Die Stimme des Atems
Ernst Halter

Die Stimme des Atems

Wörterbuch einer Kindheit

320 Seiten, 15 x 22 cm, gebunden mit Schutzumschlag
September 2003
SFr. 36.–, 36.– € / eBook sFr. 29.–
exklusiv als E-Book erhältlich
978-3-85791-434-8

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Ernst Halter erinnert sich an seine Kindheit in der Kleinstadt Zofingen während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es sind sehr genaue und stimmungsreiche Erinnerungen an Schule und Krieg, an Stadtbewohner, Vorfälle und Unfälle, Spiele und Krankheiten, Fabriken, Bücher, an Freiheiten und Zwänge. Eingeschoben sind Artikel aus dem «Zofinger Tagblatt», die den öffentlichen Raum spiegeln, in dem sich das Kind bewegt.

Die Erinnerungen sind nicht eine nachträgliche Erzählung einer Identität, sondern bleiben als Wörterbuch fragmentarisch und offen. Durch das Verweissystem zwischen den Stichworten entsteht ein dichtes Netz an Bildern und Geschichten, die zur Geschichte eines Aufwachsens werden wie zur Chronik einer Epoche aus Kinderperspektive. Und gleichzeitig zur persönlichen Mitteilung über den Schmerz und das Glück zu leben.

«Was ich gelernt habe: Wie viel mir erspart geblieben oder nicht zugemutet worden ist. Unverdient.»

Ernst Halter
© Werner Erne

Ernst Halter

Geboren 1938 Zofingen (AG), Schweiz

1958–1966 Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Geschichte in Genf und Zürich

1962–1963: Aufenthalt in England

1967–1968: Redaktionsassistent bei der Kulturzeitschrift «du»

1968–1969: Lektor des Verlags Fretz & Wasmuth, Zürich

1970–1985: Cheflektor des Verlags Orell Füssli, Zürich

ab 1986/87: freischaffend als Schriftsteller, Publizist und Herausgeber, Redaktor, Lektor, Berater beim Offizin Verlag, Zürich, auf den Gebieten Volkskunde, Photographie, Kulturgeschichte, Kunst

Verheiratet mit der Lyrikerin und Schriftstellerin Erika Burkart.

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Markt

Jeden Monat, ausgenommen, glaube ich, November, besetzte der Markt für einen Tag die Stadt und erinnerte deren Bürger an das einträglichste und dauerhafteste Recht, das sie den Dörflern voraushaben. Hundert Mal hätte ich Gelegenheit gehabt, mich im sogenannten Markttreiben zu verlieren. Nun, wir hatten ja, was wir brauchten. Doch befriedigt ein Markt nicht genau jene Bedürfnisse, auf die man verzichten kann? Wer lebt von Magenbrot und Luftballons? Grad deshalb bleiben sie Schlager. Gott weiss, was mich abgehalten. Eine gewisse Distanz zu den einfachen Vergnügungen? Schickte sich der Markt für unsereinen nicht ganz? Denn an diesem Tag schwappte das Landvolk in die Stadt, willkommen, gewiss, doch von den ansässigen Ladenbesitzern pauschal bedient und kurz geschoren und von den Marktfahrern mit stimmgewaltiger Jovialität eingeseift. Die Bauern, Fabrikler und Kleinhandwerker der Dörfer gingen meist in dunklen Halbleinenanzügen und schwarzen Marschschuhen mit runder Stosskappe, unter den Scharen von Frauen etliche in Aargauer oder Luzerner Werktagstracht. Immer friedlich. Alles war halb so teuer und doppelt erstklassig, und die Landleute schienen, obwohl es damals nur fürs Währschafte reichte, den falschen Schwüren der Ausrufer aus irgendeinem Grund Glauben zu schenken.

Zwei- oder dreimal pro Jahr stand an langen Eisenbarren Grossvieh auf dem Thutplatz; Muhen und Gebrüll hallte von den kahlen Fassaden wider. Ferkel wurden an jedem Markttag gehandelt. Erinnerlich ist mir das den Platz aufreissende Kindergequietsch, wenn sie von Bauernhänden aus dem Karren gehoben und, als wären’s Zwiebeln oder Lauchstengel, an den Hinterbeinen oder Ohren durch die Luft geschwenkt und vom Metzger auf Schlachttauglichkeit geprüft wurden. Ein Wehgeschrei wie am Spiess, ich hätte davonrennen mögen und konnte es nicht.

Der Markt füllte die Plätze und Gassen, man schlüpfte zwischen Hosen und Röcken durch. Doch die unwiderstehliche Faszination, welche Märkte auf Kinder ausüben sollen, hat mich nie gepackt; der Trubel blieb ein exotisches Geschehen. Ich kam mir vor wie Lederstrumpf aus dem Urwald, der sich, voller Misstrauen ob dem bunten lauten Treiben der Siedler, zu den Wölfen zurücksehnt und die paar Dollars fest umklammert. Ramsch, das alles! Die Juchtenstiefel, ohne die er im Winter erfrieren würde, das wasserdicht gedeckelte Pulverhorn, die unverwüstliche lederne Jagdtasche, den blauen Regenschirm mit Stahlspitze zur Abwehr der lästigen Braunbären am Lagerfeuer, das alles wird er hier nicht finden, höchstens Kugeln und seinen holländischen Knaster. Ich hatte die Meinung der Eltern übernommen, die nie auf dem Markt eingekauft haben.

(…)
Schweizer Buchhandel 16/2003
Drehpunkt 117, Oktober 2003
Aargauerzeitung, 29. Oktober 2003
Berner Zeitung, 4. Dezember 2003
Radiomagazin 51/52 2003
Neue Zürcher Zeitung, 22. Januar 2004
Reformatio Nr. 1, März 2004
Wir Eltern, Juni 2004

«Selten ist in der Schweiz Kindheit poetischer beschrieben worden. Die Präzision seiner Sprache, die Aufrichtigkeit seiner Gedankengänge erlauben einen Zugang zu einer Epoche der Schweiz, der nicht die geringsten Verzierungen oder Schnörkel aufweist und dadurch zu eben diesem fesselndem Dokument Kindheit wird. Halter hat sich für eine ganze Generation erinnert.» Schweizer Buchhandel

«Dieses Buch wird bleiben, da bin ich mir fast sicher, manche Bilder gleichen geschliffenen Steine, die von innen heraus leuchten und für sich stehen können.» Die Reformation

«Das ist keine Auflistung der Defizite und ewigen Frustrationen, die einer beim Schicksal oder der Umwelt einklagt, sondern ein so verhaltenes wie raffiniertes Selbstporträt - und die schönste Zusammenfassung eines ungewöhnlichen Buches.» Drehpunkt

«Gedächtnissplitter und Gedankenfetzen, reizende Bilder und merkwürdige Begebenheiten, kleine Porträts, pietistische Bekenntnisse und originelle essayistische Betrachtungen finden sich in ‹Die Stimme des Atems› zwanglos, doch nicht beliebig zusammengefügt.» Neue Zürcher Zeitung
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