Blaugrau
Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle
gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten
September 2001Blaugrau sind die Augen des jungen Mannes, der rastlos durch die Welt treibt, den Tod im Nacken. Er ist ein Retortenkind mit einem Fehler im genetischen Code, der ihn vorzeitig altern lässt: Ein moderner Odysseus, dessen Irrfahrt der verzweifelte Versuch ist, den programmierten Tod zu verhindern.
Der rasante Text ist der dritte Roman aus Daniel de Roults «blauer Serie», einer weltumspannenden Familiengeschichte über fünf Generationen.

Bildrechte: Ayşe Yavaş
Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.
Pressestimmen
Espace 2, 07. April 1999
Radio Suisse Romande 1, 10. April 1999
Télévision Suisse Romande, 15. April 1999
Tages Anzeiger, 16. April 1999
La Tribune de Genève, 17. April 1999
La Tribune de Genève, 17. April 1999
24 Heures, 20. April 1999
Le Courrier, 24. April 1999
La Liberté, 25. April 1999
Scène Magazine, Mai 1999
Le Temps, 01. Mai 1999
L'Hebdo, 20. Mai 1999
Radio Alligre, 26. Mai 1999
Politis, 27. Mai 1999
France Info, 27. Mai 1999
France Culture Panorama, 27. Mai 1999
Le Soir, 31. Mai 1999
Le Magazine littéraire, Juni 1999
France Culture, 07. Juni 1999
Le Monde, 25. Juni 1999
Radio France Internationale, 27. Juni 1999
Le Républicain Lorrain, 06. August 1999
Tages Anzeiger, 11. Oktober 1999
Tages-Anzeiger, 08. Oktober 2001
«Eine Abenteuergeschichte und Analyse der Gegenwart, grell beleuchtet durch de Roulets exakte Fantasie.» Tages-Anzeiger
«Diese vergnügliche Scharade dürfte noch komplizierter werden, wenn einmal die beiden noch ausstehenden Romane vorliegen.» Neue Zürcher Zeitung
«‹Blaugrau› ist der dritte Roman, in dem de Roulet, nach ‹Die blaue Linie› und ›Blaues Wunder›, die Saga der Jahrhundertwende fortschreibt, hart am Nerv einer Zeit, die sich anscheinend mit dem Verschwinden der Realität abfindet und dennoch zunehmend die Macht über Leben und Tod ergreift.» Gérald Froidevaux, Tages-Anzeiger
Entdecken
Was soll ich von einem Typen wie mir halten?begib dich auf die Fahrt und suche nach deinem lange verschollenen Vater! Vielleicht kann es dir einer von den Sterblichen sagen, oder du hörst ein Gerücht ... Odyssee, I, 280—283
Bei mir hat alles Standardformat, die Vergangenheit — bis achtzehn im Gymnasium —, die Gegenwart — seit einem Jahr an der Universität von Tsukuba — und sogar die Zukunft: ein Diplom in Gentechnik, eine feste Stelle, eine kleine Familie und eine Wohnung mit genügend Komfort, damit Mutter und Großmutter möglichst oft zu Besuch kommen.
Ich trage Sportschuhe aus der Fernsehsendung Gefühle live!
Meine T-Shirts sind mit hippen Sprüchen bedruckt: »Ich hab Walfische zum Fressen gern!«
Meine engen Hosen mit den fünf Taschen behalten ihre Bügelfalten, weil ich sie unter die Matratze lege.
Mutter versorgt mich nach wie vor mit Socken und Unterwäsche.
Der Friseur stutzt mir die Haare auf die Standardfrisur der Campusstudenten: ausrasierter Nacken, darüber längeres Oberhaar.
Was die Zukunft betrifft, werde ich vielleicht doch mal anders sein als meine Kollegen, etwas weniger standardisiert. Mutter jedenfalls behauptet, das Gelb meiner Haut unterscheide sich von dem der anderen, weil es mit weiß vermischt sei. Sie glaubt, dass der Inhalt des Reagenzglases, den man ihr in die Eileiter gegossen hat, nicht hundertprozentig made in Japan war. Daher meine überdurchschnittliche Größe, meine zu runden Augen und mein verfrühter Bartwuchs, der nach täglicher Rasur verlangt. Der fehlende Vater ist kein Handikap, in der Hinsicht geht es mir wie den Söhnen der Kamikazeflieger. Mutter hat ihren Vater, dessen letztes Foto mit der weißen Uniform des Marineoffiziers pietätvoll unser Wohnzimmer schmückt, nicht gekannt.
Jetzt unternehme ich einige Anstrengungen, um herauszubekommen, was ich von mir halten soll: An meinem Handheldcomputer sitzend, schreibe ich mit so wenig Gefühl wie möglich meine Tageserlebnisse auf. Die Technik ist neutral, sie speichert. So erzähle ich ihr von meiner Leidenschaft für Mützen mit großem Schirm, von meiner Liebe zu blauen Brillen und meinen Neid, wenn jemand Handschuhe aus einem neuen Material trägt.
*
Heute morgen, als ich gerade dabei bin, die Entwicklung des geklonten Gewebes von Zellen afrikanischer Frösche unterm Mikroskop zu beobachten, lässt der Assistent mich wissen, dass Herr Professor Takeda mich in seinem Büro erwartet. Jetzt gleich.
Was kann er von mir wollen? Meine Semesternoten liegen über dem Durchschnitt, meine Hausarbeiten hab ich fristgerecht abgegeben. Herr Professor Takeda hat mir sogar ein persönliches Lob auf das von der Universität ausgegebene Formular geschrieben. Ich tue mein Bestes, um mich nicht von meinen Kollegen zu unterscheiden. In meinem Zimmer im Studentenwohnheim dusche ich weder nach zweiundzwanzig Uhr noch vor sechs Uhr morgens und benutze die Handtücher nicht für meine Kulis. Ich verstopfe das Waschbecken nicht mit Kippen. Was den Genetikunterricht betrifft, halte ich Abstand von den extremistischen Sprüchen anonymer Kritiker, die die Toilettentüren und den unteren Teil der Pulte zieren. Ich verstreue auch nicht die Eier dreibeiniger Frösche in der Natur.
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