\"Alles ist ganz anders hier\"

"Alles ist ganz anders hier"

Schweizer Auswandererberichte des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten

Herausgegeben von Hedwig Rappolt, Leo Schelbert

Das volkskundliche Taschenbuch [50]

gebunden, 552 Seiten, 26 Abbildungen

vergriffen

Oktober 2009
SFr. 54.–, 58.– €
ISBN 978-3-85791-582-6

Während Jahrhunderten wanderten Europäer in das Gebiet der heutigen USA ein. 'Alles ist ganz anders hier' dokumentiert, wie diese Einwanderer nach Hause berichtet haben. Für den Zeitraum von 1704 bis 1887 zeigen die Briefe, Journale und Berichte an die Angehörigen das Leben in der Neuen Welt sehr anschaulich und in seiner ganzen und auch widersprüchlichen Breite. Bauern, Täufer, Handelsleute, Pfarrer, Mönche, pietistische Klosterschwestern, Weinbauern, junge Männer, ganze Grossfamilien aus allen Teilen der Schweiz erzählen von harter Pionierarbeit, von Freiheit und Sklaverei, von Indianern und Goldsuchern, von Ortsgründungen wie Vevay und New Glarus, von Erfolg und Glück, von Elend und Tod. 'Die Berichte sind derart lebensnah und echt, dass man sie in einem Zuge zu Ende liest. Man ist gefesselt, schockiert, ergriffen oder belustigt – oftmals alles miteinander.' Neue Zürcher Zeitung

Hedwig Rappolt
Hedwig Rappolt, 1908–1994, war Übersetzerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in Connecticut.
Leo Schelbert
Bildrechte: Limmat Verlag
Leo Schelbert, (1929–2022), war zuerst Gymnasiallehrer, dann studierte er in New York amerikanische Geschichte mit Schwerpunkt Einwanderung. 1966 Promotion an der Columbia Universität. Er lehrte von 1963 bis 1969 an der Rutgers Universität in Newark, New Jersey, und nach zwei Forschungsjahren in der Schweiz von 1971 bis 2003 an der Universität von Illinois in Chicago. Der Autor und Herausgeber verschiedener Bücher und zahlreicher Artikel, lebte bis zu seinem Tod im März 2022 mit seiner Familie in Evanston, Illinois.

«In allem bringt einem die Lektüre des vorliegenden Buches unmittelbar und lebensnah einen nachhaltigen Eindruck von den unzähligen Auswandererschicksalen; man erfährt Geschichte für einmal gewissermassen von der Basis der direkt Betroffenen her. Was sonst in Geschichtsbüchern nur zahlenmässig als «Ein- oder Auswanderströme» erscheint, beginnt hier plötzlich in einzelnen Personen zu reden, sich – zum Teil ungelenk und mit zahlreichen Fehlern – zu artikulieren. Quellenbände wie dieser, von denen es leider viel zu wenige gibt, ersetzen zwar das Geschichtsbuch nicht, aber sie sind mehr als eine Ergänzung dazu.» Vaterland

«Die Lektüre der in dem Band versammelten Auswandererberichte ist ein heilsames Mittel gegen die Gefahr eines neuen nationalen Starrsinns.» NZZ

«Die persönlichen und packenden Berichte sind auch für Laien aufschlussreich.» Tages-Anzeiger

«Der umfangreiche Band bietet vieles: dem interessierten Laien eine Lektüre, die ihn fesseln und ergreifen wird, dem Historiker jeglicher Richtung eine Fülle von zeitgenössischen Dokumenten, dem Volkskundler und Ethnologen aber wichtige Einsichten in das Phänomen der Auswanderung, der Entwurzelung, der Integration, des Kulturkontakts und -konflikts, um nur einige Stichworte zu nennen. Die Texte sind vorzüglich aufgeschlüsselt, ein Personen- und ein Ortsregister erlauben eine rasche Orientierung, und einige zeitgenössische Abbildungen bieten eine Einstimmung. Angesichts der Bedeutung der Auswanderung (vor allem nach den Staaten) für die Kultur- und Sozialgeschichte unseres Landes kann ich nur hoffen, dass möglichst breite Kreise diese Publikation beachten und verwenden werden.» Schweiz. Archiv f. Volkskunde

«Achtzig Dokumente, die sich lesen wie ein Abenteuerroman inszenierter Realitäten.» Schweizer Monatshefte

«Wer das Glück hat, findet Gold; wer keins hat, der kann an dieser Stelle vor Hunger sterben.» J. St., California

Kalifornien, am Fettaflus an der Sautfork in Strengthaun²³ den 12. Janner 1851

 

Liebe Eltern und Geschwister!

Der Brief, welchen ich Euch am 19. Mai 1850 geschrieben habe, und in dem ich Euch einen Theil meiner Reise und meine Ankunft in den Goldminen meldete, hoffe ich, werde richtig in Eure Hande gekommen sein. Den 25. Mai nahmen unserer 7 Mann ein Stück von 170 Schritt lang vom Flusse in Empfang. Unsere Aufgabe war nun, das Wasser des Flusses abzuleiten und das Flusbett auszubeuten, weswegen wir auch 7000 Quadratfus Dielen sagten und daraus einen Kanal, hier Flum [flume] genannt, anzufertigen suchten. Diesen Kanal machten wir 10 Fus breit und 10 Fus tief, was uns eine Arbeit vom 25. Mai bis 10. August verursachte, bis wir das Wasser in unserm Flum hatten. Mit dieser so mühsamen Arbeit aber hatten wir doch wenig ausgerichtet, denn noch stand das Wasser im Flusbett so tief, das wir wenig Erspriesliches hervorbringen konnten. Oben und unten an unserem Standort fanden wir sehr wenig Gold. Diese Arbeit wurde uns endlich so zur Last, das unserer vier die Ranzen schnallten und eine Reise von 100 Meilen ins Gebirge vornahmen. Auf dieser Reise überschritt ich Mitte August die höchsten Gebirge Kaliforniens, die noch mit Schnee und Eis bedeckt waren.

Nach einer mühsamen Reise kamen wir glücklich am Hapsgenbach an, genannt von einem Mann, Namens Hapsgen , welcher 3 Wochen vorher zuerst dahin kam und ihm sogleich den Namen gab. Noch nie war diese Gegend von Weisen bereist. Dieser Bach war durch seinen Goldreichtum schon berühmt, was auch uns dahin zog. Wer das Glück hat, findet Gold; wer keins hat, der kann an dieser Stelle vor Hunger sterben! Wir brachten drei Tage hier zu. Am ersten Tage fanden wir nichts; am zweiten Tage fanden wir aber in Zeit von zwei Stunden für 102 Thaler Gold und am dritten gab es wieder nichts.

Nun musten wir den Bach verlassen, weil wir keine Lebensmittel mehr hatten und keine erhalten konnten. Fünfzehn Meilen musten wir wieder zuruck, bevor wir nur unsern Hunger stillen konnten.

(...)
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23 Der Feather River (Rio de las Plumas) wird durch drei Arme: North, Middle und South Fork bei Oroville gebildet; Strengtown ist wohl eine jener ephemeren Siedlungen, die mit der Erschopfung der Goldminen ebenso rasch verschwanden, wie sie entstanden waren; vgl. dana, The Sacramento (Anm. 21), S. 125.
184-ganzander-personenregister.pdf
184-ganzander-ortsregister.pdf