Am Abend als es kühler ward
Peter Höner

Am Abend als es kühler ward

240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Januar 1998
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978-3-85791-293-1

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Literatur
     
Aus einer Laune heraus reist ein fünfzigjähriger Werbetexter mit seinem achtzigjährigen Vater ins Heilige Land. Dreissig Jahre früher hatte er sich konfliktreich aus dem Einflussbereich seines Erzeugers gebracht: mit seiner Weigerung, wie seine Vorfahren Pfarrer zu werden. Aber Waffenstillstand und kühle Distanz lassen sich jetzt im gemeinsamen Hotelzimmer mit Doppelbett nicht mehr aufrechterhalten. Der etwas wunderlich gewordene Alte und der Sohn - in seiner Rolle zwischen Gouvernante und Kind - raufen sich zusammen. Mit steigendem Whiskyverbrauch und gemischten Ergebnissen. Und immer unter den argwöhnischen Blicken der mitreisenden Bibelgruppe auf Pilgerfahrt.
Peter Höner
© Anne Buergisser

Peter Höner

Peter Höner, geboren 1947 in Eupen, ­aufgewachsen in Belgien und der Schweiz, Schauspielstudium in Hamburg und Schauspieler u. a. in Basel, Bremen und ­Berlin. Seit 1981 freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur, 1986–1990 ­Afrikaaufenthalt. Autor von Theaterstücken, Hörspielen und Büchern.

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«Na dann, prost!»

«Na dann, prost!» Der Vater stand vor mir, das Whiskyglas in der Hand. «Du schläfst mir ja noch ein.» Ich griff nach meinem Glas und trank dem Vater zu. Der Vater setzte sich erneut ans Fußende des Bettes und schaute über meine Schultern auf den Bildschirm, etwas, was ich nicht leiden kann. Wenn er den Film sehen will, soll er sich neben mich setzen, aber nicht hinter mich. Ich rückte meinen Stuhl beiseite und zeigte auf den zweiten Sessel. Der Vater schüttelte den Kopf. Er war mit seinen Erklärungen noch nicht zu Ende.

«Die Leute wollten das hören, verstehst du? Die wollten wissen, mit wem sie es zu tun haben, gerade die Kerngruppe, schließlich ist es ihre Reise, und da kann es für sie nicht gleichgültig sein, wer sie begleitet. Vielleicht wurde ich ein bißchen zu ausführlich, aber …»

«Du hast ihnen dein ganzes Leben erzählt«, fiel ich dem Vater ins Wort. »Das heißt: dein Leben als Pfarrer. Etwas anderes hatte in deiner Story ja keinen Platz. Nicht einmal du selbst, du als Privatperson.»

«Über mich gibt es nichts zu sagen.»

«Das glaubst du ja selbst nicht.»

«Ich weiß, daß ihr das nicht gerne hört. Du nicht. Und Wera nicht. Ihr hättet lieber, ich, ich …»

Der Vater verstummte, suchte nach Worten, preßte die Augen zusammen und massierte seine Nase. Die Unterhaltung mit mir bereitete ihm offensichtlich mehr Mühe, als vor einem fremden Publikum zu bramarbasieren.

«Ihr möchtet, daß ich ‹Lesetips für alte Menschen› schreibe oder mit meinen Enkeln Holztierchen bemale. Aber ich bin Pfarrer. Alles andere ist nicht so wichtig.»

«Das glaube ich dir nicht. Du bist verheiratet, hast Kinder …»

«Meine Freude: Das ist etwas anderes.»

Mit einem energischen Ruck federte der Vater von der Bettkante und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Seine Unterlippe trotzig vorgeschoben schaute er sich suchend um, entdeckte schließlich, was er wollte, sein Whiskyglas, ergriff es und goß sich die gesamte Portion in den Mund. Er legte den Kopf in den Nacken und spülte den Rachen aus. Gurgeln mit Whisky.

Dann, als wäre ich nicht da, als sprächen wir nicht miteinander, fing er zu singen an:

«Wir wollen uns gerne wagen, in unsern Tagen, der Ruhe abzusagen, die 's Tun vergißt …»

Sein voller Bariton füllte den Raum, es war elf Uhr oder später, und ich befürchtete, der Vater wecke sämtliche Zimmernachbarn. Der Vater kannte keine Rücksicht, er stapfte im Zimmer herum und dirigierte seinen eigenen Gesang.

«Wir woll'n nach Arbeit fragen, wo welche ist, nicht an dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen und unsre Steine tragen aufs Baugerüst …»

Unbeirrbar sang er alle Strophen des alten Kirchenliedes, an das auch ich mich erinnerte und das wir schon im Bus gesungen hatten. Manchmal drehte er sich zu mir und gab mir eine Art Einsatz, als erwartete er, daß ich mit einstimme.

Das freche Grinsen Kinskis. Er hockte an einem Tisch mit Freunden und erzählte etwas, was ich nicht verstand, weil der Gesang des Vaters die Dialoge zudeckte. Ich drehte den Ton auf.

«Verstehst du, was das Lied meint?» fragte der Vater, nachdem er endlich auch die letzte Strophe gesungen hatte, und weil er schon wußte, daß ich ihn nicht verstand, wiederholte er, mir gleichsam zum Trotz, die letzten Verse.

«Drum mag der Leib ermüden, wir geh'n im Frieden, von Jesus ungeschieden, und sterben nicht.»

Ich biß die Zähne zusammen, um nicht aus der Haut zu fahren.

Kinski beim Kartenspiel, im Gegenschnitt Trintignant, einen kalten Zigarrenstummel im Mund. Ein Streichholz flammte auf und landete in Kinskis Brandy.

«Und sterben nicht. Verstehst du, verstehst du das?» sagte der Vater zum dritten Mal.

«Die Unsterblichkeit der Seele. Ja, ja. Und sterben nicht. Das ist doch nicht wahr. Du befindest dich am Ende deines Lebens und singst: ‹Wir woll'n uns gerne wagen.› Das ist doch abartig, ist das. Deine frisierte Geschichte als Herr Pfarrer …»

Kinski klaubte das Streichholz aus dem Glas und nahm seine Karten wieder auf.

«Fragst du dich denn nie, ob dich das, was du mit deinem Leben gemacht hast, auch zufriedenstellt?»

«Ich habe keine Furcht, vor meinen Gott zu treten, wenn du das meinst.»

«Nein, das meine ich nicht!»

«Was meinst du dann?»

Trintignant nahm die Zigarre aus dem Mund. Kinski griff nach dem Brandy, wollte trinken. Patsch! Die Zigarre verzischte im Glas.

«Du bist jetzt über achtzig», sagte ich, ohne die Szene im Film aus den Augen zu verlieren. «Wie, wie sieht deine Bilanz aus? Hast du Angst? - Oder gibt es das für dich als Pfarrer nicht, die Angst vor dem Tod?»

Kinski mit erhobenen Händen ließ sich von seinen Kumpanen Colt und Halfter abnehmen.

«Vielleicht habe ich unseren Mitreisenden ein allzu rosiges Bild von meiner Arbeit als Pfarrer vermittelt. Das mag sein. Aber hätte ich vielleicht gestehen sollen, daß auch mir die Erziehung meiner Kinder nicht gelungen ist, daß ich am Geld hänge, wie die meisten von ihnen. Meinst du das? Hätte ich ihnen erzählen sollen, daß ich als Pfarrer verzweifelte, daß auch ich immer wieder um den Glauben gerungen habe?»

«Laß doch bitte einmal den Pfarrer beiseite. Die Erziehung deiner Kinder ist dir mißlungen. Punkt. Du hängst am Geld. Punkt. Du warst verzweifelt. - Wie bist du damit umgegangen?»

«Als Pfarrer …»

«Nein!» schrie ich, «jetzt schlägt er gleich zu», und zeigte auf den Bildschirm.

«Aber ich bin Pfarrer», sagte der Vater erschrocken und plumpste aufs Bett.
ZDF / Radio Bremen 2, 29. Juni 1998
Westdeutscher Rundfunk WDR 2, 12. Mai 1998
Neue Luzerner Zeitung, 17. Juni 1998
SFD
Die Weltwoche, 9. Juli 98
Der kleine Bund, Kulturbeilage, 25. April 1998
Aargauer Zeitung, 1. April 1998

«Am Abend als es kühler ward« ist ein wunderbares Buch, in dem Peter Höner mit rührender Herzlichkeit einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt schildert und gleichzeitig einen schreiend komischen Reisebericht über eine Butterfahrt durchs Heilige Land abliefert.» WDR
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