Fest in Rima
Plinio Martini

Fest in Rima

Geschichten und Geschichtliches aus den Tessiner Tälern

Übersetzt von Susanne Hurni

150 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
August 1999
SFr. 29.–, 18.– €
vergriffen
Titel der Originalausgabe: «Delle streghe e d
978-3-85791-338-9

Schlagworte

Tessin
     
Mit den beiden Romanen «Nicht Anfang und nicht Ende» («Il fondo del sacco» und Requiem für Tante Domenica» («Requiem per zia Domenica») hat sich Plinio Martini einen festen Platz in der Tessiner Literatur der Gegenwart gesichert. Er ist ein genauer Kenner der Tessiner Geschichte, des Volksaberglaubens und der Institution der Kirche im Leben der Täler. In der vorliegenden Sammlung mit seinen historischen und vokskundlichen Texten setzt er sich mit dem Tessin seiner Vorfahren auseinander. Er schildert das elende Leben, das die armen Bauern des Maggiatales in die Emigration nach Australien getrieben hat, und er polemisiert vor allem gegen das Bild eines pittoresken und folkloristischen Tessins.
Plinio Martini
© Limmat Verlag

Plinio Martini

Plinio Martini, geboren 1923 in Cavergno, wuchs als Sohn eines Bäckers mit sieben Brüdern in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach seiner obligatorischen Schulzeit besuchte Martini das Lehrerseminar in Locarno und unterrichtete anschliessend in Cavergno und später in Cevio. Martini heiratete und wurde Vater von drei Kindern. In den 60er Jahren erkrankte er erstmals an einem Hirntumor, an welchem er nach jahrelangem Leiden 1979 im Alter von 56 Jahren erlag. Erste Erzählungen konnte Martini Anfang der 1950er Jahre im «Giornale del popolo» veröffentlichen. 1951 und 1953 erschienen die Gedichtbände «Paese così» und «Diario forse d'amore». 1970 folgte sein erster Roman «Il fondo del sacco», der vier Jahre später in der deutschen Übersetzung unter dem Titel «Nicht Anfang und nicht Ende» erschien. Sein zweiter Roman «Requiem für Tante Domenica» erschien 1975 in deutscher Sprache. In seinem Werk hat Martini die klischierten Tessinbilder revidiert. Er gehört längst zu den Klassikern der Tessiner Literatur.

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Man kann nie vorsichtig genug sein 7
Fest in Rima 15
Geschichte eines Friedhofs 21
Das Blechtrompetchen 33
Das Dorf Boschetto 43
Gewalt 51
Die Frau des Straßenwärters 63
Von Cavergno nach Australien 73
Hexen, Teufel und schwarze Katzen 85
Sprichwörter und Redensarten aus meinem Dorf 97
Beichte 113
Ambrogio zum Gedenken 123
Barocke Wetterkunde 135
Nachwort 149

Nachwort

Plinio Martini, der Schriftsteller aus Cavergno, ist am Morgen des 6. August 1979, sechsundfünfzigjährig, in seinem Heim gestorben.

Sein literarisches Werk ist schmal. Drei Gedichtbände, der Roman »Nicht Anfang und nicht Ende«, der ihn weit bekannt gemacht hat, die Erzählung »Requiem für Tante Domenica« und die hier gesammelten Geschichten, deren Erscheinen er weder in der italienischen noch in der deutschen Buchausgabe erleben durfte.

Piero Bianconi, sein väterlicher Freund und literarischer Weggefährte, schreibt in seinem Nachruf: »Der Tod hat grausam einen Baum gefällt, der noch nicht all seine Früchte hergegeben hat.«

Die vorliegende Sammlung umfaßt mit geringfügigen, vom Autor vorgenommenen Veränderungen ein Dutzend in Zeitschriften erschienene Erzählungen und Artikel sowie den unveröffentlichten Beitrag »Barocke Wetterkunde«. Sie stimmt inhaltlich mit der italienischen Ausgabe »Delle streghe e d’altro«, die am 28. August 1979 bei Armando Dadò, Locarno, erschienen ist, überein bis auf die frühe Fassung der Erzählung »I funerali di zia Domenica«, die Plinio Martini umgearbeitet und erweitert hatte und die in der endgültigen Form mit dem Titel »Requiem für Tante Domenica« als Erstveröffentlichung 1975 in meinem Verlag erschienen ist.

Die Reihenfolge der Erzählungen wurde vom Autor festgelegt.

Werner Classen

Barocke Wetterkunde

Gewöhnlich lehnte Ambrogio sich gegen die Theke, leerte im Stehen ein paar Gläser Wein und packte dabei seine gute oder schlechte Laune des Tages aus, der Zuhörerschaft zugewandt, die anzutreffen er schon vor dem Eintreten sicher war: Domenico, Valente, Giovannantonio; die Einsamkeit der AHV-Empfänger ließ sie nach der Siesta zusammenkommen und auf den vierten Mann für die scopa warten. Dann spielten sie um ein Glas Barbera, in ihr Schicksal ergeben, das für sie wirklich blind geworden war; achselzuckend und die kahlen Köpfe schüttelnd, klopften sie die Karten aufs Geratewohl auf den Tisch: Wer erinnert sich noch, ob die Sieben gleich oder gebrochen sind?«*

Auch Fausto gehörte zu der Gruppe, aber meistens spielte er nicht mit; neugierig, wie er war, auf die Angelegenheiten anderer Leute, schaute er gegen fünf einmal herein, um das Neueste zu erfahren, dann nämlich, wenn die Arbeiter aus den Steinbrüchen zurückerwartet wurden. Man nannte ihn Angelas Fausto, um ihn von den anderen Fausti, Faustini und Faustine zu unterscheiden, die im Dorf wohnten. Alle hießen sie nach einem namenlosen Skelett aus den Katakomben des Heiligen Pontianus, das, eben weil es namenlos war, auf den Namen Faustinus neu getauft wurde: ein Märtyrer, oder wenigstens als ein solcher bezeichnet und folglich heilig, Beschützer der Gemeinde mit der besonderen Aufgabe, bei Trockenheit für Regen zu sorgen und bei allzu lange andauerndem Schlechtwetter die Wolken vom Himmel zu fegen: ein äußerst wichtiges Amt in einer Gegend, deren Bewohner schon seit Jahrhunderten daran gewöhnt waren, den Hunger nach der Laune der Winde zu messen. Diese Wundertaten vollbrachte er jedesmal, wenn man ihn aus seinem dunklen Winkel über dem Altar hervorholte, um ihn wieder einmal das Licht der Lebenden genießen zu lassen. Die Leute defilierten dann in ihren ärmlichen Festkleidern am Schrein vorbei, der mitten in der Kirche stand; er war groß, aus Silber und mit schönen barocken Verzierungen, ja, sogar mit verschnörkelten Palmwedeln und Engelchen geschmückt. Die Leute blieben stehen und betrachteten – mit Ergebenheit und zugleich heiligem Schrecken – durch die Glasscheiben jene zweihundertsechs alten und staubigen Knochen, die mit Draht zusammengehalten wurden, damit sie wieder das Aussehen eines Menschen, eines schlafenden Märtyrers erlangten. Zweihundertfünf*, um genau zu sein, denn ausgerechnet auf dieser Seite fehlte ein vorderer Backenzahn, den der Heilige verloren haben mußte, ehe Diokletian ihn durch seine Schergen ermorden ließ. Voller Stolz erzählten die Leute den zum feierlichen Ereignis aus den Nachbardörfern Herbeigeströmten immer wieder von dieser Besonderheit; oder die Kleinen hörten sie von den Großmüttern, die beharrliche Bewahrerinnen des Larenkultes sind; nur wenige Gemeinden gab es ja, die sich einer so vollständigen und vollkommenen Reliquie rühmen konnten. Das war denn doch etwas anderes als der Schädel und die paar Knochen des Heiligen Teodoro in der benachbarten Pfarrei! oder das Stück Holz, ex ligno Sanctae Crucis, wie es in der Urkunde* mit Stempel und bischöflicher Unterschrift hieß (kleine Zahlung für die Bemühung), oder auch das Fetzchen Stoff von der Schürze der Madonna, der ganze Stolz anderer Kirchen und Kapellen in der Umgebung, die aber, wenn man es genau überlegte, eigentlich nur Reliquien dritter Klasse waren, nämlich solche, die man durch Berührung erhält, ist es doch mit der Fähigkeit, Wunder zu wirken, ein bißchen so wie mit der Liebe, die durch die Berührungen von einem Körper zum andern wandert! oder der Zeigefinger Johannes’ des Täufers, und zwar der echte unter den siebenunddreißig, die im Kirchenschatz von Basiliken aufbewahrt werden; oder die Ohren, die Schienbeine, die Zungen, die Augen von hundert anderen Seligen, die Brüstchen der Heiligen Agata; oder die nach der Beschneidung Unseres Herrn einbalsamierten Vorhäute; oder die vom Heiligen Lukas im byzantinischen Stil gemalten Madonnen-Bildnisse sowie die heiligen Seufzer des Heiligen Joseph, des Zimmermanns, die von den Engeln in Fläschchen abgefüllt*, damit sie nicht verderben, über die ganze Welt verstreut in Reliquienschreinen aufbewahrt werden! Der Unsrige hingegen war ein echter und ganzer Heiliger, es fehlte ihm ja nur jener Zahn, der, wer weiß? vielleicht während der Tortur herausgerissen worden war. Ihn zu besitzen war ein vom Papst selbst gewährtes Privileg, für das ein väterlicher Kardinal in Rom ein gutes Wort eingelegt hatte, der Kardinal nämlich, in dessen Ställen unsere Alten sich abplagten, die Pferde zu striegeln und den Mist hinauszutragen. Und – oh, unerforschliche Abenteuer, die sich in den Sphären des Geistes verflechten – es war ganz gewiß, daß der Heilige unter den tausend und abertausend Orten auf der Erde gerade das Dorf Brono als endgültigen Wohnsitz ausersehen hatte; und dessen Bewohnern, ausgerechnet ihnen, sollte seine Gnade zugute kommen. Tatsächlich erzählten die Großmütter, die es wieder von ihren Großmüttern erfahren hatten – und so die Kette der Generationen weiter zurück bis in jene ferne Zeit –, daß der Märtyrer, in einem prächtigen Schrein aus Rom überführt, zunächst nur bis ins Nachbardorf gekommen war und daß die Leute von Cortononino sich alle Mühe gegeben hatten, ihn in ihrer Kirche zu verstecken. Sie wollten ihn ganz für sich allein behalten, die Egoisten, mitsamt seiner magischen Begabung, den Winden und Wolken zu gebieten. Also, wollt ihr es wissen? Wieder und immer wieder versuchten sie es, doch der Schrein rührte sich trotz ihrer Anstrengungen nicht von der Stelle und blieb wie am Boden festgeklebt stehen, als wäre er etliche Zentner schwer. Da aber kamen die Unsrigen, die vielleicht weggegangen waren, um sich nach den Mühen des Umzugs zu stärken, sogar mit einer Flasche Wein, und hoben ihn hoch, und es war, als flöge er ganz von selbst, der Taube gleich, von Sehnsucht zum Nest gerufen, das sie seit tausend Jahren und länger erträumt …

Auch die Kleinsten wurden auf die Höhe des Schreins gehoben, der den erlauchten Schläfer umschloß, und drückten das Näschen an die Scheiben, die sich beschlugen und das Bild verzerrten: »Schau, schau! Das ist unser Heiliger Faustinus, hab keine Angst!« Und das Kind schaute, das Grausen nicht ahnend, das ihm die Frömmigkeit seiner Vorfahren ausgerechnet mitten in der Kirche, zwischen Nelken, Hortensien und brennenden Kerzen bereitete. Es war ein Kind, wie es Millionen andere gibt auf der Welt, mit großen Augen voller Unschuld und Vertrauen, ein Milchkind, mit Muttermilch und mit der Milch von sanften Kühen und von den Ziegen ernährt, die glücklich an der Rinde eines Kastanienbaumes knabberten. Es schaute – und endlich erkannte es: »Mein Gott, bringt mich fort!« Doch schon hatte ich alles gesehen, und ich wand mich heftig in den Armen, die mich mit festem Griff hielten: »Schrei nicht, sei still, wir sind in der Kirche, schämst du dich nicht? Schande, Schande! Sei still!« – »Bringt mich fort, FORT! FORT!« Und die gestrenge Tante Domenica war jetzt wahrhaftig gezwungen, mit hastigen Schritten durch das Kirchenschiff zu eilen, denn nur mit Mühe konnte sie das tobende Teufelchen von einem Neffen auf den Armen halten. Finstere und zu ihrem großen Leidwesen womöglich auch spöttische Blicke folgten der unrühmlich Besiegten.

Und in den nächtlichen Alpträumen der Kindheit und später im Fieber der Jugendzeit erschien es den Kindern erneut, dieses Skelett in seiner nicht enden wollenden Länge: von der runden Nacktheit des mit künstlichen Blumen umkränzten Schädels zu den Tiefen der Augenhöhlen, wo das Dunkel und der Schrecken sich einnisten, zum entsetzlichen Grinsen des halboffenen Gebisses, hinunter zum Brustbein, wo die Rippen zusammenkommen, zum Hüftrand, wo die überlangen Oberschenkelknochen sich abspreizen, sich im Kugelgelenk der Knie verbreitern, zu den Schienbeinen des heiligen Märtyrers, bis hinunter zu den Füßen, wo die Mittelknochen sich zu unglaublichen Zehen verästeln, die in roten, verkehrt angezogenen Pantoffeln stecken: der rechte am Platz des linken, wie Eselsohren abstehend. Rot auch das undefinierbare Gewand, eine Art Tunika mit goldenen Stickereien, Messingplättchen und farbigem Glas, das Perlen und Edelsteine vortäuschen sollte, als ob jene Knochen, die selbst die Hunde verschmäht hätten, oder der namenlose heroische Tod, an den sie doch erinnerten, diesen stolzen Schmuck nötig gehabt hätten, den zwar die Armut nicht geben kann, der aber in den Träumen der bescheidenen Leute aufleuchtet, so daß sie dann an ihre eigene Einbildung glauben. Die Tunika bedeckte in offenkundiger Absicht die Überreste nicht vollständig, damit das menschliche Aussehen jenes versteinerten Schaubildes in den Augen des Volkes zur unmenschlichen Darstellung von etwas werde, das zwar nicht existiert, doch aus der Leere des Alls das Leben mit Schrecken erfüllt, die gedrängte Zusammenfassung aller Ängste und Wahnbilder der verblichenen Jahrhunderte. Und auf der Tunika lagen starr ausgestreckt die kahlen Äste der Arme und die Hände, die in einem Paar blaßgelber Handschuhe verschwanden und über dem Hohlraum des Bauches das Fläschchen mit dem Blut des Märtyrers Christi hielten. Tausendmal träumte ich, daß jenes dürre Gespenst sich ausgerechnet unter meinem Bett bewegte und von dort aus in einer Verrenkung mechanische, knackende Arme, Oberarmknochen, Ellen, Speichen, Fingerknochen des ersten, zweiten und dritten Gliedes um meinen Körper wand, wie die Spinnen es tun, die schwarzen haarigen, wenn sie von Papas Zeitung an der Wand zerquetscht werden. Der Schädel mit dem schauerlichen Rechen der Zähne blieb unten, der wichtigste Teil des Polyp-Baggers, der umklammert und zermalmt und in den Abgrund reißt.

Und die Mutter brachte eilends den Kamillentee und beruhigte mit ihrer sanftesten Stimme, in der uralte Reue mitschwang, das Fieber des Sohnes, suchte Linderung für die finstere Wunde, die vielleicht niemals heilen würde und die sie, ohne es zugeben zu können im Innern ihres Mutterleibes spürte, vergeblich und schuldhaft. Sie schlug seine Decken zurück, streichelte mit kühlen Händen sein Gesicht. »Schlaf jetzt, es ist nicht mehr da, ich bleibe hier und sorge dafür, daß es nicht wiederkommt.«

Wenn also die Sternbilder und der Einfluß des Mondes, der (im Italienischen) weiblich ist und daher unterliegt, aber am Ende doch die Oberhand behält, sowie Hoch- und Tiefdruck, welche zusammen mit dem bewegten Meer und den ruhenden Bergen, auf die der Regen und der feurige Stab des Herrn niedergehen, Zyklonen und Antizyklonen hervorrufen, und die anderen Möglichkeiten (die der Bernacca so gut erklärt, indem er Winde, Stauungen und Strömungen genau mit dem Stock bezeichnet), es soweit gebracht hatten, daß alle überlieferten Regeln der Wetterkunde nicht stimmten, die Hoffnungen der Bauern enttäuscht wurden, ja sogar die sichersten Sprüche sich als falsch erwiesen, so daß die Grasnarbe der Wiese rot war und unter den Füßen der Leute knirschte, die sie voller Verzweiflung betrachteten; und die Felder waren staubig, die Flüsse trocken, die Wildbäche waren Rinnsale geworden, in denen die Forellen in der Hitze nach Luft schnappten, und die Tiere der Alpherden hatten ausgedörrte Euter, und die Hände und Lippen der Bauern waren rissig wie ihre unfruchtbare Erde; und sogar der Mund der betenden alten Mütterchen war ohne Speichel; wenn die Hungersnot nicht mehr Drohung war, sondern sich wie ein schmerzlicher Schatten über jedes Wort legte, vom ersten Gruß am Morgen bis zum letzten Seufzer am Abend, dann wurde der Heilige triumphierend ins Freie getragen. (…)
Neue Luzerner Zeitung, 11. November 1999
Der Bund, 19. November 1999
Neue Zürcher Zeitung, 18. November 1999

«Aufruhr und Versöhnung lagen für ihn eng nebeneinander, befähigten ihn, das arme bäuerliche Tessin früherer Generationen wirklichkeitsnah, aber ohne Bitterkeit darzustellen.» Alice Vollenweider

«Plinio Martini wollte das Leben im engen Tal für die Seinen dokumentieren. Er tat es mit solcher Meisterschaft, dass wir alle von der Menschlichkeit in seinen Werken berührt werden.» Neue Luzerner Zeitung

«Eindringlich, plastisch, eingänglich und einfach lässt er die Menschen seines Tales zu Wort kommen. In der Leseerinnerung steigt Walther Kauers Roman ‹Spätholz› auf, der die Kolonialisierung des bäuerlichen Tessins thematisierte, und Felice Filippinis wunderbares Buch «Herr Gott der armen Seelen», das den traumatisierenden Ertrinkungstod des jüngern Bruders im Fluss Tessin meisterhaft verdichtet. Sie alle, wie ihre zeitgenössischen Dichter- und Schriftstellerkollegen Giorgio und Giovanni Orelli oder Alberto Nessi (‹Die Wohnwagenfrau›), schöpfen aus ein und derselben Quelle: der Verwurzelung im wilden, ungebärdigen Südkanton, der sonnigen Glamour an den Gestaden seiner Seen ebenso repräsentiert wie Abgeschiedenheit in Hochtälern, die der Tourist kaum kennt. Sie haben alle eine Sprache gefunden, die uns ein authentisches Tessinbild vermittelt und uns Abstand nehmen lässt von den vielen Klischees, die über die «Sonnenstube der Schweiz» verbreitet wurden.» Der Bund

«Noch stärker ist die Notwendigkeit, ja Leidenschaft, welche Martini inspirierte, in vielen seiner Artikel und Vorträge zu spüren, die Ilario Domenighetti unter dem Titel ‹Nessuno ha pregato per noi› zum 20. Todestag des Schriftstellers aus dem Maggiatal herausgegeben hat. Sie dokumentieren Martinis Anspruch, Sprecher zu sein ‹della mia gente›, das heisst der Leute des eigenen Tales und der Laien in der Kirche. Auch diese Texte befassen sich bis zur Obsession mit den für Martini typischen Themen: mit der Grausamkeit der Natur, dem harten Leben der Bergler, der Isolation der Dorfgemeinschaft, dem Unglück der Emigration. Wie ‹Il fondo del sacco› sind sie von Zorn und Trauer erfüllt; nur ist die Trauer des Erzählers im Roman über den unheilbaren Bruch, den die Auswanderung nach Kalifornien bewirkte, zur Trauer des Journalisten Martini über den Niedergang der bäuerlichen Kultur seines Tals geworden. Und der Zorn gegen das Schicksal, in das heimatliche ‹Tränental› hineingeboren zu sein, der ‹Il fondo del sacco› prägt, trifft in Martinis Artikel jene Politiker und Priester, die das Volk für dumm verkaufen.» Neue Zürcher Zeitung
Captcha

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