Schwarze Frau, weisser Prinz
Paula Charles

Schwarze Frau, weisser Prinz

Herausgegeben und übersetzt von Chudi Bürgi

192 Seiten, gebunden
Februar 1997
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978-3-85791-280-1

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Migration
     

Als kleines Mädchen auf der Karibikinsel St. Lucia träumt sie bereits den hochfliegenden Traum von der Liebe. An ihm hält sie naiv und beharrlich fest, den pragmatischen Haltungen und den Enttäuschungen anderer Frauen zum Trotz. Nicht einmal ihre Erfahrungen als schwarze Jugendliche ohne Zukunft in London und als Go-go-Tänzerin in der Schweiz vermögen die Hoffnung zu zerstören, daß irgendwann der ihr vom Schicksal bestimmte weiße Ritter/Mann ihren Weg kreuzen wird. In der Ehe mit ihrem Traummann, dem Schweizer Alex, durchlebt sie einen schwierigen und schmerzhaften Prozeß, in dem sie ihr Männerbild in Frage stellen muss. Der Weg führt nach Afrika – auf der Suche nach der Liebe zu ihr selbst, zur schwarzen Frau.

«Ihre Erinnerungen sind von schonungsloser Offenheit, und so fällt ihr Resumée aus: Was Liebe ist? Ich weiss es heute weniger denn je.» Schweizer Illustrierte
Paula Charles
© Limmat Verlag

Paula Charles

Paula Charles, 1956 geboren in Londonaufgewachsen in der Karbik auf der Insel St. Lucia und in London, Sängerin in einer Soulband, arbeitete als Gogo-Girl in der Schweiz und setzt sich für die Sache der Schwarzen in Zürich ein.

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Der Missionar kam zu uns ...

Der Missionar kam zu uns.

«Hello, Missis … em … Seewanese!» So hiess Granma offiziell, ansonsten nannte man sie Mades. Gran sass in ihrer kleinen Küche, mit ihren häuslichen Angelegenheiten beschäftigt. Mein Bruder und ich, ihre beiden Engel, waren an ihrer Seite oder zwischen ihren Beinen; wir klammerten uns immer irgendwo an sie. Sie zeigte dem weissen Christen ein grosses, breites Lächeln, als ob sie gerade Gott gesehen hätte. Oder war sie weiser? Wusste sie, dass sie betrogen wurde?

«Willkommen», sagte sie zu ihm, «Paula, geh und hol einen besseren Stuhl für den Priester.» Der weisse Mann setzte sich und versuchte, es sich in Grans kleiner, stickiger Küche bequem zu machen. Er musste zumindest versuchen, sich wohl zu fühlen, wurde er doch von der Kirche dafür bezahlt, dass er die Leute überzeugte, die Bibel zu kaufen und ihre letzten Pennies der Kirche zu spenden.

Der Priester bemühte sich, eine Tasse von Grans Wasser zu trinken – Flusswasser, nicht chemisches oder, wie man es nannte, gereinigtes Wasser. Ihre einzige, schwarzbetupfte Tasse war etwa zehn Jahre alt und sah angeschlagen aus. Er hatte Diplomatie gelernt, also lächelte er und sagte, ihr Wasser sei genau das, was er gebraucht habe. Aber er wollte nur seine Botschaft verkaufen, dafür war er von weither angeflogen. Er wollte nicht wirklich ihre Armutsgeschichte hören und wechselte geschickt das Thema.

«Also, Mrs. Seewanese, das Leben ist nicht allzu schlecht, aber Gott kann Ihnen mehr geben, wenn Sie zu ihm beten. Und deshalb sind wir hier, um Ihnen zuzuhören und mehr Kirchen bauen zu helfen, damit Sie dort um Hilfe beten können. Aber wir brauchen Geld.» Er öffnete seinen Koffer vor der sehr müden und verwirrten alten Lady, überreichte ihr Broschüren, die sie nicht lesen konnte, und viele schöne, glänzende Leder-Bibeln. Seine weisse Magie wirkte. Gran murmelte vor sich hin, schaute mit besorgtem Gesicht ihre Grosskinder an und dachte an die wenigen St.-Lucia-Dollars, die sie, in ein Tuch geknotet, versteckt hatte.

«Was kann ich machen», sagte sie in Patois. Ihr Sohn war tot, ihre Tochter war tot, auch sie würde bald sterben, und was würde dann mit ihren kleinen Kindern passieren. Sie brauchte mehr Kraft, um uns durchzubringen.

Der Priester hakte nach: «Mrs. Seewanese, es ist nicht viel Geld! Denken Sie an all die Hilfe, die Sie erhalten werden!»

«Gut, ich kaufe.»

Ihre letzten paar Dollar lösten sich in Luft auf. Sie war wieder da, wo sie angefangen hatte, doch jetzt hatte sie sich mit diesem Buch Gott gesichert. Es blieb nun für immer an ihrer Seite – nicht so der Missionar.

«Auf Wiedersehen, Kinder, bis bald in der Kirche», sagte er und schüttelte unsere kleinen Hände. Unsere Augen waren so weit offen wie seine Bibel. In diesem Moment war er für mich Gott. Er würde unser ganzes Leben verändern. Er sprang in seinen schweren Jeep, der speziell für unsere sandigen Strassen geeignet war, drehte die Scheibe hoch, während Ben und ich ihm die Autotüre aufhielten. Er drehte den Motor an, und das ganze Dorf rannte hinter ihm her, versuchte schneller zu sein als das Auto, das Staub auf unseren Gesichtern zurückliess. Das machte uns nichts aus: Ein englischsprechender weisser Mann war uns besuchen gekommen, weil er uns helfen wollte! Doch Grans Geld war weg. Und was würde geschehen, wenn sie krank wurde? Was war mit unseren Schulgeldern? Was, wenn wir hungrig waren? Lachte er auf dem Weg zurück in seine Paläste?
«Ihre Erinnerungen sind von schonungsloser Offenheit, und so fällt ihr Resumée aus: Was Liebe ist? Ich weiss es heute weniger denn je.» Schweizer Illustrierte

«Es unterscheidet sich von zahlreichen Selbstfindungsprozessen, die im Umfeld der Frauenbewegung beinahe zu häufig publiziert wurden, in wohltuender Weise. Über die persönlichen Erlebnisse hinaus gibt ‹Schwarze Frau – weisser Prinz› den Leserinnen und Lesern einen Impuls, darüber nachzudenken, wie sie mit andersfarbigen und fremden Mitmenschen in diesem Lande umgehen.» DAZ

«In ihrem zweiten Roman beschreibt sie in selten erfrischendem Stil ihren Weg vom Traum vom Glück in die oft bittere Realität. ‹Schwarze Frau – weisser Prinz› ist ein Glücksfall. Erstens weil es ins Deutsche übersetzt wurde und zweitens weil dieses Buch niemals vorgibt, grosse Literatur zu sein und trotzdem in erfrischender, aber auch spannender Art, über die Schwierigkeiten zwischen den Rassen und zwischen Männern und Frauen zu erzählen weiss.» Freitag aktuell, Wien

«Das zweite Buch ist weit mehr als die Geschichte einer heftigen sexuellen Anziehungskraft und einer gescheiterten Ehe zwischen einem Schweizer und einer Frau aus der Karibik. Paula Charles sagt, sie sei radikaler geworden. Die Radikalität einer Frau die aufrechten Hauptes ihren Weg zu gehen gelernt hat, ist eine manchmal unbequeme, aber auch heilsame Herausforderung an männliche und weibliche Leser.» Sonntag

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