliches Material für die anhaltenden schweizerischen Debatten um die Aktivdienstgeneration. In seinem Tagebuch schildert Füsilier Walter der Verlobten die Monate vom Kriegsausbruch bis Ende Mai 1940, die ihr privates Idyll so brutal unterbrechen: ‹Oh Elend, ein solches Glück zu zerstören.› Heimweh, Regen und Schnee, Wache, Putzen, Inspektion, ‹Schlauch› und ‹Nachttürgg› mit Blasen an den Füssen, viel Bier; ‹ohnmächtig› ist ‹es›, ‹ohnmächtig› ist das Exerzieren, ‹ohnmächtig› ein Offizier, ein ‹Chlaus›. ‹Man ist halb kaputt›, und dabei ist es stets ‹gleich wie gestern›; beim Warten, bis der Tag ‹zerrinnt›, wächst ‹Ekel über Militärlizeug›.
Im Unterschied zu Walter freiwillig und gleichzeitig viel autoritätsgläubiger zieht eine anonyme Samariterin 1939 in den Dienst, deren Aufzeichnungen mit abgedruckt sind: Nicht ihre Fachkenntnisse sind gefragt, sondern durch Exerzieren und formale Korrektheit die Einbindung und Unterordnung in einem Männerbetrieb, in dem schon harmloses Grüssen über die Geschlechtergrenzen hinweg als Bedrohung empfunden wird. Was sich gehört, lehrt der Hauptmann: ‹Ein nächstes Mal wissen wir es, dass wir einfach unseren eigenen Willen etwas ausschalten müssen.›
Ebenso aufschlussreich wie diese Unterwürfigkeit ist für den heutigen Leser, wie bei Walter private Entsagung und Klage dominieren, auch wo sie durch das häufige ‹man› verallgemeinert werden. Die Gedanken reichen bis zur nächsten Beiz und zum Schatz zu Hause; kein Wort über die Weltpolitik, über das Vaterland, über den Sinn des eigenen Tuns. Solches findet sich dafür reichlich in einem Buch von Ernst Frei, der auf 1095 Tage Aktivdienst bei den Fliegertruppen zurückblickt. Die Authentizität leidet allerdings darunter, dass ganz offensichtlich spätere Informationen in diese ‹Auszüge aus dem Tagebuch› eingebaut, aber nicht entsprechend gekennzeichnet wurden. So reproduziert der Band weniger die direkte Erfahrung eines 25jährigen als das runde Bild, zu dem ein Achtzigjähriger seine Biographie in den Lauf der Weltgeschichte eingefügt hat. » Neue Zürcher Zeitung
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