Sturz ins Blaue
Roman
Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle
gebunden, 152 Seiten
August 2011Georges vom Pokk ist Ingenieur, Experte für nukleare Sicherheit. Geschieden nach einer lauen Ehe, lebt er für die Arbeit und reist für seine Firma in der Welt umher. Seine Gefühle hat er im Griff wie die Mailbox, die seinen Freunden automatisch zum Geburtstag gratuliert. Nach dem Rückflug aus Japan wird er mit anderen Passagieren am Flughafen in Quarantäne zurückgehalten. Da ist auch Tschaka, eine Tschetschenin auf der Flucht. Und plötzlich schlägt vom Pokks erst sachliche Neugier am Schicksal der Asylsuchenden in Liebe um, es kommt zu einer emotionalen Kernschmelze. Sein Sicherheitssystem bricht zusammen, er verliert die Kontrolle, beginnt sich für sie zu engagieren. Er tut Dinge, die in seinem Leben bisher nicht vorgesehen waren – aber da ist sein neues Leben auch schon zu Ende. 'Daniel de Roulet zieht alle Register des Tragikomischen und erinnert gleichzeitig daran, dass es nie zu spät ist, seinem Leben einen Sinn zu geben.' Le Figaro

Bildrechte: Ayşe Yavaş
Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.
Pressestimmen
«Weniger das Drehbuch des Geschehens, das sich für einen Actionfilm anbieten würde, steht im Vordergrund, sondern die emotionale ‹Kernschmelze›, die Georges durchmacht. Dabei grenzt sich de Roulets Figur von aller ideologischen Vereinbarung ab.» St. Galler Tagblatt
«In geschliffener klarer und leicht ironischer Sprache verbindet Daniel de Roulet aktuelles tagespolitisches Geschehen mit einer aus der Sicht des Ich-Erzählers geschilderten intensiven Beziehungesgeschichte.» ekz Bibliotheksservice
«Mit ‹Sturz ins Blaue› setzt der Genfer Autor Daniel de Roulet die als ‹Blaue Serie› createde fünfteilige Reihe um den Familienclan vom Pokk fort und beweist wieder einmal sein Gespür für die wichtigen Themen der Gegenwart.» WOZ
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Entschuldigung, hätten Sie vielleicht ein Ladegerät?
Für Ihr Handy? Hängt vom Modell ab.
Nur für eine Stunde, wir haben im selben Flugzeug gesessen.
Ja, ich komme aus Osaka.
Auf dem Hinflug, letzten Freitag.
Ach so. Sie hatten mich bemerkt?
Ich heiße Tschaka. Und Sie?
Ich bin Herr vom Pokk, das heißt, Georges.
Mit Doppel-K, ich sehe es auf Ihrem Namensschild.
Mit dem gleichen bestimmten Schritt kehrt sie zu dem Sessel zurück, der ihr als Domizil dient. Ich beobachte sie, wie sie eine Steckdose sucht, das Ladegerät einsteckt, ihr Handy anschließt, zu telefonieren beginnt. Ihre Arme geraten in Bewegung, begleiten ihre Sätze. Dann öffnet sie ihre Reisetasche und durchwühlt sie lange. Hat sie etwas verloren?
Spricht sie mit jemandem, der sie hier rausholen soll? Erstattet sie ihren terroristischen Vorgesetzten Bericht? Leute, die telefonieren, starren einen an, ohne einen zu sehen, ganz durch den Gesprächspartner abgelenkt. Tschaka scheint mich zu mustern, während ihre Hand ferne Sätze unterstreicht. Dieser Name. Ist sie Russin? Ihr leichter Akzent ist mir aufgefallen. Bei «Ladegerät » hat sie das R gerollt. Das Rot ihres Kleides beißt sich mit dem ihrer Tasche. Aber das geht mich nichts an.
Später ertönt die Durchsage, Reisende, die dies wünschten, könnten jetzt ihre Zimmer beziehen. Sie bräuchten nur am Schalter ihren Zimmerschlüssel in Empfang zu nehmen. Da die Ladezeit für das Handy noch nicht um ist, zögere ich aufzustehen, studiere weiter schwarze Zahlen, bunte Grafiken, Quellenangaben im hinteren Teil des Ordners. Verstohlen, aber regelmäßig werfe ich einen Blick auf Tschaka.
Nach und nach leert sich der Saal. Die Reisenden gehen auf ihre Zimmer. Ich muss mich entscheiden. Tschaka steht auf, ich ebenfalls, schwer zu sagen, wer die Initiative ergriffen hat. Sie streckt mir das Ladegerät entgegen, an dem das Kabel herunterbaumelt.
Danke, Georges.
Behalten Sie es ruhig noch.
Nein. Hatten Sie meine Handschellen bemerkt?
Stoffhandschellen.
Ich hatte versucht, in Ihr Land einzureisen.
Das ist schwierig geworden.
Ich versuche es gerade wieder.
