Unten am See
Hans Suter

Unten am See

Episoden einer Jugend

160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, gebunden mit Schutzumschlag
April 2015
Ca. SFr. 29.50, 29.50 €
sofort lieferbar
978-3-85791-765-3

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Eine Dorf-Kindheit in den 50er-Jahren

Die beiden Knaben Franz und Bruno, beide im Unterdorf wohnhaft, sitzen oft stundenlang am See, angeln und nehmen wahr, was sich im Dorf abspielt.
Franz ist der Sohn eines Trinkers. Seine Mutter arbeitet tagsüber in einer Schokoladenfabrik. Bruno, ursprünglich Italiener, lebt allein mit seiner tschechischen Mutter. Aufgrund der Herkunft der Knaben werden deren schulische Leistungen ungenügend bis schlecht beurteilt.
Wenn Franz und Bruno nicht gerade angeln, den Strassenverkehr beobachten oder im Wald Tiere zählen, bauen sie Hütten oder versuchen zu ergründen, auf welchen Wegen sich Männer und Frauen im Dorf zu unmoralischem Treiben finden. Mit jugendlichem Leichtsinn fahren sie später mit den Mofas hinter den Mädchen her und erleben eine Pubertät voller Träumereien, Ängste und Drangsal. Als Kinder inspiriert vom Kasperlitheater im «Dutti-Park», produzieren sie als Erwachsene eine Minioper.

Hans Suter
© Monica Boirar Beurer

Hans Suter

Hans Suter, geboren 1940 und aufgewachsen am Zürichsee, besuchte nach der Lehre als Schriftenmaler die Schauspielschule und hatte Engagements an verschiedenen Bühnen. 1983 schrieb er das Libretto zur Oper «Egon, aus dem Leben eines Bankbeamten» (Pocket Opera Nürnberg). Er schrieb acht Hörspiele (srf, wdr, swr) und rund 250 Kurzhörspiele «Memo Treff». Er war mit eigenen Satireprogrammen in der Schweiz unterwegs. Seit 1990 schreibt er für den «Nebelspalter». 2009 erschien sein erstes Buch «Satiren Satiren — fidel und artgerecht», 2014 sein Kriminalroman «Basler Farben».

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Kellers Milch- und Käseladen ...

Kellers Milch- und Käseladen stand mitten im Dorf. Draussen vor der Türe standen die leeren Milchkannen. Drinnen roch es feucht säuerlich nach Buttermilch und Käse, auch die Frau roch so. Der Mann roch nur deshalb anders, weil er immer eine brennende Zigarre im Munde hatte. Aus den mit riesigen Hebeln verschlossenen Eisschränken tropfte das Wasser von schmelzenden Eisbalken, worauf Butter und andere verderbliche Ware lagerte. Milch wurde im Laden offen verkauft. Aus der Milchkanne schöpfte Frau Keller in die von den Kunden mitgebrachten Milchkessel. Die meisten jedoch liessen sich die Milchprodukte nach Hause liefern. Morgens in aller Herrgottsfrühe fuhr Keller mit seinem Traktor los, um die vielen Milchkästen mit einem oder zwei Litern Milch zu beliefern. Auch Butter konnte ins Milchbüchlein eingetragen werden, dem entsprechend Ende Monat abgerechnet wurde. Keller betrieb auch einen 12 Lieferservice, die «Camionage». Wenn er in der Früh seine Milch ausgeliefert hatte, tauschte er den tiefliegenden Anhänger, auf dem die Milchkannen nicht umkippen konnten, gegen einen grossen, flachen Brückenwagen. Damit fuhr er zum Bahnhof, wo in einem Schuppen die für den Postversand allzu sperrigen oder zu schweren Güter lagerten. Diese Fracht fuhr er dann zu den entsprechenden Geschäften oder Haushalten.

Franz, das Kind aus dem Unterdorf, sass manchmal einfach hinten auf den Brückenwagen und fuhr mit. Keller hatte nichts dagegen einzuwenden, manchmal gab es auch mehrere leichtere Gepäckstücke abzuliefern, und Franz half dann emsig mit. Danach setzte er sich wieder hin, der Wagen schaukelte, und der Zigarrenrauch wehte ihm um die Nase. Keller musste jeweils zur selben Zeit und am gleichen Ort das Wasser abschlagen. Mitten im Dorf gab es einen kleinen Bauernhof, dort hielt er immer an. Bei der Scheune war ein hölzernes Gestell angebracht, worauf früher Torf getrocknet worden war. Jetzt diente es als Abstellfläche für allerlei Gerätschaften und Gartenwerkzeug. An einen dieser senkrechten Pfosten pisste Keller. Der Pfosten war schon halb durchgefault, und das ganze Gestell fiel später Keller, während er sein Geschäft verrichtete, auf den Kopf.

Wenn nur wenige Güter am Bahnhof abzuholen waren, schickte Keller Franz mit dem Leiterwagen los, damit er die Sachen zu Fuss hinbringe; nur ins Unterdorf, ins Oberdorf wäre es zu anstrengend gewesen. Manchmal waren es auch Güter für Keller selber, etwa ein Käselaib oder Süssigkei- ten, die er neben Milchprodukten auch noch verkaufte. Als Belohnung für seine Arbeit bekam Franz eine Handvoll Bonbons oder manchmal ein schönes Stück Käse, mit der Ermahnung, den nicht gleich aufzuessen, sondern nach 13 Hause zu bringen, denn Keller wusste, dass bei der Schreinerfamilie nicht alles zum Besten bestellt war.

Als er einmal in der Frühe bei Blöchlingers Milch brachte und Franzens Mutter eben die Treppe hochging, griff er ihr unter den Rock. Darauf schlug ihm Frau Blöchlinger einen Lauchstengel um die Ohren, den sie für die Suppe, die sie morgens für Mann und Kind vorbereitete, aus dem Keller geholt hatte. Ohne beleidigt zu sein, sagte Keller: «Schon gut, schon gut, ich dachte, Sie würden sicher von Ihrem Mann vernachlässigt, und wer nichts wagt, gewinnt nichts.» Daraufhin durfte Franz eine Zeitlang nicht mehr mit dem Milchmann mitfahren. Als er wissen wollte, weshalb, meinte die Mutter nur: «Das geht dich nichts an!» Ihrem Mann hat sie nichts davon erzählt, weil der sie bestimmt verdächtigt hätte, den Mann provoziert zu haben.
Kellers Milch- und Käseladen stand mitten im Dorf. Draussen vor der Türe standen die leeren Milchkannen. Drinnen roch es feucht säuerlich nach Buttermilch und Käse, auch die Frau roch so. Der Mann roch nur deshalb anders, weil er immer eine brennende Zigarre im Munde hatte. Aus den mit riesigen Hebeln verschlossenen Eisschränken tropfte das Wasser von schmelzenden Eisbalken, worauf Butter und andere verderbliche Ware lagerte. Milch wurde im Laden offen verkauft. Aus der Milchkanne schöpfte Frau Keller in die von den Kunden mitgebrachten Milchkessel. Die meisten jedoch liessen sich die Milchprodukte nach Hause liefern. Morgens in aller Herrgottsfrühe fuhr Keller mit seinem Traktor los, um die vielen Milchkästen mit einem oder zwei Litern Milch zu beliefern. Auch Butter konnte ins Milchbüchlein eingetragen werden, dem entsprechend Ende Monat abgerechnet wurde. Keller betrieb auch einen 12 Lieferservice, die «Camionage». Wenn er in der Früh seine Milch ausgeliefert hatte, tauschte er den tiefliegenden Anhänger, auf dem die Milchkannen nicht umkippen konnten, gegen einen grossen, flachen Brückenwagen. Damit fuhr er zum Bahnhof, wo in einem Schuppen die für den Postversand allzu sperrigen oder zu schweren Güter lagerten. Diese Fracht fuhr er dann zu den entsprechenden Geschäften oder Haushalten.
Franz, das Kind aus dem Unterdorf, sass manchmal einfach hinten auf den Brückenwagen und fuhr mit. Keller hatte nichts dagegen einzuwenden, manchmal gab es auch mehrere leichtere Gepäckstücke abzuliefern, und Franz half dann emsig mit. Danach setzte er sich wieder hin, der Wagen schaukelte, und der Zigarrenrauch wehte ihm um die Nase. Keller musste jeweils zur selben Zeit und am gleichen Ort das Wasser abschlagen. Mitten im Dorf gab es einen kleinen Bauernhof, dort hielt er immer an. Bei der Scheune war ein hölzernes Gestell angebracht, worauf früher Torf getrocknet worden war. Jetzt diente es als Abstellfläche für allerlei Gerätschaften und Gartenwerkzeug. An einen dieser senkrechten Pfosten pisste Keller. Der Pfosten war schon halb durchgefault, und das ganze Gestell fiel später Keller, während er sein Geschäft verrichtete, auf den Kopf.
Wenn nur wenige Güter am Bahnhof abzuholen waren, schickte Keller Franz mit dem Leiterwagen los, damit er die Sachen zu Fuss hinbringe; nur ins Unterdorf, ins Oberdorf wäre es zu anstrengend gewesen. Manchmal waren es auch Güter für Keller selber, etwa ein Käselaib oder Süssigkei- ten, die er neben Milchprodukten auch noch verkaufte. Als Belohnung für seine Arbeit bekam Franz eine Handvoll Bonbons oder manchmal ein schönes Stück Käse, mit der Ermahnung, den nicht gleich aufzuessen, sondern nach 13 Hause zu bringen, denn Keller wusste, dass bei der Schreinerfamilie nicht alles zum Besten bestellt war.
Als er einmal in der Frühe bei Blöchlingers Milch brachte und Franzens Mutter eben die Treppe hochging, griff er ihr unter den Rock. Darauf schlug ihm Frau Blöchlinger einen Lauchstengel um die Ohren, den sie für die Suppe, die sie morgens für Mann und Kind vorbereitete, aus dem Keller geholt hatte. Ohne beleidigt zu sein, sagte Keller: «Schon gut, schon gut, ich dachte, Sie würden sicher von Ihrem Mann vernachlässigt, und wer nichts wagt, gewinnt nichts.» Daraufhin durfte Franz eine Zeitlang nicht mehr mit dem Milchmann mitfahren. Als er wissen wollte, weshalb, meinte die Mutter nur: «Das geht dich nichts an!» Ihrem Mann hat sie nichts davon erzählt, weil der sie bestimmt verdächtigt hätte, den Mann provoziert zu haben.
Die Weltwoche, 7. Mai 2015
Zürichsee-Zeitung, 1. Juni 2015
Neue Zürcher Zeitung, 6. Juni 2015
P.S. Zeitung, 03. Juli 2015
Heinrich Boxler, 12. Oktober 2015
 

«Suter erzählt präzise, in ruhigen Sätzen, schnörkellos, ohne Brimborium.» Die Weltwoche

«Hans Suter hat mit dem Erinnerungsbuch ‹Unten am See› der Gemeinde Rüschlikon ein Dorfporträt beschert.» Zürichsee-Zeitung

«Ein Idyll mit Abgründen.» Neue Zürcher Zeitung

«Zu den Aufenthalten im ganz eigenen Revier der beiden finden sich in den Erinnerungen die feinsten Passagen.» P.S. Zeitung

«Zweifellos dürfte das Buch die Einwohner von Rüschlikon interessieren und bei andern Leserinnen und Lesern Erinnerung an vergangene Zeiten wachrufen. Auch wer hinter die Kulissen einer Theaterproduktion blicken will, erhält hier Anschauungsunterricht.» Heinrich Boxler

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