Kebab zum Bankgeheimnis
Yusuf Yeşilöz

Kebab zum Bankgeheimnis

Geschichten von west-östlichen Begegnungen

120 Seiten, 12 x 19 cm, gebunden
September 2012
SFr. 28.50, 28.50 € / eBook sFr. 24.95
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978-3-85791-687-8

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Schlagworte

Migration Literatur
     

Ob im Kebabhaus oder in der Cafeteria, im Zug oder auf der Strasse: Das Leben des Yusuf Yeşilöz ist reich an mehr oder weniger komischen Begegnungen. Etwa, wenn er im Zug mit «Grüezi, Herr Migrant» angesprochen wird oder wenn ihm der Besitzer des «Kebab zum Bankgeheimis» den tieferen Sinn des eigenartigen Namens erläutert. Wenn er in einem Café behauptet, er sei der Neffe von Franco Cavalli und sein Gesprächspartner in die Runde fragt: «Wer isch de scho wider gsi?» Weniger lustig ist das Gespräch von Grenzbeamten im Nebenabteil, die automatisch davon ausgehen, dass «de huere Cheib» mit seinem Aussehen sowieso kein Deutsch versteht. Wer als Schweizer aussieht wie einer, der nicht von hier ist, hat es nicht ganz einfach. Klischees und Wahlplakate in den Köpfen machen vieles im Alltag zum nicht Selbstverständlichen. Ohne zu beschönigen, aber mit feinem Humor zeigt Yusuf Yeşilöz die Menschen beim Üben des neuen Zusammenlebens.

Yusuf Yeşilöz
© EJY/Limmat Verlag

Yusuf Yeşilöz

Yusuf Yeşilöz, geboren 1964 in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien, kam 1987 in die Schweiz. Heute lebt er mit seiner Familie in Winterthur und arbeitet als freier Autor, Übersetzer und Filmemacher. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

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Geschichten wie im richtigen Leben

Bis heute bin ich auf keinen Emigranten gestossen, der die Fremde nicht beklagt hätte. Das ist nicht nur in der Schweiz so.

Einmal sagte ein Nachbar meiner Eltern, der sich einige Jahre nach den anderen Landsleuten im Dorf angesiedelt hatte, dass er als Fremder gesehen würde selbst dann, wenn er auf den höchsten Punkt des Minaretts steigen und vierzigmal wiederholen würde, er sei ein Einheimischer.

So gesehen könnte man die Begegnungen mit dem Fremdsein mit einem Kaktus vergleichen. Man sollte ihn auf dem Nachhauseweg so zu halten wissen, dass er einen nicht sticht, bevor er blüht. Bis heute erzähle ich meistens von der schöneren Seite dieser Pflanze. Die schmerzlichen folgen vielleicht später.

Einmal sass ich in Winterthur in einem Café. Um diese spätere Vormittagszeit würden hier nur Pensionierte und Arbeitslose Kaffee trinken und dabei selten mit Noten bezahlen, sagte mir einmal die Serviererin und fragte mich, von welcher Sorte ich sei. Während ich nun also die Tageszeitungen durchblätterte, merkte ich, dass ein gut aussehender, älterer Mann mich unaufhörlich beobachtete. Weder er noch ich konnten uns wirklich auf unsere Zeitungen konzentrieren. Kurz darauf fragte er mich in vier Sprachen – Englisch, Spanisch, Französisch, sogar Serbokroatisch –, nicht aber auf Deutsch, woher ich komme. Ich, an diesem Tag gut gelaunt, entgegnete spontan, dass ich Tessiner sei.

Der Mann prüfte mich mit strengem Blick. Schliesslich richtete er seine Hand gegen mich. «Nein», sagte er auf Deutsch, «Sie sehen gar nicht so aus!»

«Doch, doch. Ich komme aus dem Tessin. Ich bin ein Neffe von Franco Cavalli», gab ich gelassen zur Antwort.

Er staunte. Dann sprach er zum Nebentisch, an dem drei Frauen sassen: «Wer isch de scho wider gsi?»

«Das ist der Arzt, der seinen Lohn mit dem Spital teilt!», klärten ihn die Frauen auf.

Der Mann war einen Moment lang stumm. Dann, mich anstarrend, verkündete er mit lauter Stimme: «Hochachtung! Hochachtung!»

Er las weiter in seiner Zeitung und ich in meiner. Ohne mein «fremdes» Aussehen in diesem Café hätte ich diese Geschichte wie viele andere wohl verpasst.

Einige davon möchte ich hier erzählen.

Modernes Leben: Über eine «ekstatische» Zeitschrift

Die folgende Geschichte trug ich längere Zeit mit mir herum, und als ich dann von der jungen Frau träumte, die sie mir anvertraut hatte, entschloss ich mich, sie aufzuschreiben. Nennen wir die junge Frau Ayla. Sie ging in einer aargauischen Kleinstadt zur Schule, und in jenem Sommer freute sie sich über den Beginn der Sommerferien. Am letzten Schultag kam ihre Busenfreundin Nadia nicht mehr zur Schule, weil sie schon in den Urlaub gefahren war. Ayla hatte nicht nur das Mathebuch der Freundin in ihrem Schulsack, sondern auch ihre Schminktasche und eine Aufklärungszeitschrift für Mädchen.

Ayla rief Nadia aufs Handy an, um zu fragen, wo sie ihre Sachen deponieren solle. Nadia lag schon am Strand und liess Ayla durch das Telefon das Meeresplätschern hören. Dieser blieb nichts anderes übrig, als auch die Zeitschrift nach Hause mitzunehmen.

Zu Hause musste Ayla ihren Koffer packen für die jährliche Reise ins anatolische Dorf in der Türkei. Sie warf alle wichtigen Sachen in den Koffer, darunter unzählige Geschenke für die vielen Cousinen. Mit Mühe und Not schloss sie ihr übervolles Gepäckstück, während ihr Vater daneben stand und das Reglement der Fluggesellschaft so gewissenhaft vorlas, als würde er aus den heiligen Schriften rezitieren: «Jeder Passagier darf nur zwanzig Kilo Reisegepäck mitnehmen!» Er hob Aylas Koffer in die Luft und seufzte: «Tochter, das sind mindestens dreissig Kilo!»

Ayla musste ihren Koffer um zehn Kilo erleichtern. Aber wie sollte sie das bewerkstelligen? Sie hatte ja nur Wichtiges eingepackt. Der über den Koffer gebeugte Vater beäugte alles, was da wieder zum Vorschein kam, mit kritischer Miene. Plötzlich – «schnell wie ein Adler», wie Ayla sagte – griff er zu und schnappte sich die Zeitschrift, auf deren Frontseite zwei sich auf die Lippen küssende Teenager im Alter von Ayla abgebildet waren.

«Was ist denn das? Welche unverschämte Person liest sowas?», fragte er laut und vorwurfsvoll, als hätte Ayla Drogen in ihren Koffer gepackt.

Ayla sagte mit zitternder Stimme, dass diese Zeitschrift Nadia gehöre.

Der Vater war beruhigt. Es war zum Glück nicht seine gut erzogene Tochter, die ihr Taschengeld «für so etwas Ekstatisches» ausgab. Er wickelte die Zeitschrift zuerst mit spitzen Fingern in ein Papier ein und steckte sie so in eine Plastiktüte. Er fuhr zu Nadias Eltern, wo er das gefährliche Presseerzeugnis in den Briefkasten warf.

Die Ankunft der Familie im anatolischen Heimatdorf war wie immer mit schönen Begegnungen verbunden. Nach der Begrüssungszeremonie, bei der die Tränen des Wiedersehensglücks flossen, wurde Ayla von ihrer Cousine, die ungefähr gleich alt war, in ihr Zimmer eingeladen. In diesem Zimmer war inzwischen eine kleine Bibliothek eingerichtet worden, und zu Aylas Überraschung lagen da auch mehrere türkische Versionen jener Zeitschrift, die Aylas Vater im aargauischen Städtchen als «ekstatisch» bezeichnet hatte.

Diesmal war es Ayla, die aufgeregt war. Sie empfahl ihrer Cousine, die Zeitschriften so schnell wie möglich zu verstecken, bevor ihr Vater diese Gefahr entdeckte.

Die Cousine konnte die Angst Aylas überhaupt nicht verstehen. Es war ihr Vater, der die Zeitschriften in der Kreisstadt für sie kaufte, wenn er jeweils donnerstags auf den Markt ging.

Da erinnerte sich Ayla, dass ihr Vater seinen jüngeren Bruder, der im Dorf geblieben war, einmal als einen bezeichnet hatte, der das moderne Leben nicht kannte, weil er nie weit gereist war.
Der Landbote, 20. September 2012
Lesefieber, 25. September 2012
Saiten, Oktober 2012
Deutscher Bibliotheksdienst, 12. November 2012
WochenZeitung, 10. Januar 2013
P.S., 17. Januar 2013
doppelpunkt, 15/2013, 11.04.2013
Neue Zürcher Zeitung, 2. Mai 2013
Terra cognita. Schweizer Zeitschrift zu Integration und Migration 22/2013
Literarischer Monat, März 2013
Sonntag / doppelpunkt, 27. Juli 2013
Schweizwochen.de 30. September 2013

«Yesilöz versteht es, mit knappen Strichen eine spannungsgeladene Situation zu skizzieren, die nach einer Auflösung verlangt. In bester orientalischer Erzähltradition erfindet er Geschichten, die das Leben so schreiben könnte — und manchmal hat es sie auch genau so geschrieben. Yesilöz ist ein genauer Beobachter und passionierter Geschichtenerzähler.» Der Landbote

«Diese Kurzgeschichten sind kleine Episoden von einem Schweizer, der wegen seiner mittelanatolischen Wurzeln das Glück hat, nie als Bünzlischweizer bezeichnet zu werden und das Pech, wohl niemals ganz ohne Vorurteile von anderen Eidgenossen angesehen zu werden. Aber diese Tatsachen lassen ihn herrlich direkte, couragierte Geschichten über unser schönes Land, unsere Politik und unser Zusammenleben mit anderen Kulturen verfassen.» Lesefieber

«Yesilöz ist ein wacher Beobachter, der durchaus um den Ernst der Lage weiss, klug reflektiert und über ein gut ausgebildetes Sensorium für die alltäglichen Absurditäten im Alltag der ‹west-östlichen Begegnungen› in der Schweiz verfügt. Es fällt viel leichter, einen Kebab zu essen, als das eigene Denken und Verhalten zu hinterfragen. Dabei können diese lesenswerten Kolumnen auf vergnügliche Weise helfen.» Saiten

«Die Texte erzählen kurze Episoden, hinter denen sich jedoch eine Menge Tiefgang verbirgt.» Deutscher Bibliotheksdienst

«Ganz der Yesilöz, wie wir ihn kennen, befasst er sich mit einer bildstarken und schnörkellosen Sprache mit SchweizermacherInnen, die die Gemeinschaftsgartenbenutzung nur mittwochs erlauben, oder mit Landsleuten aus der Türkei, für die erfolgreiche Integration darin besteht, dem eigenen Kebabladen einen poppigen Namen à la Burger King zu verleihen.» WOZ

«Ein sehr amüsantes Büchlein.» P.S.

«Schreiend komisch oder bitterböse regen seine kurzen Texte auf jeden Fall zum Nachdenken über so manche Absurditäten unseres multikulturellen Alltags an.» doppelpunkt

«Das hängt vor allem auch damit zusammen, dass Yeşilöz mit viel Selbstironie gleichsam aus doppelter Perspektive schreibt: Als in der Schweiz eingebürgerter Türke kennt er die Empfindlichkeiten der Einheimischen so gut wie jene der Immigranten. So kann er den Zusammenprall der Kulturen aus intimer Kenntnis und gleichwohl mit analytischer Distanz darstellen und aufs Korn nehmen. Auf diesem Grenzgang zwischen den Milieus spielt er geschickt mit Stereotypien und unterläuft sie gleichzeitig in souveräner Manier.
Und wenn ihm dann noch ein Bonmot seiner Grossmutter einfällt – etwa darüber, was mit einem Huhn geschieht, das so grosse Eier legen möchte wie eine Gans –, dann fügt sich zur Parodie die erfrischendste Komik. Dahinter wird freilich ein ernsthaftes Anliegen sichtbar: Migration betrifft nicht allein die Zuwanderer. In den damit verbundenen sozialen Prozessen verwandeln sich alle, zur Integration kommt auch ein Stück Desintegration der Einheimischen.» Neue Zürcher Zeitung

«Ohne zu beschönigen, aber mit feinem Humor zeigt Yusuf Yesilöz die Menschen beim Üben des neuen Zusammenlebens.» terra cognita

«Schreiend komisch und bitterböse regen seine kurzen Texte zum Nachdenken über so manche Absurditäten unseres multikulturellen Alltags an.» doppelpunkt und Sonntag
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