Aufbruch in die Gegenwart

Aufbruch in die Gegenwart

Die Schweiz in Fotografien 1840-1960 / La Suisse en photographies 1840-1960 / La Svizzera in fotografie 1840-1960. Mit Fotografien u.a. von Theo Frey, Jakob Tuggener, Gotthard Schuh, Walter Mittelholzer, Ernst Brunner, Christian Schiefer, Albert Steiner,

Mit Texten von Peter Herzog, Ricabeth Steiger / Herausgeber Schweizerisches Nationalmuseum

gebunden, 184 Seiten, durchgehend 4-farbige Fotos

Oktober 2009
SFr. 48.–, 54.– €
ISBN 978-3-85791-593-2

Die Sammlung Herzog im Landesmuseum Zürich dokumentiert auf einmalige Weise Wachsen und Werden der modernen Schweiz. Die wertvollen, grossteils raren Fotografien decken ein Jahrhundert ab, weisen auf die Ursprünge zurück, zeigen Schritt für Schritt, wie die Gegenwart sich formt. Die Foto-Auswahl des Bandes wird so zu einem Schweizer Spiegel, der facettenreich, immer überraschend, manchmal nostalgisch und oft witzig ein kleines Universum abbildet, in dem das Private und das Öffentliche im Dialog sind. Diese Fotografien machen den Weg sichtbar, den das Land und seine Gesellschaft in ihrem ersten Jahrhundert von der Gründung des Bundesstaates bis zur Schweiz an der Schwelle zu Europa zurückgelegt hat.

Dieter Bachmann
Bildrechte: Ayşe Yavaş
Dieter Bachmann, geboren 1940 in Basel, 1988–1998 Chefredaktor der Zeitschrift «du», Autor der Romane «Rab», «Der kürzere Atem» und «Grimsels Zeit». Publizist und Herausgeber zahlreicher Sachbücher. Im Limmat Verlag erschienen zuletzt der Fotoband «Aufbruch in die Gegenwart. Die Schweiz in Fotografien 1840–1960», der erzählende Essay «Unter Tieren» sowie der Roman «Die Gärten der Medusa».
Schweizerisches Nationalmuseum
Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint. Die Museen präsentieren Schweizer Geschichte von den Anfängen bis heute, und erschliessen – auch mit temporären Ausstellungen zu aktuellen Themen – die schweizerischen Identitäten und die Vielfalt der Geschichte und Kultur unseres Landes.

Das Landesmuseum Zürich ist das meist besuchte historische Museum der Schweiz. Das Sammlungszentrum verfügt mit über 820'000 Objekten über die grösste Sammlung zur Kulturgeschichte und dem Kunsthandwerk der Schweiz. Am Sitz des Sammlungszentrums sind nebst den Sammlungen auch die Ateliers der Konservatoren-Restauratoren, das Laboratorium für Konservierungsforschung sowie die Objektregistrierung und -logistik, das Leihwesen sowie das Fotoatelier unter einem Dach vereinigt.

«Ein hervorragender Begleitband zur Ausstellung.» NZZ

«Schön, dass es dieses Buch gibt.» Deutscher Buchmarkt

«Der Aufbruch bedeutete irgendwann auch einen Bruch. Die Schweiz, wie sie einmal war und in den Fotografien aus der ehemaligen Basler Sammlung Herzog für die Nachwelt konserviert ist, ist so nicht mehr. Nicht dass die Schwarz-Weiss- und teilweise auch farbigen Bilder von Landschaften, Menschen und Bauten Dieter Bachmann melancholisch oder gar sentimental gestimmt hätten, als er sie bei der Erarbeitung des hervorragenden Begleitbands zur Ausstellung im Landesmuseum sichtete. Vielmehr entdeckt der in Italien lebende ehemalige «Du»-Chefredaktor in all diesen Fotografien eine durchaus erschütternde Wahrheit: eine alte Schweiz, die «versank, mit Mann und Maus, mit Dällebach Kari und Polizischt Wäckerli, mit der ganzen Schweizersschweiz, der Bichselbeiz – was allem Anschein nach doch eine Identität gewesen war», wie er im Vorwort schreibt.» NZZ

«Die dreiteilige Ausstellung führt eines klar vor Augen: Der Wandel hat nicht nur die Gesellschaft beschleunigt, sondern auch den Menschen. Aus den Fotografien spricht uns eine antiquierte Auffassung von Zeit an. Das Unbewegte der Fotografie bekommt damit eine zusätzliche Bedeutung in der frühen Phase dieses Mediums: Es gab damals stets viel Armut, aber wenig Bewegung. Erst mit der Industrialisierung und dem damit einhergehenden Individualisierungsschub wird das Land aus seiner Starre und geografischen Enge erlöst und in die Zukunft katapultiert. Dieser strukturelle Wandel hat die Individuen nachhaltig geprägt – ein Prozess, der bis heute andauert.
Vielleicht ist es dieser Bruch, der uns die Distanz zu den Vorfahren als unüberbrückbar empfinden lässt. Es ist das Verhältnis zur Zeit, das unser Sein bestimmt – und nicht umgekehrt. Auch dies können die Besucher in dieser überragenden Schau lernen.
Im Limmat Verlag ist dazu ein empfehlenswertes Buch mit 106 Fotografien erschienen.» Tages-Anzeiger

«Herzogs Sensibilität für ‹die kleinen Leute› und ihre Lebenshöhepunkte (Hochzeiten u. Ä.) liefert der Ausstellung einige emotionale Höhepunkte.» Aargauer Zeitung

«Den Schreibenden besonders beeindruckt hat ein Foto im Thema Verkehr: ein Zeltplatz Mitte der Fünfzigerjahre, mit luftig flatterndem Zelt, Camping-Grill und einem Volkswagen auf dem Tücher trocknen. Genauso wie er es selbst als Bub erlebt hatte. Wie fern das ist. Ältere Besucher werden bei etlichen Bildern sagen können: Genau so war es damals! Jüngere können fragen: So war es früher?» Die Südostschweiz

«Das Landesmuseum trumpft mit einer grandiosen Schau rarer Bilder aus der Frühzeit der Fotografie auf. Sie erzählen davon, wie die moderne Schweiz entstand. Die Sammlung Herzog beinhaltet viele anonyme Bilder von Amateurfotografen. Diese zeichnen ein besonders alltagsnahes Bild der Geschichte.» Züritipp

«Eine wunderbare Fotoausstellung im Landesmuseum zeigt eine Geschichte der Schweiz mit vielen neuen Geschichten. ... Die Bilder sind ebenbürtig, sowohl motivisch wie qualitativ. Denn das sind die Stärken der Sammlung und das ist Herzogs Art: Er setzt (zusammen mit der Kuratorin Ricabeth Steiger) Bilder von berühmten Fotografen wie Theo Frey, Gotthard Schuh oder Hans Hinz, die sonst im Fotomuseum Winterthur mit grossen Einzelausstellungen geehrt werden, auf gleiche Stufe neben Bilder von anonymen Fotografen, vulgo Knipsern. Und er setzt Fotografien von berühmten Persönlichkeiten wie General Ulrich Wille, Albert Schweitzer oder Johanna Spyri auf gleiche Ebene wie Porträtbilder von Menschen ‹ohne Namen› oder öffentlich Funktion. Dies macht die Ausstellung einzigartig.» Basler Zeitung

«Die Inszenierung dieser spannenden Schau lag in den Händen von Ricabeth Steiger, Kuratorin der Ausstellung, und bei Peter Herzog von der Fondation Herzog. Mit einer sorgfältigen Auswahl aus der zur Verfügung stehenden Flut von Fotografien nehmen die beiden das Publikum mit auf eine faszinierende Reise durch eine Schweiz, die es so nicht mehr gibt. Man staunt und man amüsiert sich über Situationen und Personen, die ihre Spuren hinterlassen haben.» Zürich West

«‹Aufbruch in die Gegenwart› ist ein Bildband der besonderen Art, nahe an der Wirklichkeit und am Alltag der Menschen, die diese Wirklichkeit menschenfreundlich zu gestalten haben.» Schweizer Monatshefte

Von den Alpen her auffrischender Talwind

Erst wenn es fehlt, merken wir, dass wir es hatten. Verblüfft sehen wir uns um. War es nicht eben noch da? Wann haben wir es verloren? Wo? Wo ist es geblieben?

Genauso ist jene Schweiz verschwunden, man könnte sagen: verduftet, die im Wandel der Zeiten doch eine Art Kontinuum gewesen war. Nämlich von 1848, der neuen Bundesverfassung, über das Fin de Siècle, das man in diesem Land genauer eine Gründerzeit nennt, also vom «Grünen Heinrich» bis zum «Salander», und von Spitteler bis Frisch, über den Ersten Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit samt Wirtschaftskrise, den Zweiten Weltkrieg, die Zeit der Hochkonjunktur ... ja, bis wann denn? Bis 1968, bis 1981? Bis zum UNO-Beitritt, bis zur Globalisierung, die der einsam-selbständigen Schweiz endgültig den Garaus gemacht hätte? Bis zum Zusammenkrachen der Swissair, oder zu jenem Epochenwechsel, 2008, als eine so hochnäsige Bank wie die UBS vor dem Bundeshaus auf den Knien lag? Oder schon nach 1989, als die Welt in Europa eine andere wurde?

Es fehlt etwas.

Der Geruch des Spezereiwarenladens mit Maggi-Würsten und Kernseife schon lange. Die Misthaufen vor den Bauernhäusern verschwanden in den Fünfziger-, den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Auf einmal sahen junge Frauen nicht mehr aus wie alte junge Frauen, also nicht mehr wie die auf dem Foto von Theo Frey auf Seite 154, sondern wie junge. Die Landwirtschaft stellte auf Maschinen um, und die Sense kam an die Wohnzimmerwand, über das neue Cheminée, wo schon der Rückentragkorb und das Käsereff hingen und die strohummantelte Chiantiflasche. (Das Cheminée, das auch einmal seine Kulturgeschichte verdiente: von der Steinzeit zum Deko-Brand.) Die winterlichen Eiskristalle an den Fenstern verschwanden mit der Doppelverglasung, und irgendwann gab es am Fahrrad keinen Dynamo mehr. Wann? Stationen auf einem Weg, den man den Fortschritt nennt, einst so stolz, gegenwärtig eher verächtlich ...

Aber wann war das, als die Alte Schweiz versank, mit Mann und Maus, mit Dällebach Kari und Polizischt Wäckerli, mit der ganzen Schweizersschweiz, der Bichselbeiz – was allem Anschein nach doch eine Identität gewesen war?

Es wird wohl so sein wie beim Problem des Stilwandels (... wann endet die Klassik und wann beginnt die Romantik? ...), das Emil Staiger, auf seinen Vorgänger Emil Ermatinger sich berufend, so erklärte: Sie können, sagte Staiger, um festzustellen, wann ein frisches Brötchen altbacken wird, die ganze Nacht davor verbringen – am Morgen wird es hart sein, und Sie werden nicht sagen können, wann das geschehen ist.

Jedenfalls, etwas ist weg, etwas fehlt, und wenn wir die Fotos in diesem Band und die Fotos der Ausstellung «Aufbruch in die Gegenwart» ansehen, dann ahnen wir, dass es endgültig zu Ende ist, hopp und ade, mitsamt dem schwierigen 20. Jahrhundert, das sich so grausam schnell von uns entfernt.

Als wir es hatten, da waren wir. Jetzt sind wir nur noch gewesen.

«La Suisse n'existe pas», schrieb Ben Vautier 1992 in den Schweizer Pavillon der Weltausstellung von Sevilla; er meinte es wohl anders, als es der Skandal verstehen wollte, der daraus gekocht wurde; aber sie existierte sehr wohl noch, die Schweiz, damals. Doch müsste Vautier heute sagen: «La Suisse n'existe plus».

Die Bichsel-Schweiz (um das Jüngstvergangene mal so zu nennen) ist am Untergehen; vielleicht hält sie sich grad noch so knapp zwischen Solothurn und Herzogenbuchsee.

Dafür ist Europa Wirklichkeit, Beitritt hin oder her.

Und es hat sich viel verändert.

Zum Beispiel sind wir geruchlos geworden. Wir haben es auf unsere pragmatisch-tüchtige Art geschafft, wie die andern zu werden, so international, so polyglott und zugeschliffen zu sein wie der Flughafen Basel–Mulhouse–Freiburg, der gleichzeitig praktisch, hygienisch, neutral – und überaus brauchbar ist. Wir haben es endlich geschafft, in der Gegenwart anzukommen. Und in diesem Augenblick stellen wir fest, dass sich die Vergangenheit hinter uns wie die Höhle des Ali Baba verschliesst.

(...)


herzog.aufbruch.bundesfeier1901

August Häflinger (1867–1939) | Basler Bundesfeier 1901 (400-Jahr-Jubiläum des Basler Beitritts in die Eidgenossenschaft), 12 kostümierte Bannerträger | Fête nationale à Bâle en 1901 (commémoration du 400ème anniversaire de l’entrée de Bâle dans la Confédération), 12 porte-étendards en costume | Festa nazionale a Basilea nel 1901 (commemorazione del 400.mo anniversario dell’adesione di Basilea alla Confederazione), 12 portabandiera in costume | Kolorierter Albumin-Abzug, 1901. 27 x 39 cm. LM-112402

herzog.aufbruch.flugschau
Heinrich Wild (Lebensdaten nicht bekannt) | Militärische Flugschau: Typ DH3 | Meeting d’aviation militaire: type DH3 | Meeting di aerei militari: tipo DH3 | Gelatinesilber-Abzug, um 1927. 8,9 x 13,9 cm. LM-101343

herzog.aufbruch.obstbaukurs
Fritz Fankhauser (1866–1940) | Obstbaukurs Biglen 1920 (Bern) | Cours d’arboriculture à Biglen, 1920 (Berne) | Corso di frutticoltura a Biglen 1920 (Berna) | Gelatinesilber-Abzug. 16,9 x 12,1 cm. LM-112624

herzog.aufbruch.schweinemarkt
Mangold (Lebensdaten nicht bekannt, Amateurfotograf) | Thun, Schweinemarkt («Säu-Märit»), Mai 1934 | Thoune, marché aux cochons («Säu-Märit»), mai 1934 | Thun, mercato dei maiali («Säu-Märit»), maggio 1934 | Gelatine-Trockenplatte, Stereodia-positiv. 6 x 6 resp. 12,9 cm. LM-80513.360

 

Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt: Für Verwendung irgendwelcher Art wenden Sie sich bitte an die Fondation Herzog.